Blaubart: Variationen eines Anfangs

Foto: Dave Grossmann

Surreale Szenen: ein Trapez an der Decke, Matten, Tische und Stühle, Turnbänke. Sechs Mädchen langweilen sich, bis eine rote Box auf die Bühne geschoben wird. Die Mädchen heben einen schüchternen Jungen aus der Box, den sie mit Begeisterung hätscheln und ankleiden. Sie verlieben sich eine nach der anderen in ihn, in den verklemmten Schuljungen Heinrich, und werden eine nach der anderen von ihm getötet.

Blaubart ist der bisher intimste Abend des Festivals. Das Stück wird auf der kleinsten Bühne aufgeführt: Wenn die Figuren rennen, spürt die erste Reihe den Wind. Die Inszenierung lebt von einem beeindruckenden Mut zum stillen Moment, zum Schweigen zwischen den Worten, zum Präsentieren des Innehaltens im Schauspiel, ohne je den Illusionsraum zu brechen, die Spannung zu verlieren. Es wird monologisch, chorisch und kanonisch gesprochen, am Trapez geturnt und geschaukelt, von der Bühne gerannt und durch eine andere Tür zurückgekehrt. Jeder Szenenwechsel, jeder Stimmungswechsel, jede Turn- und Sprecheinlage geht präzise in die andere über und ist mit größter Konzentration gespielt. Das ist auch im Publikum spürbar: an keinem Abend wird so still und gespannt geschaut. Manche Zeilen werden so leise gesprochen, dass der Atem angehalten und die Ohren gespitzt werden – nur manchmal ärgern sich die hinteren Reihen, weil es zu leise ist.

Aber was wird uns erzählt? Heinrich ist verzweifelt: sobald er sich verliebt, muss er seine Geliebte töten. Der Gedanke dahinter könnte sein, dass Liebe sich den Anspruch stellt, das Höchste zu sein, und damit eine Intensität fordert, die durch nichts anderes erhalten werden kann als durch die kategorische Verhinderung aller weiteren Gefühle, die die Liebe trüben könnten: den Tod. Heinrich ruft: „Liebst du mich so, wie ich dich liebe? Das ist die Frage, die tötet.”
Eine weitere Ebene entsteht, wenn man sich vor Augen ruft, dass die Mädchen selbst Heinrich zu sich holten: symbolisch getötet zu werden, scheint von Anfang an ihre unterbewusste Sehnsucht zu sein. Später sagt das sechste Mädchen selbst, sie wünsche, dass er, Heinrich, ihr das Herz aus der Brust reiße. Die Liebe sei damit per se ein Todeswunsch: das totale Sich-Hingeben bis zur Selbstauflösung.
In den ersten Minuten des Stücks entfalten sich also zwei komplexe Gedanken: die Liebe als Todessehnsucht, und der Tod als das einzige, das, bis in die letzte Konsequenz gedacht, dem (vermeintlichen) Absolutheitsanspruch der Liebe gerecht werden könnte.

Auch Requisite und Kostüme eröffnen tiefere Ebenen: der Schuljunge Heinrich mit großer Brille und zu kurzen Hosen, und die Mädchen in Schultheaterkleidern, erscheinen wie Prototypen von Jugendlichen, die das erste Mal Liebe erleben. Die Turnhalle als der verspielte Ort, an dem man den eigenen Körper kennenlernt, wird zum symbolischen Raum des ersten Kontakts mit Liebe.

Aber nun die Frage: Durchläuft dieser Anfang während des Stücks einen Raum oder gar eine Verwandlung? Was hätte sich geändert, wenn Heinrich drei anstatt sechs Mädchen geliebt und getötet hätte – oder nur eine? Welchen Wert hat all das, was nach den ersten Minuten gezeigt wird? Während des Stücks offenbaren sich dem Zuschauer die großartige Darstellung einer Blinden, Turneinlagen, in denen blanke Beine sich entblößen, die lächerlicherweise bepfiffen werden, Kussszenen und andere Intimitäten, die Anekdote einer Entjungferung. Dinge, die erzählt werden, im großen Rahmen, den sich das Stück am Anfang setzt, die aber Assoziationen blieben, Variationen, Verzweigungen einer Idee, ohne die erste Dimension zu verlassen. Bis zum Ende, der Ermordung des sechsten Mädchens, geschieht in einem gewissen Sinne – nichts mehr.

Blaubart: Gut sein, ohne es zu wollen

Foto: Dave Grossmann

Gymnastik und Reden: schön, aber unspannend

So wie nach jedem Stück habe ich mich auch gestern Abend gefragt, was Theater eigentlich sein soll. Tut mir leid, ich kann nicht anders. Und dann denk ich so vom Kleinen ins Große und wieder zurück. Zum Beispiel das: Kunst muss keine Fragen stellen, Theater muss keine moralische Anstalt sein. Bei der moralischen Wichtigtuerei, die man auf dem Theater bisweilen sieht, geht es oft genug um nichts anderes als um die Verwertungslogik von symbolischem Kapital, um das Machtinteresse des Sprechenden und nicht um die eigentliche moralische Frage. So sehe ich es immer, wenn Theater sich einen Weltverbesserungsauftrag anmaßt.

Reicht es nicht vielleicht, wenn es einen Weltverschönerungsauftrag erfüllt? Gerade da gestern Abend alles so hübsch war und wirklich gut gespielt wurde? Acht Darstellende, die alle eine Aura umgab, die alle schön waren und echt was konnten. Das hat mich auf jeden Fall glücklich gemacht. Aber wenn ich es jetzt dabei belasse, einfach l’art pour l’art und gut so, dann wird das Schöne leider sofort hässlich und droht mit einer Klage wegen unterlassener Sorgfaltspflicht. Also bitte ran an die Substanz.

Das Experimentieren, also der paradigmatische (und klischeehafte) Weltbezug der Jugend, war strukturgebend für das Stück; schon vom ersten Satz des Abends an: „Ich rauch ja gar nicht, ich tu nur so.“ Rauchen als erster Versuch des Erwachsenseins (qua Auflehnung gegen das Verbot und qua Adaption der Handlung) und So-tun-als-ob in der künstlichen Situation des Theaters, sozusagen unter Laborbedingungen. Die Dramaturgie war selbst auch experimenthaft (nicht zu verwechseln mit experimentell): Eine sechsstufige Versuchsreihe mit den Determinanten Frau und Heinrich. Mit dem Hereinrollen der roten Kiste (der kurze Auftritt der feengleichen Wissenschaftlerin?) wird der Stimulus gesetzt und los geht’s. Die Turnhalle setzt diesen Ansatz dann in ein Setting um. Schließlich ist sie ja auch eine artifizielle Umgebung, um mit Fertigkeiten des Körpers zu experimentieren.

Lediglich des Körpers? Nein. Das Motto war doch Gymnastik und Reden. Es ging natürlich auch um Gefühle, Gedanken und vor allem um Geschichten. Jeder hat sein Anekdötchen, seine Innerlichkeit zu erzählen: „Eis ess ich immer nur im Zoo. Da war ich zuletzt mit sieben.“* Oder die Entjungferung durch den Bruder, das Summen der Träume, die Sehnsucht der Prostituierten – für mich auch immer wieder die Geschichte, dass Erfahrungen sammeln, Experimente machen, eben seine Untiefen hat und man dabei sich selbst und andere durchaus in Gefahr bringen kann. Spannend eigentlich, aber gestern doch oft bloß eine Nummernrevue der Befindlichkeiten, verziert mit guten Texten und aufgepeppt mit einer Prise Mord.

Ich finde: Ein derart überzeugendes Ensemble und ein gespanntes und spannendes Publikum sollten sich nicht an einen solchen Jahrmarkt der Belanglosigkeiten verschwenden.
Micha

* Variation bei Woody Allen: „Seit ich nicht mehr rauche, bin ich ziemlich nervös.“ „Wann hast du aufgehört?“ „Vor fünfzehn Jahren.“

Blaubart: Die Liebe – eine verflixte Turnübung im Puppenstaat

Foto: Dave Grossmann

Über den Text müssen wir definitiv nicht streiten: Dea Lohers “Blaubart – Hoffnung der Frauen” besticht durch perfekt beiläufige Grausamkeit. Man hat das Gefühl, alle paar Minuten entlade sich die Situation in Form eines verbalen Faustschlags.

Aber hier soll es um die Inszenierung gehen, also fangen wir von vorne an: Die Charaktere waren keine Charaktere, sondern Oberflächen.

Zwischendurch kam das Gefühl auf, Zuschauer einer absurden Talkshow oder Zirkusshow zu sein. Die Puppenkleider rauschten und die Grazien kleideten ihren Heinrich kurzerhand selber ein. Was erst irgendwie niedlich wirkte, kippte dann in grausame Passivität. Die Szene war jedenfalls wirkungsvoll.

Die Damen forderten, und Heinrich, autistisch und verzweifelt, unfähig zur moralischen Handlung, gab nach. Selbst bei der Beihilfe zum Mord blieben diese Damen noch Dominas: Sie hatten es faustdick hinter den Ohren.

Die Idee, den Text in einem Gymnastikraum zu inszenieren, war genial, nur leider wurde das Potenzial kaum ausgeschöpft. Die Turngeräte waren gestern mehr Spielzeug, manchmal gar Dekoration. Warum überhaupt Musik eingespielt wurde und danach als Element völlig verschwand, bleibt mir ein Rätsel. Ich mochte die Kälte, die durch die Künstlichkeit der Figuren und der Requisiten provoziert wurde: Da war nur ein Stück unblutiges Fleisch, kein Herz, das Jungfrauenblut kam aus der Kunstblutflasche. Wenn geraucht werden sollte, dann “tat man nur so”. Die Inszenierung wirkte wie eine Probe, ein Gefühl, das gut passte zum Text: Die Grausamkeiten der Liebe spielt man nur theoretisch durch, nicht praktisch.

Dann das Abschlussbild, das in Erinnerung bleibt: Heinrichs Leichen liegen nicht im Keller, sondern stehen hinter dem Eisernen Vorhang, der dann langsam hochgefahren wird: Ein lebendiger Albtraum, der bleibt.

Blaubart: Stimmen zum Stück

Foto: Dave Grossmann

+++ super +++ mega +++ ich hab nach dem Stück einfach nur einen leeren Kopf +++ sehr zart +++ mir hat es sehr gut gefallen +++ es gab sehr berührende Momente, zum Beispiel im Monolog der Blinden +++ ich bin noch unentschlossen, denn das Stück lässt einen ganz unbefriedigt rausgehen +++ provokant +++ sehr starke Bilder, zum Beispiel als Heinrich erdrosselt wird +++ die Frauenrollen waren fantastisch, so stark: wie sie sich ihm alle unterworfen haben, scheinbar, im Endeffekt dann eben doch nicht +++ extrem gute schauspielerische Leistung +++ die Story hat mir nicht gefallen, das Thema +++ warum musste er unbedingt immer alle umbringen? Ich konnte das Motiv nicht erkennen +++ ich hab irgendwann abgeschaltet, weil es so anstrengend war, sich auf die Texte zu konzentrieren +++ ich hab akustisch einfach nichts verstanden +++ die Szene mit dem Eisernen Vorhang, das war zu kurz +++ toll war, wenn sie versucht haben, sich echt wirken zu lassen, zum Beispiel das echt heraus geschnittene Herz +++ die Szene mit der Zigarette: Erst dachte ich, ist ja peinlich, dass die sie sich nicht anzünden, aber die Pointe war dann so cool +++ der Junge ist ein Glückspilz! +++ ich hab das Stück mal ganz anders inszeniert gesehen; heute gab es viel mehr Trash und der Schwerpunkt lag auf den Frauen, wie Frauen in eine Beziehung gehen +++ der Anfang war nicht so gut, weil ich so wenig verstanden habe und da war noch so wenig Energie bei den Spielern, aber ab dem zweiten, dritten Mord wurde es besser, dann hat es mich gepackt +++ schade, dass ich den letzten Satz nicht verstanden habe +++ sie wirkten sehr natürlich, ganz echt +++ es war viel zu leise +++ das Stück ist sehr kurios, aber man kann viel reininterpretieren +++ das Trapez war toll +++ ich hab vielleicht die Hälfte aller Sprechpassagen verstanden +++ für mich war eine Traumwelt: Im echten Leben, ist es doch so, dass die Männer immer was von den Frauen wollten, und hier gab es so viele Frauen für nur einen Mann +++ so viele Eindrücke +++ sechs hübsche Mädchen +++ ich möchte bitte auch ein so schönes Trapez in meinem Wohnzimmer +++ es hat sich teilweise ziemlich gezogen +++ so was von leise! +++ die Schlussszene war so zerhackt +++ gutes Stück +++ ich fand die Geräte, die Turnhalle cool +++ das Stück war erzählerisch stark, zum Beispiel in der Geschichte der Blinden +++

+++ cool, dass der Humor immer in den kleinen Dingen durchkam: Knöpfe aufmachen, Popo wackeln +++ sehr ruhig, sogar die schnellen Szenen waren ruhig, das fand ich seltsam +++ sehr ästhetisch +++ der Text war wunderschön +++ die Stille war sehr angenehm, eine Stille der Aufmerksamkeit und der Spannung +++ bei mir saß die Oma von Joshua daneben und hat alles kommentiert +++ sexy, sexy, sexy +++ diese verschiedenen Darstellungsweisen der Liebe waren interessant +++ das Töten, zum Beispiel: „Schneid mir das Herz raus“, das kann ja auch noch auf einer ganz anderen Ebene verstanden werden +++ wenn ich jemanden liebe, dann liebt derjenige mich ja nie genauso wie ich, sondern entweder mehr oder weniger, das wurde schön deutlich +++ total interessantes Stück +++ cool, abgedreht, total witzige Ideen +++ die Texte, die ich verstanden haben, fand ich sehr schön +++ ich saß sehr weit hinten und war trotzdem so gepackt, das kam vor allem durch die schauspielerische Leistung +++ total gute Textarbeit: so halbironisch, nicht ganz ernst gemeint, aber packend +++ die blonde Frau mit ihren blutigen Oberschenkeln – das ist ein Bild, das sich festgesetzt hat +++ die Fee am Anfang war süß +++ sehr ironisch +++ schöne Kleider +++ sehr leicht und locker, hat mich nicht besonders gepackt +++ extrem +++ ich fand es schwer zu verstehen, wenn man die Geschichte nicht kannte +++ ein wunderschönes, ästhetisches Frauenstück +++ die erste Szene, in der sie alle um die Kiste herumstanden, und man schon wusste, was da drinnen ist – das war am eindrucksvollsten, danach war da keine Spannung mehr +++ das war das erste Mal auf diesem Festival, dass ich so richtig drin war +++

Blaubart: Kein Text über Emanzipation

Wie Blaubart einmal im Gymnastikraum der Freien Waldorfschule Berlin seinen Namen tanzte

Am Anfang hat man sie in die Turnhalle gesteckt. Die Turnhalle, die so schön ist, aus Holz mit großen Fenstern. Irgendwann haben sie dann festgestellt, dass er da ganz prima hinein gepasst hat: Blaubart, der Frauenmörder, Blaubart, der Damenschuhverkäufer.

Die Theater-AG „Beate und die greenhorns“ der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg präsentieren heute Abend das gleichnamige Stück von Dea Loher. Der Text aus der Gegenwartsdramatik liest sich gut. Vor allem passte er zur Besetzung. An einzelnen Stellen hat die achtköpfige Gruppe Veränderungen vorgenommen: „Der Text ist schön, aber er ist nicht einfach auszufüllen!“. Letztes Jahr in den Osterferien haben sie mit den Proben angefangen. Seitdem wurde das Stück bereits sieben Mal aufgeführt.

Die Frauen, die hier auftreten werden, haben Wunschvorstellungen von ihrem Objekt der Begierde. Natürlich haben geht es auch um Geschlechterkonstruktionen. In der Gesellschaft und in den Medien werden Bilder transportiert, davon, was es heißt, weiblich oder männlich zu sein. Aber in diesem Stück sind die Frauen dominant. Der Mann wird Objekt: Frau dreht des Spieß um.

Ich soll in diesem Text aber nicht über Emanzipation schreiben, empfehlen die greenhorns. Das ist ok. An dieser Stelle schließe ich deshalb, nach Vorschlag der Gruppe mit dem Aschenputtel-Zitat: „Ruckedigu, ruckedigu, Blut ist im Schuh!“

Don’t cry for me, baby: Aus meinem metaphysischen Nähkästchen

Foto: Dave Grossmann

Mein schönster Augenblick im Stück war ja, als der eiserne Vorhang, auf den man vorher einen Kreuzesschein geleuchtet hatte, sich hob und den Blick freilegte auf den Ort, von dem aus eigentlich Gott schauen müsste – aber da ist keiner. Nur weite Leere, für jede Transzendenzprojektion vonseiten der Zuschauer mindestens ein leerer Sitz. Für mich die Einlösung einer wirklich starken romantischen Tragik: Der eiserne Vorhang als versteinerter Himmel einer immer wieder niedergeschmetterten Gottessehnsucht. Das war eine kleine Apokalypse, die ich mir da erzählt wurde.

Und das ist für mich das bittere Szenario, vor dem ich mir das zeigen lasse, was als harmloses Unterhaltungsstück angekündigt wurde. Hier wird es schon langsam schwieriger. Was ist eigentlich Unterhaltung? Michael Haneke (der Österreicher mit den fiesen Filmen) hat mal in einem Interview gesagt, Bachs Matthäuspassion sei auch Unterhaltung. Aber eben nicht Zerstreuung. Der Unterschied: Unterhaltung tut dem Menschen gut, während Zerstreuung hochabsichtlich von dem ablenkt, was dem Menschen hochabsichtlich schlecht tut. Sie ist also dann etwas Schlechtes, wenn sie von eigentlich lokalisierbaren und deswegen veränderlichen menschlichen Zuständen ablenkt. Unterhaltung dagegen wäre etwas Gutes, wenn sie von leidvollen menschlichen Konditionen ablenkt, an denen wir nichts ändern können. Zum Beispiel, dass Gott tot ist – und auch wir es irgendwann sein werden. Hundertprozentig.

„Romeo und Julia“ ist für mich eine dieser prototypischen Geschichten („Kabale und Liebe“ ist die andere), in denen es darum geht, dass zwei Leute einander lieben, gegen den Lebensüberdruss, gegen das Unbehagen. Woher das Unbehagen kommt, ist dann die Kontrastfolie, die story- oder interpretationsabhängig ist. Zum Beispiel was Politisches: Liebe gegen die Ausbeutung der Massen. Oder eben metaphysisch, so wie ich gestern. Wenn Gott sowieso tot ist und am Ende auch die Liebenden sterben, ist das doch Grund genug, mit allen Mitteln dagegen anzugehen. So verstehe ich jedenfalls diese gierige gute Laune, das üppige Kitschbüfett und die Fleischtöpfe theatraler Effekte, die die Chemnitzer uns auftischten.

So gesehen leuchtet mir auch ein, wieso immer so laut geschrien werden musste, wieso man nicht innehielt, wieso beim Küssen das Licht durch den Kunstnebel scheinen musste und laute Musik vom Band lief oder gemacht wurde oder beides. Mit den Tanzchoreografien auf den Partys tanzten sie sich über eine tiefen Abgrund. Klar, einige Geschmacklosigkeiten waren echt überflüssig. Aber was passiert, wenn die Zotenmaschinerie einmal stillsteht und kurz Ruhe einkehrt, sah ich ja, als Paris in einer verzweifelten Szene sein therapeutisches Pralinenmampfen aufgibt, Julia mit der Schokolade bewirft und dann zusammenbricht.

Bloß hab ich wohl ein Stück gesehen, das gestern gar nicht wirklich auf der Bühne war. Wenn die Chemnitzer mir jedenfalls ganz absichtlich meine Geschichte vom Anlieben gegen das Übel und von dessen tragischem Scheitern hätten erzählen wollen, dann wäre das sicher noch deutlicher markiert worden. Aber ich glaube, nur indem sie es nicht gewollt haben, hatte ich meinen Moment.