Kategorie Gruppenvorstellungen

Testosteron: Eine kurze Geschichte von Äpfeln, Birnen und Bananen

Am Freitag geht es nicht nur um Früchte. Na gut: Es eigentlich überhaupt nicht um Früchte, aber da seit Freud eh alles sexuell gedeutet wird, musste das Obst kurz herhalten.

Das TheaterGrueneSosse Frankfurt a.M. präsentiert „Testosteron“.

Eigentlich, so die vier männlichen Darsteller, soll es heute Abend um Normalität gehen.

„Alle denken permanent, sie seien nicht normal, dabei ist eben dieses Gefühl das Normalste auf der Welt.“ Das Hormon soll hierbei nur Aufhänger sein. Emanzipation zum Beispiel gehe in die falsche Richtung: Frauen sollten endlich anfangen, Motorräder zu mögen, oder Fußball. Es sei auch ein völliges Klischee zu glauben, Männer würden sich immer mit Technik auskennen. Männer können nie sagen: „Sorry, aber ich habe meine Tage“ – wo also fängt Diskriminierung des Geschlechts wegen eigentlich an? Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste.

Falsch ist es zu glauben, „Testosteron“ sei nur ein Männerstück: „Frauen haben schließlich auch Testosteron im Körper“.

Und was passiert heute Abend genau? „Eigentlich reden wir nur.“ Sagen die vier. Wir werden sehen. Sie nennen es Kopfkino.

Ich habe mich hier jetzt jedenfalls textlich ergossen.

P.S.: Die Gruppe ist kamerascheu, die meisten wollen unerkannt bleiben,
ihre Hände sind aber auf dem Foto zu sehen. Tolle Hände!

Blaubart: Kein Text über Emanzipation

Wie Blaubart einmal im Gymnastikraum der Freien Waldorfschule Berlin seinen Namen tanzte

Am Anfang hat man sie in die Turnhalle gesteckt. Die Turnhalle, die so schön ist, aus Holz mit großen Fenstern. Irgendwann haben sie dann festgestellt, dass er da ganz prima hinein gepasst hat: Blaubart, der Frauenmörder, Blaubart, der Damenschuhverkäufer.

Die Theater-AG „Beate und die greenhorns“ der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg präsentieren heute Abend das gleichnamige Stück von Dea Loher. Der Text aus der Gegenwartsdramatik liest sich gut. Vor allem passte er zur Besetzung. An einzelnen Stellen hat die achtköpfige Gruppe Veränderungen vorgenommen: „Der Text ist schön, aber er ist nicht einfach auszufüllen!“. Letztes Jahr in den Osterferien haben sie mit den Proben angefangen. Seitdem wurde das Stück bereits sieben Mal aufgeführt.

Die Frauen, die hier auftreten werden, haben Wunschvorstellungen von ihrem Objekt der Begierde. Natürlich haben geht es auch um Geschlechterkonstruktionen. In der Gesellschaft und in den Medien werden Bilder transportiert, davon, was es heißt, weiblich oder männlich zu sein. Aber in diesem Stück sind die Frauen dominant. Der Mann wird Objekt: Frau dreht des Spieß um.

Ich soll in diesem Text aber nicht über Emanzipation schreiben, empfehlen die greenhorns. Das ist ok. An dieser Stelle schließe ich deshalb, nach Vorschlag der Gruppe mit dem Aschenputtel-Zitat: „Ruckedigu, ruckedigu, Blut ist im Schuh!“

Don’t cry for me, baby: “Don’t cry for me, Karate-Kid!”

Die KarateMilchTiger aus Chemnitz

Dieses Stück hat es wieder mit den Gegensätzen!

Heute Abend können wir ein „eher minimales Bühnenbild“, dafür aber „maximale Effekte“ erwarten. Irgendwas passiert heute Abend jedenfalls mit einem Klavier, einer Laterne und ein paar Mülltonnen: KarateMilchTiger (TheaterJugendClub Chemnitz) zeigen die Produktion „Don’t cry for me, baby!“, eine Adaption des Shakes-peare-Klassikers „Romeo und Julia“. Der Stoff wurde in neue und alte Sprache, auf Englisch und Deutsch zusammengeschnitten.

Am Nachmittag kommt das Kribbeln auf, „fühlt sich an wie eine zweite Premiere“: Neue Bühne, neues Glück! Dabei haben die 14 DarstellerInnen das Stück in ihrer Heimatstadt bereits zwölf Mal aufgeführt und sie sind „Veteranen“, letztes Jahr waren sie schon einmal beim TTJ dabei.

Sie sagen: Im Kern geht es um Liebe, Jugend, Gewalt und den Konflikt zwischen zwei Banden.

Ich lerne, dass die Lektionen aus dem Karate ABC Folgendes für diesen Abend vorsehen:

1. Zum Kunstblut: „Wenn’s klappt, suppt es rum!“
2. Zu Liebespärchen: „Banden gibt’s in jeder Stadt, bildet Pärchen, macht sie platt!“
3. Zu Interpretationsquatsch: „Wir wollen keine gesellschaftskritischen Diskurse befördern, obwohl das Stück natürlich auch politisch ist. Es braucht nicht immer Aussagen: Manchmal soll man das Schauspiel auch einfach genießen können!“
4. Zur körperlichen Ertüchtigung: „Wir haben fechten gelernt! Aber heute Abend werden wir uns nur prügeln!”
5. Zentraler Satz des Stückes: „All I want to say is that they don’t really care about us!“
6. Zum Schluss: „Der Tod auf der Bühne ist irgendwie sexy!“

Liberation is a journey: “Wir halten zusammen!”

Foto: Dave Großmann

Das Forum Freies Theater (FFT) Düs-seldorf mit „Liberation is a journey

Eigentich ist es gar kein Theater.
Eigentlich ist es Film.
Eigentlich ist es Konzert.
Eigentlich ist es Installation.
Aber weil wir hier nicht vom Eigentlichen sprechen wollen, sondern auf den Punkt kommen müssen, lasse ich die Katze aus dem Sack: Heute Abend zeigt das Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf „Liberation is a journey“, eine Gesamtkomposition aus Theater/Film, Kunst und Musik.

Das Stück entstand in zwei intensiven Projektwochen. Zentral arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Themen Krieg und Gewalt.

Als ich frage, woher die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen, antworten sie wie aus einem Mund: DÜSSELDORF! Als ich weiterfrage, kristallisiert sich heraus, dass es sich um eine bunt gemischte Gruppe handelt: Die Ursprungsländer sind Mazedonien, Ghana, Usbekistan, Türkei, Italien, Ägypten, Kroatien, Griechenland und Deutschland. Hier spricht jeder drei bis fünf Sprachen fließend.

Heimat, sagen sie, ist das, wo man sich wohl fühlt. Wo man her kommt. Wo die eigene Familie lebt.
Und warum das Thema Krieg? „In dieser Welt sind wir uns alle so nah, aber wir bekommen Krieg kaum mit“. Einige Teilnehmer der Gruppe denken darüber nach, zum Bund zu gehen. Andere haben mit dem Thema persönliche Erfahrungen gemacht. Eine Teilnehmerin erzählt, die meisten Leute würden denken, sie hätte viel Krieg miterlebt, weil sie aus Afrika stamme. „Das sind schlechte Klischees. Wenn die Leute an Afrika denken, haben sie Krieg vor Augen.“

Warum arbeiten sie mit den eigenen Biografien? Es sei wichtig, etwas Echtes zu zeigen, etwas, das mit einem zu tun hat, denn es bedeute etwas. „Damit kann man was anfangen.“

Und was werden die TeilnehmerInnen aus dem Projekt mitnehmen? „Wir haben jetzt mehr Mut, Sachen zu zeigen, wir sind weniger nervös, wir denken positiv, wir sind eins“, lautet die Antwort.

Wenig später kommt ein Teilnehmer dazu. Ich frage ihn, woher er kommt, damit ich meine Liste der Nationalitäten vervollständigen kann. Ohne zu überlegen erwidert er: „Aus dem Hotel.“

Mutter Kuhranch: “Ach, Dirndl, bleib doch Zuhause!”

Foto: Dave Grossmann

Besuch auf der Kuhranch des ehemaligen Grundkurses „Dramatisches Gestalten“ Unterschleißheim

Bevor wir dieses Stück nicht gesehen haben, tun sich echte Schwierigkeiten auf zu beschreiben, um was es hier heute Abend gehen soll: Nach eigenen Aussagen werden Bonanza, die drei Schwestern (Tschechow) und Mutter Courage (Brecht) ambitioniert miteinander verflochten. Man importiert die russische Seele nach Amerika, Drama-Text wird ins Fernsehserien-Format gebastelt, Verfremdungseffekt bändelt mit Katharsis an, Hobby-Marxismus trifft auf Cowboy-Helfersyndrom, Popkultur prallt auf Kapitalismuskritik. Daneben springt man freudig in der Zeitrechnung. Hier wird gepuzzelt, was das Zeug hält, aber Moment: Wo ist da nochmal der rote Faden?

Das Prinzip funktioniert jedenfalls so: Spaß haben UND Denkanstöße geben! „Die verschiedenen Inhalte haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst glaubt!“ Bei „Mutter Kuhranch“, der Produktion des ehemaligen Grundkurses „Dramatisches Gestalten“ (Carl-Orff-Gymnasium) aus Unterschleißheim (Bayern) hält man sich an die Fiktion, die in den vorangegangenen Produktionen zunächst wenig Beachtung fand. Die eigene Biografie hat heute Abend Hausarrest! Das darauf folgende Kommentar einer Darstellerin: „und bittebitte, frag jetzt nicht, ob ich mich mit meiner Figur IDENTIFIZIERE!“

Und wieso hat dann auch noch Aristoteles Brecht post mortem 2:0 geschlagen?! „Brecht widerspricht sich einfach! Er wollte, dass das Publikum nicht mitfühlt, aber bei der Uraufführung von Mutter Courage (1941) blieb kein Auge trocken. Das, was Brecht vermeiden wollte, war genau das, was er letztendlich beförderte. Absurd, oder?!“

Die 25-köpfige Crew (20 DarstellerInnen, 5 TechnikerInnen) bezeichnet sich selbst als harmonische Truppe: Über Entscheidungen im Probenprozess hat man demokratisch abgestimmt. Zuletzt haben sie noch 4 DarstellerInnen austauschen müssen, weil diese nicht nach Berlin mitkommen konnten, „das war ganz schön stressig“. Auch die Berliner Bühne ist viel größer als die zu Hause – aber keine Panik: „Wir sind flexibel!“. Das Stück war letztes Jahr übrigens schon bei den Bayrischen Theatertagen eingeladen, beim TTJ sind sie dieses Jahr aber zum ersten Mal dabei und freuen sich auf später: „Aber mehr verraten wir nicht.“ Nur die echten Ponys, die bleiben heute Abend draußen, oder? tabea

Ausarten: Die Teebeutel der Kunst

Foto: Tabea Vernath

TAGGS aus Schwerin präsentieren „Ausarten“. Wir präsentieren: TAGGS.

Jonathan Meese, Elefant terrible der deutschen Kunstszene, erklärte einmal in einer Fernsehdokumentation, dass die Zutaten für die Kunst eigentlich immer schon gegeben seien, man solle sich da ganz einfach eine Tasse heißes Wasser vorstellen. Hinzu füge man dann den Künstler, der sei der Teebeutel und mische alles durch, auf dass etwas Neues entsteht.

Die Schweriner Gruppe TAGGS packt das Thema Kunst und Künstlertum beim Schopf: Es geht nicht um dich oder um mich, es geht um uns und die Kunst. Also um eine schöne Tasse heißen Tee.

„Kunst, das bezeichnet jede gezielte menschliche Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktion festgelegt ist“ – Ist es heute überhaupt noch erstrebenswert, Künstler oder Künstlerin zu sein, hält man das Künstlertum überhaupt aus, hat man eigentlich Talent? Die Schweriner lassen immerhin verlauten: Scheitern ist total okay.
Die neun Darstellerinnen und Darsteller haben ein halbes Jahr an ihrer Produktion gearbeitet. Alle kommen aus verschiedenen Disziplinen, Kunst LK und Bigband, Fotografieren und Schreiben, jeder hat vom anderen gelernt. In der Zusammenarbeit haben sie gemerkt, dass das Thema Kunst bei allen ähnliche Gefühle und Probleme hervorrief. Vor allem: „Der Bildungseffekt von Kunst wird in der Gesellschaft völlig unterschätzt!“ Zentralwunsch der Gruppe: „Wir wollten, dass unsere Eltern das Stück sehen und dass sie uns und die Quintessenz des Themas verstehen. Es liegt uns am Herzen!“

Ob das, was man liebt, von anderen als Kunst bezeichnet wird oder nicht, ist gleichgültig. Wichtig vor allem, dass man das macht, was einem selbst gefällt und dass man dabei nicht gestört wird.
Zum Schluss rutscht es ihnen aber doch noch raus: Dass die Kunst öfters missbraucht wird, dass Menschen spießig in Jobs vor sich hin leben, die sie nicht mögen und einen trotzdem mit ihren Sprüchen verunsichern, weil sie zu wissen meinen, was falsch sei und was richtig. „Studier Biochemie und nicht Kunst!“ Man kann Kunst ja immer noch als Hobby machen. „Das tut richtig weh.“
Und was haben sie gelernt?

Wie genial Cross-Over-Projekte sind, dass Theaterspielen doch nicht so toll ist („nicht meine Kunstform“), dass man sich jetzt weiter an Schauspielschulen bewerben wird, dass man Kunst nicht „professionell“ machen will, weil man den Druck nicht aushält, dass man jetzt ein Freies Soziales Jahr Kultur machen wird, all das, man zieht Resümee und artet aus. Heute Abend werden wir alle zu Teebeuteln.