Tag Bühne

Bildbühne

Foto: Dave Großmann

Es könnte auch im Nichts gespielt werden. Einfach nur der Boden, er könnte reichen. Und tatsächlich gibt es auch Stücke, die das tun, Kammerspiele oft, zwei Körper, die miteinander kämpfen, Bühne als Boxring, da braucht man nicht viel.

Doch Theater heutzutage ist selten mehr so leicht, vor allem auf den großen Bühnen. Es werden immer aufwändigere Bühnenbilder produziert, komplizierte Konstruktionen, die von Nach- bis zur Neubildung reichen, vom Abbild einer vermeintlichen Realität bis hin zu Träumereien. Über Kunst und Geld redet man zwar wenig, aber Theater kostet was, heutzutage mehr denn je.

Interessant ist, was wir beim Theatertreffen der Jugend alles sehen: Es reicht von relativ einfachen Bühnenbildern wie bei „girls! girls! girls!“ (zum Tanzen braucht man eben Platz), eher chaotischen wie bei „Müssen nur wollen“, cleveren und multifunktionalen wie bei „Revolution Reloaded“, bis hin zu aufwändigen, großen, sehr wahrscheinlich auch recht teuren Konstruktionen wie bei „Zu schön für diese Welt“, wo eines selbstverständlich ist: Wenn der Zuschauer den Raum betritt und ein Monstrum von Bühnebild vor sich hat, fängt er mit dem Nachdenken, Staunen, Fasziniertsein schon an, bevor das Stück überhaupt begonnen hat, es brennt sich in den Kopf, macht sich nicht so leicht vergesslich.

Das Kino und das Theater nehmen sich im Grunde genommen nicht viel: Zuschauer müssen in die Häuser gelockt, beeindruckt werden. Kammerspiele gibt es in den kleinen Läden, Geld wird damit aber wohl kaum verdient. Mit Technik hat man aber schon immer Leute fasziniert, seien es die ersten Farbbilder oder die ersten Science-Fiction-Streifen, die ersten Animations- oder die ersten 3D-Filme. Lässt das Zuschauerinteresse nach, wird die Branche nervös, sucht nach neuen Wegen. Im Theater ist das kaum anders: Es besteht großes Interesse daran, die Zuschauer an sich zu binden, damit sie immer wieder vorbeischauen. Es bringt ja nichts, wenn man untergeht. Zurzeit buhlen so viele Medien gleichzeitig um die Gunst und die Zeit der Konsumentinnen und Konsumenten, dass es völlig natürlich ist, wenn auch oberflächliche Lockmittel eingesetzt werden. Kommt ein Gelegenheitsbesucher in das Theater und sieht ein Feuerwerk an Effekten, beeindruckenden Bildern, die hängenbleiben, so kommt dieser vielleicht häufiger vorbei. „Was man so alles auf der Bühne machen kann!“, wird womöglich einer der vielen Kommentare sein. Große Investitionen lohnen sich also.

Ist das nun ärgerlich oder einfach nur der natürliche Lauf der Dinge? Eine einfache Antwort darauf ist nicht möglich, jeder Regisseur, jedes Theater, jeder Intendant geht unterschiedlich mit den Herausforderungen um, jeder hat unterschiedliche Wahrnehmungen und Ansätze. Bei den einen geht es schief, weil oftmals Bühnenbilder ganze Stücke tragen, die ansonsten wohl ziemlich mittelprächtig gewesen wären. Bei den anderen funktioniert es wunderbar, denn vor allem die völlig absurden Traumwelten, die oftmals auf Bühnen gezaubert werden, verlangen nun mal aufwändige Produktionen und die sind heutzutage – zumindest in den großen Theatern – einfacher zu erschaffen denn je. Sogar Jugendclubs können es sich leisten, der Kreativität freien Lauf zu lassen, alles etwas größer zu machen. Als Beispiel sei hier wieder „Zu schön für diese Welt“ genannt, das mit einem aufwendigen Bühnenbild mit vielen Requisiten aufwartet. Technisch ist es auch recht aufwendig, da jede Kabine noch ein eigenes Licht hat und separat ein- und ausgeschaltet werden muss. Jugendtheater kann sich solche Spielereien in aller Regel nicht leisten, muss mit weniger auskommen und sich denselben Kriterien stellen, die an allen anderen Stücken auch angelegt werden, um ein Urteil über sie zu fällen.

Große Konstruktionen machen andererseits auch fauler, weil weniger abstrahiert, dafür aber umso mehr produziert wird. Jeder, der in der Schule Darstellendes Spiel hatte, weiß: Wenn ich behaupte, dass etwas ist, dann ist es das auch. Wenn ich auf einen Stuhl zeige und behaupte, das sei ein Auto, dann ist das auch ein Auto. Wenn ich darauf aber nicht mehr angewiesen bin, weil man es sich auch leisten kann, einfach mal ein Auto auf die Bühne zu fahren, dann geht etwas verloren, was in meinen Augen das Theater so einzigartig macht.

Bühne ist, wo Du bist – Ein Essay zum Festivalstart

Was eine Bühne ist, das ist schwer zu sagen. Manche meinen, sie sei ein Podest, auf das man sich stellt und das Menschen dann anstarren, in tiefer Faszination oder großem Entsetzen. Andere sagen, eine Bühne sei eine begrenzte Fläche, sie habe ein Publikum, sonst würde sie nicht funktionieren und sie müsse sich in einem Raum befinden, mit Sitzplätzen und Lichtanlagen und Musik. Wieder anderen behaupten, so etwas wie Bühnen würde es nicht geben, nur Plattformen und sie würden damit die Überheblichen zurück auf die Erde holen.

Es gibt aber auch welche, die behaupten, Bühne sei alles, Bühne sei grenzenlos, Bühne sei immer und überall, zeitlos. Für Bühne brauche man keinen Termin, keine Vereinbarungen, müsse nur aufwachen und hinauslaufen, den Dingen hinterjagen. Unter diesen Umständen einigen wir uns doch darauf zu sagen: Bühne ist, wo du bist.

Denn um nichts anderes geht es auch auf dem Theatertreffen der Jugend: Nicht nur die Bühne will bespielt werden, sondern auch das Festivalgelände. Nicht nur die Stücke in der Wabe wollen faszinieren, sondern auch die vielen Gespräche außerhalb. Hier ist die Bühne immer und überall, hier kann gespielt, nur so getan, geträumt werden. Die Möglichkeiten, die wir bekommen, entscheiden darüber, was wir werden. In der Hoffnung, tragend zu sein, buhlen die unterschiedlichsten Dinge um das Vertrauen.

Das ist mit dem Theatertreffen der Jugend nicht anders: Im Rahmen des Festivals werden viele Sachen angeboten, viele Stücke werden angeschaut; sie alle entscheiden darüber, wie wir das ttj wahrnehmen wollen und wie wir sie wahrnehmen werden. Der Erfolg hängt davon ab, wie sehr die Möglichkeiten ausgereizt werden. Die einen werden jede Veranstaltung wahrnehmen, überall dabei sein, andere jedoch werden schweigen, in der Ruhe beobachten, Impressionen aufsaugen und sie dann, wenn überhaupt, später überarbeiten. Auch das ist Teil des ttj-Daseins: Jede Annäherung wird akzeptiert, jeder Umgang respektiert, Kennenlernen durch Austausch.

Was also kann vom Theatertreffen der Jugend erwartet werden? Das ist einfach zu beantworten: Angebote. Alles kann getan, vieles gelassen werden. Alles jedoch wird auf seine Art glücklich machen. Niemand wird gezwungen, die Dinge zu tun, die getan werden können. Aber hat man einmal verstanden, was das ttj bedeutet und wie selten so ein Zusammentreffen ist, dann fällt es gar nicht so schwer – gar nicht so schwer! – immer und überall Bühne zu sehen, immer und überall zu sein.