Tag girls! girls! girls!

girls! girls! girls!: Mama ist die Beste

Mädchen von heute sind im Zwiespalt zwischen den Möglichkeiten, die ihnen die vorherigen Generationen erkämpft haben, und dem traditionellen Bild ihrer Rolle, das die Gesellschaft immer noch vertritt. Sie stehen irgendwo zwischen Karrierefrau und Sexsymbol, zwischen intellektueller und hausmütterlicher Herausforderung.

Die neun Spielerinnen des jungen Schauspiel Hannover durchtanzen in ihren Vorstellungen einen Parcours aus Sport, Schönheit und Sex, aus (gleichgeschlechtlicher) Zärtlichkeit, Wettkampf und Gruppengefühl, der sich zwischen beinahe abstoßend (Machen Mädchen so was wirklich?) und anrührend einpendelt.

In bunten Kleidern und barfuß erkunden sie im ersten Teil vor allem die Gruppe und ihre Position darin; es ist der aufregende, der energetischere Teil der Produktion, bei dem viel gleichzeitig passiert und man schnell den Überblick verliert. Innerhalb der Gruppe bilden sich Zweier- und Dreiergruppen und der Zuschauer kann die Komplexität der Beziehungen, die da von kindlichen Erwachsenen geknüpft und ausgelebt werden, beobachten – etwa wenn eine der jungen Frauen im wahrsten Sinne des Wortes hin- und hergerissen wird von zwei anderen; ein sehr naturalistischer Vorgang in der Lebenswelt pubertierender Mädchen.
Sie nähern sich einander und dem Zuschauer an, sie entfernen sich von ihm, wenn sie Dinge auf der Bühne tun, die ihn zum Voyeur machen. Dabei machen sie aber nie sich selbst zum Objekt, sondern viel eher den Zuschauer, der sich der Bildwucht und unangenehmen Gefühlen nicht entziehen kann und das wahrscheinlich auch gar nicht richtig will.

Im zweiten Teil ist der mädchenhaft spaßige Konkurrenzkampf vorbei, in der Frauenwelt gehört plötzlich auch die ehemals Gemobbte irgendwie dazu. Die Mädchen probieren sich mit offenen Haaren, weißen Unterkleidern und hohen Schuhen in erprobten sexy Positionen aus, laufen sie immer wieder ab und werden darin immer ruheloser. Diese Szene dauert irgendwie zu lang, auch wenn die Durchgänge immer wieder variieren.

Wenn es nicht mehr um Körperbild und Konkurrenz gehen kann, müssen Rollenbilder her. Zuerst eben jene Vampschablone, dann geht es weiter über das Ideal der Unbeflecktheit, das trotz aller Emanzipation immer noch über dem Frauenbild schwebt (nicht umsonst gibt es das Schimpfwort „Schlampe“, aber kein männliches Äquivalent). Zuletzt werden Schilder mit Namen großer Frauen von Mama bis Pina Bausch, die nun doch vorkommen muss im Tanztheater, ins Spiel gebracht, zuerst brav zugeteilt, später ist es dann ein Kampf um die eigene Person und das (geistige) Selbstbild, indem jede Tänzerin Rollen beliebig wechseln und präsentieren kann, vollkommen frei und egoistisch.

Seltsamerweise wird das Thema Männlichkeit nur angeschnitten und da eher isoliert betrachtet, weil sich alle Mädchen – bis auf zwei, die gleichzeitig mit einander herumbalgen – gleichzeitig als Männer verkleiden und deshalb eine Interaktion mit dem anderen Geschlecht nicht möglich wird.
Wahrscheinlich hätte die Inszenierung das gar nicht gebraucht, weil die Mädchen sich selbst erfahren und dazu kein Außen brauchen (anders als bei der Eröffnung ausgesprochen: „Der Mann setzt sich als Subjekt selbst und die Frau bekommt ihre Rolle als Objekt zugewiesen“).

Die Mädchen beeindrucken mit Natürlichkeit im Umgang mit dem eigenen Körper, sie zeigen, dass Mädchen heute eigentlich noch dieselben Probleme haben wie früher, obwohl es heute weibliche Bundeskanzler, Kirchenvorsitzende (a.D.) und Wachtmeister gibt.
Jetzt muss man nur noch entscheiden, ob das beunruhigend ist oder nicht.

girls! girls! girls!: Phylicia tanzt und schaut Lena in die Augen

Phylicia tanzt sich in die Katharsis. Mit einem Lächeln fliegt sie zu Boden, glücklich. Zuvor schmeißt sie den Körper hin und her, stampft mit den Füßen, schwitzt, verzieht ihr Gesicht an der Grenze zum Schmerz. Der Fokus ist während dieser gesamten Zeit auf sie gesetzt, das Publikum kann nicht anders als gebannt zu starren, die anderen Mädchen sind – mit einer Ausnahme – hinter der Bühne. Es ist der Höhepunkt eines ansonsten recht gewöhnlichen Stücks, das alles gewesen ist – nur nicht mutig.

“girls! girls! girls!” lebte nicht nur von den titelgebenden Mädchen, sondern auch von der ungezwungenen Offenheit, mit der diese ihre Freuden und Ängste zeigten. Es waren oftmals überspitzte Darstellungen und Bilder, die von ihnen selbst kommen und nicht vom Regisseur, ehrliche Wahrnehmungen ihrer eigenen Existenzen, oftmals übermütig inszeniert, oft aber auch einfach nur direkt. Es scheint ein organischer Prozess gewesen zu sein: Casting, Akklimatisierung, Auseinandersetzung, Überlegungen, Diskussionen, Bühne dunkel, Vorhang, Licht.

Es gehört aber nicht viel Mut dazu, sexy auf der Bühne zu sein (was sie waren!), es gehört auch nicht viel Mut dazu, auf der Bühne zu rauchen und zu trinken (was sie taten). Mut braucht es, den gesamten Fokus auf sich zu ziehen, zu tanzen, daran zu zerbrechen. Viele schöne Ideen gingen unter, weil so viel gleichzeitig passierte: Dort spielt jemand mit einer Bierdose, dort wird gecatcht, auf der anderen Seite spielen zwei einander an den Hälsen herum, in der Mitte wird ein Bein beschriftet, im Hintergrund läuft Popmusik und ein Mädchen, das irgendwie nicht zu der Gruppe zu gehören scheint, singt playback. Viel ist auch irgendwann genug.

Besonders ärgerlich: Der Versuch, Individualität zu zeigen, wird deutlich, das Zeigen wird jedoch unterlassen. Immer wieder läuft ein Mädchen an den Rand der Bühne und schreibt auf ein Stück Papier ihren Namen, das Alter, die Größe, das Gewicht und den Wunschberuf. Doch eine Auseinandersetzung damit fällt flach, weil schon wieder irgendjemand irgendwen schubst – und weiter geht’s, Collagen bauen. Vielleicht wollte die Gruppe auch einfach nur dem Namen die Treue halten: „girls! girls! girls!“ und nicht „girl! girl! girl!“

Wenn das Stück dann nach etwa vierzig Minuten Pause macht und die Mädels in weißen Kleidern umherlaufen, Posen einnehmen, still stehen, dann nimmt das zwar ein bisschen Schwung und Energie, was dringend nötig war nach dem ganzen Herumgerenne – aber doch bitte nicht so langweilig und so unfassbar frei von jeglicher Spannung.

Und damit wären wir wieder bei Phylicia. Denn der beste und spannendste Moment des gesamten Stückes war weder der Tanz (nah dran!) noch das glückliche Zu-Boden-Fallen (sehr nah dran!) noch die Geburt eines neuen Lebens, wo der Schmerzens-Schrei fast schon in einen Baby-Schrei mündet (okay, aber ein wenig zu plakativ). Nein, es war der Augenblick, an dem ein anderes Mädchen, Lena, die Bühne betritt und sie und Phylicia sich dann eine gefühlte Ewigkeit in die Augen schauen (Treffer!). Diese zweideutige, unausgesprochene Tiefe – die gab es viel zu selten.

(Darüber, ob das nun irgendwelche Ausdrücke von Emanzipation waren, ob das Stück die Handschrift eines männlichen Regisseurs trug, darüber, ob die Figur von Joana, die aus der Gruppe zu fallen schien, ausreichend thematisiert wurde oder ob sie einfach witzig anzusehen war dort oben beim Singen und etwas unbeholfenen Tanzen – darüber möchte ich hier jetzt nicht schreiben. Ich bin ja nicht verrückt.)

girls! girls! girls!: Wer sich Küsse von einer Zitrone verpasst

And I really need you now tonight – mit dieser Song-Aussage sind die Girls vom Jungen Schauspiel Hannover gestern in den Abend gestartet. I really need you.

Die Mädchen, die sich da auf der Bühne die Seele aus dem Leib tanzen, scheinen niemanden zu brauchen, sind genug mit sich selbst beschäftigt. Kann man Weib-lichkeit ohne männlichen Gegenpart konstituieren? Die Gruppe zeigt: Man kann. Denn was Männer können, können Mädchen schon lange: Sie können sich so klei-den wie sie, mit übergroßem Jackett, sie können so trinken wie sie, sie können sich so bewegen wie sie; sie fassen sich in den Schritt, stilisieren die Bierdose im Tanz zum heiligen Requisit, sie können so hemmungs-los ficken wie sie; sie pfeifen auf die Männer, indem sie Kondome zu zerplatzenden Astronautenhelmen aufbla-sen und die Kerle nicht mal mehr zum Küssen brau-chen.

Ist girls! girls! girls! damit eine Kampfansage? Eine Emanzipationserklärung? Die Ausrufezeichen stören, denn eigentlich ist das Stück der Hannoveraner viel-mehr eine Ohne-Satzzeichen-Produktion, ein spieleri-scher Versuch, Mädchen-Sein, Weiblichkeit zu fassen – und damit letztendlich auch die eigene Identität. Biogra-phien, die auf ein Flipchart passen: Name, Alter, Größe, Gewicht, Berufswunsch. Irgendwann beginnt die Ver-bindlichkeit dieser scheinbar feststehenden und simplen Größen zu bröckeln: Das Gewicht wird ausgelassen, der Berufswunsch durchgestrichen und neu versucht, irgendwann steht da nur noch der Name.
Die Spielerinnen probieren zu dramatischer Orchester-musik unterschiedliche Posen aus, immer mehr, immer eiliger, bis ihr Spiel schließlich zu einem immer schnel-leren Positionswechsel wird: Wenn eine umfällt, wird sie eben ersetzt.

Die neun jungen Frauen aus Hannover rufen verschie-dene Bilder, Klischees, Vorurteile zum Thema Frau-Sein auf und erproben sie auf unterschiedliche Weise an sich selbst. Was bedeutet Fitnesswahn? Workout mit Kick-boxen und Po-Übungen? Oder küsst man sich lieber gegenseitig die Erdbeertorte aus dem Dekolleté? Ein-zelbilder verschmelzen zu Gruppenbildern, Zufallsbe-wegungen zu Tanzchoreographien; man lässt sich Küs-se von einer Zitrone verpassen.

Das alles hinterlässt einen starken Eindruck beim Zu-schauer. Wegen des Engagements. Wegen der Stärke. Wegen des Muts. Da darf es auch mal ein Zuviel sein: zum Beispiel an Feminismus-Topoi (oder warum wurde da ein rotgetränkter Tampon ausgesaugt?) oder an Selbstberührung; aber eben kein Zuviel an Schreien, Schubsen, Hopsen. Denn dieses Zuviel hat dem Stück gestern mehr als einmal das Potential zur Zartheit ge-nommen, ebenso wie die fast immer gleich energiege-laden-schnulzige Musik, die doch so irgendwie gar nichts mit Mädchen von heute zu tun haben schien; während die ruhigen Momente des Stücks im zweiten Teil dann eher lähmend als bloß verlangsamend wirk-ten.
War das die volle Weiblichkeit, die da gestern auf die Bühne gebracht wurde? Das bleibt fraglich, weil offen bleibt, welches Frau/Mädchen-Sein noch neben Stö-ckelschuhen und Schönheitsidealen möglich ist; ob wirklich nur die Playback-Isolation auf einem Podest bleibt, wenn man als Mädchen eben nicht diese be-wundernswerte Stärke hat, mit der das Ensemble aus Hannover gestern dem Publikum entgegen getanzt ist.

girls! girls! girls!: Stimmen zum Stück

(m)

Du bist echt zu früh, lass uns mal einen Moment +++ alternativ +++ waghalsig +++ intensiv, brutal, hat mich berührt +++ ich frage mich, ob das Stück genauso gut gewesen wäre mit Schauspielerinnen, die nicht so gut aussehen +++ Die ersten 40 Minuten haben wir noch super verstanden +++ Die ersten 40 Minuten waren Hammer, weil es einfach Frauen waren, die zeigen, was Frauen bewegt +++ ich bin total begeistert +++ ich fand’s richtig klasse +++ Hut ab +++ Es war das zweitverwirrendste Stück, was ich je geseh’n hab – Das Verwirrendste war ein polnisches Stück, wo niemand gesprochen hat +++ hat mich total angemacht +++ zu hell +++ wir müssen Kinder kriegen +++ ohne Worte, genau wie das Stück +++ Daumen hoch +++ viele Emotionen +++ sie haben um ihr Leben gespielt +++ Ich bin jahrelanger Biertrinker und bin beeindruckt, dass in dieser ziemlich ordentlichen Geschwindigkeit das Clausthaler geext wurde +++ ich bin tierisch begeistert, wie man so lange Choreos machen kann +++ krass +++ ultrahammer +++ mein erstes Tanztheater +++ es war ein sauberer Einstieg – es war ein ehrenvolles Ende +++ Tanztheater ist nichts für mich, aber das war richtig krass +++ mutig +++ Respekt +++ ich fand es hochwertig +++ Was ist die Mehrzahl von Fokus? +++ konditionelle Meisterleistung +++ die Mädels waren … gut (Lachen der umstehenden Frauen) +++ bei dem Stück standen tolle Frauen auf der Bühne – das hat mir gefallen +++ sieht man nicht alle Tage +++ ich habe Kaputtheit gesehen +++ ich habe unglaublich engagierte Frauen gesehen +++ Niveaulos, aber geil +++ Das Stück gestern war schon ziemlich krass. Das Stück heute war noch viel, viel krasser. Und ich dachte vorher, dass wir schon krass sind. +++ der Schrei hat mir wehgetan

(w)

Ja +++ keine Ahnung +++ interessant +++ emotional +++ lustig +++ keine Scheu und keine Scham +++ bewundernswert, wie man in dem Alter so aus sich rausgehen kann +++ ich könnte niemals – auch wenn ich ein Junge wäre – so einfach eine Bierdose exen +++ wow, wie viel Kraft Sexualität haben kann +++ es ist wunderbar, so viele wunderschöne Mädchen auf einem Ort zu sehen +++ Ich glaub, den Damen hat’s Spaß gemacht +++ so soll ttj sein: sich sehen +++ mir hat’s nicht so viel gesagt +++ verrückt +++ ich bin ganz sprachlos +++ absolut beeindruckt, ich hab irgendwann nur noch geheult +++ übertrieben – und das war gut +++ ich fand’s nicht so gut +++ mit hat’s nicht so gefallen +++ is nich’ ganz mein Ding +++ ich hab gelacht und geweint +++ langweilig +++ was soll das jetzt? +++ ich konnte keine Geschichte erkennen +++ sehr mutig +++ provokant +++ sehr befreit +++ was für die männlichen Zuschauer +++ da ist man ein ganzen Ticken stolzer, ein Mädchen zu sein +++ geil trifft’s am besten +++ also, meine Freundeee sind jetzt grade alle aufs Klo +++ ich halte die ersten 30 min für ekelig und hab sie nicht verstanden +++ viel Tanz, viel Action, viel Spannung, viel Freude +++ man kann Benazir Bhutto nicht mit Monica Lewinsky vergleichen +++ richtig geil +++ die Soloszenen waren gut +++ mutig, wie sie sich offenbart haben und Blöße gezeigt haben +++ weiter so, Mädels, geht euren Weg! +++ Das Stück hat nicht wenig Inhalt, sondern eine Menge Interpretationsspielraum +++ richtig gute Unterhaltung +++ ich fand es Hammer, Hammer geil +++ ich hab das nicht so erwartet +++ hin und weg – richtig begeistert +++ absolut witzig gemacht +++ total toll +++ eigentlich kann ich dazu gar nichts sagen +++ eins der besten Theaterstücke, die ich je gesehn habe +++ ich glaube, ich hab’ noch nie ein Theaterstück gesehn, wo ich durchgehend gedacht habe: weiter machen! +++ Krank +++ das muss weh getan haben +++ Oh, mein Gott! +++ super Körperbeherrschung +++ Inhalt: najaaa – ganz viel Klischees und Frauenbilder +++ wahrscheinlich war der Regisseur ein Mann +++ I was amazed +++ Ich habe mich in die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre zurückversetzt gefühlt +++ Ich dachte, die Zeiten hätten wir hinter uns +++ Ich finde es herrlich, dass wir Europäer so früh ficken

girls! girls! girls!: “You never walk alone”

“You never walk alone” knallt auf den Amboss in meinem Ohr, F.A.-Cup-Finale zwischen Liverpool und Man City, 80.000 Frauen heben die Fäuste und donnern los, was das Zeug hält. Während ich noch sitze gestern Abend, habt ihr den Schwanz mir aufgeblasen bis ich geplatzt bin, mir die Eier abgeschnitten und sie Loriots berühmte viereinhalb Minuten und dann hart gekocht. Liebe kommt und kommt.

In meinem Kopf läuft parallel eine Inszenierung von unbekanntem Regisseur ab, “Boys, boys, boys”“ zeigt Männer in Röcken, die sich schminken, die sich Ohrschmuck und Seidenschals umhängen und trotzdem nicht schwul sind – weil es darum gar nicht geht.

Diesen Traum, ich kenne ihn, ich hänge mir Pappschilder um, wenn ich zu Hause vorm Spiegel stehe, dann bin ich Klaus Kinski, Michael Jackson, Henry Miller und David Bowie. Ich weine vor dem Spiegel, wie ich geweint habe auch, in den letzten Minuten gestern Abend. Ich weine um den Traum einer unerfüllbaren Liebe, einer nicht zu erreichenden Wirklichkeit und plötzlich weiß ich: Immer will ich der Andere sein, immer gibt es eine neue Verwirklichung, kaum habe ich etwas erreicht, muss ich fliehen.

Manchmal denke ich, ich werde fünf Tage, sechs, sieben Tage nicht aufs Klo gehen, um annähernd zu wissen, wie es ist, eine Melone auszuscheiden. Ich möchte mit Euch pressen, schreien, möchte mit Euch tanzen und dann wieder habe ich Hunger auf Heimat, auf Bleiben und Vertrauen. Schlagsahne steht auf dem Kaminsims, weil sich Helmut und Liselotte im zweiten Frühling gerne abends noch einseifen. Ob es möglich ist oder ein Traum bleibt?

Ihr habt gesungen vom Loslassen, vom Fallenlassen in die Arme der Anderen, vom Ficken – hemmungslos ficken und dabei man selbst bleiben.

Als Eure Lederstöckel den Boden bequietschen, denke ich an einen Knebel aus Latex, der einer Person in den Mund eingeführt wird, um sie am Reden und Schreien zu hindern. In meinem Kopf habt ihr Bilder ausgelöst: Wann steigt endlich weißer Rauch über dem Vatikan auf, während alte Säcke rufen: „Habemus Mamam“?!

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
Der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.

Ave Maria, in deinem weißen Kleid betrittst Du die Spielbühne, die Rasenfläche und legst den Ball auf dem Elfmeterpunkt. Niemand kann Dich halten.

girls! girls! girls!: Das ist die längste Beziehung, die ich jemals hatte

Wenn man den neun Mädels von girls! girls! girls! gegenübersitzt, dann sieht man ihnen an, dass sie vor allem Spaß haben. Kennengelernt haben sie sich Ende 2008 bei einem Casting in Hannover, bevor die Arbeit dann richtig los ging. Mit Intensivproben in den Ferien, bei denen sie zwei Wochen lang jeden Tag ungefähr acht Stunden geprobt haben, und Blöcken von je vier Stunden in der Woche nach der Schule haben sie der Premiere im Mai 2009 entgegengearbeitet. Vor Probenbeginn gab es zwar ein grobes Konzept, dass es ein Mädchen-Tanz-Projekt werden sollte, aber eigentlich haben die Tänzerinnen das Stück in der Arbeit mit ihrem Regisseur und Choreographen zu dem gemacht, was es jetzt ist.

Die Bewerbung beim ttj war damals eher „einfach so“, sie haben nicht wirklich damit gerechnet, eingeladen zu werden, weil sie wissen, dass sie mit dem Tanztheater in der Jugendtheaterlandschaft eher aus dem Rahmen fallen. Natürlich freuen sie sich trotzdem, dass sie nach Berlin kommen durften. Vor allem freuen sie sich, dass endlich einmal viele Jugendliche ihr Stück sehen werden, weil die Altersspanne bei ihren Vorstellungen zu Hause eher groß ist, und dass sie einmal ganz viele andere Theaterstücke mit Jugendlichen ansehen können.
Außerdem wissen sie schon von Gastspielen, dass es cool ist, mit dem „Haufen Freundinnen“ wegzufahren, zu dem sie nach eigener Aussage in den letzten anderthalb Jahren geworden sind.

Die Workshops gefallen ihnen, sagen sie nach dem ersten Festivaltag, weil da niemand ist, dem es peinlich ist, irgendwas vorzumachen vor den anderen – und sie finden es ein seltsames Gefühl, dass das jetzt ihr Preis ist, weil das ist, als hätten sie dafür „irgendeine große Leistung vollbracht“ (das kann jetzt noch niemand wirklich hier beurteilen, aber das werden sie wohl haben…).

Wenn sie girls! girls! girls! demnächst abgespielt haben, können sich alle vorstellen, Theater und Tanz mindestens als Hobby weiterzumachen, wenn nicht sogar später einmal professionell als Beruf.

Übrigens: Der Arbeitstitel, unter dem das Casting damals noch lief, war „Weibsbilder“. Da ist doch girls! girls! girls! eindeutig charmanter, oder?