Autor Olga Galicka

Immer spielt ihr und scherzt! – Schicksalsspielchen

Dave Großmannn

Foto: Dave Großmannn

Ahja, das war doch schön gestern. Und obwohl ich schon total müde von der ganzen Woche Zu-spät-ins-Bett-Gehen war, ließ mir das Stück gar keine Wahl, als wach zu bleiben.

Die Schweriner hatten Spaß auf der Bühne. Sie waren eingespielt und vor allem waren sie facettenreich. Das Schöne war, dass man während der Vorstellung überall hinschauen konnte und überall hätte man was anderes entdeckt. Einerseits war da Lobkowitz, eine kuriose Gestalt, die sich ein Podest baut, ein eigenes „Gottesreich“. Trotz seines passiven Daseins hat Lobkowitz wirklich viel im Stück ausgemacht. Er hat das ganze Stück beobachtet und seine eigene Rolle in diesem Gerüst-Universum gespielt. Vielleicht hätte er etwas ändern können. Vielleicht hätte er den Gang der Dinge aufhalten können. Aber der von Hitler eingenommene Schlomo hat einfach vergessen nachzusehen, ob er noch da ist. So lehnte er sich in seinem Thron zurück und betrachtete alles in Ruhe. Indem er nichts tut, nur betrachtet und Schlomo genau wie Hitler ihren eigenen Entscheidungen überlässt, wird er tatsächlich zu Gott. Die wahrscheinlich meistgestellte Frage ist, warum Gott so etwas wie Völkermord und Krieg zulässt. Und die Antwort ist immer die gleiche: weil es immer unsere Entscheidungen sind und diesen würde uns Gott überlassen.

Andererseits waren da Schüttler und Schlomo – alle unterschiedlich. Ihre verschiedenen Facetten und Stadien waren einerseits erkennbar, andererseits nicht total offensichtlich (aber das war ja gut so! Man braucht ja nicht immer den Holzhammer, um einem etwas vermitteln). Das Paar Schüttler-Schlomo war nicht weniger interessant. Jedes von ihnen war anders. Die Bewegungen, die ganze Plastik und vor allem das Verhältnis. Der eine Schüttler schmiegte sich an Schlomo, um getröstet zu werden, während der andere die Berührungsangst nicht ganz überwinden konnte.

Topinambur – Dein Reich ist eine Tankstelle

Sauberes Spiel. Passende Musik. Super Technik. Super Witze. Einige super Stellen. Der Sinn dahinter? Naja.

Sagen wir mal es ging um das Erwachsenwerden. Sagen wir es ging um die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sagen wir es ging um den Medieneinfluss, um Technoschlampen, die Not Gonna Get Us auf Russisch singen, sagen wir es ging um merkwürdige Kindheitsfreunde, um die CIA, attraktive Jungs, Geschlechterkampf, Zukunftschancen, Juso Revolution, Legosteine, kleine Rotzgören, nervige Warteschleifen, die einen dazu agitieren mit jemanden zu schlafen, um paraglidende Therapeuten, um Selbstverletzung, unhöfliche Gäste und nervige Gastgeber und natürlich um gewisse Korbblüter. Und ich so: Häh?

Ich hatte ziemlich schnell begriffen, dass das Ganze weder Handlungsstrang noch Höhepunkt hat. Ich sollte mich in einer der Miniaturen wieder finden, etwas Eigenes und Persönliches sehen, etwas über mich lernen. Ob man das getan hat, darüber lässt sich streiten. Das wird jedermanns eigene Sache sein. Das Konzept ist gut. Es muss nicht immer klassisch zugehen. Doch anstrengend wars trotzdem. Ganz nachvollziehen konnte ich’s nicht, habs auch nicht verstanden. Es gab keinen Höhepunkt und irgendwann wurde es anstrengend, weil man nicht erkennen konnte, wo das Ganze hinführen sollte oder wo man sich gerade befindet. Und wenn eine Szene auf die Nächste trifft ohne Zusammenhang und das 70 Minuten lang, dann wird man leicht ungeduldig.
Schön wars trotzdem. Und lustig. FZ-Redaktion hat fleißig Sprüche mitgeschrieben. Auch die Schauspieler waren auf der Höhe. Es wude viel ausprobiert. Gelacht. Gelabert. Mitgeschrieben. Warum nicht. Dass ich es nicht verstanden hab, liegt an mir. In other words -…

Familiengeschichten – Ein Fest vom Feinsten

Foto: Maria Hennig

Foto: Maria Hennig

Ich hatte gestern gute Laune. Ich hatte gestern richtig gute Laune. Und soviel gelacht habe ich schon seit Wochen nicht mehr. Im Zelt wurde getanzt. Und gegrinst. Und gelacht. Und sogar ordentlich geflirtet. Was war passiert?

Das gestrige Stück war vor allem ein Eisbrecher. Die letzten drei Stücke waren harte Kost. Folter, Tyrannenmord, Amoklauf. In „Familien-geschichten“ war alles locker flockig. Nicht, dass es keine ernsten Elemente enthielt, aber die Komik und der Witz haben jegliche Traurigkeit und Bedrücktheit überschattet. Im positiven Sinne natürlich. Das ganze war wie eine bunte Feier, ein lustiges Treiben, ein Musical, beinahe sowas wie Stand Up Comedy. Jede Miniatur wurde ad absurdum geführt. Und wenn auch manchmal Aussagen nicht ganz konsequent erschienen, so hat es in sich nicht gestört. Schließlich handelte es sich um Dystopyen. Klischees, die man durchbrechen wollte, indem man aufzeigt, wie schwachsinnig sie sind.

Verdammt scharfzüngig war das ganze auch. Ich habe die ganze Zeit mitgeschrieben. Ein Zitat übertraf das andere. Mein persönlicher Favorit war die Szene mit dem verschwundenen Vater. „Ich war Zigaretten holen. Und dann bin ich ausgerutscht und habe mein Gedächtnis verloren“, war einfach zum Schießen. Und provokant war das Ganze auch. „In Deutschland verbrennt man keine Bücher“, da mag der eine oder andere gestutzt haben, doch ehe man fähig war, etwas zu sagen kam der provokante Nachtrag: „Ok, nicht mehr“.

Peanuts – Psycho-Prügel

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Foto: Skarlett Röhner

Gestern Abend war schwierig. Schwieriges Thema. Schwierige Umsetzung. Schwieriges Stück. Auch schwer, darüber zu reden. Die Stimmen zum Stück musste die FZ aus dem schweigsamen Publikum regelrecht rausprügeln. Und wenn wir schon beim Prügeln sind: Geprügelt wurde gestern viel.

Ich fühle mich gewissermaßen auch verprügelt. Was der Jugendclub des Hans-Otto-Theaters da skizziert hat, ist eine beängstigende Zukunftsvision. Und wenn ich sagen würde, dass mich der zweite Akt kalt gelassen hat, dann würde ich lügen. Ein paar Mal musste ich mir doch auf die Nägel beißen und meine Hände kneten und die Augen aufreißen. Nicht, weil ich brutale Foltermethoden gesehen habe. Sondern, weil diese eben nicht da waren.

Erschüttert hat mich die Erniedrigung auf der psychischen Ebene. Das dringende Bedürfnis der Gefängniswärter, ihre Frustration über die eigene mittelmäßige Lebenssituation, durch Machtausüben über die Macht- und Wehrlosen vergessen zu machen. Sie sind nur ein unbedeutendes Glied in einer Kette, dass sich aber traurigerweise darüber definiert, die Massen unter ihnen fertig zu machen. Die Gefangenen sollen singen, Tiere spielen, die Untergebenen des Königs mimen.