Autor Sarah Wenzinger

Parese: “Du bist albern!” “Nein, ich bin Ophelia!”

Foto: Dave Großmann

Gestern Abend war ein guter Abend. Das liegt an einem genau richtigen Stück auf einem genau richtigen Festival an einem genau richtig ausgesuchten Tag. Was ich gestern gesehen habe, war deshalb genau richtig, weil es eine sehr schwierige Balance hinbekommen hat, um die es hier geht. Nämlich: zum einem Theater zu machen, das PROZESSorientiert ist, bei dem das, was beim gemeinsamen Proben gelernt und erfahren wird, im Vordergrund steht, bei dem es darum geht, einen jugendlichen und persönlichen Zugang für jedem Spieler zum Stück zu finden und möglichst echt und nah an den Ideen der Spieler und Mitmacher zu bleiben. Und zum andren dem ästhetischen und inhaltlichem Anspruch einer PRODUKTorientierten Arbeit gerecht zu werden, die je nach Mitmachern und Theater-Erlebnis-Erfahrung natürlich unterschiedlich ist. Jede Produktion hat für sich auf diesem Festival einen Weg gefunden, diese beiden Pole auszubalancieren (womit ich nicht sagen will, dass sie sich grundsätzlich im Weg stehen; ich denke nur, dass grade sie das Interessante am Laientheater ausmachen). Und gestern hatte ich einfach das Gefühl: Hier gibt es ziemlich viel Balance und es ist kein Drahtseilakt.

„Hamlet“ hab ich schon sehr oft gesehen, auch schon ein paar Mal mit Laien. Fast jede Hamletproduktion versucht sich an einem neuen Zugang. Ich muss sagen, den Zugang den sich die Gruppe gestern gesucht hat, ist einer der passendsten, den ich bis jetzt gesehen habe. Den Fokus auf die Antriebs- und Lustlosigkeit des Hamlet zu legen, die Ophelia zur Kämpferin zu machen – ein Bild vom Jugendlichsein in dieser Welt zu schaffen durch zwei Seiten: Verweigerung und dem Verlangen danach, alles möge sich ins Spiel eingliedern. Dieser Zugang blieb zum einen beim Stück und seiner Rezeptionsgeschichte und war zum andren eng mit den Spielern als Menschen verknüpft. Ich hatte das Gefühl (und das ist etwas, was mir sehr wichtig ist), dass sich die Spieler in ihrem eigenen Gedankenhorizont bewegt haben und dessen Grenzen auch selbst gesteckt haben.

Absolutes, wenn auch recht einfaches Bild war dabei für mich der Umgang mit der Bühnen-/Publikums-Situation. Eine Ophelia, die sich immer wieder ins Publikum setzt und Hamlet auffordert, seine Bühne doch zu nutzen, die immer wieder hinaufkommen muss, um ihn anzutreiben. Und ein Hamlet, der sich der Bühne immer wider entzieht, sich ihr verweigert. Sich ins Publikum begibt, um andere dazu aufzufordern, das Spiel in die Hand zu nehmen. Der auf der Bühne eine Mauer errichtet, damit keiner mehr zusehen kann, was er nicht tut. Den Raum, der sein Unglück bedingt, mit dem Puppenspiel und der roten Mauer ad absurdum führt. Ophelia, warum schmeißt du sie nicht um, diese Mauer?

Trotzdem sind mir ein paar Dinge aufgefallen die mich zum Nachdenken/Weiterdenken angeregt haben, ob man sie hätte anders machen können. Aber eben auch, weil ich eine Gruppe gesehen habe, die wirklich etwas kann und sich hoffentlich in ihren nächsten gemeinsamen Produktionen noch weiter entwickelt.

Zum einen hat mein Überlegen an manchen Stellen eher persönliche Gründe, grad bin ich doch recht sehr in Heiner Müllers „Hamletmaschine“-Text verliebt. Sagen wir mal, ich könnte vielleicht auch mitsprechen. Ich kann also die Wahl, Teile daraus zu verwenden, total verstehen, auf der Bühne macht er ordentlich was her. Allerdings ist er fast ein wenig zu toll für diese Bühne, er passt sehr gut in den Zusammenhang, aber der Text an sich bringt für mich einen andren Anspruch an das Sprechen und den Raum, den man ihm gibt, mit sich.

Ein andres Thema sind die formellen Ideen. Der Chor war perfekt in seiner Aufteilung, 4 zu 2 hat super funktioniert. Und grade der Anfang war sehr atmosphärisch und intensiv, das Bebildern der Erzählung hat gut funktioniert. An einem gewissen Punkt waren die Mittel allerdings ein wenig ausgereizt. Zu der Ironie des Puppenspiels hätte ich mir noch eines gewünscht, das an manchen Stellen die Intensität noch steigern kann. Zwei konkrete Momente sind es, an die ich dabei denke: Zum einen hätte ich gerne die Endscheidung der Ophelia gesehen. Sie fordert von Hamlet, die Leidenschaft und sein Sein (im Gegensatz zum Nichtsein) für die Rache und die Liebe aufzubringen. Nach seiner Verweigerung löst sie sich scheinbar und kann seinen Tod erzählen und ihn dabei ein letztes Mal zur Energie antreiben. Dazwischen liegt für mich ein unsichtbarer Moment der absoluten Wut oder Resignation. Und auch bei Hamlet hängt es an diesem Moment. Ein Heißlaufen der Hamletmaschine sozusagen. Oder das Aussprechen dieses Zweifels: „Was mache ich hier eigentlich“ als Gegenpol zum Passiven, zur Arroganz. So blieben beide Figuren stets in ihrem Rahmen. Gewünscht hätte ich mir einen Entwicklungsmoment, in dem beide Seiten in Schwäche und Verletzlichkeit aufeinandertreffen, das wäre noch runder gewesen.

Die Ophelias hatten eine doch recht unterschiedliche Bühnenpräsenz und Art, die Rolle aufzugreifen, waren darin zwar recht gut gesetzt, aber die „echtere“ Ophelia hat in den meisten Momenten viel mehr Ambivalenz gegenüber der „Blonden“ die mehr in der Ironisierung blieb. Die beiden allerdings, Hand in Hand vorn hatten eine große Zartheit und waren wirklich verlorene Mädchen.

An manchen Stellen hätte man vielleicht Gedanken noch konsequenter zu Ende denken können. Aber die Bilder waren auch so stark und es war deutlich, dass hier am Tisch gesessen und viel geredet wurde. Dass zwar eine Regie drauf und drüber geschaut hat, dass es eine Auswahl gab, aber trotzdem wirkt das Stück an keiner Stelle überinszeniert. Die einzige Frage, die ich noch habe, wäre, ob es auch möglich gewesen wäre, auch Ophelia am Ende ausbrechen zu lassen. Der Fokus lag auf ihr, und doch wurde sie zuletzt die Passive, von Hamlet, von der Geschichte an sich zu Tode getrunken. Ein wirklich wunderschönes Bild. Auch ein der Dramaturgie logisch Folgendes. Die Ophelia hat sich nicht noch ein letztes Mal aufgebäumt, sie ist schlussendlich doch in die Resignation gegangen und damit war auch bedingt, dass sie sterben musste. Es hätte für mich genauso funktioniert, ihr diesen Moment zu geben und sie auch am Ende den Tod nicht hinnehmen zu lassen – es ist eine Frage, in welchen Kontext man die Geschichte stellen möchte, in den der Hamletgeschichte oder in den der Möglichkeiten Ophelias. Aber das ist eben nur eine Frage. Oder vielleicht ein kleiner Wunsch. So wie bei mir im Kopf am Ende der Schlusstext der Hamletmaschine losgegangen ist: „Ich bin Elektra, an die Metropolen dieser Welt“ – aber das wäre ein andres Stück gewesen. Versteht mich auf keinen Fall falsch, der Grund warum ich all diese Details aufgeführt habe, ist, dass ich es so gut fand. Und ich eben gerne deshalb auch konstruktiv etwas zurückmelden will. Zum Beispiel aber auch, dass eure Hamletinszenierungszitate von Jan Bosse und Thomas Ostermeier aus Zürich und Berlin Schmankerl waren.

Es bleibt eine sehr in sich geschlossene Sache und ich denke, der Applaus am Ende und die vielen begeisterten Menschen, die aufgestanden sind, sind ein klares Zeichen dafür, dass ihr einen wirklichen Theaterabend geschafft habt. Danke. Das einzige Problem an der Liebe ist laut Freud eben bloß das Inzestverbot.

Parese: Das kleine, unvollständige “Rund Um Parese”-ABC [ohne ABC]

Gruppe: Es gibt da eine Gruppe. Eine Theatergruppe. Wäre sie eine Fernsehfamilie, dann so wie Scrubs. Aber sie sind eben eine Theatergruppe. Aus Krefeld.

Drittes: Es ist ihr drittes Stück in der Besetzung mit zweimal Umbesetzung. Und ihr drittes Mal Shakespeare. Aber sie sind mehr als drei. Sieben.

Stückname: Das Stück heißt „Parese“, eigentlich [FZ deckt auf:] sollte es „Why Hamlet?“ heißen aber: da dann schon ein andres Stück Hamlet hieß ging das nicht und deshalb „Parese“. Was ein medizinischer Begriff für Erschlaffung ist.

Thema: Ist Hamlet, aber eben auch Ophelia. Die Tatsache, dass es schon so verdammt oft gespielt wurde. Heiner Müllers Hamletmaschine [Oh Freude!] und viel viel Eigenes darüber, was dieser Hamlet erzählen kann über uns heute. Das hat dann auch was mit der Erschlaffung, Antriebslosigkeit zu tun und dem Nichtwissenwohinmitsich.

These: Die Ophelia bekommt viel Raum, darf sich wehren. Dass das auch was mit heute zu tun hat, ist eine These, die daran anknüpft, dass man meinen könnte, Mädels können sich heute besser durchsetzen und Dinge erreichen, für die den Jungs die Energie fehlt.

Zuschauer: Sollten heute Abend natürlich Bock haben und interessiert sein. Zuhören müsste man auch. Es sei zwar so, dass man wolle, dass alle alles verstehen, aber das ist ja nicht immer einfach.

Arbeit: Es gab sie; die Tischproben. in denen bloß geredet und konzipiert wurde. Alle sind gefangengenommen vom Stück, alles hat auf einmal damit zu tun. Selbst im Freibad werden die Diskussionen weitergeführt.

Festival: Finden sie super! Tolle Menschen, Freunde, die man nicht wieder verlieren möchte. Egal wo man hinkommt, wird einem ein Lächeln geschenkt. Schade, dass es nun zu Ende gehen muss.

Aufruf: Hierbleiben heute Abend. Norman Schnell einen Zettel in die Hand geben mit der eigenen Telefonnummer und einem Foto. Untereinander DVDs und alles tauschen: „Müssen nur wollen“ von den Helden spielen. Party machen.

Stück: Wär’s das nicht, sondern n Film, dann eine Independentproduktion, in der man trotzdem viel versteht, die Hollywoodflair hat und unterhält wie eine Vorabendserie. Könnte aber auch in einem Jazzkeller aufgeführt werden. Wird es aber nicht. Ist ja n Theaterstück. Heute Abend, 20.00 Uhr Wabe. Bis denne!

Elefantenparty: Die Workshop-Präsentation im Theater unterm Dach

1. Schau-Spiel-Platz (Judica Albrecht)
gesehen: Sieben Figuren, die was erzählen darüber, wie sie sich bewegen. Die sich annähern, in Beziehung zueinander stellen. Erzählen in kurzen Begegnungen kurze Geschichten.
gefallen: Flüchtige Momente, reduzierte Möglichkeiten. Zeigt, wie wenig man braucht um zum Beispiel eine Straße entstehen zu lassen. Fein. Leichtfüßig. Ausprobiering.

2. Spielplatz Berlin- Prenzlauer Allee (Juliane Schwerdtner)
gesehen: Vier Ecken, aus dehen heraus Menschen über die Bühne laufen. Sich mit verschiedenen Themen begegnen. Parallel zueinander Geschichten vorlesen und Menschen darstellen die andres tun. Am Ende die Tortur einer Supermarkverkäuferin.
gefallen: Ähnlich zum ersten aber doch anders. Schön war grade der Schluss, der eine wirkliche Intensität bekommen hat durch die übereinandergelegten Stimmen, Bewegungen und die Sinnbilder des Wegträumens der Verkäuferin (?) in Hintergrund. Man glaubt, dass die Figuren im Original auf der Straße recherchiert sind

3. Physisches Theater (Sarah Speiser/ Mukdanin Daniel Phongpachith)
gesehen: Viele, viele Menschen strömen wie Schafe auf die Bühne. Finden sich zu Grüppchen. Beginnen sich miteinander/ gegeneinander zu bewegen, variieren Körperthemen. Sie gehen zu Boden, neue Musik lässt sie erneut aufstehen. Schließlich gibt es eine Synchronisation eines Kampfes, ein endgütiges gemeinsames zusammenfallen zu einem Haufen. Einen gemeinsamen Aufschrei.
gefallen: Ich mag das sehr, wenn das Kollektiv in manchen Momenten zu Boden geht. Gemeinsamer Einsturz. Die schnellen Wechsel und vielen Unterschiedlichen Ideen waren schön, manchmal allerdings zu parallel, um wirklich alles aufzunehmen. Bei den Tischkämpfern dagegen haben wir sicher alle gelacht.

4. Blablabla. – Dialoge für das Theater erfinden (Laura de Weck)
gesehen: Eher gehört, ein kleines Stück über das Festival. Sieben Protagonisten. Acht Szenen. Eine kleine Liebesgeschichte, ein Lebensmitteldrogenskandal, Schauspielertypen, Großstadtarroganz, Intrigen, Festivalstimmung. Mit allem drum und dran.
gefallen: Lustig war es, Dinge wiederzuerkennen. Das Aufgreifen von Festivalthemen schafft Gemeinsamkeit. Das fehlende Salz, natürlich der hoch motivierte FZ-Reporter (definitiv die vielschichtigste Rolle). Ich mag sehr, wenn ein Text total für die Zuschauer geschrieben ist und deshalb umso lebendiger.

5. Das Sohlenmaterial der DarstellerInnen (Knut Jensen)
gesehen: Wenig, eigentlich nur zwei Szenen, immer wieder, darin aber sehr viel. Allein durch die Musikuntermalung jedes Mal ein komplett neues Bild. Der Blick in den Kopf eines Wassertrinkers und lachende Schauspieler bei Krimimusik.
gefallen: Was kann Musik? Ziemlich viel. Ein Voraugenführen der Mittel, grade bei dem vielem Einsatz von Musik in den diesjährigen Produktion sehr aktuell.

6. WortSpiel- Ein lyrisch-dramatisches Ewperimant (Katharina Bauer/ Barbara Pohle)
gesehen: Räume aus Papier auf dem Boden. Textfragmente gemeinsam und nebeneinander gesprochen. Eine Aggressivität. Ein Gefesseltwerden mit einem gemeinsamen Band. Entstehen eines Moments.
gefallen: das undurchsichtigste Produkt. Aber doch hat sich in den kurzen Minuten auf der Bühne etwas gezeigt. Der Text blieb irgendwo zwischen zart und aggressiv im Raum.

7. Something must go wrong! (Simone Neubauer)
gesehen: ein Haufen Spielleiter, die sich zum Horst machen, verschiedenes Darstellen. Miteinander spielen. Auch wirklich Spielen. Viele Momente zum Lachen.
gefallen: Ich hab gelacht, aber mich trotzdem nicht für blöd verkauft gefühlt. Das Waagehalten zwischen Komik und Ernst. Und natürlich eure Spielleiter, die sich auf die Bühne trauen. Auch das schafft Gemeinsamkeit, nachdem man euch ja so viel auf der Bühne gesehen hat.

Paulina sulla spiaggia: Spielen Sie sich mal den Wolf!

Foto: Jan Stroetmann

Die Bar. Eine Bar ist eigentlich in jedem Fall eine super Sache. Man kann sich auf einer Bühne auch sehr stilvoll betrinken. Hinterher hat jemand gesagt, dass die ja nur einmal genutzt wurde, diese Bar. Find ich nicht. Den ganzen Tag über war hier neben der Redaktion Krach, P14-Krach, schräger Krach. Als ich die Bar vor der Bühne gesehen hab, dachte ich: „Die ist nicht so hingeräumt und requisitiert worden, sondern: so hingetrunken.“ Und mit diesem Gedanken hat das Stück angefangen.

[Ich möchte dem Leser das Überfliegen dieses Textes daraufhin, wie das Stück jetzt einzuordnen ist, ersparen. Ich fand es verdammt super. Ich hatte wirklich richtig Spaß. Ich bin glücklich aus der Wabe gekommen.]

Man kann jetzt auch anfangen zu streiten, darüber ob die da selber verstanden haben, was sie reden, die Zusammenhänge von Texten, die Einordnung in einen Volksbühnen-Pollesch-Ton und Arroganz gegenüber dem Publikum, wenn man ihm die Möglichkeit nimmt, mitzukommen. Und ob Theater berühren soll. Hab ich aber keine Lust zu, weil ich fand es ja super. Und außerdem: sich selber nicht zu ernst nehmen, das ist das Beste. Und dann darf man auch alles. Das ist mein vollkommener Eearnest. Ach und ich konnte einfach Theater schauen, völlig egoistisch auf ein Stündchen eigenes Theaterglück bedacht. So wie an einem großen Haus auch. Dafür auch: Hut ab.

An vielen Stellen hat es mich an eine bestimmte Situation erinnert. Wenn man auf der Probebühne sitzt und Textbuch schreibt und vor einem ein Haufen Jugendliche sich zum gefühlten 100sten Mal an einem Text versucht. Und in dem Text gibt es Gefühl, aber auf der Probe grade nicht. Und alles verkommt zu einem schon hundert hundert Mal durchgekauten Kauderwelsch (nicht falsch verstehen, ich mag meine Arbeit aber manchmal da kann man sich halt nicht begeistern. Probenloch sozusagen.) und man denkt eigentlich bloß: „Verdammt, fangt doch mal an zu spielen!“ Einfach spielen. Begeisterung für schräges Zeug ohne große Zusammenhänge, für die Lust am Text, an der Sprache, Bademänteln und nicht so viel langsamer reflektierter inhaltsschwer versuchter Kram. Ich weiß nicht, wie ihr geprobt habt, P14, aber ich stell es mir spaßig vor. Und der Gedanke gefällt mir, dass ihr einfach spielt und Bock drauf habt. (Und es auch könnt: Sprechen, Präsenz, alles tiptop.) Darauf, den Kauderwelsch als Solchen zu nehmen. Wenn man will, kann man alles in Zusammenhang setzen. Deshalb hatte ich auch gestern nicht das Gefühl, nicht mitzukommen.

Und inhaltlich gesehen: auch YEA! Weil es trotz allem Witz wirklich zarte Momente hatte und wirklich gute Texte mit vielen schön verworrenen Gedanken. Die Terrorismusdiskussion ist so ein Theatermoment, den ich mir auf Proben wünsche, oder die Szene mit den Telefonen. Spielen. Wenn man in Berlin theaterspielenden Jugendlichen begegnet, dann laufen viele davon im ausgangslosen Vorsprechen-an-Schauspielschulen-Hamsterrad. Und denken und reden bloß davon. Und werden sehr gleich in ihrem Rundrennen. Das ist bloß eine Beobachtung. Grade deshalb war auch die Vorsprechszene für einen Ort wie diesen hier ziemlich lustig. Und der Monolog über die Freiheit, der war auch einfach wunderbar. Weil es eben so ein Zwischending braucht, einen Gedanken ernst zu nehmen aber auch nicht zu sehr. Und dann einfach bei ner Zigarette drüber reden.

Ich hab ja vorhin schon gesagt: Man kann sich darüber auslassen, man kann Leichtigkeit auch kaputt erklären. Ich schließe mit den Worten:

Ich will aber keine Kindheit, ich will Theater!

Aussteigen auf freier Strecke: Ein gesamtdeutsches Stück

Ich treffe einen aufgeweckten, zusammen gewürfelten Haufen aus sieben Berlinern an den pinkfarbenen Tischen unter dem Festivalzeltdach. Heute Abend spielen sie die „Mauerexpedition“. Ich frage, wie sie sich gefunden haben, was für eine Art von Stück uns heute Abend erwartet, wie es entstanden ist und was man vielleicht vorher wissen sollte, um besser mitzukommen.

Im Mai letzten Jahres sind einige von ihnen aufgebrochen um mit dem Fahrrad den ehemaligen Mauerstreifen abzufahren und dort mit der Kamera Interviews zu führen. Aus den Gesprächen mit Zeitzeugen unterschiedlichster Art ist eine Dokumentation entstanden. Dann wiederum wurden neue Leute am Jungen DT gesucht, um aus dem gesammelten Material ein Theaterstück zu machen. Das sei kein Problem gewesen, sondern spannend, sich neu zusammenzufinden und gemeinsam das Material zu entdecken. Jeder hatte die Möglichkeit, sich die Geschichten auszusuchen, die ihm gefielen und daran weiterzuarbeiten. Großer Zufall und großes Glück eigentlich, dass es sich nachher so gut zusammengefügt hat.

Gemeinsam haben sie noch weiter recherchiert, sind ins ehemalige Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde gefahren und haben die Interviewpartner noch mal wieder getroffen. Dabei waren alle Gruppenmitglieder gleichermaßen Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler. Es waren auch andere Formen für das Stück in der Diskussion, wichtig war ihnen, eine zu finden, in der klar ist, dass sie Vermittler zwischen der Figur – die es ja im Original als Interviewpartner gibt – und dem Publikum sein können. Dafür war diese „Laboratmosphäre“ genau die richtige. Heute fühlen sie sich sehr, sehr verbunden mit dem Thema und dem Stück.

Wenn sie sich für heute Abend ein Publikum wünschen dürfen, dann sollte dieses natürlich wach und interessiert sein. Das Stück sei auf jedem Fall eines, bei dem sich was öffnen könne beim Publikum. Für danach wünschen sie sich, dass keiner nach Hause geht, sondern alle im Festivalzelt bleiben. Zum Unterhalten, zum wirklichen Austausch. Sie würden auch die Gitarre wieder mitbringen. Der Mann mit der Volkspolizistenmütze sei auch auf jeden Fall sehr nett und lasse mit sich reden.

Aufgefallen sei ihnen noch, das man in diesem Mikrokosmos ttj kaum etwas von dem mitbekomme was in der Welt so vor sich ginge. Aber toll sei es hier auf jeden Fall, die Stückauswahl ist bunt und einen Unterschied zwischen den Berliner Jugendclubs und Schultheatergruppen aus kleineren Städten gäbe es keinen.

[Auch die FZ findet, dass der Aufforderung, wach um 20 Uhr in die Wabe zu kommen und auch so wieder rauszugehen, um im Festivalzelt Sause zu machen, unbedingt nachzukommen ist!]

Lieblingsmenschen – Und manchmal braucht man eben noch Schwimmflügel

Foto: Kamila Maria Smechowski

Foto: Kamila Maria Smechowski

Oh ja, das Stück gestern Abend gehört definitiv zu meinem Lieblingen auf diesem Festival. Es waren Lieblingsmenschen da: zweimal Anna, Sven, Jule, zwei Mal Lili, Phillip und Darius. Die Lieblingsmenschen zeigten viel von sich. Hautporen, Zahnzwischenräume und halb nackte Körper. Die Lieblingsmenschen vögeln miteinander, studieren Wissen oder Können, erzählen sich schlechte Witze, weinen voreinander, streiten sich und studieren. Und SMS schreiben sie auch noch. Immer zwischendurch ändert sich das Licht und die Musik, sie bleiben vor den Umzugskartons stehen, in denen ihr Leben verpackt ist und teilen sich in 160 Zeichen mit, dass die Welt doch nicht so schön ist, wie sie aussieht und man trotz dem ganzen „Leben“ manchmal nicht so richtig weiß, wohin mit sich. Die Studenten in Laura de Wecks Stück sind alle nicht so ganz heile, aber im Ablenken dafür ganz groß. Was soll man noch sagen, es ist ein kurzes Stück und es maßt sich auch gar nicht an, ganz großes Theater zu sein. Es ist ein Blick durchs Schlüsselloch und dabei ist es sehr warm und sehr persönlich. Es hat wunderbare Bilder, die mit der Kamera auf der Bühne eingefangen werden. Aber es verläuft sich nicht in diesen Atmosphären, sondern bricht sehr abrupt damit und wird so unserer schnelllebigen Zeit und den Figuren gerecht. Man mag sagen. es ist wenig Ich-fixiert, es stehen Figuren auf der Bühne, die sich gerne selbst dort sehen und inszenieren. Und auch der Blickwinkel geht natürlich von ihnen aus und manch ein jüngerer versteht wahrscheinlich diese doch sehr eigene Welt in Wortwahl und Humor nicht. Aber auch das passt zu den Figuren und macht sie lebendig. Denn die Lieblingsmenschen stehen vor uns da oben auf der Bühne und wir werden sehn, wo es mit ihnen so hingeht.