Tag Kritik

Parese: Opham helialet.

Foto: Dave Großmann

Hamlet, der Lustlose. Hamlet, der Mann, der sich seiner eigenen Geschichte verweigert. Der sein Abenteuer nicht antritt, sondern hinter seinem Schreibtisch vegetiert und wartet, dass die Zeit vergeht. Ophelia initiiert seine Reise, sie stellt sich vor als die Nicht-Ertrunkene, als Nicht-Opfer. Heiner Müllers Hamletmaschine wird aktiviert und Ophelia ermächtigt sich ihrer Rolle, tritt auf die Bühne und erklärt, dass sie aufgehört hat, ihr Herz zu töten. Dann beginnt ein zähes ringen, um das Spiel ins Laufen zu bringen. In den folgenden Minuten geben die Kreschkinder (klingt besser als Kreschjugendliche) Shakespeares Hamlet eine neue Handschrift. Sie spielen sich mit ganzem Körpereinsatz, mit Tempo und Witz durch den dramatischen Stoff.

Beerdigung, Claudius Hochzeit mit Gertrud(e), Hamlets Mutter. Eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht, mit Stroboskopeinsatz verfremdet, erzeugt ästhetisches Wohlgefallen.

Ophelia zwingt Hamlet, seiner Identität und den damit verbundenen Aufgaben ins Auge zu sehen. Sie liebt, treibt, kämpft gegen den Phlegmatiker in Hamlet, motiviert ihn zu Taten, umwirbt ihn, legt ihren Kopf in seinen Schoß und tut dies alles, um ihm zu begegnen. Es ist der einzige Weg ihn dazu zu bringen, sie zu lieben.

Ob es Hoffnung gibt, liegt in diesen Momenten allein in der Hand der Spieler, denn wie Shakespeare die Geschichte erzählt, wissen wir.

Auf dem Weg ergreifen die Spieler verschiedene Theaterformen, ob der Wahnsinnstanz, das Possen(puppen)spiel auf der Dänischen Mauer, sie geben Hamlets Innerem eine deutliche Zeichensprache. Er verweigert sich, indem er einfach die Bühne verlässt.

Es gelingt den Spielern: Als Zuschauer bin ich im Fluss, im Flow, warte auf den Ausbruch, die Eskalation, die Entwicklung der Figuren. Dabei werden manche Möglichkeiten nur angedeutet. Es scheint, als ob in der Vielzahl ihrer Mittel auch die Schwäche verborgen ist, Dinge anzudeuten, aber nicht ganz auszuspielen.
So wird der blinde Hamlet, über Tische laufend, kurz danach wieder sehend und Ophelia in ihrem Rollensplitting wird nicht differenzierter, entwickelt sich kaum, bleibt einstimmig, in der Haltung vom Anfang und fügt sich dann einfach dem klassischen Shakespeare-Plot.

Die starke Bildsprache der Krefelder aber führt zu einem Theatererlebnis, das die Geschichte Dänemarks, ob als Familienspiel oder humorvolle, kreativ, ästhetische Erfahrung, neu belebt.
Am Ende ertränken Hamlets Wahnsinn und seine Schwüre sie. Ein starkes Bild, dessen sensibler Ton trifft und dem Zuschauer für kurze Zeit die Luft nimmt.

Parese: Den Alten ordentlich einheizen, denn Spielen ist ein Tu-Wort!

Foto: Dave Großmann

Tische und Stühle (rot und schwarz) als tragende Bühnenbildelemente wie in Aussteigen auf freier Strecke; Menschen, die Länder sind, wie in Paulina („Ich bin Ophelia. Oder Dänemark, das Land für die ganze Familie und impotente Prinzen“); eine scheiternde Liebesbeziehung, die im Tod endet wie bei Revolution Reloaded; Wasser, das zum Verhängnis wird, wie bei Müssen nur Wollen; Schönheitsprobleme wie bei Zu schön für diese Welt (denn Hamlet fühlt sich fett); und wie bei girls! girls! girls! und SELBSTauslöser: jede Menge Frauenpower. Es war eine gute Entscheidung, die Krefelder Hamlet-Inszenierung Parese an das Ende dieses ttj zu setzen: Da liefen diesjährige ttj-Themen zusammen, von der Praxis des chorischen Sprechens über die Debatte zur Bedeutung und den Möglichkeiten des Bühnenbilds, bis hin zum Gender-Diskurs.

Zwei Ophelias, vier Hamlets. Bei den Frauenfiguren, die die Krefelder hier entwerfen, braucht es schon die doppelte Menge an Männern, um ihnen überhaupt etwas entgegensetzen zu können. Ophelia ist die, „die der Fluss nicht behalten hat“. Sie wird in dieser Inszenierung zur Spielleiterin, zur Motivationstrainerin, zur Diktatorin, (auch wenn sie immer die Liebende bleibt), ihre beiden Verkörperungen sind mal Rivalinnen, mal Verbündete, während Hamlet ein Schlaffi in Identitätskrise ist: „Ich bin nicht Hamlet. Ich bin keine Rolle mehr. Meine Worte haben nichts mehr zu sagen, mein Drama findet nicht mehr statt.“

Dem Krefelder Ensemble ist es gelungen, sich klug mit Text und Stoff auseinanderzusetzen. Versatzstücke aus verschiedenen Quellen werden eingearbeitet, die unterschiedlichsten Bezüge hergestellt (zu „König der Löwen“ und „Bob der Baumeister“), das alles abgeklopft auf Heutigkeit und Spielbarkeit. Das Ensemble zeigt: Man kann einen solchen Klassiker nicht mehr einfach nur spielen, viel zu bekannt sind Text und Stoff, die Illusion der Bühne muss dekonstruiert werden, das Spielen ausgestellt. Ophelia steckt sich ihr weißes Kleid in die engen Leggins und ist Gertrude, die Hamlets suchen nach Ersatz für ihre Rollenbesetzung, casten im Publikum. Dass gespielt wird, wird auch gezeigt.

Dieser Ansatz, sich einem alten Stoff zu nähern, ist auf einem ttj 2010 wohl nicht mehr bahnbrechend, aber er scheint trotzdem der adäquateste für so jugendliche Spieler zu sein, denn schließlich tun sie auf diese Weise genau das, was sie vielleicht am besten können: den Alten (Dichtern) ordentlich einheizen.

Die Inszenierung der Krefelder überzeugt durch eine starke Regie und das Können der Spieler: Ihr chorisches Sprechen ist wohl dosiert und beeindruckend exakt (vor allem bei den Hamlets), ihr Umgang mit Bühnenbild und Requisiten geschickt und gut durchdacht. Durch immer neue Tisch- und Stuhlkonstruktionen entstehen immer neue starke Bilder, ebenso wie durch die gut eingesetzten Choreographien (Balgen im Stroboskop-Licht; Hamlets, die vom Tisch stürzen und übereinander rollen). Die Spieler konstruieren ihren Hamlet, ihre Ophelia mit viel Witz und Selbstironie („Testosteron ist Gift!“), schaffen aber auch immer wieder ausdrucksstarke, gleichzeitig sehr zarte Bilder, um ihre Liebesgeschichte zu erzählen. Ophelia fragt: „Was willst du für mich tun?“ „Mich zerreißen.“ Ophelia hört Hamlets Herzschlag ab, die Neonröhren flackern, sie bleibt zurück mit der Frage: „Und ich?“. Denn nur weil man „lieben“ durchkonjugieren kann („Lieben ist ein Verb, ein Tu-Wort!“), heißt das noch lange nicht, dass es eine einfache Sache ist.

Und da liegt vielleicht auch eine Schwäche der Inszenierung. Die Ophelia bleibt so pseudo-emanzipiert, letztendlich ist sie eine weitere Frauenfigur, die sich über einen Mann, über ihre Liebe zu einem Mann identifiziert. Ihr ganzes Sprechen und Handeln sind auf Hamlet ausgerichtet; wenn er etwas aus ihrer Sicht gut macht, ist sie zufrieden, wenn nicht, dann leidet sie darunter. Und dabei erfüllt sie auch gleich so manches Frauenpower-Klischee: Frauen, die ihre Männer herumkommandieren, und wenn ihnen etwas nicht passt, dann zetern sie und schreien sie so lange, bis endlich was passiert. Auch das Hamlet-Bild ist zwar pointiert und konsequent gezeichnet, aber Hamlet als Obermemme mit einer ganzen Menge Problemen – ist diese Sichtweise nicht durch Hamlet-Kritiker –und Zyniker nicht schon wohl bekannt? Und bei zugespitzter Sichtweise auch naheliegend? Und was gibt sie dem Zuschauer von heute? Sagt sie etwas über heutige Männer aus?

Wenn man sich dafür entscheidet, ein Stück auf seine wichtigste männliche und seine wichtigste weibliche Rolle zu reduzieren, dann ist man vor keiner Gender-Debatte mehr gefeit. Und es bleibt zweifelhaft, ob die Konstellation, die die Krefelder da umreißen, den Mann von heute / die Frau von heute besonders zuversichtlich stimmen kann. Aber in jedem Fall bietet sie Angriffspunkte, herrschende Frau-Mann-Rollenbilder zu überdenken und auf ihre Gültigkeit zu überprüfen.

Gleichzeitig kommt der Zuschauer bei dieser Inszenierung aber auch sehr gut ohne Gender-Überlegungen aus, denn ob Furien-Memmen-Modell oder nicht, insgesamt war Parese eine kluge, sehr unterhaltsame Hamlet-Inszenierung. Und überhaupt nicht lähmend.

Parese: “Du bist albern!” “Nein, ich bin Ophelia!”

Foto: Dave Großmann

Gestern Abend war ein guter Abend. Das liegt an einem genau richtigen Stück auf einem genau richtigen Festival an einem genau richtig ausgesuchten Tag. Was ich gestern gesehen habe, war deshalb genau richtig, weil es eine sehr schwierige Balance hinbekommen hat, um die es hier geht. Nämlich: zum einem Theater zu machen, das PROZESSorientiert ist, bei dem das, was beim gemeinsamen Proben gelernt und erfahren wird, im Vordergrund steht, bei dem es darum geht, einen jugendlichen und persönlichen Zugang für jedem Spieler zum Stück zu finden und möglichst echt und nah an den Ideen der Spieler und Mitmacher zu bleiben. Und zum andren dem ästhetischen und inhaltlichem Anspruch einer PRODUKTorientierten Arbeit gerecht zu werden, die je nach Mitmachern und Theater-Erlebnis-Erfahrung natürlich unterschiedlich ist. Jede Produktion hat für sich auf diesem Festival einen Weg gefunden, diese beiden Pole auszubalancieren (womit ich nicht sagen will, dass sie sich grundsätzlich im Weg stehen; ich denke nur, dass grade sie das Interessante am Laientheater ausmachen). Und gestern hatte ich einfach das Gefühl: Hier gibt es ziemlich viel Balance und es ist kein Drahtseilakt.

„Hamlet“ hab ich schon sehr oft gesehen, auch schon ein paar Mal mit Laien. Fast jede Hamletproduktion versucht sich an einem neuen Zugang. Ich muss sagen, den Zugang den sich die Gruppe gestern gesucht hat, ist einer der passendsten, den ich bis jetzt gesehen habe. Den Fokus auf die Antriebs- und Lustlosigkeit des Hamlet zu legen, die Ophelia zur Kämpferin zu machen – ein Bild vom Jugendlichsein in dieser Welt zu schaffen durch zwei Seiten: Verweigerung und dem Verlangen danach, alles möge sich ins Spiel eingliedern. Dieser Zugang blieb zum einen beim Stück und seiner Rezeptionsgeschichte und war zum andren eng mit den Spielern als Menschen verknüpft. Ich hatte das Gefühl (und das ist etwas, was mir sehr wichtig ist), dass sich die Spieler in ihrem eigenen Gedankenhorizont bewegt haben und dessen Grenzen auch selbst gesteckt haben.

Absolutes, wenn auch recht einfaches Bild war dabei für mich der Umgang mit der Bühnen-/Publikums-Situation. Eine Ophelia, die sich immer wieder ins Publikum setzt und Hamlet auffordert, seine Bühne doch zu nutzen, die immer wieder hinaufkommen muss, um ihn anzutreiben. Und ein Hamlet, der sich der Bühne immer wider entzieht, sich ihr verweigert. Sich ins Publikum begibt, um andere dazu aufzufordern, das Spiel in die Hand zu nehmen. Der auf der Bühne eine Mauer errichtet, damit keiner mehr zusehen kann, was er nicht tut. Den Raum, der sein Unglück bedingt, mit dem Puppenspiel und der roten Mauer ad absurdum führt. Ophelia, warum schmeißt du sie nicht um, diese Mauer?

Trotzdem sind mir ein paar Dinge aufgefallen die mich zum Nachdenken/Weiterdenken angeregt haben, ob man sie hätte anders machen können. Aber eben auch, weil ich eine Gruppe gesehen habe, die wirklich etwas kann und sich hoffentlich in ihren nächsten gemeinsamen Produktionen noch weiter entwickelt.

Zum einen hat mein Überlegen an manchen Stellen eher persönliche Gründe, grad bin ich doch recht sehr in Heiner Müllers „Hamletmaschine“-Text verliebt. Sagen wir mal, ich könnte vielleicht auch mitsprechen. Ich kann also die Wahl, Teile daraus zu verwenden, total verstehen, auf der Bühne macht er ordentlich was her. Allerdings ist er fast ein wenig zu toll für diese Bühne, er passt sehr gut in den Zusammenhang, aber der Text an sich bringt für mich einen andren Anspruch an das Sprechen und den Raum, den man ihm gibt, mit sich.

Ein andres Thema sind die formellen Ideen. Der Chor war perfekt in seiner Aufteilung, 4 zu 2 hat super funktioniert. Und grade der Anfang war sehr atmosphärisch und intensiv, das Bebildern der Erzählung hat gut funktioniert. An einem gewissen Punkt waren die Mittel allerdings ein wenig ausgereizt. Zu der Ironie des Puppenspiels hätte ich mir noch eines gewünscht, das an manchen Stellen die Intensität noch steigern kann. Zwei konkrete Momente sind es, an die ich dabei denke: Zum einen hätte ich gerne die Endscheidung der Ophelia gesehen. Sie fordert von Hamlet, die Leidenschaft und sein Sein (im Gegensatz zum Nichtsein) für die Rache und die Liebe aufzubringen. Nach seiner Verweigerung löst sie sich scheinbar und kann seinen Tod erzählen und ihn dabei ein letztes Mal zur Energie antreiben. Dazwischen liegt für mich ein unsichtbarer Moment der absoluten Wut oder Resignation. Und auch bei Hamlet hängt es an diesem Moment. Ein Heißlaufen der Hamletmaschine sozusagen. Oder das Aussprechen dieses Zweifels: „Was mache ich hier eigentlich“ als Gegenpol zum Passiven, zur Arroganz. So blieben beide Figuren stets in ihrem Rahmen. Gewünscht hätte ich mir einen Entwicklungsmoment, in dem beide Seiten in Schwäche und Verletzlichkeit aufeinandertreffen, das wäre noch runder gewesen.

Die Ophelias hatten eine doch recht unterschiedliche Bühnenpräsenz und Art, die Rolle aufzugreifen, waren darin zwar recht gut gesetzt, aber die „echtere“ Ophelia hat in den meisten Momenten viel mehr Ambivalenz gegenüber der „Blonden“ die mehr in der Ironisierung blieb. Die beiden allerdings, Hand in Hand vorn hatten eine große Zartheit und waren wirklich verlorene Mädchen.

An manchen Stellen hätte man vielleicht Gedanken noch konsequenter zu Ende denken können. Aber die Bilder waren auch so stark und es war deutlich, dass hier am Tisch gesessen und viel geredet wurde. Dass zwar eine Regie drauf und drüber geschaut hat, dass es eine Auswahl gab, aber trotzdem wirkt das Stück an keiner Stelle überinszeniert. Die einzige Frage, die ich noch habe, wäre, ob es auch möglich gewesen wäre, auch Ophelia am Ende ausbrechen zu lassen. Der Fokus lag auf ihr, und doch wurde sie zuletzt die Passive, von Hamlet, von der Geschichte an sich zu Tode getrunken. Ein wirklich wunderschönes Bild. Auch ein der Dramaturgie logisch Folgendes. Die Ophelia hat sich nicht noch ein letztes Mal aufgebäumt, sie ist schlussendlich doch in die Resignation gegangen und damit war auch bedingt, dass sie sterben musste. Es hätte für mich genauso funktioniert, ihr diesen Moment zu geben und sie auch am Ende den Tod nicht hinnehmen zu lassen – es ist eine Frage, in welchen Kontext man die Geschichte stellen möchte, in den der Hamletgeschichte oder in den der Möglichkeiten Ophelias. Aber das ist eben nur eine Frage. Oder vielleicht ein kleiner Wunsch. So wie bei mir im Kopf am Ende der Schlusstext der Hamletmaschine losgegangen ist: „Ich bin Elektra, an die Metropolen dieser Welt“ – aber das wäre ein andres Stück gewesen. Versteht mich auf keinen Fall falsch, der Grund warum ich all diese Details aufgeführt habe, ist, dass ich es so gut fand. Und ich eben gerne deshalb auch konstruktiv etwas zurückmelden will. Zum Beispiel aber auch, dass eure Hamletinszenierungszitate von Jan Bosse und Thomas Ostermeier aus Zürich und Berlin Schmankerl waren.

Es bleibt eine sehr in sich geschlossene Sache und ich denke, der Applaus am Ende und die vielen begeisterten Menschen, die aufgestanden sind, sind ein klares Zeichen dafür, dass ihr einen wirklichen Theaterabend geschafft habt. Danke. Das einzige Problem an der Liebe ist laut Freud eben bloß das Inzestverbot.

Aussteigen auf freier Strecke: WTF???

Foto: Jan Stroetmann

Man kann – höret und staunet! – leidenschaftlich schlecht spielen und ein leidenschaftlich schlechtes Stück auf die Bühne bringen. „Aussteigen auf freier Strecke“ gestern Abend war nicht einmal das. Da sind sieben Menschen auf der Bühne, haben absolut null Körperspannung, sprechen ihre Sätze halt so da hin und bauen völlig abstruse, naive Bilder, um ihre Ost-West-Geschichten zu erzählen. Im Hintergrund werden immer wieder kleine Filmchen eingespielt, die ablenken und dabei nicht einmal besonders spannende Dinge zeigen. Ständig wird ein Telefon herumgereicht, die eine Schauspielerin spricht zu leise, die Musik legt sich oftmals ungewollt über die Sprechenden, die – eben weil sie zu leise sprechen – sich nicht dagegen wehren können. Währenddessen: reger Betrieb am Tisch. Da passiert so allerlei, da werden Brote geschmiert und irgendwelche Sachen gegessen, die Figuren werden zu Privatpersonen, was sicher gewollt gewesen sein könnte, aber selbst so etwas kann man geschickt lösen, ohne abzulenken. So war es viel zu groß, viel zu riesig, insgesamt null Sinn für Feinfühligkeit, grob wie ein Streuselkuchen.

Dabei fängt das alles nicht einmal so schlecht an. Das Stück ist in den ersten fünf Minuten, wenn die Figuren präsentiert werden, sogar recht witzig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen interessant aus, einige haben sogar einen Ausdruck im Gesicht, wirken eigen, zwei von ihnen schaffen es durch das Stück hinweg, wenigstens ein klein wenig die Katastrophe zu tragen, aber auch sie scheitern, weil es bei einem Ensemble-Stück gar nicht anders gehen kann. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen und „Let it be“ singen, geht alles im Eiltempo den Bach runter. Die Spielerinnen und Spieler geben einfach auf. Schluss. Aus.

Unterirdisch: Die emotionalen Szenen, die in ihrer Inszenierung so eintönig sind wie das Piepen im Krankenhaus, wenn jemand dahinscheidet. Da kommt eine verzweifelte Dame an die Grenze, will hinüber, darf aber nicht, sie dreht sich Richtung Publikum, schaut gen Himmel, Video im Hintergrund, jemand möchte von der Mauer springen, cut. What the fuck? Ein Pärchen will über die Grenze hinweg. Die beiden haben jedoch null Chemie, spielen, als wären sie gerade zwangsverheiratet worden. Sie machen eine kleine Odyssee durch und kriechen über und unter einen Tisch, um das darzustellen. Ein typischer Fall von „Wir hatten eine konzeptuell gute Idee und konnten einfach nicht davon lassen“ – wie ein Autor, der überflüssige Sätze nicht streichen kann, weil er so sehr in sie verliebt ist. Die Idee mit dem Tisch ist eine an sich ja recht witzige, aber die Situation wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man aus ganz anderen Gründen schockiert ist. Die Szene wird dem Inhalt absolut nicht gerecht, ist fast schon beleidigend in ihrer – schon wieder! – Naivität.

Es ist schlicht und ergreifend ärgerlich. Denn wenn nicht einmal Jugendliche es schaffen, das Ost-West-Thema neu anzupacken, für frischen Wind zu sorgen, das dokumentierte Material für ein spannendes Stück interessant zu verwerten – wer zum Teufel dann?

Aussteigen auf freier Strecke: Ausgestiegen auf freier Strecke

Foto: Jan Stroetmann

Voller Begeisterung hätte ich gerne gestern Abend zugeschaut. Aber, um ehrlich zu sein, liebe DTler – und das mag ich versuchen zu sein –, gestern Abend hat Euch jegliche Körperspannung und Artikulationsluft gefehlt, um mich mitzureißen. Und auch, wenn ich davon absehe und nur das Thema und Eure Mittel betrachte, bleibe ich ratlos mit der Inszenierung.

Zunächst weiß ich nicht, was Ihr mir erzählen wolltet. Soll heißen: Warum ist es gerade die DDR, mit der sich diese sieben jungen Menschen auseinandersetzen? Nicht nur welche Meinung, sondern auch warum ihr sie mir artikuliert, hätte ich gerne erfahren. Wenn zwei Figuren als Flüchtlinge über den Tisch klettern und dann aufatmen: „Wir haben es geschafft!“ dann denke ich daran, dass an dieser Mauer Menschen erschossen wurden und Eure Tischszene im Grunde zwischen Frechheit und Naivität auseinanderfällt. Das Erschießen wurde auch thematisiert, ja, aber es wurde nicht verbunden mit der Szene, die begleitende Angst kam nicht rüber. Und selbst, wenn es keine realistische Darstellung sein sollte, so fehlte mir die klare Positionierung zum Nicht-Realistischen. Ich stelle mir vor, dazu muss es in größtmöglicher Übertreibung ironisiert oder gebrochen werden.

Konkret heißt das: Körperspannung und Bewusstsein für das Ziel der Szene, sowie ein Verständnis für das Ironische in ihr. Klar war mir gestern Abend nicht, was Euer Spielkonzept ist. Wann habt Ihr Sachen ernst gemeint? Gab es Szenen, die ernst gemeint waren? Wenn ja, welche? Und warum? Gab es Szenen, die nicht ernst gemeint waren?

Eure Mittel waren mir nicht klar. Zu sehen waren eine Projektion vom Tageslichtprojektor, eine Videoprojektion mit Mauerschiebenden, zahlreiche Zettel mit Notizen und Fragen im Raum verteilt – aber das Stück hat das alles nicht gebraucht. Das Stück und auch ein bisschen Ihr als Spieler standen neben den Requisiten und haben diese Museumslandschaft in einem scheinbar zufälligen Kontinuum bespielt.

Viel interessanter hätte ich gefunden, was IHR mir zu sagen habt, was Euer Anliegen ist, DDR- und BRD-Bewohner wieder aufleben zu lassen bzw. ihre heutigen Ansichten nachzuspielen. Vielleicht wisst Ihr es, aber gestern kam nicht rüber, was zum Lachen, was zum Weinen und was zum Wütendsein gedacht ist. Ich habe Eure Positionierung nicht sehen können und somit hat mir schnell die Motivation gefehlt, Euch zu folgen.

Für die offene Tür: Zum Kritisieren im angemessenen Rahmen

Das Theatertreffen der Jugend ist nicht nur dafür da, um zu präsentieren, sondern auch, um zu diskutieren, miteinander zu sprechen. Deswegen freuen wir uns über die Rückmeldung der Düsseldorfer Theatergruppe am Goethe („Müssen nur wollen“), deren Spielleiter Nurcan Selek und Hendrik Kung sich nach einem persönlichen Gespräch mit der Redaktion unter der Überschrift „Im Ton vergriffen“ nun auch schriftlich zu den FZ-Kritiken äußert:

„Ein kritischer Blick auf Theaterstücke ist wichtig. Es ist wichtig, den Mut zur Ehrlichkeit zu besitzen und die Theatergruppen nicht aus falscher Freundlichkeit zu schonen. Die Festivalzeitung hat sich offenbar genau das zum Motto gemacht. Hier wird hinterfragt, kritisiert und provoziert.

Zwar lesen sich die stilistisch einwandfreien Texte gut, jedoch erzeugen sie durch ihre teils reißerische Art oft auch Unmut. Dabei geht es weniger um den Inhalt der Kritik, als um dessen Präsentation. Die Texte greifen zwar niemanden persönlich an, sind aber in einer Schreibweise verfasst, die grundsätzlich von oben auf die Stücke hinabzublicken scheint.

Eine Festivalzeitung, die zusätzlich auch noch über den Festival-Blog im Internet präsent ist, schafft Öffentlichkeit.

Wir sind der Meinung, dass man sich zu Recht beschwert, wenn Gruppen und Stücke in dieser Öffentlichkeit auf eine Art und Weise kritisiert werden, wie man das sonst nur hinter verschlossener Tür tut. Nach der mittlerweile breit geäußerten Kritik an dieser Machart hoffen wir, dass die Redaktion der Festivalzeitung sich an dieser orientiert und Kritik im angemessenen Rahmen äußert.“

Nach dem in der zweiten FZ-Ausgabe abgedruckten Essay „Zum Schreiben übers Spielen“, in dem es um das Schreiben von Kritiken, das Kritisiertwerden und das Verhältnis zwischen Autor und Schauspieler geht, soll an dieser Stelle nun erneut auf diese Problematik eingegangen werden.

Zunächst eine Klarstellung: Alle Stücke sind aus einer großen Anzahl an Bewerbungen ausgewählt und prämiert worden. Dieser Erfolg soll auf diesem Festival nicht geschmälert, sondern zu allernächst gefeiert werden.

Allerdings geht es auch um eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen Inszenierungen und denen der anderen Teilnehmer. Austausch ist dabei der wohl wichtigste Aspekt und zeigt sich in den Aufführungsgesprächen, in den Workshops, im Festivalzelt, aber eben auch in der Festivalzeitung.

Ein Festival, egal welcher Art, lebt von der Offenheit, der Öffentlichkeit, lebt davon, in einem Diskurs miteinander zu stehen, Türen zu öffnen und nicht zu schließen. Dabei sind die Grundsteine schon gelegt: Dass die Produktionen beispielhaft und herausragend sind, steht in den Urkunden; warum sie es sind, in den Jury-Texten. Die Festivalzeitung ist dazu da, Reibungspunkte, Schwächen, aber auch Stärken herauszuarbeiten, sie deutlich zu benennen – und damit Ansätze für das zukünftige Arbeiten anzubieten, nicht nur durch die redaktionellen Beiträge, sondern auch die der Festivalteilnehmer.

Was ist dabei der angemessene Rahmen? Zunächst: Die Festivalteilnehmer und ihre Beiträge werden ernst genommen, ohne Samthandschuhe und Zurückhaltung der Meinung. Dabei setzen sich die Kritiken konstruktiv und argumentativ mit den Stücken auseinander: Gesehenes wird beschrieben, Meinungen werden begründet. Die Redakteure nehmen zwar durchaus eine Außenperspektive ein, weil sie nicht als Spieler in das Festival involviert sind, aber sie blicken nicht auf die Stücke herab, weder grundsätzlich noch teilweise. Das wird auch an der Form sichtbar: In jeder Ausgabe sechs Seiten zum Stück, vier davon Kritiken, in denen mehrere Redakteure verschiedene persönliche Standpunkte einnehmen, ohne persönlich zu werden. Klar, es fühlt sich nie gut an, kritisiert zu werden. Aber wie die FZ in ihrer zweiten Ausgabe im eingangs erwähnten Essay schon geschrieben hat:

„[…] wir wollen euch nicht wehtun, wir wollen euch kitzeln; indem wir beobachten, festhalten, nachfragen, nachdenken, reflektieren. Und unsere Leser sollten das eine nicht vergessen, wenn sie über uns urteilen: dass wir auch ein Stück von uns selbst in dieses Festival geben.“

Und das gilt nach wie vor.

Text: Lydia Dimitrow und Khesrau Behroz