Tag Essay

Revolution der Parese – Gedanken zum Schluss

Mit den Worten, das Theatertreffen der Jugend sei eine Utopie, die gelingt, eröffnet Martin Frank das Theatertreffen der Jugend. Plötzlich wird die Revolution reloaded, während wir in der Redaktion noch über „Die Räuber“ diskutieren, klaut jemand mein gesamtes Hab und das auch noch gut. Die neu eingeführten Redezeit-Buttons werden beim ersten Nachgespräch von der Gruppe zunächst zu Körperschmuck degradiert. Im Spielleiterworkshop treten mittelalte Männer als sturköpfige Nerds oder verunsicherte Seppelhosen auf, während „Girls! Girls! Girls!“ ihnen die Penisse um die Wette aufbläst.

Es ein feministisches Festival, ein Aufbruch, der jedem Mauerfall zu Grunde liegt. Es geht ums Loslassen, ums Fallenlassen und Vertrauen, die unschuldige Diktatorin Anna Blume wird zu Grabe gepflanzt. Während aus lauter Angst die jungen Männer noch mit Hodenschmerzen und gebrochenen Beinen in umliegende Krankenhäuser gehamletet werden, beginnen Selbstauslöser uns ins Festival zu tanzen – wozu schöne Männer vom Himmel regnen und ihre Körper zeigen.

Ich persönlich bin das dritte Jahr hier. Jedes Jahr zieht sich eine nur still wahrzunehmende Dramaturgie durch die neun Tage, es passiert etwas, das mit Entwicklung zu tun hat, mit einem jeweiligen Problem, an dem gekämpft wird. Am Donnerstagabend entziehe ich mich, weil ich das Loslassen lerne und also praktizieren muss gleichzeitig. Ich höre mir in Berlin eine Lesung an, ich vergesse für einige Stunden das Festival, ich habe Angst, der Redaktionsleiter wird mir den Hals umdrehen. Auf dem Rückweg treffe ich in der Tram Leute vom Festival und sie wirken fremd auf einmal, sie wirken wie von einem anderen Stern, sie stecken in einem Kosmos, der so verrückt zu sein scheint, dass er die Wahrheit erkennen kann. Am nächsten Morgen begebe ich mich ebenso zurück, ich erkranke sofort, überall um mich herum brechen Schnupfen und Halsschmerzen aus, werden Tabletten geschluckt – das Festival ist ein Herd der Neurosen, ein Herd, der zu heilen versucht.

Ich beobachte, wie die Mädchen mit genau diesen und jenen Jungen flirten, es ist immer ein anderes Prickeln, ein anderes Schwingen und jedes Mal scheint es dennoch gleich zu funktionieren, jedes Mal ist es ein Schauspiel mit den gleichen Neurosen, die nach Freud sich durch Mütter und Väter regeln.

Ich habe dieses Jahr ein sehr feministisches Festival erlebt, ob in den Gesprächen, ob in den Stücken. Ein Mauerdurchbruch einer Generation, für die Gleichberechtigung kein Fremdwort mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, die praktiziert wird – die rote Farbe aus der Revolutionsfahne ist in die Tische Dänemarks gewandert.

Ich erinnere mich an das Jahr 2009, damals hat der Tod der Überväter eine Rolle gespielt. Diese haben wir heute überwunden, ihre Einstellungen zu Frauen, ihre Ansichten zu Beziehungen. Der Joghurt, den wir löffeln, wird kaum mehr diskutiert – 2009 war das ein großes Thema gewesen – stattdessen werden wir stilfrei und tanzen freistil. Der Tod hat 2009 eine Rolle gespielt, fast in allen Stücken ist er vorgekommen. Heute läuft die neue Chefin vons Janze schwanger über das Festivalgelände und wir sind bereit, unsere Ansichten neu zu gebären.

So gesehen hat Martin Frank recht behalten: Das Theatertreffen der Jugend ist eine gelingende Utopie, der Gedanke an eine Kommune, die zusammenkommt, um eine Entwicklung zu durchlaufen, die durch die Welt da draußen hindurchgeht, ihr in Geschwindigkeit voraus ist. Natürlich wehren sich unsere Körper. Natürlich brechen all unser Ekel und all unsere Besessenheit nach den althergebrachten Regeln unsere Eltern ein weiteres Mal auf.

Doch am Ende machen wir den Zuschauerraum zur Tanzfläche, wir stampfen die Fläche durch, die uns auf die Ohren gehauen hat, wir schauen wieder auf, wir trauen uns, loszulassen und verlieren uns nicht. Es ist kitschig zu glauben, dass es funktioniert, aber – so ist es.

Für die offene Tür: Zum Kritisieren im angemessenen Rahmen

Das Theatertreffen der Jugend ist nicht nur dafür da, um zu präsentieren, sondern auch, um zu diskutieren, miteinander zu sprechen. Deswegen freuen wir uns über die Rückmeldung der Düsseldorfer Theatergruppe am Goethe („Müssen nur wollen“), deren Spielleiter Nurcan Selek und Hendrik Kung sich nach einem persönlichen Gespräch mit der Redaktion unter der Überschrift „Im Ton vergriffen“ nun auch schriftlich zu den FZ-Kritiken äußert:

„Ein kritischer Blick auf Theaterstücke ist wichtig. Es ist wichtig, den Mut zur Ehrlichkeit zu besitzen und die Theatergruppen nicht aus falscher Freundlichkeit zu schonen. Die Festivalzeitung hat sich offenbar genau das zum Motto gemacht. Hier wird hinterfragt, kritisiert und provoziert.

Zwar lesen sich die stilistisch einwandfreien Texte gut, jedoch erzeugen sie durch ihre teils reißerische Art oft auch Unmut. Dabei geht es weniger um den Inhalt der Kritik, als um dessen Präsentation. Die Texte greifen zwar niemanden persönlich an, sind aber in einer Schreibweise verfasst, die grundsätzlich von oben auf die Stücke hinabzublicken scheint.

Eine Festivalzeitung, die zusätzlich auch noch über den Festival-Blog im Internet präsent ist, schafft Öffentlichkeit.

Wir sind der Meinung, dass man sich zu Recht beschwert, wenn Gruppen und Stücke in dieser Öffentlichkeit auf eine Art und Weise kritisiert werden, wie man das sonst nur hinter verschlossener Tür tut. Nach der mittlerweile breit geäußerten Kritik an dieser Machart hoffen wir, dass die Redaktion der Festivalzeitung sich an dieser orientiert und Kritik im angemessenen Rahmen äußert.“

Nach dem in der zweiten FZ-Ausgabe abgedruckten Essay „Zum Schreiben übers Spielen“, in dem es um das Schreiben von Kritiken, das Kritisiertwerden und das Verhältnis zwischen Autor und Schauspieler geht, soll an dieser Stelle nun erneut auf diese Problematik eingegangen werden.

Zunächst eine Klarstellung: Alle Stücke sind aus einer großen Anzahl an Bewerbungen ausgewählt und prämiert worden. Dieser Erfolg soll auf diesem Festival nicht geschmälert, sondern zu allernächst gefeiert werden.

Allerdings geht es auch um eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen Inszenierungen und denen der anderen Teilnehmer. Austausch ist dabei der wohl wichtigste Aspekt und zeigt sich in den Aufführungsgesprächen, in den Workshops, im Festivalzelt, aber eben auch in der Festivalzeitung.

Ein Festival, egal welcher Art, lebt von der Offenheit, der Öffentlichkeit, lebt davon, in einem Diskurs miteinander zu stehen, Türen zu öffnen und nicht zu schließen. Dabei sind die Grundsteine schon gelegt: Dass die Produktionen beispielhaft und herausragend sind, steht in den Urkunden; warum sie es sind, in den Jury-Texten. Die Festivalzeitung ist dazu da, Reibungspunkte, Schwächen, aber auch Stärken herauszuarbeiten, sie deutlich zu benennen – und damit Ansätze für das zukünftige Arbeiten anzubieten, nicht nur durch die redaktionellen Beiträge, sondern auch die der Festivalteilnehmer.

Was ist dabei der angemessene Rahmen? Zunächst: Die Festivalteilnehmer und ihre Beiträge werden ernst genommen, ohne Samthandschuhe und Zurückhaltung der Meinung. Dabei setzen sich die Kritiken konstruktiv und argumentativ mit den Stücken auseinander: Gesehenes wird beschrieben, Meinungen werden begründet. Die Redakteure nehmen zwar durchaus eine Außenperspektive ein, weil sie nicht als Spieler in das Festival involviert sind, aber sie blicken nicht auf die Stücke herab, weder grundsätzlich noch teilweise. Das wird auch an der Form sichtbar: In jeder Ausgabe sechs Seiten zum Stück, vier davon Kritiken, in denen mehrere Redakteure verschiedene persönliche Standpunkte einnehmen, ohne persönlich zu werden. Klar, es fühlt sich nie gut an, kritisiert zu werden. Aber wie die FZ in ihrer zweiten Ausgabe im eingangs erwähnten Essay schon geschrieben hat:

„[…] wir wollen euch nicht wehtun, wir wollen euch kitzeln; indem wir beobachten, festhalten, nachfragen, nachdenken, reflektieren. Und unsere Leser sollten das eine nicht vergessen, wenn sie über uns urteilen: dass wir auch ein Stück von uns selbst in dieses Festival geben.“

Und das gilt nach wie vor.

Text: Lydia Dimitrow und Khesrau Behroz

Der Tenor der Zeit

Sprechen hat früher auf der Bühne immer so funktioniert: Jeder Mensch auf der Bühne hatte eine Rolle und wenn im Textbuch der Name der Rolle stand, hat man den Text dahinter gesagt.
So weit, so gut.

Seit einiger Zeit ist es aber in Mode, die Rollen aufzuweichen und aus den vom Autor gezeichneten Bildern eine lustige Suppe zu kochen, bei der Texte (das reicht von wenig bis alles) von einem Teil oder gesamten Gruppe gleichzeitig gesprochen werden. Dieses chorische Sprechen steht in antiker Tradition. Bei Sophokles gibt es Chöre, die das gemeine Volk darstellen. Wenn der Chor chorisch spricht, dann wirkt das gewaltig, weil es laut ist und kraftvoll (und so soll es ja auch sein, die antike Demokratie auf der Bühne quasi).

Auch hier beim ttj hatten wir bis jetzt jeden Abend mindestens einmal chorisches Sprechen. Oder Sprechsingen. Was macht diese – durchaus schwierige oder zumindest Übung erfordernde – Art zu sprechen so attraktiv für alle Theatergattungen?

Klar, es klingt bombastisch, wenn verschiedene Stimmen das gleiche zur gleichen Zeit sagen und auch Stimmen, die sich gut mischen (so beobachtet und bewundert am ersten Abend mit den beiden Mädchen, die Spiegelberg gesprochen haben), wenn die Grenzen zwischen den Körpern allein durch die akustische Einheit des Textes verschwimmen. Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass es sofort seine Attraktivität und den Zauber verliert, wenn das Sprechen nicht akkurat genug ist und anfängt auseinander zu klappern, zu laut und offensichtlich angeatmet wird oder sogar – ohne es als Stilmittel zu gebrauche – eingezählt wird. Die Sprechenden brauchen ein Höchstmaß an spielerischer Offenheit und Sensibilität für ihre Mitspieler.

Also: Wozu das alles?

Wenn eine Rolle doppelt oder dreifach besetzt ist, dann rutscht das Individuum in den Hintergrund.
Da steht kein Einzelner mehr und ist DIE Emilia Galotti oder DER Karl Moor, stattdessen gibt es eine Gruppe, die den einzelnen Spieler gleichzeitig schützt und als Mitglied einer größeren Gruppe durch den direkten Vergleich mit den anderen Karls und Emilias angreifbarer macht als er alleine wäre.

Für Schulgruppen und Jugendclubs hat das natürlich den technischen Vorteil, dass man auch mit vielen Leuten Stücke mit wenigen Figuren spielen kann und nicht die zusammengefassten Rollen aufteilen muss, außerdem stärkt es durch das Einswerden mit einander das Gruppengefühl und den -zusammenhalt.

Darüber hinaus hat das vermehrte Einsatz des chorischen Sprechens meiner Meinung auch einen gesellschaftlichen Hintergrund.

Als Gegenbewegung zur Leistungsgesellschaft, in der Dinge wie Teamarbeit und Social Networking zu Notwendigkeiten stilisiert werden, werden richtige Gemeinschaften und wirkliche Gespräche miteinander wieder zum Trend. Man will nicht mehr einzeln sein, auch nicht auf der Bühne.

Chorisches Sprechen ist dabei aber kein Zeichen purer Gleichmacherei nach dem Motto „So, ihr seid jetzt mal alle Emilia!“. Innerhalb der Gruppe ist der Einzelne auch für sich, im festgelegten Rahmen sind Bewegungen, Gestik und Mimik frei und zeigen eben die Individualität der Spieler. Jeder ist einzeln und in der Gruppe.So kann eine Figur zu einer vielschichtigen, beinahe multiplen Persönlichkeit werden, kann – natürlich nur bei entsprechender Vorlage – eine Tiefe und bisher unbekannte Facetten der Figur vermitteln.

Die Vorteile von chorischem Sprechen werden von vielen Theatermachern gesehen. Wo man auch hinguckt, trifft man Regisseure, die ihre Spieler in Gruppen sprechen lassen und traditionelle, dramatische Stücke als Dialoge mit Hang zu Textflächen behandeln – man kann sich inzwischen fast sicher sein: Irgendwann wird immer chorisch gesprochen.

Nur: Wenn man so was eine Woche lang jeden Abend sieht und hört oder wenn das sowieso immer hört, wenn man ins Theater geht, dann berührt das nicht mehr. Ich stumpfe ab gegen die Kraft und den bestimmten Ton, den viele Stimmen gleichzeitig erzeugen. Das ist schade.

Weil es eigentlich eine schöne Idee ist.

P.S.: Nach einer Woche jeden Abend chorisches Sprechen: Das nächste Mal vorm Theaterbesuch einfach abchecken, ob der Regisseur zum Chor neigt. Klappt leider auch nicht hundertprozentig. Nur Not hilft da dann nur noch nicht ins Theater gehen, sondern zu Hause bleiben. Da klappt‘s immer ohne Chor.

Gegen die ungefährliche Seite – Zum Schreiben übers Spielen

Gestern hat der Juryvorsitzende Martin Frank mit uns – der FZ-Redaktion – einen Workshop gemacht. Wir haben Stöcke balanciert und geworfen und gefangen und dabei erfahren, was es mit uns macht, wenn wir GESEHEN werden. Wie die Unsicherheit steigt, der Stock wackelt, die Kraft nachlässt. Martin Frank sagt, das sei der fundamentale Unterschied zwischen dem Spielen und dem Schreiben: Ein Schauspieler werde gesehen, ein Autor nicht. Der Schauspieler müsse, um auf die Bühne zu gehen, erst seine Angst überwinden Ein Autor müsse sich niemandem direkt aussetzen, könne sich hinter seinem Text verstecken, spüre keine Angst.

Martin Frank und die Stöcke haben mich zum Nachdenken gebracht: über den Unterschied zwischen Spieler und Autor, über das Verhältnis zwischen den beiden. Denn die letzten beiden Theatertreffen der Jugend inklusive der Rückmeldungen der einzelnen Gruppen in der Dokumentation des ttj09 haben mir gezeigt: Schreiber und Spieler stoßen auch mal zusammen auf so einem Theatertreffen (der Jugend). Und zwar immer dann, wenn sich FZ lesende ttj-Spieler zu Unrecht, zu hart kritisiert fühlen. Und das ist ja auch gut, denn Meinungs-AUSTAUSCH kann ja nur bei unterschiedlichen Meinungen zustande kommen, und genau das wollen wir ja: Austausch, Kommunikation, (konstruktive) Konfrontation. ABER: Wird in dieser Konfrontation nicht allzu oft Martin Franks These zum fundamentalen Unterschied zwischen Schreiben und Schauspielern zum Hauptargument? Als Autor habe man es ja leicht, sei man ja immer auf der ungefährlichen Seite?

Aber welche ist die ungefährliche Seite? Auf jeden Fall: die der Schublade, die des Mülleimers, die des Tagebuchs. Doch sobald man mit dem, was man tut, was einem etwas bedeutet, hinaus in die Welt geht, sind die ungefährlichen Zeiten vorbei: Man macht sich angreifbar. In einem Text steckt immer ein Stück vom Autor selbst: Man gibt sich preis, zumindest zum Teil, und ist damit nicht weniger präsent als der Spieler auf der Bühne. Wer schreibt, will gelesen werden. Wer gelesen wird, schafft Kommunikation. Und gerade in einem solchen Mikrokosmos wie dem ttj, dem Festivalzentrum WABE ist Kommunikation so leicht und so unmittelbar: Wohinter soll ich mich verstecken, wenn ich vorm Klo, an der Fassbrausezapfsäule, im Zuschauerraum auf einen meiner Texte, eine meiner Rezensionen angesprochen werde? Und vor allem: Warum sollte ich mich denn verstecken?

Also: Auch der Autor setzt sich aus. Dem Leser. Und in einem solchen Kontext wie beim ttj ist das durchaus direkt zu verstehen. Genau deswegen macht ein Autor es sich nie leicht mit einem Text. Die FZ nimmt euch, die Festivalteilnehmer, ernst. Gerade deswegen wollen wir auch, dass man unsere Kritiken ernst nimmt – aber nur als das, was sie sind. Denn daraus wollen wir keinen Hehl machen: Unsere Rezensionen werden immer mal wieder in anderer Form erscheinen. Mal als große, konstruktive Kritik, mal nur als flüchtige Momentaufnahme, als Stimmungsbild, Erst-Eindruck, als Assoziation oder Beobachtung. Und vielleicht werden wir auch mal in voller Fahrt am richtigen Ton vorbeischlittern. Gerade WEIL wir die Stücke ernst nehmen, weil wir uns leidenschaftlich – und eben auch mal kurzschlusshitzköpfig – mit einem Stück auseinandersetzen.

Ja, Kritik kann wehtun, kann verletzen. Die Pseudo-Abmilderung, dass sei ja alles nicht persönlich gemeint, ist zwar wahr, aber nichts wert, weil man eben doch dazu neigt, jeden Angriff auf die eigene Leistung, das eigene Produkt als Angriff auf die eigene Person zu verstehen. Denn wie hieß es gestern auf dem Hornbach-T-Shirt eines Chemnitzers? „In jedem Projekt steckt ein Teil von dir.“ Genau so ist das bei Schauspielern, Regisseuren oder Musikern.

Und das soll bei Autoren anders sein? Weil sie nicht bei jedem Leser live daneben sitzen? Man will sich fast verleiten lassen zu sagen: Der Autor ist auf der noch viel gefährlicheren Seite – denn er ist allein. Da ist kein Ensemble, das mit ihm zusammen für ein Produkt steht, das ihn stärkt und auffängt. Eben keine Moment- oder Kollektiv-Entscheidung, die einen schützt. Man neigt dazu, den Text als Instanz zu betrachten, von ihm absolute Gültigkeit zu erwarten, immer das treffendste Wort, größtmögliche literarische/journalistische Raffinesse… Und unter diesem Druck, unter dieser Erwartung soll der Autor keine Angst haben? Nur weil ihm niemand beim Schreiben zusieht? Autoren HABEN manchmal Angst. Gerade vielleicht bei solchen Treffen wie dem ttj, denn hier schreibt man doch noch viel mehr als sonst nicht für sich selbst, sondern für andere: Wir schreiben FÜR EUCH.

Kritik kann verletzen. Im Rahmen eines Workshops schreibt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff neben einen meiner Texte: „entsetzlich/ unsäglich öde/ abgeschmackt/ idiotisch“. Wohinter kann ich mich da verstecken? Was soll ich da nicht persönlich nehmen? Kritik kann wehtun. Das wissen wir. Aber wir wollen euch nicht wehtun, wir wollen euch kitzeln; indem wir beobachten, festhalten, nachfragen, nachdenken, reflektieren. Und unsere Leser sollten das eine nicht vergessen, wenn sie ÜBER UNS urteilen: dass wir auch ein Stück von uns selbst in dieses Festival geben.

Bühne ist, wo Du bist – Ein Essay zum Festivalstart

Was eine Bühne ist, das ist schwer zu sagen. Manche meinen, sie sei ein Podest, auf das man sich stellt und das Menschen dann anstarren, in tiefer Faszination oder großem Entsetzen. Andere sagen, eine Bühne sei eine begrenzte Fläche, sie habe ein Publikum, sonst würde sie nicht funktionieren und sie müsse sich in einem Raum befinden, mit Sitzplätzen und Lichtanlagen und Musik. Wieder anderen behaupten, so etwas wie Bühnen würde es nicht geben, nur Plattformen und sie würden damit die Überheblichen zurück auf die Erde holen.

Es gibt aber auch welche, die behaupten, Bühne sei alles, Bühne sei grenzenlos, Bühne sei immer und überall, zeitlos. Für Bühne brauche man keinen Termin, keine Vereinbarungen, müsse nur aufwachen und hinauslaufen, den Dingen hinterjagen. Unter diesen Umständen einigen wir uns doch darauf zu sagen: Bühne ist, wo du bist.

Denn um nichts anderes geht es auch auf dem Theatertreffen der Jugend: Nicht nur die Bühne will bespielt werden, sondern auch das Festivalgelände. Nicht nur die Stücke in der Wabe wollen faszinieren, sondern auch die vielen Gespräche außerhalb. Hier ist die Bühne immer und überall, hier kann gespielt, nur so getan, geträumt werden. Die Möglichkeiten, die wir bekommen, entscheiden darüber, was wir werden. In der Hoffnung, tragend zu sein, buhlen die unterschiedlichsten Dinge um das Vertrauen.

Das ist mit dem Theatertreffen der Jugend nicht anders: Im Rahmen des Festivals werden viele Sachen angeboten, viele Stücke werden angeschaut; sie alle entscheiden darüber, wie wir das ttj wahrnehmen wollen und wie wir sie wahrnehmen werden. Der Erfolg hängt davon ab, wie sehr die Möglichkeiten ausgereizt werden. Die einen werden jede Veranstaltung wahrnehmen, überall dabei sein, andere jedoch werden schweigen, in der Ruhe beobachten, Impressionen aufsaugen und sie dann, wenn überhaupt, später überarbeiten. Auch das ist Teil des ttj-Daseins: Jede Annäherung wird akzeptiert, jeder Umgang respektiert, Kennenlernen durch Austausch.

Was also kann vom Theatertreffen der Jugend erwartet werden? Das ist einfach zu beantworten: Angebote. Alles kann getan, vieles gelassen werden. Alles jedoch wird auf seine Art glücklich machen. Niemand wird gezwungen, die Dinge zu tun, die getan werden können. Aber hat man einmal verstanden, was das ttj bedeutet und wie selten so ein Zusammentreffen ist, dann fällt es gar nicht so schwer – gar nicht so schwer! – immer und überall Bühne zu sehen, immer und überall zu sein.