Tag Aussteigen auf freier Strecke

Aussteigen auf freier Strecke: WTF???

Foto: Jan Stroetmann

Man kann – höret und staunet! – leidenschaftlich schlecht spielen und ein leidenschaftlich schlechtes Stück auf die Bühne bringen. „Aussteigen auf freier Strecke“ gestern Abend war nicht einmal das. Da sind sieben Menschen auf der Bühne, haben absolut null Körperspannung, sprechen ihre Sätze halt so da hin und bauen völlig abstruse, naive Bilder, um ihre Ost-West-Geschichten zu erzählen. Im Hintergrund werden immer wieder kleine Filmchen eingespielt, die ablenken und dabei nicht einmal besonders spannende Dinge zeigen. Ständig wird ein Telefon herumgereicht, die eine Schauspielerin spricht zu leise, die Musik legt sich oftmals ungewollt über die Sprechenden, die – eben weil sie zu leise sprechen – sich nicht dagegen wehren können. Währenddessen: reger Betrieb am Tisch. Da passiert so allerlei, da werden Brote geschmiert und irgendwelche Sachen gegessen, die Figuren werden zu Privatpersonen, was sicher gewollt gewesen sein könnte, aber selbst so etwas kann man geschickt lösen, ohne abzulenken. So war es viel zu groß, viel zu riesig, insgesamt null Sinn für Feinfühligkeit, grob wie ein Streuselkuchen.

Dabei fängt das alles nicht einmal so schlecht an. Das Stück ist in den ersten fünf Minuten, wenn die Figuren präsentiert werden, sogar recht witzig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen interessant aus, einige haben sogar einen Ausdruck im Gesicht, wirken eigen, zwei von ihnen schaffen es durch das Stück hinweg, wenigstens ein klein wenig die Katastrophe zu tragen, aber auch sie scheitern, weil es bei einem Ensemble-Stück gar nicht anders gehen kann. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen und „Let it be“ singen, geht alles im Eiltempo den Bach runter. Die Spielerinnen und Spieler geben einfach auf. Schluss. Aus.

Unterirdisch: Die emotionalen Szenen, die in ihrer Inszenierung so eintönig sind wie das Piepen im Krankenhaus, wenn jemand dahinscheidet. Da kommt eine verzweifelte Dame an die Grenze, will hinüber, darf aber nicht, sie dreht sich Richtung Publikum, schaut gen Himmel, Video im Hintergrund, jemand möchte von der Mauer springen, cut. What the fuck? Ein Pärchen will über die Grenze hinweg. Die beiden haben jedoch null Chemie, spielen, als wären sie gerade zwangsverheiratet worden. Sie machen eine kleine Odyssee durch und kriechen über und unter einen Tisch, um das darzustellen. Ein typischer Fall von „Wir hatten eine konzeptuell gute Idee und konnten einfach nicht davon lassen“ – wie ein Autor, der überflüssige Sätze nicht streichen kann, weil er so sehr in sie verliebt ist. Die Idee mit dem Tisch ist eine an sich ja recht witzige, aber die Situation wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man aus ganz anderen Gründen schockiert ist. Die Szene wird dem Inhalt absolut nicht gerecht, ist fast schon beleidigend in ihrer – schon wieder! – Naivität.

Es ist schlicht und ergreifend ärgerlich. Denn wenn nicht einmal Jugendliche es schaffen, das Ost-West-Thema neu anzupacken, für frischen Wind zu sorgen, das dokumentierte Material für ein spannendes Stück interessant zu verwerten – wer zum Teufel dann?

Aussteigen auf freier Strecke: Ausgestiegen auf freier Strecke

Foto: Jan Stroetmann

Voller Begeisterung hätte ich gerne gestern Abend zugeschaut. Aber, um ehrlich zu sein, liebe DTler – und das mag ich versuchen zu sein –, gestern Abend hat Euch jegliche Körperspannung und Artikulationsluft gefehlt, um mich mitzureißen. Und auch, wenn ich davon absehe und nur das Thema und Eure Mittel betrachte, bleibe ich ratlos mit der Inszenierung.

Zunächst weiß ich nicht, was Ihr mir erzählen wolltet. Soll heißen: Warum ist es gerade die DDR, mit der sich diese sieben jungen Menschen auseinandersetzen? Nicht nur welche Meinung, sondern auch warum ihr sie mir artikuliert, hätte ich gerne erfahren. Wenn zwei Figuren als Flüchtlinge über den Tisch klettern und dann aufatmen: „Wir haben es geschafft!“ dann denke ich daran, dass an dieser Mauer Menschen erschossen wurden und Eure Tischszene im Grunde zwischen Frechheit und Naivität auseinanderfällt. Das Erschießen wurde auch thematisiert, ja, aber es wurde nicht verbunden mit der Szene, die begleitende Angst kam nicht rüber. Und selbst, wenn es keine realistische Darstellung sein sollte, so fehlte mir die klare Positionierung zum Nicht-Realistischen. Ich stelle mir vor, dazu muss es in größtmöglicher Übertreibung ironisiert oder gebrochen werden.

Konkret heißt das: Körperspannung und Bewusstsein für das Ziel der Szene, sowie ein Verständnis für das Ironische in ihr. Klar war mir gestern Abend nicht, was Euer Spielkonzept ist. Wann habt Ihr Sachen ernst gemeint? Gab es Szenen, die ernst gemeint waren? Wenn ja, welche? Und warum? Gab es Szenen, die nicht ernst gemeint waren?

Eure Mittel waren mir nicht klar. Zu sehen waren eine Projektion vom Tageslichtprojektor, eine Videoprojektion mit Mauerschiebenden, zahlreiche Zettel mit Notizen und Fragen im Raum verteilt – aber das Stück hat das alles nicht gebraucht. Das Stück und auch ein bisschen Ihr als Spieler standen neben den Requisiten und haben diese Museumslandschaft in einem scheinbar zufälligen Kontinuum bespielt.

Viel interessanter hätte ich gefunden, was IHR mir zu sagen habt, was Euer Anliegen ist, DDR- und BRD-Bewohner wieder aufleben zu lassen bzw. ihre heutigen Ansichten nachzuspielen. Vielleicht wisst Ihr es, aber gestern kam nicht rüber, was zum Lachen, was zum Weinen und was zum Wütendsein gedacht ist. Ich habe Eure Positionierung nicht sehen können und somit hat mir schnell die Motivation gefehlt, Euch zu folgen.

Aussteigen auf freier Strecke: Stimmen zum Stück

+++ Ich hab schon spannenderes Recherchetheater gesehen +++ das Stück hat mir gefallen, ich bin ja selber aus dem tiefsten Osten +++ die Fakten haben mich bewegt +++ diese Traurigkeit in der Ost-West Spaltung hat sich für mich widergespiegelt +++ die Thematik hat mich sehr interessiert +++ es war total ergreifend, irgendwie +++ es hatte Längen +++ schauspielerisch fand ich die Leistung nicht so groß +++ sie haben nicht gemeint, was sie gesagt haben +++ Schauspieler unmotiviert +++ hat mich nicht mitgenommen +++ ich konnte damit nicht viel anfangen +++ wusste ich alles schon +++ wichtiges Thema und super interessante Herangehensweise +++ teilweise schauspielerisch gut +++ fand es schade, dass das Stück so wenig Applaus gekriegt hat, ich fand nämlich, dass es eine engagierte Leistung war +++ Langatmigkeit bringt so ein Thema manchmal mit sich +++ man hat sie kaum verstanden +++ Sonnenallee für sehr, sehr arme Menschen +++ blöd, dass das Publikum am Schluss gar nicht reagiert hat +++ ich fand gut, was sie aus ein paar Interviews gemacht haben +++ ich bin ganz nachdenklich jetzt, möchte ganz viel noch mal lesen über Mauer und so weiter… es arbeitet in mir +++ ich finde toll, wie sie rangegangen sind an das Thema; ich muss jetzt überlegen, was es mit mir gemacht hat +++ schön schief schnarch +++ ich muss erstmal ein Stück drüber schlafen +++ es fehlte an Kraft +++ coole Thematik, schön viele Meinungen, aber leider ist wegen der Sprache viel verloren gegangen +++ ein sehr wertvolles theaterpädagogisches Thema +++ hätte ich das Stück noch vor der Geschichtsklausur gesehen… +++ es hat mir Geschichten erzählt und mir OST/WEST neu eröffnet +++ ein paar Schicksale in einem großen Konflikt +++ ich bin enttäuscht, es ist so ohne Spannung dahingeplätschert +++

+++ sie haben zu viel gegessen auf der Bühne +++ die Ossis haben zu wenig erzählt auf der Bühne +++ Farbe beim Trocknen zuschauen ist spannender +++ ich möchte meine Stunde Lebenszeit zurück haben +++ mittelmittel +++ ich fand es arg unter der Gürtellinie +++ die Energie schwindet schwindet… steigt wieder an … schwindet schwindet … +++ Bilder, die gleich kommentiert wurden, sind langweilig +++ aus der spannenden Arbeitsweise, wurde wenig reingenommen +++ der Anfang war super, hat mich gefesselt, dann ist die Spannung runtergegangen +++ hat mich sehr beeindruckt +++ Ich dachte, es wird langweilig, aber es war richtig cool – ergreifend +++ es hat mich sehr beeindruckt +++ ausgezeichnete Schauspieler +++ ich gucke mir manchmal auch meine Heizung an wenn ich sie aufdrehe +++ ich dachte, das mit Ost-West wäre schon vorbei, aber man sieht: es geht noch weiter – es gibt noch eine Trennung in den Köpfen +++ Höhepunkt hat gefehlt +++ eher für ältere, also für die Festivalteilnehmer nicht so ansprechend +++ talent- und ahnungslos +++ die Mauer ist gefallen +++ sehr, sehr gut +++ ich mag alte Pionierslieder +++ gut, aber zu wenig Impulsiv; man hätte mehr draus machen können +++ beeindruckend, dass Menschen in meinem Alter sich so mit dem Thema beschäftigen und ein Stück daraus machen +++ teilweise zu leise gesprochen +++ hat mich an tolle alte Zeiten erinnert +++ interessant, ich finde es spannend, dass die Geschichte zu einer Art Anekdotensammlung wird +++

Aussteigen auf freier Strecke: Ein gesamtdeutsches Stück

Ich treffe einen aufgeweckten, zusammen gewürfelten Haufen aus sieben Berlinern an den pinkfarbenen Tischen unter dem Festivalzeltdach. Heute Abend spielen sie die „Mauerexpedition“. Ich frage, wie sie sich gefunden haben, was für eine Art von Stück uns heute Abend erwartet, wie es entstanden ist und was man vielleicht vorher wissen sollte, um besser mitzukommen.

Im Mai letzten Jahres sind einige von ihnen aufgebrochen um mit dem Fahrrad den ehemaligen Mauerstreifen abzufahren und dort mit der Kamera Interviews zu führen. Aus den Gesprächen mit Zeitzeugen unterschiedlichster Art ist eine Dokumentation entstanden. Dann wiederum wurden neue Leute am Jungen DT gesucht, um aus dem gesammelten Material ein Theaterstück zu machen. Das sei kein Problem gewesen, sondern spannend, sich neu zusammenzufinden und gemeinsam das Material zu entdecken. Jeder hatte die Möglichkeit, sich die Geschichten auszusuchen, die ihm gefielen und daran weiterzuarbeiten. Großer Zufall und großes Glück eigentlich, dass es sich nachher so gut zusammengefügt hat.

Gemeinsam haben sie noch weiter recherchiert, sind ins ehemalige Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde gefahren und haben die Interviewpartner noch mal wieder getroffen. Dabei waren alle Gruppenmitglieder gleichermaßen Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler. Es waren auch andere Formen für das Stück in der Diskussion, wichtig war ihnen, eine zu finden, in der klar ist, dass sie Vermittler zwischen der Figur – die es ja im Original als Interviewpartner gibt – und dem Publikum sein können. Dafür war diese „Laboratmosphäre“ genau die richtige. Heute fühlen sie sich sehr, sehr verbunden mit dem Thema und dem Stück.

Wenn sie sich für heute Abend ein Publikum wünschen dürfen, dann sollte dieses natürlich wach und interessiert sein. Das Stück sei auf jedem Fall eines, bei dem sich was öffnen könne beim Publikum. Für danach wünschen sie sich, dass keiner nach Hause geht, sondern alle im Festivalzelt bleiben. Zum Unterhalten, zum wirklichen Austausch. Sie würden auch die Gitarre wieder mitbringen. Der Mann mit der Volkspolizistenmütze sei auch auf jeden Fall sehr nett und lasse mit sich reden.

Aufgefallen sei ihnen noch, das man in diesem Mikrokosmos ttj kaum etwas von dem mitbekomme was in der Welt so vor sich ginge. Aber toll sei es hier auf jeden Fall, die Stückauswahl ist bunt und einen Unterschied zwischen den Berliner Jugendclubs und Schultheatergruppen aus kleineren Städten gäbe es keinen.

[Auch die FZ findet, dass der Aufforderung, wach um 20 Uhr in die Wabe zu kommen und auch so wieder rauszugehen, um im Festivalzelt Sause zu machen, unbedingt nachzukommen ist!]