Autor Tabea Venrath

Testosteron: Eine kurze Geschichte von Äpfeln, Birnen und Bananen

Am Freitag geht es nicht nur um Früchte. Na gut: Es eigentlich überhaupt nicht um Früchte, aber da seit Freud eh alles sexuell gedeutet wird, musste das Obst kurz herhalten.

Das TheaterGrueneSosse Frankfurt a.M. präsentiert „Testosteron“.

Eigentlich, so die vier männlichen Darsteller, soll es heute Abend um Normalität gehen.

„Alle denken permanent, sie seien nicht normal, dabei ist eben dieses Gefühl das Normalste auf der Welt.“ Das Hormon soll hierbei nur Aufhänger sein. Emanzipation zum Beispiel gehe in die falsche Richtung: Frauen sollten endlich anfangen, Motorräder zu mögen, oder Fußball. Es sei auch ein völliges Klischee zu glauben, Männer würden sich immer mit Technik auskennen. Männer können nie sagen: „Sorry, aber ich habe meine Tage“ – wo also fängt Diskriminierung des Geschlechts wegen eigentlich an? Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste Penis Brüste.

Falsch ist es zu glauben, „Testosteron“ sei nur ein Männerstück: „Frauen haben schließlich auch Testosteron im Körper“.

Und was passiert heute Abend genau? „Eigentlich reden wir nur.“ Sagen die vier. Wir werden sehen. Sie nennen es Kopfkino.

Ich habe mich hier jetzt jedenfalls textlich ergossen.

P.S.: Die Gruppe ist kamerascheu, die meisten wollen unerkannt bleiben,
ihre Hände sind aber auf dem Foto zu sehen. Tolle Hände!

Blaubart: Die Liebe – eine verflixte Turnübung im Puppenstaat

Foto: Dave Grossmann

Über den Text müssen wir definitiv nicht streiten: Dea Lohers “Blaubart – Hoffnung der Frauen” besticht durch perfekt beiläufige Grausamkeit. Man hat das Gefühl, alle paar Minuten entlade sich die Situation in Form eines verbalen Faustschlags.

Aber hier soll es um die Inszenierung gehen, also fangen wir von vorne an: Die Charaktere waren keine Charaktere, sondern Oberflächen.

Zwischendurch kam das Gefühl auf, Zuschauer einer absurden Talkshow oder Zirkusshow zu sein. Die Puppenkleider rauschten und die Grazien kleideten ihren Heinrich kurzerhand selber ein. Was erst irgendwie niedlich wirkte, kippte dann in grausame Passivität. Die Szene war jedenfalls wirkungsvoll.

Die Damen forderten, und Heinrich, autistisch und verzweifelt, unfähig zur moralischen Handlung, gab nach. Selbst bei der Beihilfe zum Mord blieben diese Damen noch Dominas: Sie hatten es faustdick hinter den Ohren.

Die Idee, den Text in einem Gymnastikraum zu inszenieren, war genial, nur leider wurde das Potenzial kaum ausgeschöpft. Die Turngeräte waren gestern mehr Spielzeug, manchmal gar Dekoration. Warum überhaupt Musik eingespielt wurde und danach als Element völlig verschwand, bleibt mir ein Rätsel. Ich mochte die Kälte, die durch die Künstlichkeit der Figuren und der Requisiten provoziert wurde: Da war nur ein Stück unblutiges Fleisch, kein Herz, das Jungfrauenblut kam aus der Kunstblutflasche. Wenn geraucht werden sollte, dann “tat man nur so”. Die Inszenierung wirkte wie eine Probe, ein Gefühl, das gut passte zum Text: Die Grausamkeiten der Liebe spielt man nur theoretisch durch, nicht praktisch.

Dann das Abschlussbild, das in Erinnerung bleibt: Heinrichs Leichen liegen nicht im Keller, sondern stehen hinter dem Eisernen Vorhang, der dann langsam hochgefahren wird: Ein lebendiger Albtraum, der bleibt.

Blaubart: Kein Text über Emanzipation

Wie Blaubart einmal im Gymnastikraum der Freien Waldorfschule Berlin seinen Namen tanzte

Am Anfang hat man sie in die Turnhalle gesteckt. Die Turnhalle, die so schön ist, aus Holz mit großen Fenstern. Irgendwann haben sie dann festgestellt, dass er da ganz prima hinein gepasst hat: Blaubart, der Frauenmörder, Blaubart, der Damenschuhverkäufer.

Die Theater-AG „Beate und die greenhorns“ der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg präsentieren heute Abend das gleichnamige Stück von Dea Loher. Der Text aus der Gegenwartsdramatik liest sich gut. Vor allem passte er zur Besetzung. An einzelnen Stellen hat die achtköpfige Gruppe Veränderungen vorgenommen: „Der Text ist schön, aber er ist nicht einfach auszufüllen!“. Letztes Jahr in den Osterferien haben sie mit den Proben angefangen. Seitdem wurde das Stück bereits sieben Mal aufgeführt.

Die Frauen, die hier auftreten werden, haben Wunschvorstellungen von ihrem Objekt der Begierde. Natürlich haben geht es auch um Geschlechterkonstruktionen. In der Gesellschaft und in den Medien werden Bilder transportiert, davon, was es heißt, weiblich oder männlich zu sein. Aber in diesem Stück sind die Frauen dominant. Der Mann wird Objekt: Frau dreht des Spieß um.

Ich soll in diesem Text aber nicht über Emanzipation schreiben, empfehlen die greenhorns. Das ist ok. An dieser Stelle schließe ich deshalb, nach Vorschlag der Gruppe mit dem Aschenputtel-Zitat: „Ruckedigu, ruckedigu, Blut ist im Schuh!“

Don’t cry for me, baby: Früher, als Gott noch ein Punk war

Foto: Dave Grossmann

Gestern Abend habe ich mich – zugegebenermaßen – in die (Licht-)Technik verknallt. Das Licht war ein Zauberwerk. Jeder Effekt saß. Die Schaukel, die Lichterketten-Kränze, die bunten Lichter, die mich an einen Drogenrausch denken ließen: Wunderschön. Zum Schluss weckten die blendenden Scheinwerfer den in der Fiktion versunkenen Zuschauer und erwischten ihn gleichermaßen als Voyeur pubertärer Knutsch-Szenen.
Die Jugendliebe: ein impulsives Rauscherlebnis, überladen mit Michael-Jackson-Sarah-Connor-Kante-Radiohead-Soundtrack, parodistischen, an Disneys Highschoolmusical erinnernde Tanz- und Gesangseinlagen, Las-Vegas-Eil-Hochzeiten und angebrachter Pseudo-Christlichkeit, (Kapuzen-) Knutschen, psychedelischen Parties und Rauschmitteln aus dem Fläschchen. Es gab ein bisschen Kitsch, ganz viel Punk und Darsteller, die ihre Bühne und das Aggressionspotenzial des Stückes schauspielerisch voll ausgekostet haben. Es war toll, weil bewusst einfach alles „over the top“ angelegt war.

Man hat zwar nicht verstanden, was Julia eigentlich an Romeo findet, oder Romeo an Julia, oder wieso Paris auf einmal Julia liebt, aber die mangelnde Nachvollziehbarkeit hat „Don’t cry for me, baby“ nicht geschadet, im Gegenteil: Die Liebe nimmt man so hin. Man fragt nicht danach.

Manche Szenen haben sich am nächsten Morgen in den Kopf eingebrannt, zum Beispiel wie Paris Julia mit Pralinen bewirft. Das war still und brutal, ein kleiner Moment der Ruhe neben den Schlag auf Schlag angesetzten, lauten Konfliktsituationen. Leicht haperte es manchmal an der Akustik, Romeo und Julia hat man leider schlecht verstanden. Vielleicht war das auch gewollt, die letzte Bastion minimaler Intimität neben großer, öffentlicher Gewalt.

Einige Charaktere hätten präziser ausgearbeitet werden können: Die weiß gekleideten, jungfräulichen Verliebten hätten im Vergleich zu den anderen Charakteren mehr Eigenschaften tragen können als nur brav und knutschend daher zu kommen. Die Punks waren Mittelpunkt der Inszenierung, aber was war mit den Capulets? Diese fielen in der gestrigen Inszenierung leider ein bisschen hinten ab, waren eher zweidimensional, abgesehen von Paris, der wundervoll schmierig mit seinen Pralinen hantierte.

Die Inszenierung schließt ziemlich genau an den Film „Romeo & Juliet“ an. Das war in den 90ern mit Leonardo diCaprio in seinen jungen Jahren. Primär ging es um Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Daneben musste ich öfters an das Skandalvideo der Band „Justice“ denken, in dem Jugendgewalt präsentiert wird. Der Zuschauer folgt einer Gruppe randalierender Jugendlichen, die alles kurz und klein schlagen. Sie tragen einheitliche schwarze Jacken mit auf die Rückenflächen eingenähten weißen Kreuzen. Mercutios eindrucksvolle Tätowierung erinnerte mich plötzlich an diese Parallelität. Das Originalvideo gibt es auf Youtube: Es heißt „Stress“.

Don’t cry for me, baby: “Don’t cry for me, Karate-Kid!”

Die KarateMilchTiger aus Chemnitz

Dieses Stück hat es wieder mit den Gegensätzen!

Heute Abend können wir ein „eher minimales Bühnenbild“, dafür aber „maximale Effekte“ erwarten. Irgendwas passiert heute Abend jedenfalls mit einem Klavier, einer Laterne und ein paar Mülltonnen: KarateMilchTiger (TheaterJugendClub Chemnitz) zeigen die Produktion „Don’t cry for me, baby!“, eine Adaption des Shakes-peare-Klassikers „Romeo und Julia“. Der Stoff wurde in neue und alte Sprache, auf Englisch und Deutsch zusammengeschnitten.

Am Nachmittag kommt das Kribbeln auf, „fühlt sich an wie eine zweite Premiere“: Neue Bühne, neues Glück! Dabei haben die 14 DarstellerInnen das Stück in ihrer Heimatstadt bereits zwölf Mal aufgeführt und sie sind „Veteranen“, letztes Jahr waren sie schon einmal beim TTJ dabei.

Sie sagen: Im Kern geht es um Liebe, Jugend, Gewalt und den Konflikt zwischen zwei Banden.

Ich lerne, dass die Lektionen aus dem Karate ABC Folgendes für diesen Abend vorsehen:

1. Zum Kunstblut: „Wenn’s klappt, suppt es rum!“
2. Zu Liebespärchen: „Banden gibt’s in jeder Stadt, bildet Pärchen, macht sie platt!“
3. Zu Interpretationsquatsch: „Wir wollen keine gesellschaftskritischen Diskurse befördern, obwohl das Stück natürlich auch politisch ist. Es braucht nicht immer Aussagen: Manchmal soll man das Schauspiel auch einfach genießen können!“
4. Zur körperlichen Ertüchtigung: „Wir haben fechten gelernt! Aber heute Abend werden wir uns nur prügeln!”
5. Zentraler Satz des Stückes: „All I want to say is that they don’t really care about us!“
6. Zum Schluss: „Der Tod auf der Bühne ist irgendwie sexy!“

Liberation is a journey: “Wir halten zusammen!”

Foto: Dave Großmann

Das Forum Freies Theater (FFT) Düs-seldorf mit „Liberation is a journey

Eigentich ist es gar kein Theater.
Eigentlich ist es Film.
Eigentlich ist es Konzert.
Eigentlich ist es Installation.
Aber weil wir hier nicht vom Eigentlichen sprechen wollen, sondern auf den Punkt kommen müssen, lasse ich die Katze aus dem Sack: Heute Abend zeigt das Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf „Liberation is a journey“, eine Gesamtkomposition aus Theater/Film, Kunst und Musik.

Das Stück entstand in zwei intensiven Projektwochen. Zentral arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Themen Krieg und Gewalt.

Als ich frage, woher die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen, antworten sie wie aus einem Mund: DÜSSELDORF! Als ich weiterfrage, kristallisiert sich heraus, dass es sich um eine bunt gemischte Gruppe handelt: Die Ursprungsländer sind Mazedonien, Ghana, Usbekistan, Türkei, Italien, Ägypten, Kroatien, Griechenland und Deutschland. Hier spricht jeder drei bis fünf Sprachen fließend.

Heimat, sagen sie, ist das, wo man sich wohl fühlt. Wo man her kommt. Wo die eigene Familie lebt.
Und warum das Thema Krieg? „In dieser Welt sind wir uns alle so nah, aber wir bekommen Krieg kaum mit“. Einige Teilnehmer der Gruppe denken darüber nach, zum Bund zu gehen. Andere haben mit dem Thema persönliche Erfahrungen gemacht. Eine Teilnehmerin erzählt, die meisten Leute würden denken, sie hätte viel Krieg miterlebt, weil sie aus Afrika stamme. „Das sind schlechte Klischees. Wenn die Leute an Afrika denken, haben sie Krieg vor Augen.“

Warum arbeiten sie mit den eigenen Biografien? Es sei wichtig, etwas Echtes zu zeigen, etwas, das mit einem zu tun hat, denn es bedeute etwas. „Damit kann man was anfangen.“

Und was werden die TeilnehmerInnen aus dem Projekt mitnehmen? „Wir haben jetzt mehr Mut, Sachen zu zeigen, wir sind weniger nervös, wir denken positiv, wir sind eins“, lautet die Antwort.

Wenig später kommt ein Teilnehmer dazu. Ich frage ihn, woher er kommt, damit ich meine Liste der Nationalitäten vervollständigen kann. Ohne zu überlegen erwidert er: „Aus dem Hotel.“