Kategorie Rezensionen

Blaubart: Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie

Foto: Dave Grossmann

Eigentlich möchte Heinrich lieber nicht. Nicht reden, nicht küssen, nicht lieben, nicht sterben. Aber es ergibt sich eben immer so; er wird in einer Kiste geliefert, und dann wird er eingekleidet und mit einer Biografie ausgestattet, sechs Frauen zählen untereinander ab, welche von ihnen anfangen darf, und dann wird angefangen zu lieben, zu sterben, zu töten. Blaubart, die Hoffnung der Frauen, Blaubart, der Frauenmörder. Im Horoskop steht: „Sie werden heute jemandem begegnen und sie werden ihm immer treu bleiben – Heinrich.“
Heinrich möchte nicht, aber sechs Frauenfiguren knüpfen sich ihn vor, projizieren ihre Vorstellungen von Lieben und Leben auf ihn, sie wollen ihn ganz und vor allem nicht allein sein: „Heinrich, mach mir das Pony!“ Dabei will Heinrich doch nur seine Ruhe, auch wenn Küssen und Heiraten plötzlich ganz leicht geht, aber das Lieben bereitet Probleme. Er weiß sich nicht anders zu helfen: Er bringt sie um. Die Projektionsmarionette, die durchdreht. So jedenfalls will es das Ensemble der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg dem Zuschauer weismachen. Deswegen wird vorsorglich der Satz: „Wäre er sich seiner Bedürfnisse und Vorlieben überhaupt bewusst, dann wäre er derjenige, der auswählte“ gleich am Anfang des Stücks mindestens zweimal zu oft wiederholt: damit die Deutungsthese klar wird.

Man wäre gern zu seinen eigenen Deutungsthesen gekommen an diesem Abend, denn Dea Lohers poetischer Theatertext wirkt so wunderbar fremd, so wunderbar dicht, dass man ihre Sprache ebenso abtasten möchte, wie es ihre Figuren tun: „Ich möchte wissen, ob wahr wird, was man ausspricht.“

Leider kann man nur erahnen, worum es in Lohers Stück gehen könnte, denn den Darstellern gelingt es nicht, dem Text den richtigen Ton zu geben. Sie klingen so merkwürdig fern von ihrem Text, ihren Figuren – manchmal hört man den Spielern an, dass sie sich vorstellen: So muss man sprechen, wenn man vom ersten Sex mit dem eigenen Bruder erzählt. Manchmal hört man ihnen an, dass sie eigentlich gar keine Vorstellung davon haben, wie man spricht in diesen Grenzsituationen, in denen ihre Figuren sich befinden: zwischen Liebe und Einsamkeit und Gewalt. Der Text klingt zu oft aufgesagt und undifferenziert; als hätten sie ihre Figuren wörtlich genommen: „Erst die Worte, dann das Gefühl!“

Heinrich wird zum neurotischen Schwächling karikiert, die Frauen werden zu emotionalen Pulverfässern: Da wird geschrien und gewimmert und hysterisch gelacht und gerannt und gewiehert. Die Inszenierung der Berliner kippt immer wieder ab in den Klamauk, in die Parodie, durch die großen Gesten, die Provokation großer Lacher. Man fühlt sich manchmal wie in einer Zirkusshow, die könnte heißen: „Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie“. Dazu trägt auch die völlig unmotivierte Wahl des Bühnenbilds bei. Warum „Blaubart“ in einer Schulturnhalle spielen könnte oder sogar sollte, wird dem Zuschauer nicht klar. Sprossenwand, Sportbank und Kastenhindernis bleiben nahezu ungenutzt, auf dem Trapez wird offensichtlich nur fürs Optische geturnt, und dann gibt es zu allem Überfluss auch noch Stühle und Tische, die so gar nicht zum typischen Turnhallenmobiliar gehören. Das Ensemble hätte den ungewöhnlichen Ort, an dem sie proben (eine Turnhalle), für ihre Inszenierung produktiv nutzen, mit ihm umgehen können. So haben sie ihn aber ausgestellt, ohne einen Bezug zum Stück herzustellen, der darüber hinausgeht, das eigene Spielen zu thematisieren.

Denn in dieser Richtung könnte man auch ihren übermäßigen Einsatz von Requisiten erklären. Nur lässt der Tod durch ein „echtes“ Giftfläschchen, der echte Schokopudding, die Spielzeugknarre, das echte Messer, der Fleischbatzen als Herz-Ersatz, das Kunstblut und all die wirklich überflüssigen Requisiten wie Taschen, Koffer, Essnapf, Tücher und Geldscheine die Inszenierung einmal mehr wie puren Klamauk wirken, Spiel-Klamauk, und doch hat man nicht den Eindruck, dass dieser Effekt vom Ensemble intendiert gewesen wäre. Auch die Kostüme, bunt und krass und bauschig, dienen nur zum Transport plumper Gender-Aussagen: Heinrich und sein letztes Opfer tauschen die Klamotten, und so stirbt sie in grüner Männerhose, er in rotem Tüllrock.
Was Dea Loher in ihrem Stück tatsächlich über Konzepte von Männern und Frauen, Männlichkeit und Weiblichkeit, Macht und Gewalt, Liebe und Beziehung erzählt, wirkt seltsam unreflektiert in dieser Inszenierung. Die Frauen laufen einem Mann hinterher, der ist überfordert, kann am Ende aber doch brutalste Gewalt ausüben, nur gibt es zum Glück am Ende doch noch eine, die zurückschlagen kann. So bekommt der Brutalo letztlich, was er verdient hat, und den Weibchen widerfährt posthum Gerechtigkeit. Im Grunde sind sie ja alle doch einfach ein bisschen verrückt. Und insgesamt ist alles ziemlich witzig.

Man geht aus diesem Theaterabend mit dem Gefühl, dass genau so einfach das Ganze eben doch nicht ist. Nicht sein sollte. Man möchte Lohers Stück noch einmal sehen. Anders sehen. Um es abtasten zu können.

Blaubart: Variationen eines Anfangs

Foto: Dave Grossmann

Surreale Szenen: ein Trapez an der Decke, Matten, Tische und Stühle, Turnbänke. Sechs Mädchen langweilen sich, bis eine rote Box auf die Bühne geschoben wird. Die Mädchen heben einen schüchternen Jungen aus der Box, den sie mit Begeisterung hätscheln und ankleiden. Sie verlieben sich eine nach der anderen in ihn, in den verklemmten Schuljungen Heinrich, und werden eine nach der anderen von ihm getötet.

Blaubart ist der bisher intimste Abend des Festivals. Das Stück wird auf der kleinsten Bühne aufgeführt: Wenn die Figuren rennen, spürt die erste Reihe den Wind. Die Inszenierung lebt von einem beeindruckenden Mut zum stillen Moment, zum Schweigen zwischen den Worten, zum Präsentieren des Innehaltens im Schauspiel, ohne je den Illusionsraum zu brechen, die Spannung zu verlieren. Es wird monologisch, chorisch und kanonisch gesprochen, am Trapez geturnt und geschaukelt, von der Bühne gerannt und durch eine andere Tür zurückgekehrt. Jeder Szenenwechsel, jeder Stimmungswechsel, jede Turn- und Sprecheinlage geht präzise in die andere über und ist mit größter Konzentration gespielt. Das ist auch im Publikum spürbar: an keinem Abend wird so still und gespannt geschaut. Manche Zeilen werden so leise gesprochen, dass der Atem angehalten und die Ohren gespitzt werden – nur manchmal ärgern sich die hinteren Reihen, weil es zu leise ist.

Aber was wird uns erzählt? Heinrich ist verzweifelt: sobald er sich verliebt, muss er seine Geliebte töten. Der Gedanke dahinter könnte sein, dass Liebe sich den Anspruch stellt, das Höchste zu sein, und damit eine Intensität fordert, die durch nichts anderes erhalten werden kann als durch die kategorische Verhinderung aller weiteren Gefühle, die die Liebe trüben könnten: den Tod. Heinrich ruft: „Liebst du mich so, wie ich dich liebe? Das ist die Frage, die tötet.”
Eine weitere Ebene entsteht, wenn man sich vor Augen ruft, dass die Mädchen selbst Heinrich zu sich holten: symbolisch getötet zu werden, scheint von Anfang an ihre unterbewusste Sehnsucht zu sein. Später sagt das sechste Mädchen selbst, sie wünsche, dass er, Heinrich, ihr das Herz aus der Brust reiße. Die Liebe sei damit per se ein Todeswunsch: das totale Sich-Hingeben bis zur Selbstauflösung.
In den ersten Minuten des Stücks entfalten sich also zwei komplexe Gedanken: die Liebe als Todessehnsucht, und der Tod als das einzige, das, bis in die letzte Konsequenz gedacht, dem (vermeintlichen) Absolutheitsanspruch der Liebe gerecht werden könnte.

Auch Requisite und Kostüme eröffnen tiefere Ebenen: der Schuljunge Heinrich mit großer Brille und zu kurzen Hosen, und die Mädchen in Schultheaterkleidern, erscheinen wie Prototypen von Jugendlichen, die das erste Mal Liebe erleben. Die Turnhalle als der verspielte Ort, an dem man den eigenen Körper kennenlernt, wird zum symbolischen Raum des ersten Kontakts mit Liebe.

Aber nun die Frage: Durchläuft dieser Anfang während des Stücks einen Raum oder gar eine Verwandlung? Was hätte sich geändert, wenn Heinrich drei anstatt sechs Mädchen geliebt und getötet hätte – oder nur eine? Welchen Wert hat all das, was nach den ersten Minuten gezeigt wird? Während des Stücks offenbaren sich dem Zuschauer die großartige Darstellung einer Blinden, Turneinlagen, in denen blanke Beine sich entblößen, die lächerlicherweise bepfiffen werden, Kussszenen und andere Intimitäten, die Anekdote einer Entjungferung. Dinge, die erzählt werden, im großen Rahmen, den sich das Stück am Anfang setzt, die aber Assoziationen blieben, Variationen, Verzweigungen einer Idee, ohne die erste Dimension zu verlassen. Bis zum Ende, der Ermordung des sechsten Mädchens, geschieht in einem gewissen Sinne – nichts mehr.

Blaubart: Gut sein, ohne es zu wollen

Foto: Dave Grossmann

Gymnastik und Reden: schön, aber unspannend

So wie nach jedem Stück habe ich mich auch gestern Abend gefragt, was Theater eigentlich sein soll. Tut mir leid, ich kann nicht anders. Und dann denk ich so vom Kleinen ins Große und wieder zurück. Zum Beispiel das: Kunst muss keine Fragen stellen, Theater muss keine moralische Anstalt sein. Bei der moralischen Wichtigtuerei, die man auf dem Theater bisweilen sieht, geht es oft genug um nichts anderes als um die Verwertungslogik von symbolischem Kapital, um das Machtinteresse des Sprechenden und nicht um die eigentliche moralische Frage. So sehe ich es immer, wenn Theater sich einen Weltverbesserungsauftrag anmaßt.

Reicht es nicht vielleicht, wenn es einen Weltverschönerungsauftrag erfüllt? Gerade da gestern Abend alles so hübsch war und wirklich gut gespielt wurde? Acht Darstellende, die alle eine Aura umgab, die alle schön waren und echt was konnten. Das hat mich auf jeden Fall glücklich gemacht. Aber wenn ich es jetzt dabei belasse, einfach l’art pour l’art und gut so, dann wird das Schöne leider sofort hässlich und droht mit einer Klage wegen unterlassener Sorgfaltspflicht. Also bitte ran an die Substanz.

Das Experimentieren, also der paradigmatische (und klischeehafte) Weltbezug der Jugend, war strukturgebend für das Stück; schon vom ersten Satz des Abends an: „Ich rauch ja gar nicht, ich tu nur so.“ Rauchen als erster Versuch des Erwachsenseins (qua Auflehnung gegen das Verbot und qua Adaption der Handlung) und So-tun-als-ob in der künstlichen Situation des Theaters, sozusagen unter Laborbedingungen. Die Dramaturgie war selbst auch experimenthaft (nicht zu verwechseln mit experimentell): Eine sechsstufige Versuchsreihe mit den Determinanten Frau und Heinrich. Mit dem Hereinrollen der roten Kiste (der kurze Auftritt der feengleichen Wissenschaftlerin?) wird der Stimulus gesetzt und los geht’s. Die Turnhalle setzt diesen Ansatz dann in ein Setting um. Schließlich ist sie ja auch eine artifizielle Umgebung, um mit Fertigkeiten des Körpers zu experimentieren.

Lediglich des Körpers? Nein. Das Motto war doch Gymnastik und Reden. Es ging natürlich auch um Gefühle, Gedanken und vor allem um Geschichten. Jeder hat sein Anekdötchen, seine Innerlichkeit zu erzählen: „Eis ess ich immer nur im Zoo. Da war ich zuletzt mit sieben.“* Oder die Entjungferung durch den Bruder, das Summen der Träume, die Sehnsucht der Prostituierten – für mich auch immer wieder die Geschichte, dass Erfahrungen sammeln, Experimente machen, eben seine Untiefen hat und man dabei sich selbst und andere durchaus in Gefahr bringen kann. Spannend eigentlich, aber gestern doch oft bloß eine Nummernrevue der Befindlichkeiten, verziert mit guten Texten und aufgepeppt mit einer Prise Mord.

Ich finde: Ein derart überzeugendes Ensemble und ein gespanntes und spannendes Publikum sollten sich nicht an einen solchen Jahrmarkt der Belanglosigkeiten verschwenden.
Micha

* Variation bei Woody Allen: „Seit ich nicht mehr rauche, bin ich ziemlich nervös.“ „Wann hast du aufgehört?“ „Vor fünfzehn Jahren.“

Blaubart: Die Liebe – eine verflixte Turnübung im Puppenstaat

Foto: Dave Grossmann

Über den Text müssen wir definitiv nicht streiten: Dea Lohers “Blaubart – Hoffnung der Frauen” besticht durch perfekt beiläufige Grausamkeit. Man hat das Gefühl, alle paar Minuten entlade sich die Situation in Form eines verbalen Faustschlags.

Aber hier soll es um die Inszenierung gehen, also fangen wir von vorne an: Die Charaktere waren keine Charaktere, sondern Oberflächen.

Zwischendurch kam das Gefühl auf, Zuschauer einer absurden Talkshow oder Zirkusshow zu sein. Die Puppenkleider rauschten und die Grazien kleideten ihren Heinrich kurzerhand selber ein. Was erst irgendwie niedlich wirkte, kippte dann in grausame Passivität. Die Szene war jedenfalls wirkungsvoll.

Die Damen forderten, und Heinrich, autistisch und verzweifelt, unfähig zur moralischen Handlung, gab nach. Selbst bei der Beihilfe zum Mord blieben diese Damen noch Dominas: Sie hatten es faustdick hinter den Ohren.

Die Idee, den Text in einem Gymnastikraum zu inszenieren, war genial, nur leider wurde das Potenzial kaum ausgeschöpft. Die Turngeräte waren gestern mehr Spielzeug, manchmal gar Dekoration. Warum überhaupt Musik eingespielt wurde und danach als Element völlig verschwand, bleibt mir ein Rätsel. Ich mochte die Kälte, die durch die Künstlichkeit der Figuren und der Requisiten provoziert wurde: Da war nur ein Stück unblutiges Fleisch, kein Herz, das Jungfrauenblut kam aus der Kunstblutflasche. Wenn geraucht werden sollte, dann “tat man nur so”. Die Inszenierung wirkte wie eine Probe, ein Gefühl, das gut passte zum Text: Die Grausamkeiten der Liebe spielt man nur theoretisch durch, nicht praktisch.

Dann das Abschlussbild, das in Erinnerung bleibt: Heinrichs Leichen liegen nicht im Keller, sondern stehen hinter dem Eisernen Vorhang, der dann langsam hochgefahren wird: Ein lebendiger Albtraum, der bleibt.

Don’t cry for me, baby: Aus meinem metaphysischen Nähkästchen

Foto: Dave Grossmann

Mein schönster Augenblick im Stück war ja, als der eiserne Vorhang, auf den man vorher einen Kreuzesschein geleuchtet hatte, sich hob und den Blick freilegte auf den Ort, von dem aus eigentlich Gott schauen müsste – aber da ist keiner. Nur weite Leere, für jede Transzendenzprojektion vonseiten der Zuschauer mindestens ein leerer Sitz. Für mich die Einlösung einer wirklich starken romantischen Tragik: Der eiserne Vorhang als versteinerter Himmel einer immer wieder niedergeschmetterten Gottessehnsucht. Das war eine kleine Apokalypse, die ich mir da erzählt wurde.

Und das ist für mich das bittere Szenario, vor dem ich mir das zeigen lasse, was als harmloses Unterhaltungsstück angekündigt wurde. Hier wird es schon langsam schwieriger. Was ist eigentlich Unterhaltung? Michael Haneke (der Österreicher mit den fiesen Filmen) hat mal in einem Interview gesagt, Bachs Matthäuspassion sei auch Unterhaltung. Aber eben nicht Zerstreuung. Der Unterschied: Unterhaltung tut dem Menschen gut, während Zerstreuung hochabsichtlich von dem ablenkt, was dem Menschen hochabsichtlich schlecht tut. Sie ist also dann etwas Schlechtes, wenn sie von eigentlich lokalisierbaren und deswegen veränderlichen menschlichen Zuständen ablenkt. Unterhaltung dagegen wäre etwas Gutes, wenn sie von leidvollen menschlichen Konditionen ablenkt, an denen wir nichts ändern können. Zum Beispiel, dass Gott tot ist – und auch wir es irgendwann sein werden. Hundertprozentig.

„Romeo und Julia“ ist für mich eine dieser prototypischen Geschichten („Kabale und Liebe“ ist die andere), in denen es darum geht, dass zwei Leute einander lieben, gegen den Lebensüberdruss, gegen das Unbehagen. Woher das Unbehagen kommt, ist dann die Kontrastfolie, die story- oder interpretationsabhängig ist. Zum Beispiel was Politisches: Liebe gegen die Ausbeutung der Massen. Oder eben metaphysisch, so wie ich gestern. Wenn Gott sowieso tot ist und am Ende auch die Liebenden sterben, ist das doch Grund genug, mit allen Mitteln dagegen anzugehen. So verstehe ich jedenfalls diese gierige gute Laune, das üppige Kitschbüfett und die Fleischtöpfe theatraler Effekte, die die Chemnitzer uns auftischten.

So gesehen leuchtet mir auch ein, wieso immer so laut geschrien werden musste, wieso man nicht innehielt, wieso beim Küssen das Licht durch den Kunstnebel scheinen musste und laute Musik vom Band lief oder gemacht wurde oder beides. Mit den Tanzchoreografien auf den Partys tanzten sie sich über eine tiefen Abgrund. Klar, einige Geschmacklosigkeiten waren echt überflüssig. Aber was passiert, wenn die Zotenmaschinerie einmal stillsteht und kurz Ruhe einkehrt, sah ich ja, als Paris in einer verzweifelten Szene sein therapeutisches Pralinenmampfen aufgibt, Julia mit der Schokolade bewirft und dann zusammenbricht.

Bloß hab ich wohl ein Stück gesehen, das gestern gar nicht wirklich auf der Bühne war. Wenn die Chemnitzer mir jedenfalls ganz absichtlich meine Geschichte vom Anlieben gegen das Übel und von dessen tragischem Scheitern hätten erzählen wollen, dann wäre das sicher noch deutlicher markiert worden. Aber ich glaube, nur indem sie es nicht gewollt haben, hatte ich meinen Moment.

Don’t cry for me, baby: Vom Fördern und Zerstören

Foto: Dave Grossmann

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Aber fangen wir von vorne an:

Was für eine Energie, was für eine Kraft. Ein Ensemble, wie füreinander geschaffen. Man spürt den inneren Zusammenhalt, spürt das an der Spielfreude und an der Ausstrahlung. Ein Fest der guten Laune, so scheint es, wird präsentiert. Das Publikum tost, es entsteht ein Zyklus: Die Darsteller_innen drehen – motiviert von den Reaktionen und vom wiederholten Szenenapplaus – nochmal ordentlich auf. Es wird lauter und immer lauter, die Bilder spitzen sich zu, es knallen Schüsse, es knallen Türen, die Momente werden immer größer und dramatischer: Liebende, die von einer Nebelwand verschlungen werden, der Tod vor roter Leinwand, Neon-Röhren und Lichterketten, alles endet – alles vergeht! – in einem Lichterbrei zum Schluss. Achduscheiße. Sagen wir es doch wie es gewesen ist: Chemnitz hat ordentlich auf die Kacke gehauen. Gerockt.

So. Und jetzt reden wir Klartext.

Brüllen, kotzen, schreien, kreischen, Chart-Hits rauf- und runterspielen, mit Bier spucken und in die Gegend rotzen – das, liebe Freunde, ist nicht “rhetorische Sprachkunst Shakespeares ins Heute” übersetzen, das ist nicht “Figuren der momentanen Jugendkultur” anpassen, schon gar nicht ist das modern, aktuell oder sonst was. Das – zugegeben, pardon, an dem Abend doch recht dämlich reagierende – Publikum mit homophobem Unsinn zu füttern, ist infantil gewesen und unnötig, zumal es auch noch belohnt wurde. “Der ist doch schwul!” Haha, zack, Szenenapplaus.

Was passiert, wenn das Publikum glaubt, auf einem Lady-Gaga-Konzert gelandet zu sein, wo man einfach die verstrahltesten Ideen genommen und auf eine Bühne gepackt hat? Dann geht eine der besten Szenen aus dem gesamten Stück unter in dümmliches Gelächter: Paris (im übrigen ganz großartig gespielt von Niklas Wetzel), wie er da steht und Julia anstarrt, er sagt kein Wort, wirft einfach nur mit seinen Pralinen auf sie, zuerst Stück für Stück, dann die gesamte Packung, läuft wutentbrannt davon. Das alles wird nicht von irgendwelchem Gebrüll untermalt oder Disco-Songs, es ist ein – eigentlich! – wunderschöner Augenblick in seiner tiefen Traurigkeit und Fatalität. Er verpufft leider, vergeht.

Es wäre nicht fair, das alles nur dem Publikum zuzuschreiben. Die Chemnitzer haben einen krachenden Ton angeschlagen, von Anfang an, haben sich mit ihrer Energie, mit ihren teilweise wirklich guten Ideen selbst ausmanövriert. Da bringt auch die größte Nebelmaschine nichts, da bringt auch Radiohead nichts, da bringt auch ein blutroter Vorhang nichts. Da singt Julia ein Lied, ganz still und leise und trotzdem so unglaublich zornig – aber wir müssen ja Deutsch mit Untertitel haben: Julia eskaliert, hüpft auf und ab, wieder dieses Breiige, jaja, wir haben’s verstanden, entspannt dich mal. Ziemlich verhauen wurde leider Julias Sterbeszene. Eine Pistole, ein Kopfschuss – are you fucking kidding me?

Es wurde nicht wirklich deutlich: Soll das alles Ironie sein? Bin ich zu empfindlich, wenn ich Homophobie wittere, diese aber nötig ist in der kaputten Familienwelt der Montagues? Aber warum dann dieser offensichtliche Versuch, am Ende noch eine Ernsthaftigkeit zu vermitteln? Warum dann nicht konsequent durchrocken? Romeo und Julia lernen sich in einer absurden Situation kennen, eine, die man nicht wirklich ernst nehmen sollte, weil sie nunmal eine Verballhornung gewesen ist. Aber sie sterben auf eine ultradramatische Art und Weise, mit Blut und Platzpatrone. Das passt nicht zusammen, der Übergang, bzw. der Prozess der Zuspitzung, der hat nicht funktioniert, das Publikum hat es offenbar nicht verstanden – und dann passiert es, dass gelacht wird, wenn Paris Pralinen auf Julia wirft.

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Wütend erstmal darauf, dass es viele wunderbare Ideen und Szenen gegeben hat (bravo, das sei angebracht: die Dame, die Lorenzo gespielt hat, Undine Unger), die jedoch ihre Wirkung nicht voll entfalten konnten, weil irgendwie alles Rock, Punk und Pop sein musste. Wütend auf das Publikum, das oftmals völlig unangebracht applaudierte. Wütend aber auch auf die Chemnitzer, die das Publikum immerhin bedienten. Zuletzt bin ich wütend darauf, weil ich wütend bin: Die KarateMilchTiger sind eine schon ziemlich coole Truppe, ein Ensemble, das zusammengehört und unbedingt weitermachen sollte. Weg mit dem Ballast und dem Druck des Großen und Lauten, mehr Mut für die leisen Momente, mehr Bewusstsein darüber, was eine Szene überhaupt auslöst beim Publikum. Was sie fördert, was sie aber auch zerstört.