Tag Amoklauf mein Kinderspiel

Amoklauf, mein Kinderspiel – Amoklauf, meine Güte!

Foto: Dave Großmann

Foto: Dave Großmann

Ich war gestern gut unterhalten. Ich genoss das Impuls-Gewitter: Hakenkreuz! Rot! Nebel! Flyer! Schüsse! Explosionen! Ohrenbetäubender Lärm! Schreie! Tritte! Stampfen! Ich genoss es, leicht unterhalten zu werden. Sollte das Ziel des Ensembles gewesen sein, mir Bilder ins Hirn zu brennen, so haben sie das Ziel erreicht. Ich erinnere mich nämlich noch sehr lebhaft an die sehr lauten Momente, erinnere mich an den großen Hollywood-Showdown; Michael Bay hätte sich vor Neid in die Hosen gemacht, Will Smith den amerikanischen Unabhängigkeitstag für ungültig erklärt.

Es wird im Eiltempo alles mitgenommen. Szenen werden gestellt, Szenen werden gespielt, jemand kommt aus der Szene raus, erklärt, springt wieder in die nächste Szene, jemand anderes kommt heraus, erklärt und der nächste ist an der Reihe. Die Familien sind scheiße und wohl schuldig, die Lehrer sind Arschgeigen und wohl schuldig. Die eine ritzt sich die Arme auf, die Andere kotzt in die Toilette; das alles vorgetragen mit der Feinfühligkeit und Grobheit eines Streuselkuchens.

Ich war gestern gut unterhalten! Ich habe Effekte in meinem Kopf, Erinnerungen an ein Impuls-Gewitter. Wie ein Kind, das am Mutterrock zupft und nach einem Bonbon und Aufmerksamkeit verlangt. Immer wieder ein Effekt nach dem anderen; Schaut auf mich, ich habe hier was zu erzählen! Man lebe ja noch, da solle man sich nicht beklagen! Unfreiwillig komisch; Gesang war eindeutig nicht die Stärke des Ensembles.

Amoklauf, mein Kinderspiel – Seltsame Menschen, diese Kinder

Das große Klischee Amoklauf auf der Bühne. Ich habe Angst, vor dem Stück, sitze und denke: Was werden sie daraus machen?

Als Klischee kann ich es im Nachhinein nicht bezeichnen, als Amok sehr wohl.

Ein Amoklauf im Theater gegen das Publikum gegen die Erwartungen eines Einzelnen und hoffentlich gegen das Lachen der Leute die es nicht verstanden haben.

Diese Leute die Lachen an so einem wichtigem Punkt („Man darf sich nicht beklagen man lebt man lebt“) diese Leute sollten rausgehen und ihren Kopf abnehmen, etwas herumwerfen, wieder anmontieren und vielleicht würden sie dann merken wie genial diese Szene war und würde um Vergebung bitten, dass sie gelacht haben.
Doch danach kam auch für mich der Zeitpunkt an dem ich dachte jetzt driften sie wieder in dieses Klischee.
Pseudoschocken war angesagt, indem sie mit drei Fingern, als Waffe dienend, aufs Publikum zugelaufen wird und so getan als würde man auf sie schießen, wow ich bin echt geschockt.

Dann fingen sie an „Krieg“ zu spielen. Eine wunderschöne Szene, mit tolle Licht-, Nebel- und Soundeffekten.
Doch wozu? Bei so einem aktuellen und unfassbaren Thema wie Amok und sie rennen auf der Bühne herum und im Publikum und machen Krieg. Da habe ich mich gefragt ist das noch Theater oder „Der Soldat James Ryan“ auf einer Theaterbühne und ohne Spielberg.

Dennoch war ich sehr beeindruckt und konnte die Augen kaum abwenden. Das Stück hat mich berührt und wenn ein Stück jemanden berührt hat sich die Arbeit für die Gruppe gelohnt, dann überwogt auch das positive über dem negativen.

Allerdings hoffe ich innerlich, dass das Thema Amok in den nächsten Jahren nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt, da es nach Winnenden hoffentlich keinen mehr geben wird.

Amoklauf, mein Kinderspiel – Der Amokläufer in mir

Foto: Dave Großmann

Foto: Dave Großmann

Sechs Spieler, die versetzt auf Stufen stehen. Dem Publikum gegenüber, keiner von ihnen auf einer Ebene mit dem Zuschauerraum. Die Zuschauer werden angestrahlt, die Gesichter der Spieler bleiben im Dunkeln. Man sieht nur ihre Umrisse, aber dafür im grellen Licht jedes einzelne Haar, das vom Kopf absteht. Und je mehr man versucht, doch etwas zu erkennen in ihren Gesichtern, desto mehr wird hier schon klar, dass, wenn man etwas von außen betrachtet, man manchmal vielleicht jedes Detail zu erkennen meint, das Wesentliche aber im Dunkeln bleibt. Man kann sich nur an Umrissen orientieren.

Der Raum ist von chorisch-rhythmischem Sprechen der Spieler erfüllt. Es wirkt wie eine Litanei, die einem eingehämmert werden soll: „Man darf sich nicht beklagen: Man lebt. Man lebt.“ Eine Melodie löst sich vom Sprechen ab, später noch eine. Hier wirkt das chorische Sprechen nicht immer ganz sauber, deswegen schrammt das Ganze immer leicht an der Kakophonie, trotz der erkennbaren sängerischen Qualitäten des Ensembles.

„Man darf sich nicht beklagen: Man lebt.“ Immer wieder mischt sich eine trotzige Antwort in den Chor: „Tu ich nicht!“ Und der Zuschauer muss sich fragen, worauf das ist die Antwort ist – beklagt man sich nicht? Oder lebt man nicht?

Amoklauf, mein Kinderspiel – Amoklauf kein Kinderspiel

Wer jetzt lacht, wird erschossen. Nein, nicht ganz. Wer jetzt lacht, hätte zu Hause bleiben und fernsehschauen können. Das war das, was mir wie ein tibetisches Mantra oder nach kaputtem Roboter klingender Sprechgesang durch den Kopf ging. Man darf sich nicht beklagen.

Nein, das darf man wirklich nicht – über das Stück. Eine halbe Unendlichkeit, wegen mir hätte es ruhig eine ganze sein können. Spannung muss aushaltbar sein – auf der Bühne und für Zuschauer.

Theater kann, darf, soll und muss anstrengend sein. Unterhaltung können wir auch abends im Zelt erledigen. Somit Danke für die Spannung zwischen den Räumen! Ich meine hinterher öfters gehört zu haben, man sei doch ein wenig platt und fühle sich, als sei man selber mit gerannt. Klingt besser als der Satz: „Es war aber lustig fand ich und so, ne?“.

Ich will dieses Stück verteidigen. Und das nicht, weil ich es perfekt fand und nicht, weil ich den Kritikpunkten, die man daran finden kann, widersprechen will.

Amoklauf, mein Kinderspiel – Die Heimat ist nicht schusssicher

Pumm. Peng. Knall. Und Aus.
Einige hätten wohl gesagt: Effekthascherei. Nun ja. Mir egal. Nebel. Warnleuchten. Geballer. Fakt ist: Ich war bewegt. Zum Schluss dachte ich: Hört auf, hört auf. Hört auf, verdammt noch mal! Und im selben Moment: Die Wirkung, die die Potsdamer haben wollten?

Die Suche nach Halt und Persönlichkeit. Pseudoautoritäten. Leere Moral. All dies steckte scheinbar hinter den Griechenlandurlauben, Verschwörungen von Eltern und Lehrern und Kleingartenvereinen. Nach und nach begreife ich das. Im ersten Moment waren mir die Gründe zu allgemein. Zu populär vielleicht. Jetzt frage ich mich: Sind sie exemplarisch zu verstehen? Sind sie gerade weil sie mir so „geläufig“ schienen, ernst zu nehmen? Die Birne glimmt noch. Und leuchtet schleichend stärker. Würde es gerne ein zweites Mal sehen. Ich habe mir während der Vorstellung und danach und eben noch Stichworte zu bestimmten Stichworten notiert und für die FZ zusammengestellt. Lest selbst:

Spiel? Als Gruppe: Meist dynamisch, körperlich und leicht. Alle immer auf der Bühne. (Und vor allem: Da! Die Meisten meistens jedenfalls.) Immer was zu gucken. Als Einzelne: Fast jeder Darsteller konnte in einem schwachen Moment erwischt werden: Äußerlich, leise oder irgendwie gleich oder unkonzentriert. Aber nie durchweg! Schwache Momente eben. Die hat jeder mal.

Amoklauf, mein Kinderspiel – Stimmen zum Stück

+++ Ich hätte was Anderes erwartet +++ Hab ich grad ein Grummeln im Magen! +++ Effekthascherei, ich habe mich am Ende an Grönemeyer und „Kinder an die Macht“ erinnert gefühlt +++ geballte Energie +++ Ich will mit schießen! +++ Man darf sich nicht beklagen +++ Power +++ gut, das reicht +++ kraftvoll +++ das erste Stück, das hier seine Berechtigung hatte +++ Endlosschleife +++ Selbstgeltungsbedürfnis der Täter +++ Die Technik nimmt Überhand im zweiten Teil +++ spielerisch: Wahnsinn +++ konkret genug, um nicht verallgemeinert zu sein, und allgemein genug, um nicht vulgär psychologisch konkret zu sein +++ Es ist gekippt, als es nur noch um Counterstrike ging +++ Ich fand cool, dass sie uns in die Dimension des Computerspiels mit rein genommen haben +++ Das Spiel hatte zu viel Platz +++ Killerspiele sind nur ein Mittel, denen man sich bedient, um sein Bedürfnis zu rahmen +++ Man kann toll drüber nachdenken +++ War sehr schön, fast zu kurz +++ Das muss erst mal sacken +++ Die Verkettung zwischen den Elterngeschichten und dem Ende fehlt, das fand ich schade +++ Der Chor war super, weil er so eine Aggression in mir hervorgerufen hat +++