Autor Robert Stripling

Revolution der Parese – Gedanken zum Schluss

Mit den Worten, das Theatertreffen der Jugend sei eine Utopie, die gelingt, eröffnet Martin Frank das Theatertreffen der Jugend. Plötzlich wird die Revolution reloaded, während wir in der Redaktion noch über „Die Räuber“ diskutieren, klaut jemand mein gesamtes Hab und das auch noch gut. Die neu eingeführten Redezeit-Buttons werden beim ersten Nachgespräch von der Gruppe zunächst zu Körperschmuck degradiert. Im Spielleiterworkshop treten mittelalte Männer als sturköpfige Nerds oder verunsicherte Seppelhosen auf, während „Girls! Girls! Girls!“ ihnen die Penisse um die Wette aufbläst.

Es ein feministisches Festival, ein Aufbruch, der jedem Mauerfall zu Grunde liegt. Es geht ums Loslassen, ums Fallenlassen und Vertrauen, die unschuldige Diktatorin Anna Blume wird zu Grabe gepflanzt. Während aus lauter Angst die jungen Männer noch mit Hodenschmerzen und gebrochenen Beinen in umliegende Krankenhäuser gehamletet werden, beginnen Selbstauslöser uns ins Festival zu tanzen – wozu schöne Männer vom Himmel regnen und ihre Körper zeigen.

Ich persönlich bin das dritte Jahr hier. Jedes Jahr zieht sich eine nur still wahrzunehmende Dramaturgie durch die neun Tage, es passiert etwas, das mit Entwicklung zu tun hat, mit einem jeweiligen Problem, an dem gekämpft wird. Am Donnerstagabend entziehe ich mich, weil ich das Loslassen lerne und also praktizieren muss gleichzeitig. Ich höre mir in Berlin eine Lesung an, ich vergesse für einige Stunden das Festival, ich habe Angst, der Redaktionsleiter wird mir den Hals umdrehen. Auf dem Rückweg treffe ich in der Tram Leute vom Festival und sie wirken fremd auf einmal, sie wirken wie von einem anderen Stern, sie stecken in einem Kosmos, der so verrückt zu sein scheint, dass er die Wahrheit erkennen kann. Am nächsten Morgen begebe ich mich ebenso zurück, ich erkranke sofort, überall um mich herum brechen Schnupfen und Halsschmerzen aus, werden Tabletten geschluckt – das Festival ist ein Herd der Neurosen, ein Herd, der zu heilen versucht.

Ich beobachte, wie die Mädchen mit genau diesen und jenen Jungen flirten, es ist immer ein anderes Prickeln, ein anderes Schwingen und jedes Mal scheint es dennoch gleich zu funktionieren, jedes Mal ist es ein Schauspiel mit den gleichen Neurosen, die nach Freud sich durch Mütter und Väter regeln.

Ich habe dieses Jahr ein sehr feministisches Festival erlebt, ob in den Gesprächen, ob in den Stücken. Ein Mauerdurchbruch einer Generation, für die Gleichberechtigung kein Fremdwort mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, die praktiziert wird – die rote Farbe aus der Revolutionsfahne ist in die Tische Dänemarks gewandert.

Ich erinnere mich an das Jahr 2009, damals hat der Tod der Überväter eine Rolle gespielt. Diese haben wir heute überwunden, ihre Einstellungen zu Frauen, ihre Ansichten zu Beziehungen. Der Joghurt, den wir löffeln, wird kaum mehr diskutiert – 2009 war das ein großes Thema gewesen – stattdessen werden wir stilfrei und tanzen freistil. Der Tod hat 2009 eine Rolle gespielt, fast in allen Stücken ist er vorgekommen. Heute läuft die neue Chefin vons Janze schwanger über das Festivalgelände und wir sind bereit, unsere Ansichten neu zu gebären.

So gesehen hat Martin Frank recht behalten: Das Theatertreffen der Jugend ist eine gelingende Utopie, der Gedanke an eine Kommune, die zusammenkommt, um eine Entwicklung zu durchlaufen, die durch die Welt da draußen hindurchgeht, ihr in Geschwindigkeit voraus ist. Natürlich wehren sich unsere Körper. Natürlich brechen all unser Ekel und all unsere Besessenheit nach den althergebrachten Regeln unsere Eltern ein weiteres Mal auf.

Doch am Ende machen wir den Zuschauerraum zur Tanzfläche, wir stampfen die Fläche durch, die uns auf die Ohren gehauen hat, wir schauen wieder auf, wir trauen uns, loszulassen und verlieren uns nicht. Es ist kitschig zu glauben, dass es funktioniert, aber – so ist es.

Aussteigen auf freier Strecke: Ausgestiegen auf freier Strecke

Foto: Jan Stroetmann

Voller Begeisterung hätte ich gerne gestern Abend zugeschaut. Aber, um ehrlich zu sein, liebe DTler – und das mag ich versuchen zu sein –, gestern Abend hat Euch jegliche Körperspannung und Artikulationsluft gefehlt, um mich mitzureißen. Und auch, wenn ich davon absehe und nur das Thema und Eure Mittel betrachte, bleibe ich ratlos mit der Inszenierung.

Zunächst weiß ich nicht, was Ihr mir erzählen wolltet. Soll heißen: Warum ist es gerade die DDR, mit der sich diese sieben jungen Menschen auseinandersetzen? Nicht nur welche Meinung, sondern auch warum ihr sie mir artikuliert, hätte ich gerne erfahren. Wenn zwei Figuren als Flüchtlinge über den Tisch klettern und dann aufatmen: „Wir haben es geschafft!“ dann denke ich daran, dass an dieser Mauer Menschen erschossen wurden und Eure Tischszene im Grunde zwischen Frechheit und Naivität auseinanderfällt. Das Erschießen wurde auch thematisiert, ja, aber es wurde nicht verbunden mit der Szene, die begleitende Angst kam nicht rüber. Und selbst, wenn es keine realistische Darstellung sein sollte, so fehlte mir die klare Positionierung zum Nicht-Realistischen. Ich stelle mir vor, dazu muss es in größtmöglicher Übertreibung ironisiert oder gebrochen werden.

Konkret heißt das: Körperspannung und Bewusstsein für das Ziel der Szene, sowie ein Verständnis für das Ironische in ihr. Klar war mir gestern Abend nicht, was Euer Spielkonzept ist. Wann habt Ihr Sachen ernst gemeint? Gab es Szenen, die ernst gemeint waren? Wenn ja, welche? Und warum? Gab es Szenen, die nicht ernst gemeint waren?

Eure Mittel waren mir nicht klar. Zu sehen waren eine Projektion vom Tageslichtprojektor, eine Videoprojektion mit Mauerschiebenden, zahlreiche Zettel mit Notizen und Fragen im Raum verteilt – aber das Stück hat das alles nicht gebraucht. Das Stück und auch ein bisschen Ihr als Spieler standen neben den Requisiten und haben diese Museumslandschaft in einem scheinbar zufälligen Kontinuum bespielt.

Viel interessanter hätte ich gefunden, was IHR mir zu sagen habt, was Euer Anliegen ist, DDR- und BRD-Bewohner wieder aufleben zu lassen bzw. ihre heutigen Ansichten nachzuspielen. Vielleicht wisst Ihr es, aber gestern kam nicht rüber, was zum Lachen, was zum Weinen und was zum Wütendsein gedacht ist. Ich habe Eure Positionierung nicht sehen können und somit hat mir schnell die Motivation gefehlt, Euch zu folgen.

girls! girls! girls!: “You never walk alone”

“You never walk alone” knallt auf den Amboss in meinem Ohr, F.A.-Cup-Finale zwischen Liverpool und Man City, 80.000 Frauen heben die Fäuste und donnern los, was das Zeug hält. Während ich noch sitze gestern Abend, habt ihr den Schwanz mir aufgeblasen bis ich geplatzt bin, mir die Eier abgeschnitten und sie Loriots berühmte viereinhalb Minuten und dann hart gekocht. Liebe kommt und kommt.

In meinem Kopf läuft parallel eine Inszenierung von unbekanntem Regisseur ab, “Boys, boys, boys”“ zeigt Männer in Röcken, die sich schminken, die sich Ohrschmuck und Seidenschals umhängen und trotzdem nicht schwul sind – weil es darum gar nicht geht.

Diesen Traum, ich kenne ihn, ich hänge mir Pappschilder um, wenn ich zu Hause vorm Spiegel stehe, dann bin ich Klaus Kinski, Michael Jackson, Henry Miller und David Bowie. Ich weine vor dem Spiegel, wie ich geweint habe auch, in den letzten Minuten gestern Abend. Ich weine um den Traum einer unerfüllbaren Liebe, einer nicht zu erreichenden Wirklichkeit und plötzlich weiß ich: Immer will ich der Andere sein, immer gibt es eine neue Verwirklichung, kaum habe ich etwas erreicht, muss ich fliehen.

Manchmal denke ich, ich werde fünf Tage, sechs, sieben Tage nicht aufs Klo gehen, um annähernd zu wissen, wie es ist, eine Melone auszuscheiden. Ich möchte mit Euch pressen, schreien, möchte mit Euch tanzen und dann wieder habe ich Hunger auf Heimat, auf Bleiben und Vertrauen. Schlagsahne steht auf dem Kaminsims, weil sich Helmut und Liselotte im zweiten Frühling gerne abends noch einseifen. Ob es möglich ist oder ein Traum bleibt?

Ihr habt gesungen vom Loslassen, vom Fallenlassen in die Arme der Anderen, vom Ficken – hemmungslos ficken und dabei man selbst bleiben.

Als Eure Lederstöckel den Boden bequietschen, denke ich an einen Knebel aus Latex, der einer Person in den Mund eingeführt wird, um sie am Reden und Schreien zu hindern. In meinem Kopf habt ihr Bilder ausgelöst: Wann steigt endlich weißer Rauch über dem Vatikan auf, während alte Säcke rufen: „Habemus Mamam“?!

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
Der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.

Ave Maria, in deinem weißen Kleid betrittst Du die Spielbühne, die Rasenfläche und legst den Ball auf dem Elfmeterpunkt. Niemand kann Dich halten.

Essay zum Schluss – Der Tod der Identität

Foto: Maria Hennig

Foto: Maria Hennig

In «Immer spielt ihr und scherzt» ist mir die Figur des Todes aufgefallen – ein Auftritt, den ich sehr kritisch betrachten musste. Frage ich mich nicht nach der inhaltlichen Begründung für den Bruch, der durch einen klar definierten Auftritt des Todes – zwischen schwarzer Witwe und dirndelndem Mädchen – zu Stande kam, so hinterfrage ich seine energetischen Strukturen, jenseits seiner formalen Rechtfertigung. Sicherlich ließe sich sagen, der Tod sei etwas Jenseitiges, etwas, das das (Spiel-) Konzept des Vorigen bricht. Jedoch warum habe ich den Eindruck, dass sich die zuvor entwickelte Spannung und Energie der Spieler zur Impotenz, fast Passivität reduziert? Auch hier ließe sich argumentieren, dass das nun mal die Aufgabe des Todes ist: das Töten. Jedoch: Mich machen Spielanlagen dort skeptisch, wo sie dem Einzelnen Energien blockieren, ob merklich oder nicht.

Topinambur – Messerschnitt durch Raum

Foto: Skarlett Röhner

Foto: Skarlett Röhner

Denke ich an den gestrigen Abend zurück, so blieb mir vor allem die Perspektive auf die Bühne in Erinnerung. Ein Catwalk durchschneidet den Raum, von meiner Seite aus gesehen rechts gibt es noch eine Bühne mit einer Leinwand. Das spannende an dieser Perspektive: Ich betrachte die ganze Zeit auch das Publikum auf der anderen Seite und mir kommt es so vor, als würde ich in einen großen Spiegel schauen und meine eigenen Reaktionen sehen.

Gleichzeitig fühle ich mich getrennt und konfrontiert. Das Stück handelt von Trennung und Konfrontation – Abnabelung vom Elternhaus. Mir scheint es, als nehme das Bühnenbild diesen Schnitt ebenfalls vor.

Publikumsraum ist für mich immer der Raum, in welchem die Emotionen des Zuschauers stattfinden. Wenn ein Schauspieler den Publikumsraum betritt, dann hebt er die Trennung zur Bühne auf und macht es möglich den Zuschauer emotional stärker zu fesseln, weil er in seinen Raum eindringt.

»Tapinambur« gelingt das natürlich nur soweit, als dass es eine Bühne im konventionellen Zuschauerraum etabliert. Von dort aus wird nicht noch zusätzlich in das Publikum gegangen.

Ich denke, die Nutzung des Bühnenraums in »Tapinambur« war mit wesentlich formale Artikulation der Thematik: Neben dem oben erwähnten Schnitt, der die Trennung zum Zusammengewesenen darstellt, war die Bühne auch Catwalk einer Plastikgesellschaft – neue Möglichkeit, einer Jugend, die von Eltern, Therapeuten und Telefonansagen nicht mehr verstanden, wenn überhaupt wahrgenommen wird, sich zu zeigen.

Bürgen schafft! – An die Oberstufentheatergruppe des Ludwigsgymnasiums

Liebe / r
Aniko, Anja, Anna, Benjamin, Caroline, Christine, Christoph, Claudia, Eduard, Florian, Johanna, Julia, Katharina, Lukas, Marion, Marlene, Matthias, Milena, Patricia, Patrick, Stephan, Susi, Tobias, Uli, Dimitri, Matthias, Maximilian, erster Patrick, zweiter Patrick, Tim, Tobias 2, Karlheinz, Charlotte, Tobias 3 und Julia 2!

Vielen Dank für den Abend gestern – das war ziemlich genau meine Geschwindigkeit, eine, in der ich Handlung noch verarbeiten kann, während sie passiert. Viele der Theaterstücke, die ich in letzter Zeit gesehen habe, leben nur noch davon, dass sie sich auf einen Versuch der Tempokonkurrenz von Kino und TV einlassen, anstatt sich dem Zauber des Anhaltens zum genauren Betrachten zu bedienen.

Ich habe mich gestern Abend keine Sekunde gelangweilt, weil Ihr euch eurer Mittel sehr bewusst ward – es geschafft habt, Spannung zu halten, nie die Nerven zu verlieren, sondern im Gegenteil, euch gegenseitig zum Zweck des verabredeten Rhythmus´ gedient habt.

Generell war das Verständnis für das Erzählen von Akustischem hoch, ob Kaffeemühle, Bürsten, Schritte – als Geräusche nie für sich stehend, sondern sich dem Bild verpflichtend und dieses überhaupt unersetzlich ermöglichend.

Nochmals vielen Dank für dieses Geschenk an alle Synästheten und solche die es werden wollen.

Euer,
Synästheten-Robert