Testosteron: Ein Jugendstück

Foto: Dave Grossmann

Eine Jugendgeschichte über den ersten Kuss: Vier Schauspieler variieren Stimmen eines Jungen in der Pubertät, der masturbiert, Pornofilme schaut, von einem Mädchen schwärmt, Hausarrest bekommt, über seinen Penis nachdenkt. Das Stück beginnt mit dem ersten Samenerguss auf einem weißen Laken, dazu donnert der zum Allzeitklassiker gewordene Bombast “Also sprach Zarathustra” von Strauss.
Der Rest des Stücks ist eine Sammlung von Anekdoten und Geschichten, die typisch sind für das Alter zwischen zehn und 13: Ein Publikum der Klassenstufen fünf und sechs würde mitfiebern und sich wiederfinden, lachen und gespannt zuhören. Da stellt sich die Frage, ob man auf die Brüste oder auf die Augen schaue, da wird eine SMS, die zum gemeinsamen Eisessen einladen soll, ausgeklügelt, da wird beschrieben, wie im Kino versucht wird, die Hand der Verehrten zu berühren.

Das Bühnenbild ist frei von unnötigen Requisiten: E-Bass und E-Gitarre, die angenehme Intermezzi liefern, eine Leinwand, auf die später Live-Close-Ups einer Figur per Handkamera projiziert werden: Alles kein Grund zu klagen.

Die Figur des pubertären Jungen steckt in vier Alter-Egos, in vier Schauspielerkörpern, die hin und wieder kurz in die Rolle der Mutter, der verehrten Marina, oder des besten Freundes schlüpfen. Dabei ist weder charakterlich, noch choreographisch in der Aufteilung in vier Alter-Egos ein tieferer Sinn zu erkennen: Als Zwei-Mann-Stück hätte sich wenig verändert.

Auffällig ist die Eindimensionalität der Erzählweise einer Geschichte, die, wie eine Figur selbst sagt, wir doch fast alle kennen. Das weniger als eine Stunde dauernde Stück reiht Klischees und bekannte Situationen aneinander und überrascht durch recht stereotypische Figuren. Bei der Darstellung der bloßen Flachheit pubertärer erster Verliebtheiten, fehlt ein Bruch, fehlen Ironie, Tiefe oder Persönlichkeit.

Dabei ist diese Zeit im Leben alles andere als unerzählenswert und kann durchaus mit Empathie inszeniert werden. Zum Beispiel mit persönlichen Geschichten – ungewöhnlichen Missgeschicken, individuellen Fantasien, plötzliche Begegnungen mit der Verehrten an ungewöhnlichen Orten, authentische Eigenschaften, die ausgerechnet dieses Mädchen so besonders machen. Beschreibungen ihrer Schönheit wie: “Ihre Augen. Ihr Mund. Ihr Hals.” versacken bildarm im Ansatz, ohne das Potenzial der intensiv erzählbaren Erlebnisse ansatzweise anzurühren.

Ich fragte mich: Warum erzählt ihr vier talentierten Schauspieler mir diese Geschichte? Wenn sie euch noch interessiert, wenn ihr euch selbst, einen Teil von euch, oder etwas von Menschen, die ihr kennt, in diesem Thema darin wiederfindet – warum wird dann so unpersönlich, so unbeeindruckt, so oberflächlich erzählt?
An mehreren Stellen offenbart sich das Stück durch seine eigenen Worte: „Bist echt noch ein Kind“, oder: „Jetzt wo ihr alle hier seid, kann ich’s ja erzählen“, oder am deutlichsten: „Ganz ehrlich: Ist doch nichts Besonderes.” Selbst mit Wohlwollen ist daraus keine Ironie zu gewinnen: Es ist eine sich selbst bewusste Eindimensionalität, deren sich selbst Bewusstsein nichts ändert.

Der Versuch, die Bühne körperlich performativ auszufüllen, gelang nur selten. Eine gelungene Idee: die Figuren teilen sich auf, in einen Sprecher vor dem Publikum, einen Bassisten auf der rechten Seite und zwei Hintergrundstimmen links am Mikrofon. Das ist dynamisch. Eine misslungene Idee: Die Figuren rennen minutenlang von der einen Seite der Bühne zur anderen, wie bei einer der lästigen Aufwärmübungen aus dem Turnunterricht – augenscheinlich schweißtreibend und recht gewollt.

Ich kann mir das Stück sehr gut für Jugendliche der fünften und sechsten Klassen vorstellen. Sie könnten im Nachhinein im Unterrichtsgespräch darüber diskutieren, ob diese Klischees sein müssten, und welche Dinge sie schon erlebt hätten, die darüber hinausgingen. Die Kinder würden zum Reden und Nachdenken kommen – und vielleicht sogar sehen, dass manche ihrer Sorgen gar nicht so unnormal sind. sebastian

Testosteron: Grüne Soße

Grüne Soße von meiner Oma mag ich gerne. Die auf der Bühne heute Abend weniger. Die Geschichte über Marina kam am Anfang durch choreografische Unterbrecher nicht in die Gänge, hörte aber umso schneller, nämlich mittendrin, auf. Ich habe oft lange gebraucht, um zu erkennen, was gerade dargestellt werden will: Die Stellungsfantasien erinnerten mich an das Würfelspiel „Schweinerei“. Die Spiegelszene war zu unpräzise, um gleich als solche erkannt zu werden. Die sexistischen Witze wurden nicht dadurch legitimiert, in einen Rahmen à la „Ich erzähle euch jetzt mal eine Geschichte“ gesetzt zu sein, da dieser Rahmen überflüssig war.

Ideenlosigkeit zeigte sich in der Länge der Szenen, sowie in ihrer Aufmachung: Unentschlossenheit dadurch darzustellen, dass man hin und her rennt, ist langweilig. Wirre Gedanken durch Gleichzeitig-ins-Mikrofon-Sprechen hörbar zu machen, auch. Eine grundlegende Unglaubwürdigkeit schlich sich ins Stück ein, die von kleinen Fehlern wie dem – so schien es mir – falschen Einsatz der Musikinstrumente, befördert wurde. Wieso spielen, dass man außer Atem ist, wenn man wirklich außer Atem ist? Wieso die Kamera? Wieso Menschenklumpen, viel zu lange Gesangseinlagen? Wieso nicht ins Individuelle gehen, anstatt überall- und immergesehene Bilder zu sammeln?

Testosteron: Teenage Dream So Hard to Beat

Foto: Dave Grossmann

Eine Exkursion nach drüben

another girl in the neighbourhood / wish she was mine
Darum gehts: Alex hat seinen ersten Samenerguss im Schullandheim, Alex liebt Marina, Marina hat vielleicht was mit Alex‘ bestem Freund Timo. So weit, so einfach. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu.
Es ist so sehr schwierig, diese Geschichte erzählen, ohne dass sie nicht banal oder ausgelutscht oder einfach nur lächerlich wirkt. Wie soll man überhaupt von Spermaflecken, Küssen im Kino, dem Cover von TV-Spielfilm und YouPorn erzählen? Ein bisschen blieb es im Klischee und der Banalität hängen. Und wie soll ich, weiblich, auch wissen, ob es nicht wirklich für alle Jungs immer so ist. Ich hab ein paar gefragt, und die haben meistens gegrinst und ja gesagt. So gesehen war es für mich auch ein interessanter Ausflug in männliche Befindlichkeiten. Sehr interessant.

Und wie gesagt, wem sowas – Pubertät, Liebe, Peinlichkeiten – just passiert, dem scheint es immer groß, wichtig, orchestral.

Aber kann oder muss man das überhaupt noch, sich mit der Pubertät auseinandersetzten, so als die ziemlich erwachsenen Menschen, die die Spieler von TheaterGrueneSosse nun eben sind? Oder kann man gerade dann gut über die Leiden während einer männlichen Pubertät erzählen, wenn man ein bisschen Abstand hat und die schlimmsten Blessuren verheilt sind?

Es hätte mich sicher in den Wahnsinn getrieben, das Stück wäre wahrscheinlich nur Abklatsch und Farce gewesen, hätten die Spieler nun tatsächlich so getan, als wären sie vierzehneinhalb.

looks so good
Alex und seine Alter Egos tanzen. Tanzen miteinander. Und das kein bisschen pubertär, sondern erwachsen und männlich. Aggressiv und zart. Gespannt und spannend.

Mein liebster Moment: wie sie sich gegenseitig anfassen, zu erfassen suchen. Immer wieder ein Nein, dann zum Schluss ein Jaah, das erlösend sein könnte.

Wenn Alex auf der Rollbox über die Bühne wirbelt und sich immerwieder an seiner Mutter abstößt [diese Mutter, die so überhaupt nichts versteht – irgendwie schien mir das seltsam. Schnupfen? Komm schon!]
Wunderbare, so sehr wunderbare Momente.

Fiebernd nervöse, sentimentale oder mitgrölmäßige Musik. Klangcollagen und Loops. Selbstgemacht, live. Was will man mehr?

I need excitement, oh I need it bad
Zwischendurch hab ich mich gefragt, wann es weitergeht. Wenn die Lieder immer weiter gingen und immer weiter getanzt wurde.

Vielleicht ist dieses Gefühl des Im-Loop-Hängens auch teenagertypisch und wird absichtlich im Zuschauer erzeugt.

Aber sonst:
I wanna hold her wanna hold her tight / get teenage kicks right through the night

Testosteron: Eine kurze Geschichte von Äpfeln, Birnen und Bananen

Am Freitag geht es nicht nur um Früchte. Na gut: Es eigentlich überhaupt nicht um Früchte, aber da seit Freud eh alles sexuell gedeutet wird, musste das Obst kurz herhalten.

Das TheaterGrueneSosse Frankfurt a.M. präsentiert „Testosteron“.

Eigentlich, so die vier männlichen Darsteller, soll es heute Abend um Normalität gehen.

„Alle denken permanent, sie seien nicht normal, dabei ist eben dieses Gefühl das Normalste auf der Welt.“ Das Hormon soll hierbei nur Aufhänger sein. Emanzipation zum Beispiel gehe in die falsche Richtung: Frauen sollten endlich anfangen, Motorräder zu mögen, oder Fußball. Es sei auch ein völliges Klischee zu glauben, Männer würden sich immer mit Technik auskennen. Männer können nie sagen: „Sorry, aber ich habe meine Tage“ – wo also fängt Diskriminierung des Geschlechts wegen eigentlich an? Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste.

Falsch ist es zu glauben, „Testosteron“ sei nur ein Männerstück: „Frauen haben schließlich auch Testosteron im Körper“.

Und was passiert heute Abend genau? „Eigentlich reden wir nur.“ Sagen die vier. Wir werden sehen. Sie nennen es Kopfkino.

Ich habe mich hier jetzt jedenfalls textlich ergossen.

P.S.: Die Gruppe ist kamerascheu, die meisten wollen unerkannt bleiben,
ihre Hände sind aber auf dem Foto zu sehen. Tolle Hände!

Blaubart: Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie

Foto: Dave Grossmann

Eigentlich möchte Heinrich lieber nicht. Nicht reden, nicht küssen, nicht lieben, nicht sterben. Aber es ergibt sich eben immer so; er wird in einer Kiste geliefert, und dann wird er eingekleidet und mit einer Biografie ausgestattet, sechs Frauen zählen untereinander ab, welche von ihnen anfangen darf, und dann wird angefangen zu lieben, zu sterben, zu töten. Blaubart, die Hoffnung der Frauen, Blaubart, der Frauenmörder. Im Horoskop steht: „Sie werden heute jemandem begegnen und sie werden ihm immer treu bleiben – Heinrich.“
Heinrich möchte nicht, aber sechs Frauenfiguren knüpfen sich ihn vor, projizieren ihre Vorstellungen von Lieben und Leben auf ihn, sie wollen ihn ganz und vor allem nicht allein sein: „Heinrich, mach mir das Pony!“ Dabei will Heinrich doch nur seine Ruhe, auch wenn Küssen und Heiraten plötzlich ganz leicht geht, aber das Lieben bereitet Probleme. Er weiß sich nicht anders zu helfen: Er bringt sie um. Die Projektionsmarionette, die durchdreht. So jedenfalls will es das Ensemble der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg dem Zuschauer weismachen. Deswegen wird vorsorglich der Satz: „Wäre er sich seiner Bedürfnisse und Vorlieben überhaupt bewusst, dann wäre er derjenige, der auswählte“ gleich am Anfang des Stücks mindestens zweimal zu oft wiederholt: damit die Deutungsthese klar wird.

Man wäre gern zu seinen eigenen Deutungsthesen gekommen an diesem Abend, denn Dea Lohers poetischer Theatertext wirkt so wunderbar fremd, so wunderbar dicht, dass man ihre Sprache ebenso abtasten möchte, wie es ihre Figuren tun: „Ich möchte wissen, ob wahr wird, was man ausspricht.“

Leider kann man nur erahnen, worum es in Lohers Stück gehen könnte, denn den Darstellern gelingt es nicht, dem Text den richtigen Ton zu geben. Sie klingen so merkwürdig fern von ihrem Text, ihren Figuren – manchmal hört man den Spielern an, dass sie sich vorstellen: So muss man sprechen, wenn man vom ersten Sex mit dem eigenen Bruder erzählt. Manchmal hört man ihnen an, dass sie eigentlich gar keine Vorstellung davon haben, wie man spricht in diesen Grenzsituationen, in denen ihre Figuren sich befinden: zwischen Liebe und Einsamkeit und Gewalt. Der Text klingt zu oft aufgesagt und undifferenziert; als hätten sie ihre Figuren wörtlich genommen: „Erst die Worte, dann das Gefühl!“

Heinrich wird zum neurotischen Schwächling karikiert, die Frauen werden zu emotionalen Pulverfässern: Da wird geschrien und gewimmert und hysterisch gelacht und gerannt und gewiehert. Die Inszenierung der Berliner kippt immer wieder ab in den Klamauk, in die Parodie, durch die großen Gesten, die Provokation großer Lacher. Man fühlt sich manchmal wie in einer Zirkusshow, die könnte heißen: „Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie“. Dazu trägt auch die völlig unmotivierte Wahl des Bühnenbilds bei. Warum „Blaubart“ in einer Schulturnhalle spielen könnte oder sogar sollte, wird dem Zuschauer nicht klar. Sprossenwand, Sportbank und Kastenhindernis bleiben nahezu ungenutzt, auf dem Trapez wird offensichtlich nur fürs Optische geturnt, und dann gibt es zu allem Überfluss auch noch Stühle und Tische, die so gar nicht zum typischen Turnhallenmobiliar gehören. Das Ensemble hätte den ungewöhnlichen Ort, an dem sie proben (eine Turnhalle), für ihre Inszenierung produktiv nutzen, mit ihm umgehen können. So haben sie ihn aber ausgestellt, ohne einen Bezug zum Stück herzustellen, der darüber hinausgeht, das eigene Spielen zu thematisieren.

Denn in dieser Richtung könnte man auch ihren übermäßigen Einsatz von Requisiten erklären. Nur lässt der Tod durch ein „echtes“ Giftfläschchen, der echte Schokopudding, die Spielzeugknarre, das echte Messer, der Fleischbatzen als Herz-Ersatz, das Kunstblut und all die wirklich überflüssigen Requisiten wie Taschen, Koffer, Essnapf, Tücher und Geldscheine die Inszenierung einmal mehr wie puren Klamauk wirken, Spiel-Klamauk, und doch hat man nicht den Eindruck, dass dieser Effekt vom Ensemble intendiert gewesen wäre. Auch die Kostüme, bunt und krass und bauschig, dienen nur zum Transport plumper Gender-Aussagen: Heinrich und sein letztes Opfer tauschen die Klamotten, und so stirbt sie in grüner Männerhose, er in rotem Tüllrock.
Was Dea Loher in ihrem Stück tatsächlich über Konzepte von Männern und Frauen, Männlichkeit und Weiblichkeit, Macht und Gewalt, Liebe und Beziehung erzählt, wirkt seltsam unreflektiert in dieser Inszenierung. Die Frauen laufen einem Mann hinterher, der ist überfordert, kann am Ende aber doch brutalste Gewalt ausüben, nur gibt es zum Glück am Ende doch noch eine, die zurückschlagen kann. So bekommt der Brutalo letztlich, was er verdient hat, und den Weibchen widerfährt posthum Gerechtigkeit. Im Grunde sind sie ja alle doch einfach ein bisschen verrückt. Und insgesamt ist alles ziemlich witzig.

Man geht aus diesem Theaterabend mit dem Gefühl, dass genau so einfach das Ganze eben doch nicht ist. Nicht sein sollte. Man möchte Lohers Stück noch einmal sehen. Anders sehen. Um es abtasten zu können.

Blaubart: Variationen eines Anfangs

Foto: Dave Grossmann

Surreale Szenen: ein Trapez an der Decke, Matten, Tische und Stühle, Turnbänke. Sechs Mädchen langweilen sich, bis eine rote Box auf die Bühne geschoben wird. Die Mädchen heben einen schüchternen Jungen aus der Box, den sie mit Begeisterung hätscheln und ankleiden. Sie verlieben sich eine nach der anderen in ihn, in den verklemmten Schuljungen Heinrich, und werden eine nach der anderen von ihm getötet.

Blaubart ist der bisher intimste Abend des Festivals. Das Stück wird auf der kleinsten Bühne aufgeführt: Wenn die Figuren rennen, spürt die erste Reihe den Wind. Die Inszenierung lebt von einem beeindruckenden Mut zum stillen Moment, zum Schweigen zwischen den Worten, zum Präsentieren des Innehaltens im Schauspiel, ohne je den Illusionsraum zu brechen, die Spannung zu verlieren. Es wird monologisch, chorisch und kanonisch gesprochen, am Trapez geturnt und geschaukelt, von der Bühne gerannt und durch eine andere Tür zurückgekehrt. Jeder Szenenwechsel, jeder Stimmungswechsel, jede Turn- und Sprecheinlage geht präzise in die andere über und ist mit größter Konzentration gespielt. Das ist auch im Publikum spürbar: an keinem Abend wird so still und gespannt geschaut. Manche Zeilen werden so leise gesprochen, dass der Atem angehalten und die Ohren gespitzt werden – nur manchmal ärgern sich die hinteren Reihen, weil es zu leise ist.

Aber was wird uns erzählt? Heinrich ist verzweifelt: sobald er sich verliebt, muss er seine Geliebte töten. Der Gedanke dahinter könnte sein, dass Liebe sich den Anspruch stellt, das Höchste zu sein, und damit eine Intensität fordert, die durch nichts anderes erhalten werden kann als durch die kategorische Verhinderung aller weiteren Gefühle, die die Liebe trüben könnten: den Tod. Heinrich ruft: „Liebst du mich so, wie ich dich liebe? Das ist die Frage, die tötet.”
Eine weitere Ebene entsteht, wenn man sich vor Augen ruft, dass die Mädchen selbst Heinrich zu sich holten: symbolisch getötet zu werden, scheint von Anfang an ihre unterbewusste Sehnsucht zu sein. Später sagt das sechste Mädchen selbst, sie wünsche, dass er, Heinrich, ihr das Herz aus der Brust reiße. Die Liebe sei damit per se ein Todeswunsch: das totale Sich-Hingeben bis zur Selbstauflösung.
In den ersten Minuten des Stücks entfalten sich also zwei komplexe Gedanken: die Liebe als Todessehnsucht, und der Tod als das einzige, das, bis in die letzte Konsequenz gedacht, dem (vermeintlichen) Absolutheitsanspruch der Liebe gerecht werden könnte.

Auch Requisite und Kostüme eröffnen tiefere Ebenen: der Schuljunge Heinrich mit großer Brille und zu kurzen Hosen, und die Mädchen in Schultheaterkleidern, erscheinen wie Prototypen von Jugendlichen, die das erste Mal Liebe erleben. Die Turnhalle als der verspielte Ort, an dem man den eigenen Körper kennenlernt, wird zum symbolischen Raum des ersten Kontakts mit Liebe.

Aber nun die Frage: Durchläuft dieser Anfang während des Stücks einen Raum oder gar eine Verwandlung? Was hätte sich geändert, wenn Heinrich drei anstatt sechs Mädchen geliebt und getötet hätte – oder nur eine? Welchen Wert hat all das, was nach den ersten Minuten gezeigt wird? Während des Stücks offenbaren sich dem Zuschauer die großartige Darstellung einer Blinden, Turneinlagen, in denen blanke Beine sich entblößen, die lächerlicherweise bepfiffen werden, Kussszenen und andere Intimitäten, die Anekdote einer Entjungferung. Dinge, die erzählt werden, im großen Rahmen, den sich das Stück am Anfang setzt, die aber Assoziationen blieben, Variationen, Verzweigungen einer Idee, ohne die erste Dimension zu verlassen. Bis zum Ende, der Ermordung des sechsten Mädchens, geschieht in einem gewissen Sinne – nichts mehr.