Autor Lydia Dimitrow

Am Tackern

Tackertackertackertacktackertackertacktacktack – Ja, liebe Festivalhasen und –kaninchen, die FZ läuft wieder rund für euch, an unserem Redaktionstresen, hinter den Monitoren, vor dem Kopierererererer. Da wird geschrieben und geklebt und gefaltet und getackert, und pünktlich zur Dinner-Time (französisch für „evening meal“) haltet ihr die Ausgabe des Tages in den Händen, bisher in revolutionsrot, integrationsgrün und romantikrosa, und erfahrt aus allerverlässlichster Quelle, WAS SO LÄUFT. Hinter der Bühne, auf der Bühne, in den Köpfen und in den Herzen. Filmemacher David Holdowanski, Shooting Star der Wilmersdorfer Untergrundszene, hat die schönste Phase des Produktionsprozesses hier festgehalten. Genau so sieht es bei uns aus – wenn der Buffetgeruch schon in die Redaktionsräumlichkeiten einströmt und die Klimaanlagenbrise das Papier aus dem Kopierer weht. Lasst euch also inspirieren und seid doch beim nächsten Mal vielleicht live dabei, wenn es heißt: It’s Tackertime, bunny.

PS: Aus Rücksicht auf unsere Festivalteilnehmer mit Herzrhythmusstörungen oder Epilepsie-Problemen wird dieses Video hier nur in Zeitlupe gezeigt.

Die eigenen Worte

Ein Essay zum Autobiographischen

Man sieht es auch an der Statistik des diesjährigen ttj:116 Bewerbungen, davon 28 Textrealisationen, 29 Textadaptionen, 59 Eigenproduktionen. Die Zukunft scheint im Jugendtheater nicht „Antigone“, „Kabale und Liebe“ oder der „Hamletmaschine“ zu gehören, sondern den Eigenproduktionen. Also Stücken mit eigenem Text. Und das scheint auch einleuchtend: Im Jugendtheater wollen die Spieler von sich erzählen, von Dingen, die sie bewegen. Und das geht oft am besten in den eigenen Worten. Aber was heißt eigentlich: in eigenen Worten?

Texte für Eigenproduktionen können im ganz klassischen Schreibprozess entstehen; jemand sitzt an einem Tisch oder in der U-Bahn, vor einem Computer oder einem Notizblock mit Eselsohren. Texte können auch bei den Proben entstehen, durch Improvisation, Brainstorming, Gruppenarbeit. Und dann gibt es noch eine andere Form: Man spricht mit den Spielern über sie selbst. Einzeln oder in Gruppen, formlos oder in Interviews, man nimmt auf oder schreibt mit. Es geht um Träume, Wünsche, Ziele, Erfahrungen; um das eigene Leben, die eigene Biografie, die eigene Sicht auf die Welt. Was gesagt wird, wird zum Theatertext. Bei den Proben oder durch den Dramaturgen. Und dann ist der Zuschauer mit Texten konfrontiert, die er nicht nur glauben soll, weil sie ernst gemeint sind, sondern auch noch, weil sie wahr sind, echt, autobiografisch, authentisch.

„Man kann alles erzählen, nur nicht sein eigenes Leben“, lautet ein berühmtes Max-Frisch-Zitat. Und wenn man aber genau das versucht? Das eigene Leben zu erzählen?

Vielleicht könnte man es auch so formulieren: Man versucht in einem fort, das eigene Leben zu erzählen. Mit jedem Satz, jedem Blick, der gewählten Kleidung, jeder ausgedachten Geschichte; ständig versucht man, etwas über sich zu erzählen, andere davon zu überzeugen, dass man so und so ist und dieses und jenes erlebt hat. Wenn man genau das auf die Bühne transportiert, entstehen vielleicht zwei verschiedene Effekte.

Es gibt Zuschauer, die diese Offenheit, diese versuchte Ehrlichkeit der Spieler berührt, weil eine emotionale Bindung entsteht, wenn eine Geschichte gar nicht ausgedacht ist, sondern wirklich passiert ist. Die gespielten Emotionen werden plötzlich leichter nachempfunden. Vielleicht kann also so Vermittlung von Inhalt unmittelbarer, eindrücklicher erfolgen.

Aber es gibt auch Zuschauer, bei denen sich gerade an dieser Stelle dieses ganz große Misstrauen einstellt: Man kann doch gar nicht erzählen, was wirklich passiert ist, sowieso nicht, und dann noch weniger in der Kunst, auf einer Bühne. Also da, wo alles geprobt und ausgefeilt wird, verkürzt und verdichtet, mit Gesten und Requisiten ausgestattet, mit Dingen in Beziehung gesetzt, mit denen es ursprünglich natürlich nicht in Beziehung stand. Aber andernfalls wäre ja keine Interaktion möglich.

Wo sich vielleicht die verschiedenen Zuschauer einig wären: Was man am Ende auf der Bühne sieht, ist ein künstlerisches Produkt. Aber inwieweit ist das dann noch authentischer als etwas, das nicht auf der Basis von autobiografischen Statements entstanden ist?

Sobald autobiografische Texte künstlerisch verfremdet sind, was in dem Moment passiert, wo sie nicht mehr spontan gesprochen werden, sind sie doch nicht wahrer als jeder andere Text auch. Ist nicht im Theater und in der Literatur jeder Text gleich wahr oder unwahr? Aber wo ist dann der Mehrwert?

Beim Zuschauer kann das Wissen um einen autobiografischen Gehalt des Dargestellten vielleicht drei verschiedene Dinge auslösen. Die maximale Empathie mit den Spielern. Ein Misstrauen gegen den Text. Oder auch ein Zurückweichen vor der aufgezwungenen Intimität, aus Angst vor unfreiwilligem Voyeurismus.

Und so ist die Frage auch, was passiert, wenn man auf der Bühne sich selbst spielt, spielen will. Es scheint doch so zu sein: Entweder man spielt sich immer selbst (siehe oben) oder man kann sich nie selbst spielen. Denn wie soll man so weit aus sich selbst herausgehen, dass man einen Außenblick auf sich selbst entwickeln könnte, was doch nötig wäre, um sich selbst darzustellen?

Vielleicht geht es also bei diesen autobiografischen Eigenproduktionen kaum noch um Spielen, eher um Sein, Sein in künstlerischen Formen, wo eigene Gedanken fixiert und damit zu Text werden – und dann in theatralen Formen präsentiert werden. Und vielleicht geht es damit auch weniger um den Zuschauer, um den Mehrwert für den Zuschauer, als vielmehr um die Selbstdarstellung, die Selbsterfahrung der Spieler. Die ein Forum, eine Plattform bekommen, um sich auszudrücken, aber auch um sich selbst kennen zu lernen durch dieses Aus-sich-selbst-Herausgehen, diese Außenperspektive, was eben doch erfolgt, sobald ein Text verdichtet wird, aufgeschrieben, in einen Kontext gesetzt wird, wiederholt und wiederholt und gesprochen. Auf einer Bühne.

Vielleicht ist also die autobiografische Eigenproduktion die Theaterform, die konzentriert, worum es im Jugendtheater wohl immer geht: die eigenen Worte zu finden.

Ferienlager: Die Texte, die stimmen alle

Foto: Dave Grossmann

Was machen eigentlich… die autodidakten am Ballhaus Naunynstraße

Ferienlager – Die 3. Generation ist das dritte Stück einer Trilogie. „Die erste Generation sind eben unsere Omas und Opas, die zweite Generation unsere Eltern, die dritte sind wir. Also, die Spieler in den Stücken sind nicht wirklich unsere Omas und Opas und Eltern. Aber sie könnten es sein.“ Um wahre Träume und wahre Geschichten soll es gehen. Um Jugendliche und Hormone. „Es geht darum, wie wir uns sehen, wie andere uns sehen.“ Als Jugendliche mit Migrationshintergrund in Berlin. Drei Monate lang hat Spielleiter Lukas Langhoff mit den zehn Spielern gesprochen – so ist der Text zum Stück entstanden. Erst in Einzelgesprächen, dann in Gruppentreffen. „Da wurde dann einfach ein Wort in den Raum geworfen, zum Beispiel ‚Kopftuch’, und dann haben wir diskutiert.“ Die Charaktere wurden dann natürlich zugespitzt, verengelt und eingeteufelt, aber „unsere Texte, die stimmen alle.“ Schon über 50 Mal hat die Berliner Gruppe ihr Stück aufgeführt, sogar in New York. Trotzdem freuen sie sich jetzt, auf dem ttj sein zu dürfen. „Es gibt einfach nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen.“ Und die Bühne hier ist so groß und außerdem ist das Essen super. Sagen sie. Na ja – das ttj ist eben besser als jedes Ferienlager in New York.

Ferienlager: Träumen in Seidenpyjamas

Foto: Dave Grossmann

Über Bühne und Sprache und Bollywood

Es ist ein schönes Bühnenbild, das uns die Produktion “Ferienlager – die 3. Generation“ von der akade-mie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße da präsentiert: ein ausladender Kronleuchter, grüne Stahlbetten auf aufgeschütteter Erde. Der erste Mensch (Adam) wurde aus Lehm, aus Erde (adama) gemacht, und auf diesem Menschsein bilden sich unsere Träume, unsere Wünsche. „Ich möchte leichter weinen können“, heißt es da zum Beispiel auf der Bühne. Vom Leben wollen die zehn Spieler erzählen, von ihrem Leben: vom Job, von der gescheiterten Liebe, von der Familie, von der Zukunft. Und dabei geht es dann vielleicht weniger um Migration als der Stücktitel „Die 3. Generation“ sug-geriert. Das Bühnenbild hätte aber noch anders, noch interessanter genutzt werden können, denn, jaja, schon klar, Kissenschlacht mit Rosenbettwäsche, und alle haben weiße Seidenpyjamas an – aber träumen wir denn wirklich nur in unseren Betten?

Das Ensemble besticht vor allem durch eine unglaubli-che Spiellust und Willen zum Witz; so ist eine der gelun-gensten Szenen des Abends die gemeinsame Bolly-wood-Persiflage, in der doch auch echtes Tanzkönnen gezeigt wird.

„Das Scheiß-Leben ist aber nicht immer lustig!“ Und deswegen wird geschrien und geschlagen und getreten und da macht dann das Zuschauen gleich weniger Spaß. Gewalt und Frustration, die den Zuschauer eher deprimieren als erreichen. Es sind dagegen die zarten Momente, die berühren: wenn der erklärte Perfektionist beginnt, im binären System etwas vorzuzählen (weil er es doch kann!), wenn es um die Angst geht, die eigene „Stimme zu verlieren, kurz vorm Einschlafen“.

Doch diese poetischen Versatzstücke können ihre Wir-kung kaum entfalten, weil da auf der Bühne vor allem eine ganz andere Sprache gesprochen wird: labern, ficken, Hundebengel. Man fragt sich nicht nur, warum diese Sprache bedient wird, was das aussagen soll, allzu oft konterkarieren die Spieler sich damit auch selbst: „Die Meinung anderer ist unsere Freiheit“ und „Halt deine Fresse, du Arschloch!“ auf einer Bühne – aber ohne eindeutige Intention zur Selbstironie. Beson-ders das Engel-Teufel-Duo am Anfang, das mit seinem Vorspiel eigentlich eine gelungene Anspielung auf den „Prolog im Himmel“ aus „Faust“ darstellt, ist durch die Mischung von gedrechselten Plattitüden und heftigen Kraftausdrücken einfach nicht ernst zu nehmen. So treffen Phrasen wie „Denn die Hölle braucht man nicht, da wo die Menschen sich selbst eine Hölle bauen“ und „Erst seit du die Menschen wählen lässt, verirren sie sich in Finsternis“ auf „Du Hund, du fetter“ und „Hast du vergessen, dass du mein Schwanz bist, du Wichser?“. Was erzählt uns eine solche Sprache über die Jugendli-chen, die sie sprechen?

Das Leben, aus dem uns die zehn Spieler des Ball-haus-Ensembles da berichten, ist kein Leben in Feder-betten und Seidenpyjamas. Es ist vielmehr ein Kämpfen an so vielen Enden, so vieles nur angedeutet, dass die Themenvielzahl den Zuschauer beinahe erschlägt. Aber solange man noch Träume hat, kann immer noch ge-tanzt werden, kann man darauf hoffen, von jemanden abgeholt und in ein gleißendes Licht geführt zu werden, kann man Listen schreiben, auf denen ganz oben steht: „Anders und neu soll alles werden.“ Und dass das von dem Ensemble an diesem Abend erzählt wird, ist viel-leicht das Wichtigste.

Parese: Den Alten ordentlich einheizen, denn Spielen ist ein Tu-Wort!

Foto: Dave Großmann

Tische und Stühle (rot und schwarz) als tragende Bühnenbildelemente wie in Aussteigen auf freier Strecke; Menschen, die Länder sind, wie in Paulina („Ich bin Ophelia. Oder Dänemark, das Land für die ganze Familie und impotente Prinzen“); eine scheiternde Liebesbeziehung, die im Tod endet wie bei Revolution Reloaded; Wasser, das zum Verhängnis wird, wie bei Müssen nur Wollen; Schönheitsprobleme wie bei Zu schön für diese Welt (denn Hamlet fühlt sich fett); und wie bei girls! girls! girls! und SELBSTauslöser: jede Menge Frauenpower. Es war eine gute Entscheidung, die Krefelder Hamlet-Inszenierung Parese an das Ende dieses ttj zu setzen: Da liefen diesjährige ttj-Themen zusammen, von der Praxis des chorischen Sprechens über die Debatte zur Bedeutung und den Möglichkeiten des Bühnenbilds, bis hin zum Gender-Diskurs.

Zwei Ophelias, vier Hamlets. Bei den Frauenfiguren, die die Krefelder hier entwerfen, braucht es schon die doppelte Menge an Männern, um ihnen überhaupt etwas entgegensetzen zu können. Ophelia ist die, „die der Fluss nicht behalten hat“. Sie wird in dieser Inszenierung zur Spielleiterin, zur Motivationstrainerin, zur Diktatorin, (auch wenn sie immer die Liebende bleibt), ihre beiden Verkörperungen sind mal Rivalinnen, mal Verbündete, während Hamlet ein Schlaffi in Identitätskrise ist: „Ich bin nicht Hamlet. Ich bin keine Rolle mehr. Meine Worte haben nichts mehr zu sagen, mein Drama findet nicht mehr statt.“

Dem Krefelder Ensemble ist es gelungen, sich klug mit Text und Stoff auseinanderzusetzen. Versatzstücke aus verschiedenen Quellen werden eingearbeitet, die unterschiedlichsten Bezüge hergestellt (zu „König der Löwen“ und „Bob der Baumeister“), das alles abgeklopft auf Heutigkeit und Spielbarkeit. Das Ensemble zeigt: Man kann einen solchen Klassiker nicht mehr einfach nur spielen, viel zu bekannt sind Text und Stoff, die Illusion der Bühne muss dekonstruiert werden, das Spielen ausgestellt. Ophelia steckt sich ihr weißes Kleid in die engen Leggins und ist Gertrude, die Hamlets suchen nach Ersatz für ihre Rollenbesetzung, casten im Publikum. Dass gespielt wird, wird auch gezeigt.

Dieser Ansatz, sich einem alten Stoff zu nähern, ist auf einem ttj 2010 wohl nicht mehr bahnbrechend, aber er scheint trotzdem der adäquateste für so jugendliche Spieler zu sein, denn schließlich tun sie auf diese Weise genau das, was sie vielleicht am besten können: den Alten (Dichtern) ordentlich einheizen.

Die Inszenierung der Krefelder überzeugt durch eine starke Regie und das Können der Spieler: Ihr chorisches Sprechen ist wohl dosiert und beeindruckend exakt (vor allem bei den Hamlets), ihr Umgang mit Bühnenbild und Requisiten geschickt und gut durchdacht. Durch immer neue Tisch- und Stuhlkonstruktionen entstehen immer neue starke Bilder, ebenso wie durch die gut eingesetzten Choreographien (Balgen im Stroboskop-Licht; Hamlets, die vom Tisch stürzen und übereinander rollen). Die Spieler konstruieren ihren Hamlet, ihre Ophelia mit viel Witz und Selbstironie („Testosteron ist Gift!“), schaffen aber auch immer wieder ausdrucksstarke, gleichzeitig sehr zarte Bilder, um ihre Liebesgeschichte zu erzählen. Ophelia fragt: „Was willst du für mich tun?“ „Mich zerreißen.“ Ophelia hört Hamlets Herzschlag ab, die Neonröhren flackern, sie bleibt zurück mit der Frage: „Und ich?“. Denn nur weil man „lieben“ durchkonjugieren kann („Lieben ist ein Verb, ein Tu-Wort!“), heißt das noch lange nicht, dass es eine einfache Sache ist.

Und da liegt vielleicht auch eine Schwäche der Inszenierung. Die Ophelia bleibt so pseudo-emanzipiert, letztendlich ist sie eine weitere Frauenfigur, die sich über einen Mann, über ihre Liebe zu einem Mann identifiziert. Ihr ganzes Sprechen und Handeln sind auf Hamlet ausgerichtet; wenn er etwas aus ihrer Sicht gut macht, ist sie zufrieden, wenn nicht, dann leidet sie darunter. Und dabei erfüllt sie auch gleich so manches Frauenpower-Klischee: Frauen, die ihre Männer herumkommandieren, und wenn ihnen etwas nicht passt, dann zetern sie und schreien sie so lange, bis endlich was passiert. Auch das Hamlet-Bild ist zwar pointiert und konsequent gezeichnet, aber Hamlet als Obermemme mit einer ganzen Menge Problemen – ist diese Sichtweise nicht durch Hamlet-Kritiker –und Zyniker nicht schon wohl bekannt? Und bei zugespitzter Sichtweise auch naheliegend? Und was gibt sie dem Zuschauer von heute? Sagt sie etwas über heutige Männer aus?

Wenn man sich dafür entscheidet, ein Stück auf seine wichtigste männliche und seine wichtigste weibliche Rolle zu reduzieren, dann ist man vor keiner Gender-Debatte mehr gefeit. Und es bleibt zweifelhaft, ob die Konstellation, die die Krefelder da umreißen, den Mann von heute / die Frau von heute besonders zuversichtlich stimmen kann. Aber in jedem Fall bietet sie Angriffspunkte, herrschende Frau-Mann-Rollenbilder zu überdenken und auf ihre Gültigkeit zu überprüfen.

Gleichzeitig kommt der Zuschauer bei dieser Inszenierung aber auch sehr gut ohne Gender-Überlegungen aus, denn ob Furien-Memmen-Modell oder nicht, insgesamt war Parese eine kluge, sehr unterhaltsame Hamlet-Inszenierung. Und überhaupt nicht lähmend.

Paulina sulla spiaggia: Paulina a la platja*

Foto: Jan Stroetmann

Sie wollen keine Kindheit, sie wollen Theater

Es war ein „eintägiger, einschlägiger, anstößiger Anschlag“: Sechs Schauspieler treffen sich an der Riviera. Sie werden von der EU finanziert – fünftausend Euro für jeden – und sollen Studien über Italien betreiben, dem Land, „wo Nutella erfunden wurde“. Sie sollen ihre Impressionen in einem Theaterstück ausdrücken. Aber halt: Sollte man die nicht lieber „für eine krass innovative Aktion nutzen“? Terrorismus als kultureller Ausdruck?
Aber erstmal nehmen die Schauspieler ihre Rollen ein: Entlehnt aus Eric Rohmers Film „Pauline à la plage“ stehen da nun eine Pauline, die gar nicht Pauline ist, Marion, Henry, Pierre, Sylvain und zusätzlich eine Tante Blamage auf der Bühne, es geht um Schwimmen und Urlaub, in Italien eben. Mit Spaghetti Carbonara, Umberto Tozzi und Nutella, mit weißen Bademänteln, schwarz umrandeten Augen und Schleifen im Haar.

Aber irgendwie reicht das den Figuren nicht, man will schließlich autonom sein, sich nicht von der EU finanzieren lassen. Irgendein Befreiungsschlag muss her, ein Anschlag so „einschlägig wie eine Bombe“. Vorschläge: „Wir könnten alle politischen Parteien auflösen. Wir könnten das gesamte Fernsehen privatisieren.“ Aber irgendwie fühlt sich für die Terror-Künstler alles so schonmal-dagewesen an, nicht nur das Politische, sondern auch das Künstlerische: „Das ganze Tanzzeugs hab ich schon tausendmal gesehen – auch hier.“

Das Ensemble von P14 verortet sein Stück immer wieder im Hier und Jetzt, im Festivalkontext, dadurch ist der Zuschauer mehr involviert, aufmerksam, es wird klar: Dieses Stück hat mit jedem etwas zu tun. Eine Szene mit sizilianischer Tote-Fische-Botschaft im Paket wird dank Dramaturgie-Workshop noch kurzfristig eingebaut, natürlich inklusive Gastauftritt eines prominenten Festivalteilnehmers (Räuber-Punk Valentin Unger), das ttj immer wieder mit dem Text verwoben: „Ich kann euch genau sagen, wer meine Gedanken kontrolliert: Mama. Papa. Die FZ-Redaktion.“ [Stimmt. Anm. d. Red.]

Auch sonst strotzt das Stück der Berliner Spieler vor Zitaten, Anspielungen, Verweisen; Italien-Klischees noch und nöcher, gekonnt gesetzte Einschübe aus Politik- und Theaterdiskurs. Ein angebliches Kind geht zum Vorsprechen: „Ich will keine Kindheit, ich will Theater!“ Bemerkenswert hier ist: Immer wenn die Spielerin auf der fiktiven Ebene aus der Rolle fällt, sich mutig schnaubt, noch mal neu ansetzt, dann wirkt das Spiel so authentisch, so überzeugend echt, dass man sich tatsächlich wie live beim Vorsprechen fühlt. Ein Mitglied der Auswahlkommission sagt: „Machen Sie doch mal verliebt!“ Das wird dann auch gemacht. Mehr oder weniger authentisch.

Die Spieler stellen ihr eigenes Spielen aus, nicht zuletzt über das Theater im Theater. Immer wieder fallen ihre Schauspielerfiguren aus ihren Rollen, werden wieder zu Sarah oder Niklas; Sätze werden als Sätze auf der Bühne behandelt, nicht als Äußerung von Figuren/Personen. Das Ensemble von P14 zieht dem Zuschauer immer wieder den Boden unter den Füßen weg: Es gibt kaum eine inhaltliche Ebene, kaum einen konkreten Gedankengang, an den man sich halten kann, da ist kein Alles-Verstehen möglich, viel mehr ein Aufnehmen per Zufallsprinzip dieser kaleidoskopisch präsentierten Inhaltsfetzen, Themenanschnitte, Gedankensprünge. Das Stück stellt nicht den Anspruch, Antworten zu geben oder ein großes Ganzes darzustellen, das wird auch auf der Dialog-Ebene deutlich: „Du hast doch den ganzen Abend über Liebe geredet!“ „Aber nur im Allgemeinen…“ Um einen Zugang zu diesem Stück zu finden, bleibt dem Zuschauer letztlich nichts Anderes übrig, als es so zu machen wie die Figuren selbst. Da flirten Länder miteinander: „Du kennst mich doch gar nicht!“ „Ich errate dich.“

Und genau das macht „Paulina sulla spiaggia“ zu einem jugendlichen Stück: Alles wird hinterfragt, im Fragen zerstückelt, bis nichts mehr übrig bleibt – letztendlich nicht mal das Spielen selbst, denn das Spielen kann keine krasse Innovation mehr bieten. Das zeigen zum einen die Spieler auf der fiktiven Ebene, aber auch die tatsächlichen: Nichts ist mehr absolut neu, es wird zitiert, irgendwie paraphrasiert, umgedreht, verfremdet. Und dabei ist so gar kein Platz für Eindeutigkeiten, für altkluge Empfehlungen zur Weltverbesserung.

Es macht Spaß, den Spielern dabei zuzusehen, wie sie sich in ihre Spielwut steigern, das Theater feiern und ein leidenschaftliches Liebeslied für das einzige europäische Land in Stinkstiefelform singen: weil sie so witzig sind, weil sie so punktgenau arbeiten und immer wieder überraschen. Man merkt es ihnen einfach an: Sie wollen Theater.

*Düpdüdüdüpdü düdüdüdüdüp. Das war katalanisch, wie es in Barcelona gesprochen wird, wo die Idee zu dem Stück entstand.