Tag Immer spielt ihr und scherzt!

Immer spielt ihr und scherzt! – Farce in fünf Runden

Foto: Dave Großmann

Foto: Dave Großmann

Schlomo Herzl lebt mit dem Koch Lobkowitz in einem Männerwohnheim unter einer Metzgerei. Ein Gerüst. Pritschen. Eine weiße Kiste. Wer ins Wohnheim will, muss von oben dorthin hinabsteigen.

Der hyperaktive Lobkowitz spielt sich als Schlomos Herrscher auf und will mit „Herr“ angeredet werden. Aber Schlomo hat dieses Spiel satt: „Mein Kreuz tut mir weh.“ Er will nicht mehr der Diener sein.

Umso bereitwilliger wendet er seine Aufmerksamkeit dem frisch eingezogenen Schüttler zu. Der Koch Lobkowitz zieht sich auf einen Glitzerthron zurück und beginnt, sich einen Himmel zu basteln. Er bastelt Sterne. Pfeile, die ihn als GOTT ausweisen. Zerschneidet die Festivalzeitung. So wird der Kontext der Zuschauer in ein Bild eingearbeitet, dass offen legt, dass Gott nichts Fassbares ist, sondern ein Konzept, eine Konstruktion – er wird gebastelt.

Aus Schüttler wird Hitler. Die Spieler illustrieren die Namensänderung mit Fingerfarbe, viel Körperlichkeit und vor allem – Humor. Immer wieder wird der Text von aktuellen Bezügen durchdrungen, die Assoziationen zulassen, die weit über die erste inhaltliche Ebene hinausgehen. So lässt der Ausspruch: „Emancipation – everybody is putzing!“ den Zuschauer nicht nur lachen, sondern auch nachdenken – über die Streitbarkeit mancher Emanzipationsaussagen und –bestrebungen, aber auch über die Überflutung der deutschen Sprache von Anglizismen.

Immer spielt ihr und scherzt! – Schicksalsspielchen

Dave Großmannn

Foto: Dave Großmannn

Ahja, das war doch schön gestern. Und obwohl ich schon total müde von der ganzen Woche Zu-spät-ins-Bett-Gehen war, ließ mir das Stück gar keine Wahl, als wach zu bleiben.

Die Schweriner hatten Spaß auf der Bühne. Sie waren eingespielt und vor allem waren sie facettenreich. Das Schöne war, dass man während der Vorstellung überall hinschauen konnte und überall hätte man was anderes entdeckt. Einerseits war da Lobkowitz, eine kuriose Gestalt, die sich ein Podest baut, ein eigenes „Gottesreich“. Trotz seines passiven Daseins hat Lobkowitz wirklich viel im Stück ausgemacht. Er hat das ganze Stück beobachtet und seine eigene Rolle in diesem Gerüst-Universum gespielt. Vielleicht hätte er etwas ändern können. Vielleicht hätte er den Gang der Dinge aufhalten können. Aber der von Hitler eingenommene Schlomo hat einfach vergessen nachzusehen, ob er noch da ist. So lehnte er sich in seinem Thron zurück und betrachtete alles in Ruhe. Indem er nichts tut, nur betrachtet und Schlomo genau wie Hitler ihren eigenen Entscheidungen überlässt, wird er tatsächlich zu Gott. Die wahrscheinlich meistgestellte Frage ist, warum Gott so etwas wie Völkermord und Krieg zulässt. Und die Antwort ist immer die gleiche: weil es immer unsere Entscheidungen sind und diesen würde uns Gott überlassen.

Andererseits waren da Schüttler und Schlomo – alle unterschiedlich. Ihre verschiedenen Facetten und Stadien waren einerseits erkennbar, andererseits nicht total offensichtlich (aber das war ja gut so! Man braucht ja nicht immer den Holzhammer, um einem etwas vermitteln). Das Paar Schüttler-Schlomo war nicht weniger interessant. Jedes von ihnen war anders. Die Bewegungen, die ganze Plastik und vor allem das Verhältnis. Der eine Schüttler schmiegte sich an Schlomo, um getröstet zu werden, während der andere die Berührungsangst nicht ganz überwinden konnte.

Immer spielt ihr und scherzt! – All Eyes On: Räume

Gestern abend hab ich mich im Zelt mit jemandem über Handwerk unterhalten, und über Kunst.
Theater sei Kunst-Handwerk, will sagen, es (das Innen) muss irgendwie gut/schön/inspirierend/wichtig/wahr/tiefer oder so sein – eine schwer greifbare Qualität, letztlich vielleicht auch nur Geschmackssache.
Und außerdem muss es (das Außen und das Drumherum und das im weitesten Sinne Technische) funktionieren.
Und dann muss es außerdem zusammen funktionieren, dann: Yeah.
Gestern, finde ich, hats richtig gut funktioniert, zusammen. So schnell und so hart und so viel Testosteron, zehn Jungs toben und schlagen und springen. So intensiv wie gut. Aber es war kein Stuntmandings.
Dazwischen: Momente inniger Zartheit und diese seltenen Momente, wo man irgendwie dieses Zeitlupengefühl hat. Zum Beispiel, wenn Schlomo fällt.
Überhaupt von wegen Fallen, man müsste ein Essay von der Ästhetik des Fallens schreiben. Einer der wichtigsten Aspekte wäre, dass man richtig Fallhöhe und Grund zum Aufklatschen schaffen muss. Wo oben und wo unten ist, ist manchmal garnicht so einfach zu sagen.
Fallhöhe und Grund zu schaffen bedeutet weniger abstrakt: Bühnenbild: Gott sitzt links oberhalbs des Klos aber immernoch ziemlich weit unten – erreichbar, hätte man geguckt. Das Gerüst schafft Fallhöhe – nicht nur von der Straße und der Metzgerei ins Männerheim sondern auch von ganz oben nach ganz unten. Unten, im Männerheim: verstreute Krankenbahren, eine Reihe Klos und der Mikrokosmos Gottes. Der Raum wird, obwohl eigentlich nicht begrenzt, trotzdem nur nach oben verlassen und wird damit zum Kosmos.
Was beim Hereinkommen ziemlich nach Chaos, Verwirrung und Verletzungsgefahr aussieht, wird in x-, y-, und z-Richtung bespielt. I liked it, yeah.
I leiked ziemlich viel mehr als die Bühne, übrigens.

Immer spielt ihr und scherzt! – Sie spielen und scherzen!

Während 2008 Götz George und Tom Schilling für die Verfilmung von Taboris Mein Kampf in Wien, Zittau und Liberec vor der Kamera stehen, beschließen in Schwerin elf Jungs, drei Mädchen und eine Impulsgeberin (genannt: Spielleiterin), den Stoff auf die Bühne zu bringen.

Die Theatergruppe am Goethe-Gymnasium Schwerin arbeitet mit dem Text. Rollen werden aufgesplittet und zusammengeschmolzen, Szenen werden umgeschrieben, um den Schwerpunkt zu verschieben. Und: „Wir haben es witziger gemacht als Tabori!“ Aber nur an einer Stelle. Denn eigentlich wollen sie ihr Publikum zum Nachdenken anregen. Und zum Verstehen. „Wir wollen keine Fragen beantworten, wir wollen welche stellen.“

Am Anfang hat ihre Spielleiterin die Fragen gestellt. Über die hat sich das Ensemble der Thematik angenähert. Die Spieler haben gemeinsam Ideen entwickelt und sie schließlich umgesetzt.
Für sie ist es vor allem ein exemplarisches Stück: „Jeder ist manchmal ein Hitler und manchmal ein Shlomo.“ Es geht um Opfer-Täter-Konstellationen, um Gewalt.

Den Titel haben sie aus strategischen Gründen geändert, schließlich soll ja nicht die Schweriner NPD im Publikum sitzen. Deswegen heißt das Stück jetzt: Immer spielt ihr und scherzt! Kampf in fünf Runden. Polizei war trotzdem bei den Aufführungen zu Hause dabei. Man kann ja nie wissen.

Das ttj finden sie jedenfalls toll: Tolle Leute, tolle Workshops, tolles Essen. Allerdings sollte es nicht eine Woche ttj sein, sondern ein Jahr. Und Hängematten wären schön. Die könnte man dann im Info-Zelt ausleihen.

Und was ist in Schwerin so los? Eigentlich nichts. Deswegen ist Schwerin nicht nur größtes Landeshauptdorf der Bundesrepublik, Beamtenstadt und BuGa-Stätte, sondern Selbstmach-Stadt – wenn man etwas will, muss man es selber machen. Zum Beispiel Theater.

Deswegen wälzen die Spieler von TaGGS jetzt Hemden im Bühnenstaub und binden Gummibärchen an Strippen. Sie hängen Wäscheleinen auf und stürzen von Gerüsten – sie freuen sich auf heute Abend.

Vielleicht wollen sie ja deswegen auch ein Jahr ttj: Wabe-City ist eben einfach cooler als Sieben-Seen-Aber-Nur-Eine-Lesebühne-Schwerin. Und: Wer da mit 25 nicht raus ist, kommt nie aus der Stadt. Sagen sie. Höchstens einmal im Jahr nach Berlin. Zum ttj. Das ist ja auch schon was.

Live auf Youtube – die Erste

Ein kurzer Blick in das Stück Immer spielt ihr und scherzt! Kampf in 5 Runden TaGGS aus Schwerin gemacht von Benno