Autor Sebastian Meineck

Ausarten: Wo ist DEINE Leidenschaft?

Foto: Dave Grossmann

Die Bühne von Ausarten ist ein Spielplatz für alle Formen der Kunst: Farben und Leinwände, Klavier und Marimba, Reclamhefte und Bücher, eine Konzertbühne, eine Rampe, eine Projektionsfläche für Diashows – alles ist aufgebaut. Neun Schülerinnen und Schüler haben die Kunst für sich entdeckt. Sie definieren nach Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Kunst): Kunst seien “Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind.” Und das tun sie: sie malen und musizieren und singen, sie tanzen und choreographieren, sie spielen mit Worten. Sie formulieren die ganze Bandbreite der typischen Ängste und Wünsche jugendlicher Künstler: Sollte man auf seine Talente setzen oder lieber einen klassischen Beruf wählen? Wird man berühmt? Bleibt man arm? Wird man weltfremd? Wie weit darf man mit seiner Kunst gehen? Verwoben werden diese Gedanken mit Mutmachparolen, musikalischen Intermezzi und humorvollen Karikaturen von Eltern und Lehrern, die den Jugendlichen die Kunst nicht zutrauen. Darin erkannten sich viele Zuschauer des gestrigen Abends wieder, so viel war da – mehr aber auch nicht.

Es fiel mir schwer, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie viele Schauspieler auf der Bühne waren, denn die Episoden und Anekdoten, die Parolen und Karikaturen, formten sich nicht zu bestimmten Charakteren. Das Stück wäre auch als Ein- oder Hundertmann-Stück vorstellbar gewesen. Nur manchmal, wie etwa bei der Beschreibung des Lampenfiebers beim Theatervorsprechen, oder bei der Anekdote über das Thalia Theater, das den Zuschauern in einem Experiment den Eintrittspreis frei wählen ließ, kam für einen Moment Empathie auf. Davon wollte ich mehr.

Das Stück kam nicht über seine Basis heraus: die Klischees, die Parolen, die Ängste – alles wichtig. Aber wie geht es weiter? Gern hätte ich von den Figuren, den dargestellten Charaktere gewusst: Warum treibst nun du persönlich deine Kunst, was bedeutet sie für dich, wo ist deine Leidenschaft? Oder mehr: Was ist deine Geschichte, Figur! Was ist deine besondere Angst, die über die altbekannten Klischees hinausgeht! Und: Wie interagierst du, als Figur, mit den anderen auf der Bühne, wie tauscht ihr euch aus, worüber kommt ihr in Streit?

Ohne diesen Tiefgang hatte das Stück bereits nach einer halben Stunde seinen Drive verloren. Da fiel dann der Blick auf die eher schwachen Choreographien, die Marimba-Intermezzi gingen in die Länge, ein plötzliches Radschlagen oder eine spontane Pantomime wirkten wie ein “Übrigens, das können wir auch noch!”, und zuletzt erschien es, als werde Wiener Walzer und Tango Argentino zur gleichen Musik getanzt. Ohne die Empathie zu den Figuren störte sich die Aufmerksamkeit auch an penetrant häufig wiederholten Wortspielen wie: “Nicht artig sein – andersartig sein.” Die Worte “artig” und “andersartig” sind wuchtlose Ausdrücke, unfreiwilligerweise überraschend brav und un-ausartend. Auch der Abschluss war von unfreiwilliger Komik: “Kraft! Werk! Kraftwerk!” Nanu: was hat Kunst mit einem Kraftwerk zu tun? Ist sie – technisiert?
Massenproduzierend? Bedrohlich? Wird etwas Materielles verbrannt, um immaterielle Energie zu gewinnen? Und als das Stück nach einer Stunde mit diesem Ausruf endete, wäre noch die schönste Zeit für authentische Geschichten junger Künstler auf der Suche nach ihrem Weg gewesen.

Ferienlager: Hier wird gelebt!

Foto: Dave Grossmann

Im goldenen Licht eines Kronleuchters schlafen acht junge Menschen in Feldbetten. Die Feldbetten sind buchstäbliche Feldbetten – sie stehen auf weicher Erde. Zwei Engel treten auf, schwarz und weiß, sinnieren über die Schicksale der Schlafenden und streiten sich. Nach und nach erwachen die Schlafenden und offenbaren ihre Träume, Sehnsüchte und Ängste. Es geht um Jugendliche, deren Eltern und Großeltern aus der Türkei nach Deutschland kamen, und um ihre Suche nach Arbeit, Erfolg, Anerkennung, Freundschaft, und Liebe.

Wo sind wir? Es kann kein Ferienlager sein, aber auch kein Jenseits und keine Unterwelt. Es ist nichts anderes als die Bühne selbst, der Illusionsraum, der auf der Bühne entsteht: die Erde als der Boden für die Geschichten, ein buchstäblicher Erzähl-Grund, die Betten darauf als der Ort, aus dem die Figuren und ihre Träume aufstehen. Manchmal leben sie verschiedene Geschichten, manchmal schimmern konsistente Charaktere hindurch: die Schauspieler sind Erzählkörper, sich des Schauspielens voll bewusst, ohne bei dieser Erkenntnis stehenzubleiben, sondern um an dieser Stelle anzufangen. Der epische Bruch ist kein finaler Tusch, sondern die Geburt des Erzählkosmos.

In diesem Illusionsraum, der von Anfang an wie selbstverständlich da ist, bewegen die Szenen durch authentisches, witziges und gefühlsintensives Spiel. Da erscheinen Tänze und Scherze nicht wie gewollte dramaturgische Kniffe, sondern als Teile des Erzählflusses. Die Frage, ob die Szenen nun erfunden und hart eingeprobt sind, oder gefühlt, biografisch und aus der Situation gelebt, stellt sich während des Stückes nicht: Im Betrachten sind Gefühl und Herz bei den Schauspielern. Anstatt einer bloßen Bilderflut entsteht Empathie, ein Austausch aus Gefühlen zwischen Zuschauer und Bühne – ein Junge träumt davon, Basketballspieler zu werden und beschreibt minutiös das Ausdribbeln des Gegners, ein anderer plappert leidenschaftlich von seiner Faszination für das Binärsystem, ein Mädchen verzweifelt über die Sinnlosigkeit des Kopftuchtragens. Hier wird nicht dargestellt, oder sogar bloßgestellt und vorgeführt: Hier wird gelebt.

Bemerkenswert ist auch die gelungene Suche nach radikal neuen Bildern für altbekannte Ideen. Ein Beispiel: die Beschimpfung des schwarzen durch den weißen Engel: „Vergiss nicht, dass du mein Schwanz bist, du Wichser!”

So lächerlich es zunächst klingen mag: Das ist mehr als eine zeitgenössische Beschimpfung. Es ist die aus dem Zeitgeist gefühlte, hochsubtile Formulierung einer alten Idee: das Böse als „Schwanz“ des Guten ist die ständige Versuchung, die das Gute begleitet, obszön und tabuisiert. Darüber hinaus ist es selbst ein „Wichser“: es penetriert sich selbst. Und während das Böse eigentlich nur auf sich selbst fixiert ist, entsteht wiederum Fruchtbares: Samen, neues Leben. Nicht umsonst wurde von den Engeln am Anfang des Stücks „Faust“ zitiert, denn diese Gedanken beziehen sich verblüffend direkt auf Mephistos Bekenntnis, er sei „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Am Feuer

Es ist heimlich geworden, es dämmert. an den Hähnen der Fassbrause sammeln sich Schauspieler, Ehemalige, Juroren, Workshopleiter, FZ-ler, Gäste, Freunde, Partner und Geschwister, Assoziierte, Flüchtlinge und Untergetauchte, verbunden durch Um-, Ent- und Begeisterung über das Stück des Abends (“Ferienlager – die 3. Generation”), und in ihren Bechern schwillt der Schaum. Es formieren sich spontane leidenschaftliche Diskussionen, die letzten Stunden werden heraufbeschworen, bestaunt und kritisch beäugt, dann plötzlich die Frage: Moment, wie heißt du eigentlich? Man lümmelt auf den Sitzsäcken und im Gras, an den Bierbänken wird gelacht, und später werden die Sitzsäcke ans Lagerfeuer getragen und man wärmt sich, es gibt Brot und Wein, und man setzt sich ans Feuer im Garten als Fremder unter Fremden, und wenn die ersten Scheite abgebrannt sind, sind Bekanntschaften geschlossen und Brot ist geteilt worden, und es haben sich Blicke getroffen und Hände gestreift, und ein Mann kommt aus dem Haus, der trägt neue Scheite und legt sie ins Feuer, und es wird heller und wärmer und Funken spritzen mir um die Füße. Das Theaterfestival ist zu den Festspielen nach Hause gekommen. Jemand flüstert mir zu: Es wird noch besser.

Clash: Zwischen Feuerwerk und Heißluftgebläse

Foto: Dave Grossmann

Die Idee des Clashs war am gestrigen Abend mehr als ein Titel: Es war ein Leitmotiv, motivisch, inhalt-lich, dramaturgisch. Karnevalesk stießen junge Menschen mit und ohne den sogenannten Migrati-onshintergrund, Hartz IV-Empfänger, kleinbürgerli-che Provinzler und Fundamentalisten zusammen. Das alles kaleidoskopisch verwoben durch Szenen- und Settingwechsel, epische und ironische Brüche, geniale Nutzung des Bühnenraums, Musik und Tanz, und hin und wieder das plötzliche Erscheinen einer Sarrazin-Puppe aus dem Himmel. Es war keine bloße Show, es war ein Feuerwerk aus Streit und Versöhnung, scheinbarer Lösung und neuen Konflikten, Blitzlichter der Ängste, Wunsch-, Traum- und Zerrbilder unserer Zeit. Doch was geschieht im Stillen, wenn der Film reißt und der Bildersog für einen Augenblick zur Ruhe kommt?

So ein Moment kommt, als eine Figur die Frage nach einer Lösung des Chaos aus Desintegration und Ungerechtigkeit stellt. Dann Stille – und die Antwort: “Ich habe keine Ahnung”. An dieser Stelle des Stücks erhebt sich die Frage: Was steht eigent-lich hinter diesen Bildern? Uns allen bekannte Ängs-te und Utopien, Klischees in voller Maske, wurden virtuos in intensiven Bildern beschworen und iro-nisch zerschlagen, aber: analysefrei, ohne sichtba-ren Ausweg, ohne einen Ausblick der Hoffnung. Oder abstrakter: sogar ohne einen Riss, der sich in der berauschenden, mitreißenden Reihung von Szenen auftut und im Gedächtnis bleibt. Das Stück zieht vorbei, wie ein Heißluftgebläse, atemberau-bend, solange es bläst, aber: verflogen, am nächs-ten Morgen.

Clash: Die von hier

Foto: Dave Grossman

Das Konzept war da, bevor es formuliert wurde: den Clash gab es von Anfang an. Beim Vorsprechen des neuen Projektes für das junge DT stießen 150 Bewerber zusammen, und es waren letztendlich 16, die blieben. „Sie haben uns mit Absicht wild gemischt”, heißt es, Jugendliche zwischen 16 und 25, gemischte Religionen und Ethnien, gemischte Gemüter und Erfahrungen.

Es war Herbst, und noch kannte sich keiner der Ausgewählten. Und noch sollte es um Religionen gehen, unter dem Projekttitel: „Du sollst – die zehn Gebote”.

Das Konzept „Clash“ entstand aus dem Clash heraus: aus den Gesprächen und Diskussionen über Religion und Herkunft, aber vor allem: in An-, Ab- und Umlehnung an verkleidete Klischees und klischeehafte Verkleidungen.
Ohne Clash ist ein Zusammenwachsen nicht möglich, keine Annäherung erfolgt ohne die Freisetzung von Energie. Das Stück des heutigen Abends entstand aus dem Clash heraus, jedes Wort, jede Szene ist aus dem Spiel, dem Austausch und der Improvisation geboren.

Auch die Nachricht, zum Theatertreffen eingeladen worden zu sein, fiel wie ein Clash über die jungen Schauspieler. Die Auswahl des jungen DT zum Festival wird sich vielleicht als die überraschendste herausstellen, denn: “Wir wussten gar nicht, dass wir teilgenommen hatten.”

Und trotz der Überraschung: am Büfett der Festspiele, Schulter an Schulter und scherzend am Biertisch, erzählen die Schauspieler, Angst hättben sie nicht vor dem heutigen Abend, die Truppe sei eng zusammen gewachsen und freue sich auf das Stück.

Worauf können wir uns freuen? Auf “provokanten Inhalt” und auf ein “sehr ironisches Stück”, eine Ironie, die “geknackt” werden müsse – und was anderes als ein Clash könnte eine Ironie offenbaren? Ein weiteres Easter Egg, dass es für diesen Abend zu knacken gibt: drei Profis stecken in der sechzehnköpfigen Schauspielertruppe – wer erkennt sie?

Ob ewige Zerwürfnis oder gelungene Integration – wir sind gespannt.