Tag Familiengeschichten

Familiengeschichten – Kind und Kuschelhase

Schwere Geschütze haben die Spieler des jungen schauspielhannover mit ihrem Stück Familiengeschichten gestern aufgefahren. Ein Junge, der zehn Jahre lang so tut, als würde sein Vater noch leben; ein Mädchen, das auf einmal zwei Väter hat; ein anderes, das nur einen hat, aber von dem ein Kind erwartet; eine Trennung schon vor der Hochzeit. Es fallen Sätze wie: „Dumm bist du, und hässlich bist du auch“ und: „Er ist tot. Juchhu!“.

Es fällt einem manchmal schwer, den Spielern diese Geschichten zu glauben. Die Texte wirken nicht authentisch genug und sie werden auch nicht überzeugend genug gesprochen, zum Beispiel, wenn der deutsche Junge erfährt, dass seine Freundin schwanger ist, und er sagt: „Damit habe ich nicht gerechnet.“ Oder wenn der erste persische Papa erklärt, warum er zehn Jahre lang nicht nach Hause gekommen ist: Das Wetter war Schuld. Ausgerutscht. Gedächtnisverlust. Auf einmal ist ihm wieder alles eingefallen. Auch die Gefühle sind wieder da, für Frau und Kind und Kuschelhasen.

Aber man soll diesem Ensemble auch gar nicht alles glauben, das wird schnell klar. Es ist immer wieder ein Spiel im Spiel, die Darsteller verlassen ihre Rollen und erzählen uns ihre eigenen Geschichten am Mikrofon, beziehen Stellung zu der gerade gezeigten Szene. Dann treten sie wieder zurück und spielen weiter. Damit zeigen sie, dass sie nur spielen.

Familiengeschichten – Ein Fest vom Feinsten

Foto: Maria Hennig

Foto: Maria Hennig

Ich hatte gestern gute Laune. Ich hatte gestern richtig gute Laune. Und soviel gelacht habe ich schon seit Wochen nicht mehr. Im Zelt wurde getanzt. Und gegrinst. Und gelacht. Und sogar ordentlich geflirtet. Was war passiert?

Das gestrige Stück war vor allem ein Eisbrecher. Die letzten drei Stücke waren harte Kost. Folter, Tyrannenmord, Amoklauf. In „Familien-geschichten“ war alles locker flockig. Nicht, dass es keine ernsten Elemente enthielt, aber die Komik und der Witz haben jegliche Traurigkeit und Bedrücktheit überschattet. Im positiven Sinne natürlich. Das ganze war wie eine bunte Feier, ein lustiges Treiben, ein Musical, beinahe sowas wie Stand Up Comedy. Jede Miniatur wurde ad absurdum geführt. Und wenn auch manchmal Aussagen nicht ganz konsequent erschienen, so hat es in sich nicht gestört. Schließlich handelte es sich um Dystopyen. Klischees, die man durchbrechen wollte, indem man aufzeigt, wie schwachsinnig sie sind.

Verdammt scharfzüngig war das ganze auch. Ich habe die ganze Zeit mitgeschrieben. Ein Zitat übertraf das andere. Mein persönlicher Favorit war die Szene mit dem verschwundenen Vater. „Ich war Zigaretten holen. Und dann bin ich ausgerutscht und habe mein Gedächtnis verloren“, war einfach zum Schießen. Und provokant war das Ganze auch. „In Deutschland verbrennt man keine Bücher“, da mag der eine oder andere gestutzt haben, doch ehe man fähig war, etwas zu sagen kam der provokante Nachtrag: „Ok, nicht mehr“.

Familiengeschichten – Oje? Oh yeah!

Eigentlich ist das überhaupt nicht meine Art von Theater und in den ersten zehn Minuten dachte ich auch: „Oje. Oje, Oje.“ Es war mir zu laut, zu gewollt lustig, zu frontal, zu realversucht und zu kindisch. Und all das fand ich auch später zwi-schendurch wieder. In überzeichneten Soap-Szenen und dem rauen Umgang mit sensiblen Themen. Auch bin ich konzepti-onell nicht ganz überzeugt.

Ich habe die ganz großen Klischees gese-hen, die gehörig auf die Schippe genom-men wurden, das fand ich gut. Allerdings haben diese Themen neben ihrer ober-flächlichen auch eine sensible, tiefere Sei-te, der das Stück nicht gerecht wurde, trotz der schönen Einblendungen der per-sönlichen Meinungen und Geschichten der Spieler. Aber das ist eine Frage der Vor-gehensweise und der eigenen Emotionali-tät bei gewissen Themen und das ist nicht die Frage hier. Überhaupt dachte ich zwar oft „Oje.“ Aber nicht nur.

Irgendwann wurde aus „Oje“ „Oh yeah“. Und zwar im Moment der ersten Szene mit der gesamten Gruppe, als die Figuren zur Musik verschiedene Bewe-gungsmuster zeigten. Ich sah innige Um-armung, Streit, körperliche Gewalt und Versöhnung und einen Hauch von Leich-tigkeit, der über die Bühne wehte. Sie nehmen sich nicht zu ernst, aber man sieht ihnen die Freude am Spiel an. Sie mögen sich versprechen und es kann auch sein das man ihnen ihre überzeich-neten Figuren nicht abkauft, aber dieses Stück hat Ehrlichkeit und das finde ich ganz wunderbar!

Familiengeschichten – Reise nach Absurdistan

Foto: Maria Hennig

Foto: Maria Hennig

Es gibt Dinge, die muss man verschweigen, um andere Dinge, die man nicht verschweigt, mögen zu können. Und es gibt Momente, in denen man durchhalten muss, um den Moment darauf erleben zu können.

In den ersten zehn Minuten von „Familiengeschichten“ bereitete ich mich auf eine Katastrophe vor. Die Dialoge klangen für mich zu dramatisch, zu sehr geschrieben und nicht authentisch. Die Schauspieler auf der Bühne waren sichtlich nervös, lachten über ihren eigenen Humor; im Hintergrund tranken sie aus Wasserflaschen und sprachen miteinander, vergaßen womöglich das Publikum oder ignorierten es schlicht. In den choreographierten Szenen wussten einige nicht, wo sie hinsollten, stießen gegeneinander, zuckten mit den Schultern, lächelten, was nun? Es ärgerte mich.

Der erste Bruch, der kam: Der Ehemann ist eifersüchtig, sieht an seiner Frau einen Ring, entdeckt ein Kuscheltier, stellt sie zur Rede. Sie verbittet sich die Anschuldigungen, er steigert sich immer weiter rein. Irgendwann, da zückt er eine Pistole und ich sinke in meinen Stuhl. „Pistole!“, denke ich mir. Das macht man doch im Theater nicht, wenn man nicht weiß wozu. Es schien, als wüssten sie nicht wozu.

Familiengeschichten – Stimmen zum Stück

+++ Also, ich fands gut +++ Es war sehr, äh, kultikulturell +++ Die Komik, des fand ich super, weil immer wieder lustige Sachen und dann wieder härtere, traurigere Themen, das hat mich angesprochen +++ krass +++ hat sehr viel Spaß gemacht +++ ich hab geweint und gelacht, gehofft und mich gefreut +++ wahnsinnig lebendig +++ heiter +++ Die Gruppe ist wahnsinnig über sich hinausgewachsen, hat sich wahnsinnig weiterentwickelt seit letztem Jahr. Und ganz tolle Einzelleistungen +++ lustige Sachen dabei +++ schöne Bilder dabei +++ Das war wirklich das beste Publikum, es war sehr sehr schön zu spielen +++ hammer, klasse, supergut +++ superfrech +++ sehr, sehr gut, überraschend +++ begeisternd, wenn private Geschichten auf die Bühne gebracht werden, grad bei solchen Hintergründen, und trotzdem werden alle Klischees gebrochen +++ die Spielfreude, richtig geil +++

Familiengeschichten – Eindrücke, Fragen, Sachen zum Sagen

Aaaaaaaaalso. Familiengeschichten. Am Ende eins in Fresse zu kriegen war wunderbar. Besonders bei der deutschen Familie dachte ich: So ein Scheiß. Und zack. Am Schluss: Auf´s Maul.

Während der bunten neunzig Minuten full of Spielfreude und Spaß habe ich mich gefragt: Wie haben die Darsteller (oder wer?) die einzelnen Familien konzipiert? Was haben sie gelesen? Was gehört? Wonach ausgewählt? Und überhaupt: Wie viele der Spielideen stammen von euch? Die Tomatensoße kleckert vom Teller auf den toten Vater. Saugeiles Bild. Von euch? Ich will nicht unterstellen, dass einige Ideen nicht von den Spielern sind. Ich möcht´s wissen. Und werde euch fragen.