Kategorie Gruppenvorstellungen

Ferienlager: Die Texte, die stimmen alle

Foto: Dave Grossmann

Was machen eigentlich… die autodidakten am Ballhaus Naunynstraße

Ferienlager – Die 3. Generation ist das dritte Stück einer Trilogie. „Die erste Generation sind eben unsere Omas und Opas, die zweite Generation unsere Eltern, die dritte sind wir. Also, die Spieler in den Stücken sind nicht wirklich unsere Omas und Opas und Eltern. Aber sie könnten es sein.“ Um wahre Träume und wahre Geschichten soll es gehen. Um Jugendliche und Hormone. „Es geht darum, wie wir uns sehen, wie andere uns sehen.“ Als Jugendliche mit Migrationshintergrund in Berlin. Drei Monate lang hat Spielleiter Lukas Langhoff mit den zehn Spielern gesprochen – so ist der Text zum Stück entstanden. Erst in Einzelgesprächen, dann in Gruppentreffen. „Da wurde dann einfach ein Wort in den Raum geworfen, zum Beispiel ‚Kopftuch’, und dann haben wir diskutiert.“ Die Charaktere wurden dann natürlich zugespitzt, verengelt und eingeteufelt, aber „unsere Texte, die stimmen alle.“ Schon über 50 Mal hat die Berliner Gruppe ihr Stück aufgeführt, sogar in New York. Trotzdem freuen sie sich jetzt, auf dem ttj sein zu dürfen. „Es gibt einfach nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen.“ Und die Bühne hier ist so groß und außerdem ist das Essen super. Sagen sie. Na ja – das ttj ist eben besser als jedes Ferienlager in New York.

Clash: Die von hier

Foto: Dave Grossman

Das Konzept war da, bevor es formuliert wurde: den Clash gab es von Anfang an. Beim Vorsprechen des neuen Projektes für das junge DT stießen 150 Bewerber zusammen, und es waren letztendlich 16, die blieben. „Sie haben uns mit Absicht wild gemischt”, heißt es, Jugendliche zwischen 16 und 25, gemischte Religionen und Ethnien, gemischte Gemüter und Erfahrungen.

Es war Herbst, und noch kannte sich keiner der Ausgewählten. Und noch sollte es um Religionen gehen, unter dem Projekttitel: „Du sollst – die zehn Gebote”.

Das Konzept „Clash“ entstand aus dem Clash heraus: aus den Gesprächen und Diskussionen über Religion und Herkunft, aber vor allem: in An-, Ab- und Umlehnung an verkleidete Klischees und klischeehafte Verkleidungen.
Ohne Clash ist ein Zusammenwachsen nicht möglich, keine Annäherung erfolgt ohne die Freisetzung von Energie. Das Stück des heutigen Abends entstand aus dem Clash heraus, jedes Wort, jede Szene ist aus dem Spiel, dem Austausch und der Improvisation geboren.

Auch die Nachricht, zum Theatertreffen eingeladen worden zu sein, fiel wie ein Clash über die jungen Schauspieler. Die Auswahl des jungen DT zum Festival wird sich vielleicht als die überraschendste herausstellen, denn: “Wir wussten gar nicht, dass wir teilgenommen hatten.”

Und trotz der Überraschung: am Büfett der Festspiele, Schulter an Schulter und scherzend am Biertisch, erzählen die Schauspieler, Angst hättben sie nicht vor dem heutigen Abend, die Truppe sei eng zusammen gewachsen und freue sich auf das Stück.

Worauf können wir uns freuen? Auf “provokanten Inhalt” und auf ein “sehr ironisches Stück”, eine Ironie, die “geknackt” werden müsse – und was anderes als ein Clash könnte eine Ironie offenbaren? Ein weiteres Easter Egg, dass es für diesen Abend zu knacken gibt: drei Profis stecken in der sechzehnköpfigen Schauspielertruppe – wer erkennt sie?

Ob ewige Zerwürfnis oder gelungene Integration – wir sind gespannt.

Parese: Das kleine, unvollständige “Rund Um Parese”-ABC [ohne ABC]

Gruppe: Es gibt da eine Gruppe. Eine Theatergruppe. Wäre sie eine Fernsehfamilie, dann so wie Scrubs. Aber sie sind eben eine Theatergruppe. Aus Krefeld.

Drittes: Es ist ihr drittes Stück in der Besetzung mit zweimal Umbesetzung. Und ihr drittes Mal Shakespeare. Aber sie sind mehr als drei. Sieben.

Stückname: Das Stück heißt „Parese“, eigentlich [FZ deckt auf:] sollte es „Why Hamlet?“ heißen aber: da dann schon ein andres Stück Hamlet hieß ging das nicht und deshalb „Parese“. Was ein medizinischer Begriff für Erschlaffung ist.

Thema: Ist Hamlet, aber eben auch Ophelia. Die Tatsache, dass es schon so verdammt oft gespielt wurde. Heiner Müllers Hamletmaschine [Oh Freude!] und viel viel Eigenes darüber, was dieser Hamlet erzählen kann über uns heute. Das hat dann auch was mit der Erschlaffung, Antriebslosigkeit zu tun und dem Nichtwissenwohinmitsich.

These: Die Ophelia bekommt viel Raum, darf sich wehren. Dass das auch was mit heute zu tun hat, ist eine These, die daran anknüpft, dass man meinen könnte, Mädels können sich heute besser durchsetzen und Dinge erreichen, für die den Jungs die Energie fehlt.

Zuschauer: Sollten heute Abend natürlich Bock haben und interessiert sein. Zuhören müsste man auch. Es sei zwar so, dass man wolle, dass alle alles verstehen, aber das ist ja nicht immer einfach.

Arbeit: Es gab sie; die Tischproben. in denen bloß geredet und konzipiert wurde. Alle sind gefangengenommen vom Stück, alles hat auf einmal damit zu tun. Selbst im Freibad werden die Diskussionen weitergeführt.

Festival: Finden sie super! Tolle Menschen, Freunde, die man nicht wieder verlieren möchte. Egal wo man hinkommt, wird einem ein Lächeln geschenkt. Schade, dass es nun zu Ende gehen muss.

Aufruf: Hierbleiben heute Abend. Norman Schnell einen Zettel in die Hand geben mit der eigenen Telefonnummer und einem Foto. Untereinander DVDs und alles tauschen: „Müssen nur wollen“ von den Helden spielen. Party machen.

Stück: Wär’s das nicht, sondern n Film, dann eine Independentproduktion, in der man trotzdem viel versteht, die Hollywoodflair hat und unterhält wie eine Vorabendserie. Könnte aber auch in einem Jazzkeller aufgeführt werden. Wird es aber nicht. Ist ja n Theaterstück. Heute Abend, 20.00 Uhr Wabe. Bis denne!

Aussteigen auf freier Strecke: Ein gesamtdeutsches Stück

Ich treffe einen aufgeweckten, zusammen gewürfelten Haufen aus sieben Berlinern an den pinkfarbenen Tischen unter dem Festivalzeltdach. Heute Abend spielen sie die „Mauerexpedition“. Ich frage, wie sie sich gefunden haben, was für eine Art von Stück uns heute Abend erwartet, wie es entstanden ist und was man vielleicht vorher wissen sollte, um besser mitzukommen.

Im Mai letzten Jahres sind einige von ihnen aufgebrochen um mit dem Fahrrad den ehemaligen Mauerstreifen abzufahren und dort mit der Kamera Interviews zu führen. Aus den Gesprächen mit Zeitzeugen unterschiedlichster Art ist eine Dokumentation entstanden. Dann wiederum wurden neue Leute am Jungen DT gesucht, um aus dem gesammelten Material ein Theaterstück zu machen. Das sei kein Problem gewesen, sondern spannend, sich neu zusammenzufinden und gemeinsam das Material zu entdecken. Jeder hatte die Möglichkeit, sich die Geschichten auszusuchen, die ihm gefielen und daran weiterzuarbeiten. Großer Zufall und großes Glück eigentlich, dass es sich nachher so gut zusammengefügt hat.

Gemeinsam haben sie noch weiter recherchiert, sind ins ehemalige Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde gefahren und haben die Interviewpartner noch mal wieder getroffen. Dabei waren alle Gruppenmitglieder gleichermaßen Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler. Es waren auch andere Formen für das Stück in der Diskussion, wichtig war ihnen, eine zu finden, in der klar ist, dass sie Vermittler zwischen der Figur – die es ja im Original als Interviewpartner gibt – und dem Publikum sein können. Dafür war diese „Laboratmosphäre“ genau die richtige. Heute fühlen sie sich sehr, sehr verbunden mit dem Thema und dem Stück.

Wenn sie sich für heute Abend ein Publikum wünschen dürfen, dann sollte dieses natürlich wach und interessiert sein. Das Stück sei auf jedem Fall eines, bei dem sich was öffnen könne beim Publikum. Für danach wünschen sie sich, dass keiner nach Hause geht, sondern alle im Festivalzelt bleiben. Zum Unterhalten, zum wirklichen Austausch. Sie würden auch die Gitarre wieder mitbringen. Der Mann mit der Volkspolizistenmütze sei auch auf jeden Fall sehr nett und lasse mit sich reden.

Aufgefallen sei ihnen noch, das man in diesem Mikrokosmos ttj kaum etwas von dem mitbekomme was in der Welt so vor sich ginge. Aber toll sei es hier auf jeden Fall, die Stückauswahl ist bunt und einen Unterschied zwischen den Berliner Jugendclubs und Schultheatergruppen aus kleineren Städten gäbe es keinen.

[Auch die FZ findet, dass der Aufforderung, wach um 20 Uhr in die Wabe zu kommen und auch so wieder rauszugehen, um im Festivalzelt Sause zu machen, unbedingt nachzukommen ist!]

Paulina sulla spiaggia: Nackt mit Stöckelschuhen

P14 weiß, wie man’s macht: erst mal die Presse bestechen. Bei heiser hauchenden Journalisten ist das dann auch besonders einfach, einfach Ipalat rüberwachsen lassen, und dann geht die Sache klar. Deswegen hier der erste Satz dieser mittwöchlichen Gruppenvorstellung: Die Spieler von P14 sind echt sexy. Deswegen ist ihr ttj-Motto ja auch: Sexy sex (6) Tage. (Das wollten sie hier unbedingt erwähnt wissen.) Sie denken nämlich ständig nur an Sex und wollen wissen, mit wem aus der Redaktion sie schlafen müssen, um NOCH MEHR Aufmerksamkeit in der FZ zu bekommen. Einen Groß-Star-Auftritt. Im Prinzip wie jetzt, nur öfter. Aber da sagen Skandal und FZ vereint nur: Die Redaktion ist nicht bestechlich! Höchstens mit Ipalat, und das auch nur ganz selten, deswegen hier der zweite Satz dieser mittwöchlichen Gruppenvorstellung: Die Spieler von P14 sind keine authentischen Kühe. (Was auch immer sie der Welt damit sagen wollten.)

Das Berliner Ensemble, das heute Abend die WABE-Bühne bespielen wird, besteht aus sechs Spielern, einem Regisseur und einer Regieassistentin, alle im Alter von 20-26 Jahren, die sich im Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gefunden haben. Dabei ist einer der Spieler noch ganz neu, hat heute seine Premiere! Die FZ deckt auf: der im Programmheft erwähnte Burak Bulut spielt gar nicht mehr mit! Zwei (!) Tage vor Festivalbeginn hat er abgesagt, und trotzdem gelang dem Ensemble noch eine spontane Umbesetzung: Dank David Garzon Bardua können wir das Stück „Paulina sulla spiaggia“ heute Abend trotzdem sehen. FZ sagt: Puh. Außerdem heute Abend mit dabei: ein super berühmter (noch) anonymer Festivalteilnehmer in einer special Überraschungsgastrolle. Da steigt die Spannung umso mehr…

Apropos Spannung: Auf die Frage, wie man in einem Satz sagen könnte, worum es in „Paulina…“ geht, fragt P14 zurück – „Können wir uns kurz beraten?“ Sie beraten sich und kommen zu folgendem Ergebnis: „Es geht um Terrorismus und Innovation am Beispiel einer Liebesbeziehung zu Italien, zu der man heute nicht mehr stehen kann, wobei die Liebesbeziehung nicht metaphorisch, sondern durchaus körperlich zu verstehen ist.“ Und warum Italien? Weil der Regisseur „italophil“ sei, und weil Italien im Sommer 2009 so ein wichtiges Thema in den Medien gewesen sei; weil man versuche, das bestehende Italien-Bild zu dekonstruieren und Themen, die man sonst eher im politischen Kabarett oder in Diskussionsrunden findet, theatral auf die Bühne zu bringen; und überhaupt – weil alle aus dem Ensemble da so gerne in den Urlaub hinfahren. Jedenfalls war ihre Impuls-Grundlage der französische Film „Pauline à la plage“ von Éric Rohmer, in Barcelona kam ihnen die Idee, einen Film über Italien zu machen, und dann haben sie sich in Berlin einmal die Woche getroffen zur Recherche-Auswertung: Filme gucken, Texte schreiben.

Klingt alles kompliziert, ist es vielleicht aber gar nicht, denn den Trailer zu ihrem Stück von den Krefeldern fanden sie gut: „Der war der beste von allen!“ Überhaupt gefällt ihnen das Festival. Das Stück um acht wird zum festen Bestandteil des Tagesablaufs, und am besten sind: die Gespräche danach am Biertisch. „Da bekommt man eine Idee davon, was Theater alles sein kann.“ Aber wenn sie sich etwas wünschen könnten, was dann ab morgen auf dem Festival eingeführt werden würde, dann: lautere (viel lautere) Musik. Und außerdem: „die WABE als Partylocation mit ganz viel sexy bitch“. P14, nicht traurig sein: Das gibt’s doch alles spätestens am Freitagabend, und vielleicht werden dann auch alle Festivalteilnehmer dem P14-Credo folgen.

Das lautet nämlich angeblich: Nackt mit Stöckelschuhen.

Zu schön für diese Welt: Pure Schönheit

Beim Betreten der Bühne, wenn die Kostümierung sitzt, der Kopf sich konzentriert, einen inneren Punkt fixiert, da wird so einiges abgelegt. Zuerst einmal entfernt man sich von der eigenen Persönlichkeit, von den eigenen Werten, den eigenen Vorstellungen, schlüpft in eine Rolle, die erschaffen wurde, aus Brigitte, Bild der Frau, Germany’s Next Top Model, legt sich ein Verständnis für Schönheit zurecht, lebt es aus.

Die Gruppe aus Baden-Baden besteht aus rund 20 Spielerinnen und Spielern, 20 Chaosköpfen, die ihrer Kreativität freien Lauf gelassen haben, in 20 kleinen Badezimmern, 20 unterschiedliche Geschichten, 21 sogar, wenn man alles noch als Ganzes betrachtet.

Am besten, sagen sie augenzwinkernd, gehe man 21 Mal ins Theater und schaue sich das Stück 21 Mal an – nur so könne man sicherstellen, wirklich alles gesehen zu haben.

Dabei habe sich die Gruppe bemüht, Präsenzgerechtigkeit zu schaffen. Bei einer so großen Gruppe sei das jetzige Bühnenbild, ein riesiges Gerüst aus 20 Kabinen, die optimale Art gewesen, niemanden in den Vordergrund zu rücken. Alle sind wichtig, es wird nicht gewichtet.

Heute Abend erwartet uns weder eine Revolution noch irgendeine Antwort darauf, was schön ist, sondern eine unterhaltsame, vielleicht sogar ironische, Abhandlung darüber, was im Grunde genommen das ist, was uns alle umgibt, nämlich – mir sei eine optimistische Pointe erlaubt: pure Schönheit.*

* Uuuuuuuh, ist der süüüüüüüüüß!