Autor Micha Huff

Testosteron: Durchblick aufs Theater

Foto: Dave Grossmann

Strange what love does, oder? Geträumte Solo-Sexfantasien zu viert muss man erstmal zeigen, ohne dass es albern ist. Die Choreografie mit den Liebesaktpositionen bei „Testosteron“ war aber so unprätentiös und würdig gespielt, dass selbst in unserem notorisch heiteren ttj-Publikum (fast) nicht gekichert wurde. Zwei Freunde also, die dieselbe Traumfrau wollen. Der eine ist sich seiner Bedürfnisse und Vorlieben durchaus bewusst und kann auswählen, der andere ist der sympathische Underdog an der Morgenröte zur Mannheit.

Aber zugegeben, die Story ist schnell erzählt. Erst das Testosteron, dann die Endorphine. Herz gebrochen, Stück vorbei. Das ist schon eher nichtig, jedenfalls allgemein und allgemein bekannt. Der Plot war wirklich so unspezifisch, dass er durchsichtig wurde. Und das legte den Blick frei auf das bloße Theater hinter der Pubertätsstory: ein sehr gut anzusehender theatraler Werkzeugkasten.

Abgesehen von dem puristischen Roll-Paravent war alles transparent. Die Bühne war von Anfang an voll bestückt mit allem, was man brauchen würde. Sogar beim Musikmachen konnte man zusehen. Im Ergebnis ein wenig holprig, aber toll mitzuerleben fand ich das Herstellen eines Tracks aus seinen musikalischen Bestandteilen. Das war auch eine Metapher auf den Theaterprobenprozess, wo eben Schicht auf Schicht Ideen kombiniert werden, bis man eine Szene hat.

Nach überbordenden und mitarbeiterstarken Produktionen wie Don’t Cry for Me, Baby oder Liberation Is A Journey bot die Bescheidenheit der Frankfurter Inszenierung ein überzeugendes Kontrastprogramm. Hier war alles einfach, klar und Marke Eigenbau. Ein kleines, feines Stück.

Blaubart: Gut sein, ohne es zu wollen

Foto: Dave Grossmann

Gymnastik und Reden: schön, aber unspannend

So wie nach jedem Stück habe ich mich auch gestern Abend gefragt, was Theater eigentlich sein soll. Tut mir leid, ich kann nicht anders. Und dann denk ich so vom Kleinen ins Große und wieder zurück. Zum Beispiel das: Kunst muss keine Fragen stellen, Theater muss keine moralische Anstalt sein. Bei der moralischen Wichtigtuerei, die man auf dem Theater bisweilen sieht, geht es oft genug um nichts anderes als um die Verwertungslogik von symbolischem Kapital, um das Machtinteresse des Sprechenden und nicht um die eigentliche moralische Frage. So sehe ich es immer, wenn Theater sich einen Weltverbesserungsauftrag anmaßt.

Reicht es nicht vielleicht, wenn es einen Weltverschönerungsauftrag erfüllt? Gerade da gestern Abend alles so hübsch war und wirklich gut gespielt wurde? Acht Darstellende, die alle eine Aura umgab, die alle schön waren und echt was konnten. Das hat mich auf jeden Fall glücklich gemacht. Aber wenn ich es jetzt dabei belasse, einfach l’art pour l’art und gut so, dann wird das Schöne leider sofort hässlich und droht mit einer Klage wegen unterlassener Sorgfaltspflicht. Also bitte ran an die Substanz.

Das Experimentieren, also der paradigmatische (und klischeehafte) Weltbezug der Jugend, war strukturgebend für das Stück; schon vom ersten Satz des Abends an: „Ich rauch ja gar nicht, ich tu nur so.“ Rauchen als erster Versuch des Erwachsenseins (qua Auflehnung gegen das Verbot und qua Adaption der Handlung) und So-tun-als-ob in der künstlichen Situation des Theaters, sozusagen unter Laborbedingungen. Die Dramaturgie war selbst auch experimenthaft (nicht zu verwechseln mit experimentell): Eine sechsstufige Versuchsreihe mit den Determinanten Frau und Heinrich. Mit dem Hereinrollen der roten Kiste (der kurze Auftritt der feengleichen Wissenschaftlerin?) wird der Stimulus gesetzt und los geht’s. Die Turnhalle setzt diesen Ansatz dann in ein Setting um. Schließlich ist sie ja auch eine artifizielle Umgebung, um mit Fertigkeiten des Körpers zu experimentieren.

Lediglich des Körpers? Nein. Das Motto war doch Gymnastik und Reden. Es ging natürlich auch um Gefühle, Gedanken und vor allem um Geschichten. Jeder hat sein Anekdötchen, seine Innerlichkeit zu erzählen: „Eis ess ich immer nur im Zoo. Da war ich zuletzt mit sieben.“* Oder die Entjungferung durch den Bruder, das Summen der Träume, die Sehnsucht der Prostituierten – für mich auch immer wieder die Geschichte, dass Erfahrungen sammeln, Experimente machen, eben seine Untiefen hat und man dabei sich selbst und andere durchaus in Gefahr bringen kann. Spannend eigentlich, aber gestern doch oft bloß eine Nummernrevue der Befindlichkeiten, verziert mit guten Texten und aufgepeppt mit einer Prise Mord.

Ich finde: Ein derart überzeugendes Ensemble und ein gespanntes und spannendes Publikum sollten sich nicht an einen solchen Jahrmarkt der Belanglosigkeiten verschwenden.
Micha

* Variation bei Woody Allen: „Seit ich nicht mehr rauche, bin ich ziemlich nervös.“ „Wann hast du aufgehört?“ „Vor fünfzehn Jahren.“

Don’t cry for me, baby: Aus meinem metaphysischen Nähkästchen

Foto: Dave Grossmann

Mein schönster Augenblick im Stück war ja, als der eiserne Vorhang, auf den man vorher einen Kreuzesschein geleuchtet hatte, sich hob und den Blick freilegte auf den Ort, von dem aus eigentlich Gott schauen müsste – aber da ist keiner. Nur weite Leere, für jede Transzendenzprojektion vonseiten der Zuschauer mindestens ein leerer Sitz. Für mich die Einlösung einer wirklich starken romantischen Tragik: Der eiserne Vorhang als versteinerter Himmel einer immer wieder niedergeschmetterten Gottessehnsucht. Das war eine kleine Apokalypse, die ich mir da erzählt wurde.

Und das ist für mich das bittere Szenario, vor dem ich mir das zeigen lasse, was als harmloses Unterhaltungsstück angekündigt wurde. Hier wird es schon langsam schwieriger. Was ist eigentlich Unterhaltung? Michael Haneke (der Österreicher mit den fiesen Filmen) hat mal in einem Interview gesagt, Bachs Matthäuspassion sei auch Unterhaltung. Aber eben nicht Zerstreuung. Der Unterschied: Unterhaltung tut dem Menschen gut, während Zerstreuung hochabsichtlich von dem ablenkt, was dem Menschen hochabsichtlich schlecht tut. Sie ist also dann etwas Schlechtes, wenn sie von eigentlich lokalisierbaren und deswegen veränderlichen menschlichen Zuständen ablenkt. Unterhaltung dagegen wäre etwas Gutes, wenn sie von leidvollen menschlichen Konditionen ablenkt, an denen wir nichts ändern können. Zum Beispiel, dass Gott tot ist – und auch wir es irgendwann sein werden. Hundertprozentig.

„Romeo und Julia“ ist für mich eine dieser prototypischen Geschichten („Kabale und Liebe“ ist die andere), in denen es darum geht, dass zwei Leute einander lieben, gegen den Lebensüberdruss, gegen das Unbehagen. Woher das Unbehagen kommt, ist dann die Kontrastfolie, die story- oder interpretationsabhängig ist. Zum Beispiel was Politisches: Liebe gegen die Ausbeutung der Massen. Oder eben metaphysisch, so wie ich gestern. Wenn Gott sowieso tot ist und am Ende auch die Liebenden sterben, ist das doch Grund genug, mit allen Mitteln dagegen anzugehen. So verstehe ich jedenfalls diese gierige gute Laune, das üppige Kitschbüfett und die Fleischtöpfe theatraler Effekte, die die Chemnitzer uns auftischten.

So gesehen leuchtet mir auch ein, wieso immer so laut geschrien werden musste, wieso man nicht innehielt, wieso beim Küssen das Licht durch den Kunstnebel scheinen musste und laute Musik vom Band lief oder gemacht wurde oder beides. Mit den Tanzchoreografien auf den Partys tanzten sie sich über eine tiefen Abgrund. Klar, einige Geschmacklosigkeiten waren echt überflüssig. Aber was passiert, wenn die Zotenmaschinerie einmal stillsteht und kurz Ruhe einkehrt, sah ich ja, als Paris in einer verzweifelten Szene sein therapeutisches Pralinenmampfen aufgibt, Julia mit der Schokolade bewirft und dann zusammenbricht.

Bloß hab ich wohl ein Stück gesehen, das gestern gar nicht wirklich auf der Bühne war. Wenn die Chemnitzer mir jedenfalls ganz absichtlich meine Geschichte vom Anlieben gegen das Übel und von dessen tragischem Scheitern hätten erzählen wollen, dann wäre das sicher noch deutlicher markiert worden. Aber ich glaube, nur indem sie es nicht gewollt haben, hatte ich meinen Moment.

Mutter Kuhranch: “Lass mich ma’ selber, Pa!”

Foto: Dave Grossmann

Nicht Aristoteles besiegte Brecht, sondern irgendwas Anderes sich selbst

Riesenensemble, Riesenbühne, großer Text und gutes Spiel. Dabei auch nicht einfach: mehrere Ebenen, Handlungsverwebungen, Spiel, Video, Musik. Und doch überwogen hinterher im Foyer die ratlosen Blicke die einverstandenen, die zweifelnden die begeisterten. Mir schien es jedenfalls so. Und mein Unverständnis entwuchs, glaube ich, (kurioserweise) nicht dem Nicht-Verstehen, sondern so was wie dem Gegenteil.

Vieles von dem, was ich zu kritisieren hätte, könnte man ausstechen, indem man sagt: Naja, war ja Absicht. Dass die Witze so abgetötet vom Blatt kamen wie die Musik vom Band, war so, weil man eben nicht unterhalten will. Ähnlich lassen sich die holzschnittartigen Figuren rechtfertigen – schließlich will episches Theater keine Psychologie auf der Bühne und keine individuellen Personen, sondern Typen in kollektiv geteilten Lebenslagen. Der lahme Rhythmus und das Verschleppen von Anschlüssen dienen zuletzt wie alles der Distanzbildung…

So könnte man weiterargumentieren bis hin zu der schulmeisterlichen Reflexion von den rot-blauen Meta-Matten: Hier soll nun aber der implizite Zuschauer den expliziten (mich) ausstechen und das ist genau der Punkt, an dem ich bockig werde und nicht mehr mitmache. Dann kippt alles, von dem ich bis dahin noch glaubte, dass es mir vielleicht ein Angebot machte, in hässliche und peinliche Posen. Dann ist sie plötzlich da, die Blödigkeit der Bühnengewalt, wenn Kattrin per Schuss aus dem Off exekutiert wird; die Albernheit der Schenkelklopferscherze, wenn vier Jungs eine Rittpolonäse in Zeitlupe zeigen, bis auch die letzte Reihe nicht mehr lacht; die leichtfertige Besserwisserei, wenn Aristoteles mal eben mit den zwei Schlagworten „Furcht“ und „Mitleid“ herbeizitiert wird.

Soll das dann die Pointe des Stückes gewesen sein? Dass Brecht sowieso nicht funktionieren kann, weil man eben immer etwas empfindet, wenn Menschen auf der Bühne sterben etc.? Ich finde das wenig relevant. Wenn ich gestern Abend Furcht oder Mitleid empfand, dann hatte das wenig mit Brecht und/oder Aristoteles zu tun. Eine Katharsis hatte ich aber trotzdem gerade!