Tag TTJ

BlickRück – Bühne dunkel, Vorhang, Licht

Bühne dunkel. Vorhang. Lasst uns ein letztes Mal zweifeln, ein letztes Mal hadern. Tief Luft holen. Die Beine wippen, Finger verkrampfen sich. Augen zu. Hineinhorchen. Der Moment vor den vielen Momenten, da läuft noch einmal alles durch den Kopf. Die vielen Probenmonate, die ersten Ideen und die ersten konkreten Umsetzungen.

Vielleicht ist es ja egal, weil vorbei. Vielleicht aber dienen jene Erinnerungen als Stütze; dafür, um nicht zu vergessen, dass Theater viel mehr ist als das Bespielen einer Bühne. Es ist ein Prozess, der formt und fördert, eine Entwicklung, an deren Ende nicht nur ein Theaterstück steht, sondern auch eine Persönlichkeit. Bei einem Festival wie dem Theatertreffen der Jugend ist das besonders wichtig, weil sich eben diese Persönlichkeit stellen muss: dem Publikum, der Kritik, den Nachgesprächen. Die dunkle Bühne ist der letzte Augenblick, wo das Spiel noch einem selbst gehört, wo es ein ganz persönliches Ding ist, wo bis zu diesem Zeitpunkt hin Theater kein Unterhaltungs-, sondern Selbstfindungs-, Fluchtmedium ist.

Und – meine Güte! – was gibt es nicht alles zu suchen, zu finden, wovor kann nicht alles geflüchtet werden, wovor kann sich ein Körper nicht alles retten! Wegrennen heißt ja auch immer, irgendwohin laufen. Sehr lobenswert also, wenn es Menschen gibt, die sich als Zielort das Theater aussuchen, um dort zu arbeiten, etwas zu erschaffen und dann zu zeigen. Dafür darf man ruhig dankbar sein, auch wenn sie – wenn sie auf der Bühne stehen – niemals sie selbst sein können, so sind sie doch zumindest Karikaturen, Porträts, Parodien von etwas, das es in ent- oder vielleicht sogar verschärfter Form tatsächlich gibt.

Licht. Es wird geflutet. Die Blicke richten sich auf die Bühne, Scheinwerfer legen sich auf die Körper, es wird alles schwerer, jeder Schritt, jedes Wort, die Spannung spürbar. Es gibt klare Grenzen, Choreografien, man lebt plötzlich in Erinnerungen, Zeilen dürfen nicht vergessen, Einsätze nicht verpasst werden.

Es wird zuvor viel davon gesprochen, was Bühne eigentlich bedeutet, was Theater heißt, was es bewegt und was nicht. Es wird über das Ausleben geredet, von Träumen, von Wünschen, vielleicht sogar Ängsten, davon, dass ein Stück „Ich“ drinsteckt, ein Stück Selbstverständnis. Das ist insbesondere bei Jugendtheater der Fall, wo mit höchster Wahrscheinlichkeit alle auf der Suche nach irgendwas sind.

Doch: Theater funktioniert anders als das richtige Leben. Würde man normalerweise Unsicherheiten aus Selbstschutz wie im Reflex von sich weisen, versuchen, sie zu verdecken, zu verstecken, werden sie im Theater zelebriert, gefeiert, das Unperfekte wird nicht losgelassen, sondern in das Scheinwerferlicht gezerrt, bloßgestellt oder getröstet, weil es doch ach so menschlich ist. Weil sie vielleicht eben nicht zu schön sind für diese Welt, weil sie eben nicht einfach nur „girls!“ sind, sondern viel mehr und weil sich Ängste im Selbstauslöser am deutlichsten offenbaren, so wunderbar sind in ihrem Makel, um thematisiert zu werden.

Letzten Endes ist Licht die wohl perfekte Metapher für das, was auf dem Festival passiert: Erst wird gesehen, dann wird diskutiert, beleuchtet. Die Augen werden weit geöffnet, die Türen auch. Jugendliche sprechen miteinander, tauschen sich aus und genauso soll es sein und nicht anders.

Und wenn man gesättigt ist? Dann zurück rennen, lieben, hassen, alles zwischendurch leben, schwarzweiß und bunt, Erfahrungen sammeln, Ängste, Wünsche, Träume. Dann wieder weglaufen, ab ins Theater, für uns. Danke.

Bühne ist, wo Du bist – Ein Essay zum Festivalstart

Was eine Bühne ist, das ist schwer zu sagen. Manche meinen, sie sei ein Podest, auf das man sich stellt und das Menschen dann anstarren, in tiefer Faszination oder großem Entsetzen. Andere sagen, eine Bühne sei eine begrenzte Fläche, sie habe ein Publikum, sonst würde sie nicht funktionieren und sie müsse sich in einem Raum befinden, mit Sitzplätzen und Lichtanlagen und Musik. Wieder anderen behaupten, so etwas wie Bühnen würde es nicht geben, nur Plattformen und sie würden damit die Überheblichen zurück auf die Erde holen.

Es gibt aber auch welche, die behaupten, Bühne sei alles, Bühne sei grenzenlos, Bühne sei immer und überall, zeitlos. Für Bühne brauche man keinen Termin, keine Vereinbarungen, müsse nur aufwachen und hinauslaufen, den Dingen hinterjagen. Unter diesen Umständen einigen wir uns doch darauf zu sagen: Bühne ist, wo du bist.

Denn um nichts anderes geht es auch auf dem Theatertreffen der Jugend: Nicht nur die Bühne will bespielt werden, sondern auch das Festivalgelände. Nicht nur die Stücke in der Wabe wollen faszinieren, sondern auch die vielen Gespräche außerhalb. Hier ist die Bühne immer und überall, hier kann gespielt, nur so getan, geträumt werden. Die Möglichkeiten, die wir bekommen, entscheiden darüber, was wir werden. In der Hoffnung, tragend zu sein, buhlen die unterschiedlichsten Dinge um das Vertrauen.

Das ist mit dem Theatertreffen der Jugend nicht anders: Im Rahmen des Festivals werden viele Sachen angeboten, viele Stücke werden angeschaut; sie alle entscheiden darüber, wie wir das ttj wahrnehmen wollen und wie wir sie wahrnehmen werden. Der Erfolg hängt davon ab, wie sehr die Möglichkeiten ausgereizt werden. Die einen werden jede Veranstaltung wahrnehmen, überall dabei sein, andere jedoch werden schweigen, in der Ruhe beobachten, Impressionen aufsaugen und sie dann, wenn überhaupt, später überarbeiten. Auch das ist Teil des ttj-Daseins: Jede Annäherung wird akzeptiert, jeder Umgang respektiert, Kennenlernen durch Austausch.

Was also kann vom Theatertreffen der Jugend erwartet werden? Das ist einfach zu beantworten: Angebote. Alles kann getan, vieles gelassen werden. Alles jedoch wird auf seine Art glücklich machen. Niemand wird gezwungen, die Dinge zu tun, die getan werden können. Aber hat man einmal verstanden, was das ttj bedeutet und wie selten so ein Zusammentreffen ist, dann fällt es gar nicht so schwer – gar nicht so schwer! – immer und überall Bühne zu sehen, immer und überall zu sein.

BlickRück – Das TTJ ist vorbei

Der Raum ist frei. Die Menschen sammeln sich in der Mitte; am äußeren Rand sitzen nur einige wenige. Draußen, vor der Tür und im Foyer, da unterhalten sie sich, gehen immer wieder zum Ausschank. Das Bier ist frei.

Die Unterhaltungen an diesem Abend wirken wie eine Katharsis. Unter dem Einfluss von Gerstensaft fällt das Reden leichter; „diesen Teil, den hab ich nicht verstanden“, „ich fand Deine Kritik nicht fair“, „ich bin, ganz ehrlich, ein bisschen neidisch auf Euer Stück“. Aus zwei Gesprächspartnern werden drei, vier, fünf; beim Vorbeigehen hört man ein Schlagwort, da hört man einen Einstieg. Doch am Ende, wenn alles raus ist, die Wörter, die kommen wollten, auch gekommen sind, treibt es sie alle in den Raum hinein, auf die Tanzfläche, die so groß ist, dass man von der einen zur anderen Seite fegen kann; im Hüpfschritt an den Mittanzenden vorbeirauschen, Körper, die sich fast treffen, aneinander stoßen. Der Kopf ist frei.

Essay zum Schluss – Der Tod der Identität

Foto: Maria Hennig

Foto: Maria Hennig

In «Immer spielt ihr und scherzt» ist mir die Figur des Todes aufgefallen – ein Auftritt, den ich sehr kritisch betrachten musste. Frage ich mich nicht nach der inhaltlichen Begründung für den Bruch, der durch einen klar definierten Auftritt des Todes – zwischen schwarzer Witwe und dirndelndem Mädchen – zu Stande kam, so hinterfrage ich seine energetischen Strukturen, jenseits seiner formalen Rechtfertigung. Sicherlich ließe sich sagen, der Tod sei etwas Jenseitiges, etwas, das das (Spiel-) Konzept des Vorigen bricht. Jedoch warum habe ich den Eindruck, dass sich die zuvor entwickelte Spannung und Energie der Spieler zur Impotenz, fast Passivität reduziert? Auch hier ließe sich argumentieren, dass das nun mal die Aufgabe des Todes ist: das Töten. Jedoch: Mich machen Spielanlagen dort skeptisch, wo sie dem Einzelnen Energien blockieren, ob merklich oder nicht.

Stand by your Jugendtheaterfestival

30jahr_jubilaum1

Foto: Gudrun Ohst

Die Abschiedsveranstaltung für die scheidende TTJ-Chefin Barbara T. Pohle.

Dieses Jahr, erzählt Barbara T. Pohle am Ende des Abends, hat sie zum ersten Mal im Theater ihr Handy angelassen. Das hat sie selbst überrascht, aber einmal ist eben immer das erste Mal. Oder das letzte. Dieses Theatertreffen der Jugend, das Dreißigste, ist das letzte, das unter Barbara Pohles Leitung stattfindet (schon teilt sie sich den Job mit der von ihr ausgewählten zukünftigen Chefin Christina Schulz). Ein wichtiger, ein traurigschöner Grund, Glück zu wünschen, zurückzublicken.

Es ist eine Zeitreise. Auf der kleinen Bühne des Theaters unterm Dach ließen die Moderatoren Martin Frank und Simone Neubauer die Jahre durchlaufen, von 1980 bis 2009, von der Einführung des Zauberwürfels in Deutschland bis zur Hertie-Pleite. Was alles passiert ist in der ganzen Zeit! Nur noch ein paar Beispiele. 1981: Gründung des Chaos Computer Clubs. 1984: erste E-Mail. 1990: Karl-Marx-Stadt heißt jetzt Chemnitz. 1991: Ötzi wird gefunden. 1993: die fünfstelligen Postleitzahlen werden eingeführt. 1998: Einführung des Euro wird beschlossen. 2001: erster iPod – der 11. September wird interessanterweise nicht erwähnt.

Aber das ist alles Weltgeschehen. Viel wichtiger sind die Freundinnen und Weggefährten aus 30 Jahren Jugendtheater, die nacheinander auf die Bühne kamen, jeder zuständig für ein Jahr, jeder mit 30 Sekunden Zeit, na ja, vielleicht auch einer Minute, je nachdem. Die sich bedanken, die Anekdoten erzählen und Lieder singen, Pfingstrosen überreichen, Barbara umarmen, sie küssen und beschenken.

Spur der Qualität

Foto: Kamilla Maria Smechowski

Foto: Kamilla Maria Smechowski

Jurysprecher Martin Frank über ein erwachseneres Festival, Lehrer-Schüler-WGs, die Arbeit in der Jury und Auswahlkriterien fürs ttj.

Martin, wie lange bist du inzwischen beim ttj in der Jury?
Ich glaub, ’95 war ich das erste Mal dabei. Ich bin nicht ganz sicher. Es ist dieses Plakat, wo der Kopf drauf ist.

Wie hat sich das ttj seitdem in deiner Wahrnehmung verändert?
Es ist mir inzwischen vertrauter. Es ist für mich ein Stück Theaterheimat geworden. Ich meine zu wissen, was es kann, und ich nehme es anders wahr als früher. Ich glaube, ich mute den Gruppen schneller mehr zu. Ich weiß, was für ein Potential und was für eine künstlerische Belastbarkeit sie haben.
Was sich verändert hat, ist, dass der Schuldruck immer mehr aufs Festival wirkt. Pisa spürt man auch hier. Da ist das Abitur, die Lehrpläne verdichten sich, die Lehrer haben weniger Zeit, Theater zu machen. Früher hast du hier Lehrer getroffen, die haben mit ihren Klassen in WGs gewohnt, um Theater zu spielen. Undenkbar heute. Das Verhältnis von Lehrern und ausgebildeten Theaterpädagogen in der freien Szene verschiebt sich. Bei den Lehrern und auch bei den Jugendlichen lässt die Motivation nach. Es ist ein bisschen unsexy, Theater zu machen.
Aber ich will nicht klagen. Das Theater ist auch, wie ich finde, im Ästhetischen viel selbstbewusster geworden. Es laufen heute Produktionen in diesem Wettbewerbsbereich, die wären vor 15 Jahren ganz anders angeeckt. Die ganzen postdramatischen Stoffe zum Beispiel. Früher war das ein richtiger Kampfplatz: Darf man Stücke so zertrümmern im Schultheater? Dieses Festival ist viel erwachsener geworden.