Tag Kritik

Zu schön für diese Welt: Spiegel, Spiegel

Die Energie bricht im Raum aus, bevor das Licht ausgeht und die letzten Sekunden des Stücks verklungen sind. Jubel! Applaus! Begeisterung!

Die Gruppe aus Baden-Baden erzeugt durch Humor und Tempo ein kurzweiliges Stück, das einlädt, eine Vielzahl von Schönheitskonzepten zu betrachten. Der Blick auf das Raum füllende, zweistöckige Bühnenbild zeigt 20 Räume mit 20 Klos, 20 Vorhängen, 20 isolierten Ideen und Ansätzen zu einem Thema: Schönheit. Der Zuschauer bekommt die Perspektive des Badezimmerspiegels.

Dieses Formexperiment lässt nicht zu, dass der Zuschauer alles erfasst. Es scheint nicht zu beabsichtigen, dass man einem Protagonisten durch das Stück folgt, stattdessen erlebt man einen bunten Querschnitt aus Chaos und Fokussierung durch Licht und Tempo. Das Auge weiß nie, wohin es sieht und so sieht man, wie im richtigen Leben, nur Fragmente von Persönlichkeiten.

Alle Themen, die ich auf der Bühne entdecke, sind fragmentarisch. Sei es die Beziehungsproblematik mit dem „perfekten“ Partner, die Suche nach Individualismus, nach Perfektion, die Frage nach geschlechtlicher Identität, Jugendträumen, oder gesellschaftlichem Druck, der sich in Disziplinwahn und Bulimie zeigt. Es ist eine Collage, die Schönheitsaspekte anspricht und pointiert.

Selbstironisch nehmen die Jugendlichen vom Jugendclub U22 Bezug zu ihrer eigenen Erfahrungswelt und einer medial überlieferten Scheinwelt. In zugespitzt witzigen Reimen, wohlklingenden Rhythmen, schnellen Monologen werden Absurdität und Skurrilität des Schönheitswahns deutlich. Es ist nicht mehr leicht, „ich“ zu sein, singen die Figuren und überlegen, dass sie lieber Brad Pitt wären. Verzerrte Selbstbilder werden gezeigt und bloßgestellt: die Haare millimetergenau gestriegelt, der Körper mit Vaseline eingeschmiert, der coolste Surfer der Welt und der verabredete Dreier am Telefon.

Ob hier das Publikum der Badezimmerspiegel ist, bleibt jedoch die Frage, denn ich entdecke in einigen Figuren auf der Bühne Menschen meiner Umwelt und in manchem überspitzten Gedanken auch mich selbst. Ob die Frage nach dem Outfit, der Figur oder nach alternativen Schönheitsidealen, hier zeigt sich eine Gedankenwelt, die vertraut und universell ist. So kann ich über mich selbst etwas lächeln. Hier spiegelt die Bühne das Publikum.

Sprache, Timing und Lichtkonzept funktionieren, erzeugen ein buntes Bild, wogegen Ende die 20 Spieler auf der Stelle laufend proklamieren:

alle machen mit…
folter dich gesund…
wir werden Bald 150 Jahre alt,
halt Schritt …
sieh es als Investition,
als Ersatz für Religion,
wenn es sein muss, mit Gewalt…

Und das Publikum jubelt, obwohl mir die bitter-böse Aussage kalt den Rücken hinab gleitet. Ich bin nicht euphorisiert, sondern überlege noch lange, wohin sie geht, die Schönheit.

Es gibt verschiedene Lesarten von Theater. Man kann den Abend als leicht und unterhaltsam genießen, denn es war unterhaltsames, buntes Theater. Oder man kann es als Auftakt nehmen, an dem Brocken zu knabbern, der uns vorgesetzt wurde, wenn auch in leisen Tönen.

An meinen Spiegel schreibe ich jetzt: „Das ist der Körper eines Menschen.“

Zu schön für diese Welt: Das Linie1-Konzept

Foto: Dave Großmann

Das eine Theater sucht sich zu seinem hochtrabenden Inhalt eine abstrakte Form und Geschichten, die weit weg sind. Das ist dann Theater, an dem man lange knabbert. Quasi Vollkornbrot, es wird erst süß, wenn man lange drauf rumkaut.

Und das andere sind helle Brötchen (Schrippen, Semmeln). Die schmecken sofort und sind nicht so anstrengend.

„Zu schön für diese Welt“ schmeckt sofort. Auf den ersten Bissen. Es macht gute Laune, wenn die Spieler zu „New Soul“ durch Duschvorhänge auftreten und man als Zuschauer 50 Minuten lang Einblicke in 20 verschiedene – und vor allem verschieden pubertäre – Badezimmer bekommt. Sie erzählen von Bad-Hair-Days, und überhaupt Haaren, die zu viel oder einfach zu mainstream sind, von Pickeln und Kleidern und von Brüsten und Heiraten und Erdbeerkuchen. Vor allem aber wird rumgeschmiert mit Cremes und Rasierschaum und Schokopudding, es werden Masken eingerieben und Sportübungen gemacht („Disziplin!“). Zwischendurch werden Lieder gesungen über allgemeine und spezielle Identitäts- und Schönheitsprobleme, beobachtende Lieder mit kritischem Hintergrund a capella mit schönen, sauberen Harmonien und mit Gitarrenbegleitung. Das funktioniert alles hervorragend und macht es zu einer schönen Revue über die kleinen und größeren Probleme des Jugendlichseins. Innen und Außen des Körpers spielen eine wichtige Rolle, es scheint ein Abend mit 20 gleichberechtigten Spielern zu sein, jeder in einem eigenen kleinen Raum mit derselben Grundausstattung – trotzdem werden einige Geschichten nicht ganz auserzählt und dadurch nicht klar genug. Was zum Beispiel der junge Mann, der fortwährend im Stylistentonfall über aktuelle Rasiertrends, Bikiniober- und -unterteile doziert, eigentlich für ein Problem und welche Motivation zu reden hat, wird nicht besonders deutlich. Das ist schade, weil er wahrscheinlich eine genauso pointierte und zielgerichtete Geschichte erzählen wollte wie etwa sein Kollege drei Nasszellen weiter, der den ultimativen Stecher gibt mit mehren Mädels gleichzeitig und flapsig-naiven Bemerkungen.

Der Zauber dieser Produktion, die auf den ersten Blick eben oberflächlich wie äußere Schönheit ist, ist aber eben jene Alltäglichkeit – und der Wiedererkennungswert . Sie versprüht denselben Charme wie der Grips-Theater-Klassiker „Linie 1“, was auch nur deshalb ein solcher Erfolg ist, weil der Zuschauer sich selbst oder Situationen erkennt, die theatral überhöht dort vorgetragen werden und sich dabei selbst eher mit einem Augenzwinkern betrachten. Dabei ist für die, die länger über die Produktion nachdenken wollen, genug Luft nach oben; sie eröffnet über dem Humor eine neue Ebene. Im Falle von „Zu schön für diese Welt“ wird darin eben das Außerhalb des Badezimmers kritisiert – nämlich das, was die Jugendlichen so perfektionistisch, essgestört und problemzonenorientiert macht. Dabei muss dieses Außerhalb nicht einmal richtig auftreten, sondern transportiert sich nur durch Episoden im Badezimmer.

Das macht es zu mehr als nur einer schnöden Weißmehlschrippe. „Zu schön für diese Welt“ ist eher eines der helleren Roggenbrötchen vom Biobäcker.

Zu schön für diese Welt: Nicht zu schön zum Teilen

Foto: Dave Großmann

Theater muss man teilen. Das gehört sich einfach so. Selten wird man allein gelassen mit seinen Gedanken: Leute fragen, wie man etwas findet, sie wollen entweder die Bestätigung, die Provokation oder einfach nur die Kontroverse suchen, anecken. Daraus können durchaus fruchtbare Diskussionen entstehen, über das Spiel, über das Stück, über Theater. Im besten Fall erlaubt es uns, Perspektiven zu relativieren, überschwängliches Lob zurückzunehmen, zu scharfe Kritik zu entschärfen.

Als ich nach der Aufführung von „Zu schön für diese Welt“ die Wabe verlasse, schwirren in meinem Kopf noch die zwanzig Persönlichkeiten herum, die zwanzig Kloschüsseln und das Tohuwabohu auf der Bühne. Schauen mich Leute fragend an, antworte ich mit begeisterten Worten: Es sei ganz großartig gewesen, sage ich, einfach nur unterhaltsam, lustig, da habe sich eine Gruppe einen Rahmen geschaffen und ihn nicht gesprengt, da habe man keine Antworten versucht zu geben, die Frage nach einem tiefgründigen Sinn dahinter stelle sich einfach nicht: Ich habe eine Collage gesehen, Leute, die sich beim Spielen amüsieren – und habe ein Lachen aus dem Stück mitgenommen.

Das alles denke und sage ich bis etwa zehn Minuten nach Aufführungsende. Die Begeisterung nimmt mir eine Festivalteilnehmerin, die das Stück weder besonders witzig noch originell findet. Es sei viel Slapstick dabei gewesen, viel körperlicher Humor, es seien typische Klischees behandelt und überspitzt dargestellt worden, dafür bräuchte man im Übrigen nicht einmal besonders gute Schauspieler, die die Jungs und Mädels auch nicht gewesen seien. Der Frust in ihrer Stimme – ich teile ihn nicht. Die beinahe fatalistische Einstellung zum Slapstick-Humor auch nicht. Nichtsdestotrotz kommen plötzlich Aspekte ins Spiel, über die ich vorher nicht nachgedacht, in meiner Begeisterung verdrängt habe. Sie schmälern meinen Eindruck vom Stück nicht, sie relativieren ihn jedoch, helfen, es einzuordnen und – wenn das überhaupt geht – realistisch zu reflektieren, was ich gesehen habe.

Das Stück lebt vom Bühnenbild, keine Frage. Zwanzig Figuren agieren gleichzeitig, alle bekommen mal ihren Platz an der Sonne, bis auf einige Szenen, wenn zum Beispiel gesungen wird. Das Weiterreichen der Aufmerksamkeit durch das Setzen von eindeutigen Impulsen: Theater-Einmaleins. Das intonierte Sprechen und damit auch das Karikieren der Figuren: eine Übung, die man so auch im Darstellenden Spiel macht. Mit dem Unterschied, dass hier Spielerinnen und Spieler sind, die es bis zur Perfektion gelernt haben, ihre Parodien glaubhaft zu machen; sie sind in ihrer völlig eigenen Art und Weise ehrliche Darstellungen von Klischees und das ist doch irgendwie wieder bewundernswert. Die Gruppe lebt sich auf ihrer Bühne aus, macht viel Quatsch, es wird der Humor-Nerv regelrecht gequetscht, das Chaos zelebriert.

Im Laufe des Gesprächs wird mir also meine Begeisterung ein wenig genommen, ich verfluche die Festivalteilnehmerin dafür. Aber, und das macht mich wiederum glücklich: So soll das doch auch bitteschön sein! Der Kreis, der geöffnet wird, schließt sich irgendwann wieder. Erst nicke ich, bestätige sie, ja, sie habe Recht, Holzhammerhumor und so, ja, das mit der Creme und dem Rasierschaum und dem Schokopudding ging mir auch irgendwann auf die Nerven, es ist zurzeit cool, sich zu beschmieren und irgendwann tut das irgendwie jeder und ja, die Gruppe ist nicht ganz konsequent gewesen und hat am Ende noch etwas fast schon Moralisches gezeigt, aber das ist unaufdringlich, fast schon unbemerkt passiert. Und ja und nochmals ja, das alles, was du sagst, das alles stimmt.

Ich danke ihr dafür. Etwas Besseres kann mir doch gar nicht passieren: Durch ihren Blickwinkel auf das Stück habe ich meinen relativiert, aber nicht verändert. Ich liebe das Stück immer noch, ich finde, es ist ein unterhaltsamer Abend gewesen, ich bin mit einem Lächeln hinausgegangen.

Aber ich werde beim Hinausgehen nicht allein gelassen, ich darf mich mitteilen und umgekehrt. Das ist das Theatertreffen, die Festival-Ökologie. Denn wie das Brot unter den Armen, so muss auch Theater geteilt werden.

Zu schön für diese Welt: Zwischen Schönheitsschischi und Selbstzerstörung

Foto: Dave Großmann

Ging es in der Aufführung von „SELBSTauslöser“ am Montag noch um die Frage: „Welchen Wert hat ein Gegenstand für mich?“, so ging es dagegen gestern Abend in der Baden-Badener Inszenierung „Zu schön für diese Welt“ vielmehr um die Frage: „Welchen Wert habe eigentlich ich?“

Denn 20 Jugendliche erzählen in 20 Badezimmern, wie sie sich selbst wahrnehmen oder wie sie sich von anderen wahrgenommen glauben: „Ich habe ein Optimierungsproblem.“ Dabei geht es immer wieder um Beziehungen; um die potentielle perfekte Freundin, das nächste Date, die Eltern. „Meine Mutter hat mir diese Schönheitscreme gegeben. Brauche ich die etwa?“

Da werden Bilder von Männern und Frauen entwor-fen, verworfen. Auch wenn zunächst ein „Männer tanzen nicht“ postuliert wird, tun sie (die Jungs) genau das eben dann aber doch, Mädchen blondie-ren sich und gucken interessiert: „Und jetzt will ich, dass du mich liebst.“

Tatsächlich spiegeln all die Geschichten, die das Ensemble da in diese Mini-Badezimmer transportiert vor allem ein Bedürfnis nach Liebe, nach Anerken-nung. Und man kann doch nur geliebt werden, wenn man schön ist? Kann sich selbst nur lieben, wenn man schön ist?

Die Spieler des U22-Theaterclubs stellen genau diese Fragen aus, indem sie zeigen, wie sehr diese ihre Figuren quälen. Da zieht man sich auf der Su-che nach dem geeigneten Outfit immer wieder um, schmiert für die makellose Haut mit Cremes, Make-up und Schäumen, trainiert bis zur Erschöpfung für den idealen BMI. Aber es gibt in diesem Badezim-mer-Mosaik auch Versuche, mit dem eigenen Ich und dem eigenen Körper umzugehen, die weniger quälend scheinen: Die Toilette wird zur perfekten Welle, die Zahnbürste zum Gesprächspartner. Trotzdem bleibt die Essenz: „Es ist nicht immer leicht, ich zu sein. Manchmal ist es sogar sau-schwer.“

Spielerisch und witzig-leicht bringt das Baden-Badener Ensemble diese Inhalte aber auf die Büh-ne. Sauber gearbeitete, sehr gut gesprochene Mo-nologe werden geschickt verwoben zu einem viel-stimmigen Gesamtbild, in dem die Monologe nicht isoliert bleiben, sondern in Beziehung zueinander treten: Die eine weiß nicht, was sie anziehen soll, der andere fühlt sich „too sexy for [his] shirt“.

Die Ensemble-Leistung der Spieler ist wohl ihre größte Stärke. Trotz fehlendem Sichtkontakt kom-men Wort und Bewegung stets auf den Punkt, bie-ten neben einem kaleidoskopischen Nebeneinander auch ruhige, fokussierte Momente; so das Einfrieren nach dem exzessiven Hose-Anziehen. Noch deutli-cher wird dieses gekonnte Zusammenspiel aber in den Musik-Einlagen: die Gesangseinlagen (ob a capella, mit Konzertgitarre oder Xylophon) und der Beat-Box-Rap gehören zu den Höhepunkten des Stücks, wirken gekonnt und auflockernd, transpor-tieren aber auch auf besonders eindringlich, was die jugendlichen Figuren eigentlich umtreibt: „Ich frage mich, wo die Schönheit ist… in welcher Jeans“. Schönheitssongs mit Hit-Potential.
Und mit eben diesem Können, dieser spielerischen Energie und all der Musik finden die Baden-Badener dann doch eine Antwort auf ihre Frage nach Schön-heit: denn wer so singen kann, wer so spie-len kann, ist schön.
Aber was nützt das den Figuren? „Ich bin gefangen in meinem Körper, der mir jetzt nicht mehr gefällt“ – bei all dem Witz und all der Leichtigkeit sind es doch auch traurige Geschichten, die da erzählt werden: von einem Jungen, der nicht versteht, warum seine Eltern ihn nicht hübsch finden; von einem Mädchen, das eigentlich schön sein will (und Schönheit kann man sich doch erarbeiten!), aber trotzdem Schoko-Pudding liebt. Sie kotzt den Pudding wieder aus. Und putzt vor lauter schlechtem Gewissen das Bad.

Das Stück läuft doch manchmal Gefahr, den Ernst dieser Geschichten untergehen zu lassen. Bulimie und Schönheits-OPs bleiben ebenso unkommentiert wie Pickel- und Outfit-Probleme. Aber gibt es da nicht doch noch Unterschiede? Die werden wegge-spült – durch Pointen und mitreißende Musik. Aber sind das nicht genau die Mechanismen, die auch außerhalb der Theaterbühne greifen? Die Grenzen zwischen ein bisschen Schönheitsschischi und Hang zur Selbstzerstörung, zumindest zur Selbst-Störung, verschwimmen – und genau das wird auch in „Zu schön für diese Welt“ sichtbar.

Es ist vor allem ein unterhaltsames Stück, das uns die Baden-Badener da präsentiert haben, voller Leichtigkeit und auch voll Hoffnung – auf Verände-rung, auf die Möglichkeit, einen Weg zu finden, sich selbst zu akzeptieren. Und vielleicht ist das da ja auch genau das, was der Zuschauer manchmal braucht – in diesen Zeiten, wo es nicht leicht ist, man selbst zu sein.

SELBSTauslöser: Frau Bausch lässt herzlich grüßen

Zweimal so unterschiedliches Tanztheater.

Einmal lautes, sprühendes Theater, das anstößt und weniger tänzerisch im klassischen Sinne, dafür viel mehr alltägliche Aktionen in Tanzsprache übersetzt – und dann gestern leises, sehr viel klassischeres Tanztheater. Trotzdem gibt „SELBSTauslöser“ sehr natürliche und alltägliche, fast banale Rahmen in denen die Choreographien hängen, fünf Großrequisiten für fünf Tänzerinnen plus Paravent und Kamera.

Die fünf jungen Frauen bespielen sich einen anonymen Raum, füllen ihn erst mit ihren persönlichen Requisiten aus den Koffern, die sie mitbringen, dann mit sich selbst als Tänzerinnen und Persönlichkeiten. Jede hat ihr Thema, ihr Bild von sich selbst, ihren Wunsch auf die Bühne gebracht. Dabei ist der Abend sehr einfach und besticht durch die Fenster, die der Tanz öffnet, wenn er in alltägliche Situationen – etwa an einem Tisch – kommt.

Tanz im alltäglichen Raum, das erinnert an die Pina-Bausch-Tradition, in der in scheinbaren Wohnräumen plötzlich eine andere Art von Kommunikation und Selbstausdruck entsteht.

Tatsächlich berührt an diesem Abend vor allem der Tanz. Die Texte, die wahrscheinlich eher ein Weg zum Ziel waren bei der Arbeit an dem Stück, wirken eher wie Fremdkörper, als dass sie den Abend bereichern würden. Die Geschichten, die allein durch den Tanz erzählt werden, von der Sehnsucht nach dem Aus-der-Reihe-Tanzen, von einer Familie, bei der alle an einem Tisch sitzen und dabei trotzdem alleine sind, und immer wieder von Konkurrenz – sie sind sehr viel berührender als die Texte.

Die Choreographien an sich sind armlastig und zeigen damit, dass Arme eine sehr seelische , verzweifelte Ausdruckskraft haben. Sie werden gedreht und gebeugt, übereinander gelegt, sie verdecken Augen und ganze Gesichter und sind viel mehr mit der Stimmung des Moments verbunden als die Gesichter der Tänzerinnen. Besonders schön sind sie, wenn die Bewegungen tatsächlich eine Richtung bekommen und gegen Ende nicht verwackeln. Das ist oft so gewesen an diesem Abend.

Immer wieder tritt eine der Tänzerinnen mit einem ihrer Utensilien vor die Kamera und lichtet sich selbst ab, analog, wie in guten altern Zeiten. Die Bilder erscheinen erst gegen Ende, nachdem sie ihre Requisiten wieder eingepackt haben, ziehen sie die Rollos am hinteren Bühnenrand hoch und lenken den Blick auf eine Serie von Portrait- und eben dieser Requisitenbilder. Kurz blicken sie auf sich selbst und ihre Erfahrung in diesem Raum zurück, dann verlassen sie die Bühne.

Als Zuschauer bleibe ich dabei zurück mit dem Blick auf dem Raum und alles, was da war, und die ganze atmosphärische Enge bleibt irgendwo hängen, zwischen mir und den Fotos.

Müssen nur wollen: Mama ist doch nicht die Beste

Das Publikum kommt und alle Spieler sind schon da. Sie liegen auf der Bühne und demonstrieren, wie gut sie zum Stillliegen erzogen worden sind. Ob eher antiautoritär („Mach, was du willst, auch Stilllegen ist erlaubt!“) oder nach der bewährten Haudraufmethode „Still gelegen!“, ist da eher egal.

Neun Kinder im Einheitslook plus eine Gouvernanten-Erziehungsratgeberkonsumentin ganz in weiß ergeben eine Art Kinderheim-Pflegefamilie der unangenehmen Art, mit Appellen, festgelegten Spielzeiten und Erziehungsgesetzbuch. Es kommen die großen Wörter aktueller Erziehungsratgeber vor (Trotzphase, Hyperaktivität, Pubertät), die Spieler leben in einem Kosmos aus Autoreifen, Mülltüten und einem Einkaufswagen, es werden Tic-Tacs als Belohnung ausgegeben und alle sind ganz wild drauf (so wie Kinder, die nie Schokolade dürfen und dann bei Kindergeburtstagen alles aufessen).
Man sieht Kinder, die sich gegenseitig denunzieren und gegen die Respektsperson rebellieren à la „Das dürfen wir nicht!“ – „Ach, scheiß drauf!“ und die Erwachsenenwelt irgendwie, aber nicht richtig verstehen, sie nachahmen und in Stereotype einteilen. Das ist zwar ganz lustig und die Zeit vergeht recht schnell, aber so richtig befriedigt das nicht.

Immer wieder werden Kindergeschichten über den Suppenkaspar, Struwwelpeter und die ganzen an-deren pädagogischen Gesellen, die früher mal zur Abschreckung benutzt wurden, aufgesagt, wahlweise chorisch oder abwechselnd oder ganz einzeln (das dann aber mit Mehl im Gesicht). Warum das passt, ist die Frage, und auch, warum das jetzt sein muss. Es wirkt so, als wäre da einfach eine Collage entstanden, deren Bilder die Geschichten einfach nur untermalen, aber nicht zusammenhängen.
Was noch mehr aus dem Rahmen fällt, sind die bemühten Geschichten, die die Einzelnen dann erzählen. Sind sie wahr oder nicht? Und wie kommen die dahin und warum machen das nicht alle? Warum gerade die, die das machen, und deren Geschichten und unglaubwürdig übertrieben sind, dass man lachen und weinen möchte. Weil sie in diesen Geschichten Requisiten bespielen, die Tic-Tacs noch mal benutzen und ein Mädchen in ei-nem Turm aus Reifen einsperren können (was zugegebenermaßen ziemlich gut aussieht)?
Denn der Müll auf der Bühne wird immer wieder mal bespielt, die Autoreifen taugen außer zum Ein-sperren noch zum Krachmachen und als Kuschel-tierscheiterhaufen. Aber warum sie mit dieser Appell-Familie auf so einer Müllhalde – oder ist es gar ein postpädagogischer Endzeitspielplatz? – leben, erschließt sich nicht.

Am Ende wird dann die Gouvernante eingepflanzt und wie überall gibt es noch Nass und Dreck, vielleicht weil es zum Müllplatz passt, vielleicht, damit man noch das Gedicht „An Anna Blume“ aufsagen kann unter Regenschirmen, um dann die Regenschirme wegzulegen und noch kurze Kindheitserinnerungen (echt? unecht?) zu Tage kommen können. Vielleicht auch, weil man einfach noch ein bisschen Dreck brauchte oder sich die Kinder so erziehungstechnisch an ihrer Autoritätsperson rächen können – die Revolution frisst ihre Kinder, frei nach Freitagabend.

Wahrscheinlich sieht es einfach gut aus, wie so vieles, was diese Produktion an Bildern anbietet, sehr schön anzusehen ist. Aber ein Gefühl übertragen sie nicht.