Autor Lydia Dimitrow

Testosteron: Schnupfen

Foto: Dave Grossmann

Alex liebt Marina. Denn Marina ist „wie der Frühling, wie Sonnenaufgang, wie Nutella.“

Die Geschichte, die das Junge Ensemble vom TheaterGrueneSosse in ihrem Stück „Testosteron“ erzählt, ist simpel gestrickt und altbekannt. Mit Marina gibt es den ersten Kuss, den ersten richtigen Kuss im Kino, mit Zunge, aber danach läuft es irgendwie nicht mehr so gut. Stress mit Mama, Stress mit Schule, Hausarrest und Handyverbot, und der beste Freund unterhält sich mit Marina, und schließlich endet alles auf dem Schulhof, mit Schubsen, und Marina sagt: „Du bist ja krass drauf.“ Es wird schnell klar: Der Plot des Stücks ist alles andere als spannend.

Aber darum geht es den vier Spielern ja auch gar nicht, sie wollen von Pubertät erzählen, von männlicher Pubertät, das heißt von feuchten Träumen, Wichsen, Sexy Sport Clips. Sie schließen sich im Zimmer ein, Mama denkt, der Sohn hat Schnupfen (wegen der Taschentücher), und SMS-Schreiben ist plötzlich gar nicht so einfach. Es sind die Jungs-Pubertäts-Klischees, die man kennt. Die man immer hört. In Jugendserien auf Ki.Ka, in Aufklärungsbüchern, in vergnüglichen Fernsehkomödien.

Dabei frage ich mich immer, ob denn Jungs-Pubertät immer so aussieht. Die Beziehung zum besten Freund wird erst auf die Probe gestellt, wenn es um dasselbe Mädchen geht, prügeln, raufen, cool sein, man denkt die ganze Zeit nur ans Bumsen, deswegen ist bei Mädchen das Rumkriegen das Wichtigste, aber weil das nicht immer gleich klappt, wird auf Mamas TV Spielfilm gewichst.

Ich frage mich, ob das allen heterosexuellen Jungs so geht. Ich frage mich, wie das Jungs geht, die nicht heterosexuell sind. Und dann frage ich mich, woran das überhaupt liegt, dass ein so festes Bild von Jungs-Pubertät besteht, dass man Bilder im Kopf hat von Jungs, die hektisch das Zimmer zuschließen, weil Mama genau jetzt die Schmutzwäsche einsammeln wollte. Wann geht es schon darum, dass vier Mädchen zusammen Pornos gucken? Um die erste blutige Unterwäsche?

Ein richtig einheitliches Bild von weiblicher Pubertät scheint es viel weniger zu geben. Treffen sich vier Mädchen, um zusammen Pornos zu gucken? Ist das normal oder selten? Man weiß es nicht, weder Jungs noch Mädchen, denn während der Diskurs über männliche Körperflüssigkeiten und Triebe gesellschaftlich völlig anerkannt ist, bleiben die weiblichen Äquivalente viel eher Tabuthemen. Tampons und Dildos sind noch lange nicht so sexy wie Sperma und Kondome. Onanieren Mädchen eigentlich jeden Morgen in der Dusche? Klischee ist es jedenfalls nicht.

Während also die erste Periode oder Selbstbefriedigung bei pubertierenden Mädchen außerhalb von „Mädchen, Mädchen“ und „Mädchen, Mädchen 2“ eher selten thematisiert werden, sind feuchte Jungsträume und Ständer im Schwimmbad Dauerbrenner der Pubertätsdebatte.

Und vielleicht wirken die Aussagen des Stücks eben deswegen so altbekannt. Auch wenn Jungs vielleicht wirklich nur von ihrer eigenen Pubertät erzählen können, hätte man sich doch gewünscht, dass sie tatsächlich etwas mehr von sich erzählen. Kleine Dinge, die dann doch vom Klischee wegführen, zu etwas anderem, das dann doch neu ist, das dann doch packt. Damit ich nicht genau dieselbe Geschichte über pubertierende Jungs auch hätte basteln können. Man wünscht sich, sie hätten tatsächlich erzählt, mit welchen „Schrammen“ sie „die Pubertät hinter sich gebracht“ haben und inwiefern sie dann doch „noch nicht ganz davon losgekommen sind.“ Wie im Programmheft versprochen.

Denn das ist doch eigentlich eine Kuriosität: Dass man ein Stück über Pubertät erst so richtig machen kann, wenn man gar nicht mehr in der Pubertät ist. Und das Frankfurter Ensemble war dem offiziellen Pubertätsalter tatsächlich entwachsen. Nur – muss man dann nicht auch die veränderte Perspektive ausstellen und produktiv nutzen? Von all den Marina-Timo-TV-Spielfilm-Verwirrungen – was bleibt am Ende? Das hätte mich interessiert. Wohingegen „Testosteron“ doch eher wie ein freundliches Aufklärungsstück daher kommt.

Dennoch findet die Produktion vom TheaterGrueneSosse oft die richtigen Worte. Zum Beispiel, wenn es um die ersten Risse in der Lieblingsfreundschaft geht. Mama und Psychiater diagnostizieren ADS („eine gezielte Medikamentation wäre wohl die eleganteste Lösung“), und dann sagt auch noch Timo zu Alex: „Du bist ja echt krank.“

Insgesamt sind es trotz guter Sprechleistung und gelungenem Mehr-Rollenspiel aber eben gerade nicht die Szenen mit Sprache, die überzeugen. Es sind die Tanzszenen. Mit beeindruckender Energie und Ausdauer präsentieren die vier „Testosteron“-Darsteller gut durchdachte Choreographien, zwischen schlaksigen Pubertätstanzbewegungen und Coolness-Posen. Viel Körperlichkeit, viel Kämpfen, viel Kräftemessen. Es sieht gut aus, gekonnt und ausdrucksstark, und erzählt dem Zuschauer damit viel mehr über Pubertät als jede gesprochene Klassenfahrtsszene des Stücks. Die Spieler überraschen, weil man mit Tanztheater nicht gerechnet hatte, aber letztlich genau das ihre Stärke ist.

Auch die Szenen mit Musik (Gitarre, Bass, Body-Percussion, Gesang, live aufgenommen und verdichtet) bringen dem Zuschauer den Alex-Protagonisten und seine Pubertätsprobleme viel näher als alle Textpassagen. Da verzeiht man auch das ungeschickte Immer-wieder-dem-Mischpult-Annähern.

Das Musikkonzept und Choreographien machen „Testosteron“ zu einem gelungenen, ästhetischen Abschluss für das diesjährige ttj. Wie in „Don’t cry for me, baby“ und „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ ging es um erste Liebe, um Jungs und Mädchen; wie in „Clash“, „Ferienlager – Die 3. Generation“ und „Liberation is a Journey“ ging es um die Frage, wer man eigentlich ist, wie Männlichsein geht und wie Dazugehören; wie in „Ausarten. Um uns und die Kunst“ und in „Mutter Kuhranch“ ging es ums Spielen selbst, ums Ausprobieren.

Tanztheater sollen sie machen! Oder Bewegungstheater. Oder wie auch immer man das am Ende auch nennt. Jedenfalls sollen sie sich so bewegen wie heute und noch mehr und noch anders. Vielleicht können sie sich dann auch anderen Themen nähern. Erzählen, was sie jetzt bewegt. Was ihnen jetzt das Leben schwer macht und was ihr Herz jetzt schneller schlagen lässt (bummbumm bummbumm am Mikro). Ich würde kommen. Sogar nach Frankfurt.

Blaubart: Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie

Foto: Dave Grossmann

Eigentlich möchte Heinrich lieber nicht. Nicht reden, nicht küssen, nicht lieben, nicht sterben. Aber es ergibt sich eben immer so; er wird in einer Kiste geliefert, und dann wird er eingekleidet und mit einer Biografie ausgestattet, sechs Frauen zählen untereinander ab, welche von ihnen anfangen darf, und dann wird angefangen zu lieben, zu sterben, zu töten. Blaubart, die Hoffnung der Frauen, Blaubart, der Frauenmörder. Im Horoskop steht: „Sie werden heute jemandem begegnen und sie werden ihm immer treu bleiben – Heinrich.“
Heinrich möchte nicht, aber sechs Frauenfiguren knüpfen sich ihn vor, projizieren ihre Vorstellungen von Lieben und Leben auf ihn, sie wollen ihn ganz und vor allem nicht allein sein: „Heinrich, mach mir das Pony!“ Dabei will Heinrich doch nur seine Ruhe, auch wenn Küssen und Heiraten plötzlich ganz leicht geht, aber das Lieben bereitet Probleme. Er weiß sich nicht anders zu helfen: Er bringt sie um. Die Projektionsmarionette, die durchdreht. So jedenfalls will es das Ensemble der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg dem Zuschauer weismachen. Deswegen wird vorsorglich der Satz: „Wäre er sich seiner Bedürfnisse und Vorlieben überhaupt bewusst, dann wäre er derjenige, der auswählte“ gleich am Anfang des Stücks mindestens zweimal zu oft wiederholt: damit die Deutungsthese klar wird.

Man wäre gern zu seinen eigenen Deutungsthesen gekommen an diesem Abend, denn Dea Lohers poetischer Theatertext wirkt so wunderbar fremd, so wunderbar dicht, dass man ihre Sprache ebenso abtasten möchte, wie es ihre Figuren tun: „Ich möchte wissen, ob wahr wird, was man ausspricht.“

Leider kann man nur erahnen, worum es in Lohers Stück gehen könnte, denn den Darstellern gelingt es nicht, dem Text den richtigen Ton zu geben. Sie klingen so merkwürdig fern von ihrem Text, ihren Figuren – manchmal hört man den Spielern an, dass sie sich vorstellen: So muss man sprechen, wenn man vom ersten Sex mit dem eigenen Bruder erzählt. Manchmal hört man ihnen an, dass sie eigentlich gar keine Vorstellung davon haben, wie man spricht in diesen Grenzsituationen, in denen ihre Figuren sich befinden: zwischen Liebe und Einsamkeit und Gewalt. Der Text klingt zu oft aufgesagt und undifferenziert; als hätten sie ihre Figuren wörtlich genommen: „Erst die Worte, dann das Gefühl!“

Heinrich wird zum neurotischen Schwächling karikiert, die Frauen werden zu emotionalen Pulverfässern: Da wird geschrien und gewimmert und hysterisch gelacht und gerannt und gewiehert. Die Inszenierung der Berliner kippt immer wieder ab in den Klamauk, in die Parodie, durch die großen Gesten, die Provokation großer Lacher. Man fühlt sich manchmal wie in einer Zirkusshow, die könnte heißen: „Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie“. Dazu trägt auch die völlig unmotivierte Wahl des Bühnenbilds bei. Warum „Blaubart“ in einer Schulturnhalle spielen könnte oder sogar sollte, wird dem Zuschauer nicht klar. Sprossenwand, Sportbank und Kastenhindernis bleiben nahezu ungenutzt, auf dem Trapez wird offensichtlich nur fürs Optische geturnt, und dann gibt es zu allem Überfluss auch noch Stühle und Tische, die so gar nicht zum typischen Turnhallenmobiliar gehören. Das Ensemble hätte den ungewöhnlichen Ort, an dem sie proben (eine Turnhalle), für ihre Inszenierung produktiv nutzen, mit ihm umgehen können. So haben sie ihn aber ausgestellt, ohne einen Bezug zum Stück herzustellen, der darüber hinausgeht, das eigene Spielen zu thematisieren.

Denn in dieser Richtung könnte man auch ihren übermäßigen Einsatz von Requisiten erklären. Nur lässt der Tod durch ein „echtes“ Giftfläschchen, der echte Schokopudding, die Spielzeugknarre, das echte Messer, der Fleischbatzen als Herz-Ersatz, das Kunstblut und all die wirklich überflüssigen Requisiten wie Taschen, Koffer, Essnapf, Tücher und Geldscheine die Inszenierung einmal mehr wie puren Klamauk wirken, Spiel-Klamauk, und doch hat man nicht den Eindruck, dass dieser Effekt vom Ensemble intendiert gewesen wäre. Auch die Kostüme, bunt und krass und bauschig, dienen nur zum Transport plumper Gender-Aussagen: Heinrich und sein letztes Opfer tauschen die Klamotten, und so stirbt sie in grüner Männerhose, er in rotem Tüllrock.
Was Dea Loher in ihrem Stück tatsächlich über Konzepte von Männern und Frauen, Männlichkeit und Weiblichkeit, Macht und Gewalt, Liebe und Beziehung erzählt, wirkt seltsam unreflektiert in dieser Inszenierung. Die Frauen laufen einem Mann hinterher, der ist überfordert, kann am Ende aber doch brutalste Gewalt ausüben, nur gibt es zum Glück am Ende doch noch eine, die zurückschlagen kann. So bekommt der Brutalo letztlich, was er verdient hat, und den Weibchen widerfährt posthum Gerechtigkeit. Im Grunde sind sie ja alle doch einfach ein bisschen verrückt. Und insgesamt ist alles ziemlich witzig.

Man geht aus diesem Theaterabend mit dem Gefühl, dass genau so einfach das Ganze eben doch nicht ist. Nicht sein sollte. Man möchte Lohers Stück noch einmal sehen. Anders sehen. Um es abtasten zu können.

Don’t cry for me, baby: Was es gab

Witz: Poncho und Sombrero. Mottoparty, um Julia kennen zu lernen, natürlich als Peruaner.
Romantik: ohne Veroneser Balkon, aber mit Lichterkettenschaukel.
Brutalität: wenn Julia mit Pralinen beworfen wird und man weiß – jetzt wird es nicht mehr besser.
Text: Romeos letzte Worte (an Julia) – „Nicht weinen.“ Hach.
Gebrüll: das undeutlich verhallt.
Punks: die coole Kostüme anhaben. ABER: die gleich nach dem ersten Flirt in die Kirche rennen? zum Heiraten? Da macht die Klischee-Stringenz eine Verschnaufpause. Aber leider auch die Schlüssigkeit des Übertragungskonzepts.
Erotik: der längste Kuss der Festivalgeschichte.
Stimmung: Musik („All I wanna say is they don’t really care about us!”), Licht (Mega-Lichtwand zum Schluss, denn am Tragödienende bleibt manchmal nur gleißendes Licht) hochfahrende Wände (wieder gleißendes Licht, in blau, infernalisches Trommeln).
Zukunft: auf allen Musical-Bühnen dieser Welt.
Enttäuschung: am Schluss. Denn man dachte, diesmal hätten sie eine Chance.

Liberation is a journey: I came with you

Foto: Dave Grossmann

Von der Decke hängen Installationen aus Spielzeug, Kuscheltieren, kleinen Korbstühlen und Sesseln, ein Kinderwagen. Sie hängen von der Decke und bleiben unberührt, den ganzen Abend über, man sieht sie kaum, nur wenn das Licht gut fällt, hinter der leichten weißen Leinwand, wie Gaze, die sich mit jedem Luftzug ein bisschen bewegt. Sie bleiben die Erinnerungen, die Spuren einer Kindheit, einer Kindheit, die es entweder nie gab oder die schon weit zurück liegt, die man nur erahnen kann, einer Kindheit unbeschwert und verspielt, in einem bunten Zimmer oder einem großen Garten. Die Figuren in „Liberation is a journey“ sind weit entfernt von einer solchen Kindheit. Und doch bleibt deren Möglichkeit, die Spuren ihres Dagewesen-Seins oder ihrer Nichtexistenz immer präsent. Sie schweben über den Figuren, sie werden sichtbar im Hintergrund, aber die Figuren können nichts mit ihnen anfangen, nicht mit ihnen umgehen, und eben deswegen müssen diese Installationen so unberührt bleiben, weil sie unberührbar sind.

Denn die Figuren müssen sich anderen Fragen stellen. Nach Heimat, nach Verantwortung, nach Zukunft. Sie erscheinen in Videosequenzen, meistens zu zweit, gefilmt in leeren Räumen, leeren Häusern, oft am Fenster, mit dem Blick nach draußen, in die Welt, die einem in diesem Stück manchmal so fremd wird. Denn die Figuren verbleiben an Nicht-Orten, in Nicht-Situationen, an verlassenen Orten, verlassen. Einer sagt zu seinem Freund: „Please come with me.“ Aber der hat das Gefühl, bleiben zu müssen oder nicht gehen zu können: „Like I told you, I can’t.“

Außerhalb der leeren Häuser werden die Schauspieler immer wieder in der Natur gefilmt. Auf Feldwegen, zwischen Birnenbäumen. Das ist bezeichnend, wo doch die Natur so ein Nicht-Ort ist, schlecht zuzuordnen zu einer Stadt oder einem anderen konkreten Ort, und wo doch gleichzeitig Landschaft ein so wichtiger Einflussfaktor auf eine Kultur ist, wo jedes Land eine ganz spezifische Landschaft aufweist und über eben diese auch identifiziert werden kann.

Die Figuren des Stücks stammen nicht aus Deutschland. Sie sprechen türkisch, englisch, französisch, deutsch; sie kommen aus Europa oder aus Afrika. Es geht ums Nicht-zu-Hause-Sein. Ums Nicht-Zurückkehren-Können. Um Weggehen und Bleiben. „Willst du jetzt für immer hierbleiben?“ „Ich verstehe die Frage nicht.“ „Du bist jetzt in Deutschland. Willst du zurück nach Afrika?“

Es sind ruhige Bilder, die da auf diese leicht transparente Leinwand projiziert werden. Ein Junge und ein Mädchen, die eine Leiter durchs trocken Gras tragen. Die Birnen pflücken. Sie sagt, sie könne ihm nicht mehr vertrauen. Sie zweifelt an seiner Männlichkeit. Wie er sich kleidet, wie er sich gibt. Und: „Du kommst immer zu spät.“ „Dann komme ich morgen für dich früher.“ Er sagt, er sei bereit, für sein Vaterland zu sterben. Aber zum Militärdienst will er nicht.

Gewalt zieht sich als Leitmotiv durch die Filmsequenzen. Zwei Mädchen mit einer Waffe. „Meinst du, dass es schwer wäre, jemanden damit zu töten?“ „Weiß ich nicht. Ich hab noch nie jemanden getötet.“ Einer will Soldat werden: „Die gute Seite ist die, dass man Menschen hilft, die schlechte, dass man selber draufgehen kann.“ Man fragt sich manchmal, wo all diese Waffen auf einmal herkommen. Und auf der anderen Seite interessiert es einen nicht, weil man spürt, dass sie überall herkommen können, dass nur zählt, dass sie da sind.

Und so stehen die Spieler in den Filmsequenzen im krassen Gegensatz zu den Sängern auf der Bühne: die einen mit der Waffe in der Hand, die anderen mit Kuscheltieren über den Köpfen. „Nous sommes nos propres pères, si jeunes et si vieux, ça fait penser / nous sommes nos propres mères, si jeunes et si vieux, mais ça va changer.“ Sie sind ihre eigenen Väter, ihre eigenen Mütter, sie sind allein im fremden Land und können nur versuchen, jemand anderes zu finden, jemanden, mit dem zusammen sie weniger allein wären.

Und so geben die Sänger, die hinter der Leinwand sitzen, aber auch die Videos verfolgen und eben diese mit gesungenen, wortlosen Klangteppichen verdichten, den Filmfiguren eine zusätzliche Sicherheit. Denn sie sind auch da. Und sehen zu. Und hören zu. Und haben eigene Geschichten. Und singen.

Wahrscheinlich sollte man das Stück des Düsseldorfer Ensembles nicht als Theater bezeichnen. Sonst fragen die Zuschauer hinterher, warum niemand auf der Bühne gespielt hat. Vielleicht könnte man es als Video-Musik-Bühnen-Installation bezeichnen. Aber wieso sollte man eigentlich versuchen, diese Performance in eine Schublade zu stecken, zu kategorisieren, wo es doch um Menschen geht, die eben mit diesen Kategorien hadern. Flüchtling. Einwanderer. Heimat.

Das Filmen war ein gutes Mittel, um den Spielern wirklich nah zu kommen. Es sind zarte Szenen, schlicht und sehr offen. Es wird wenig ausgesprochen und viel gesagt in diesen lakonischen Dialogen, mit diesen stillen Bildern. Die Darsteller spielen ungekünstelt und glaubwürdig. Sie überzeugen. Und eben deswegen ist diese Produktion so berührend, ohne Pathos aufkommen zu lassen, macht sie ihre Figuren so echt, deswegen verzeiht man ihr alles Nicht-Spielen und alles manchmal Befremdliche im Bühnen-Auf-und-Ab der Sänger. Es ist den Spielern gelungen, den Zuschauer mitzunehmen auf ihre Reise. Und das ist das, was zählt.

Mutter Kuhranch: Mut zur Courage!

Foto: Dave Grossmann

In einer Beziehung haben die Unterschleißheimer gestern voll und ganz überzeugt: Sie haben zu viel gewollt. Und ist das nicht das Wichtigste im Jugendtheater: dass man zu viel will, zu viel macht, selber macht, keine Angst und keinen Respekt hat vor Altem, vor Klassikern, vor Theatertext? So sollten in „Mutter Kuhranch oder wie Aristoteles Brecht post mortem 2:0 besiegte“ gleich mehrere Kämpfe ausgetragen werden: Aristoteles vs. Brecht (bzw. dramatisches vs. episches Theater), Fernsehen vs. Literatur, Unterhaltung vs. Bildung.

Text-, Inspirations- und Argumentationsschlachtfeld sollten dafür Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, Tschechows „Drei Schwestern“, Handkes „Straßentheater und Theatertheater“ und Bonanza bieten. Lässt das nicht hoffen? Aber das ist eben so oft das Problem, wenn man viel will: Man verspricht auch viel. Und gestern wurden wohl die wenigsten Versprechen gehalten.

Da war in der Bühnenmitte dieser blau-rote Podest, mit blauer empathischer Bücherfreundin, rotem Fernsehfreund, der Bücher eigentlich nicht sooo toll findet, und rot-blauer Schwellenfigur, die irgendwie alles kritisch sieht und sich doch auch begeistern kann (alias: Petra Handke). Da wurde gestritten, debattiert, vorgeworfen, gezeigt. Währenddessen auf der einen Seite immer wieder die Helene-Weigel-nahe Inszenierung von Auszügen aus „Mutter Courage“, und auf der anderen Seite die Bühnenfassung einer selbstgeschriebenen Bonanza-Folge, in Montage mit den „Drei Schwestern“. Und alles lief irgendwie zusammen auf einer Bühne, zu einem Stück, nur dass der Zuschauer sich am Ende vor allem eins fragte: Wie bitte?

Das Ensemble präsentierte schwammige Thesen und fragwürdige Lektüren. Die Frage nach Empathie bzw. Distanzierung erscheint nicht als der stichhaltigste Punkt, um zu einer Gegenüberstellung von Aristoteles’ Poetik und der von Brecht anzusetzen, aber genau dieser wurde zum einzigen (!), den die Spieler thematisierten. Man identifiziert sich also zwangsläufig mit Mutter Courage und empfindet überschäumendes Mitleid? Wie wichtig für die Entscheidung dieser Frage tatsächlich die Inszenierung, die Spielweise (auch laut Brecht) ist, schienen die Spieler in ihrer Argumentation auszublenden. Dabei führten sie gerade an dieser Stelle doch VERFREMDUNG vor: mit vielen Extra-Portionen Trash. Immer zu viel, immer zu laut. Da kam bei den Zuschauern wohl wenig Mitleiden auf. Umso unschlüssiger wurde so dieser Punkt, aus dem aber abgeleitet werden sollte, dass Brechts Idee vom epischen Theater gescheitert sei.

Probleme also bei der Brecht-Lektüre, aber auch irgendwie bei der Aristoteles-Lektüre: Denn inwiefern man dessen „Poetik“ auf Bonanza beziehen könnte, blieb für den Zuschauer doch eher rätselhaft. Die Spieler aus Unterschleißheim setzten aber diese beiden… äh, Werke der Kulturgeschichte wie selbstverständlich geradezu gleich – also Bonanza als Inbegriff eines Dramas nach Aristoteles. Aber wo genau war da die Tragödie? Der tragische Held? Die Katharsis? Das machen die „Drei Schwestern“ im Cartwright-Kontext auch nicht besser, nur noch weniger schlüssig.

Ebenso unklar wie die Bezüge zwischen den einzelnen Referenzen bleibt nur zu oft auch der Standpunkt des Ensembles. Gewinnt das Fernsehen jetzt gegenüber der Literatur? Denn Bonanza soll ja „Mutter Courage“ 2:0 schlagen. Oder wie? Hauptsache schien zu sein: Kunst soll eindeutige Werte vermitteln und unterhalten. Also bloß nicht zu viel zum Fragen?

Dabei waren es doch gerade Fragen, die den Grundkurs des Carl-Orff-Gymnasiums zu dieser Inszenierung gebracht haben. Und genau das rettet das Ensemble über jeden Argumentationscanyon, der sich da so auftut. Denn es ging den Spielern ja gerade nicht ums Ernstnehmen, ums Schlucken, ums Nüchternsein. Sie wollten den Kampf, das Match, die Auseinandersetzung. Und allein für die Vorstellung, Peter Handke sei Bonanza-Fan, möchte man der Gruppe alle Punkte auf jeder Skala zusprechen.

Sie waren laut und bunt und alle hatten tolle Kostüme an. Und schöne Stiefel und Hüte. Das war so fabelhaft. Da wünscht man sich fürs nächste Stück: Nur Bonanza! Denn die Cowboys waren so cool und die Pferde und die Sporen! Und eben in ihrer Western-Parodie (sehr schön auch der Einsatz der Bildprojektionen!) erfüllte das Ensemble am besten das eigene Programm: Unterhalten! Nur Bonanza. Das wär’s gewesen.

Denn am Ende muss man bei allem Wollen zwar sagen: So mutig müssten alle sein! Trotzdem wurden die Unterschleißheimer am Ende 4:1 von Aristoteles, Brecht, Handke und Tschechow besiegt. Nur zum Glück nicht post mortem.

Ausarten: Um wen und die Kunst (Ausarten erwünscht)

Foto: Dave Grossmann

Ja, ja, Kunst ist ein großes Thema, und mit genau diesem Thema wollte sich TAGGS mit ihrem Theaterprojekt „Ausarten. Um uns und die Kunst!“ beschäftigen. Mit Kunst, dem eigenen Verhältnis zu Kunst, Kunst als Lebensperspektive. Man freut sich vor der Vorstellung. Auch wenn das Programmheft verspricht: eine „ernsthafte Bestandsaufnahme.“ Man hofft einfach, dass es dann doch nicht so ernsthaft und noch nicht so Bestandsaufnahme wird. Sondern irgendwie Kunst.

Tatsächlich präsentiert das Schweriner Ensemble ein Potpourri aus Elternphrasen, Eingeständnissen, Definitionsversuchen, Kampfansagen. Man will „anders sein“, „auf dem Seitenweg beharren“, aber man hat auch Angst: „Ich kann alles nur ein bisschen.“

Die Spieler, sie sprechen gut, die Chorpassagen sind präzise, sie machen schön Musik, auch auf seltenen Instrumenten (Marimba heißt das!) und dann haben sie auch noch schöne Fotos von kaputten Häusern mitgebracht. Und sie können tanzen, und malen mit Farbe, auf Leinwände, auf sich selbst, da wird schon deutlich: Kunst macht echt Spaß.

Aber da wirft man unsicher noch mal einen Blick in den Programmtext – da steht etwas vom Kulturunterschied zwischen Fernem Osten und hier, der sich in einem unterschiedlichen Verhältnis zu Disziplin und Ehrgeiz manifestiere, da geht es um Geld und zu viele Projekte, Unzufriedenheit trotz Theaterjob, Notwendigkeit und Zeitmangel. Das steht da alles wirklich. Aber man vermisst es auf der Bühne.

Man hätte sich gewünscht, tatsächlich noch mehr über die Wünsche und Träume und Fragen und Schwierigkeiten der neun Jugendlichen zu erfahren. Warum sie denn nun eigentlich Kunst machen. Was Kunst für sie überhaupt ist. Sie geben Antworten, die zwar eindrucksvoll klingen, aber doch irgendwie nicht viel mit ihnen zu tun zu haben scheinen: „Sie will sich verschwenden an die Kunst.“ Man fragt sich, was das heißen soll: Sich verschwenden an die Kunst. In ihrem ironischen Spiel mit manierierten Künstlerphrasen, Eltern-Vorwürfen und allgemeinen Vorurteilen machen die Spieler keine eigene Position deutlich.

Man weiß ja: Kunst ist ein großes Thema, da kann nicht immer alles eindeutig sein und Antworten sind sowieso schwierig; aber gerade bei diesem Thema kommt man doch immer wieder an Punkte, an denen man sich entscheiden muss. Und genau da wird es spannend. Und genau das hätte man gern von diesem Ensemble gesehen. Wie entscheidet man sich dafür, Künstler zu werden? Kann man sich dafür überhaupt entscheiden? Und wenn man doch so gute Noten hat? Und wenn man sich doch auch für Physik interessiert? Und wenn man doch auch Angst hat, keinen Job zu finden? Und was passiert, wenn man tatsächlich an der Schauspielschule angenommen wird oder noch besser, tatsächlich als Schauspieler arbeitet: Hat man keine Angst vor dem Danach? Erfolgsdruck, Existenzangst, Angst vor Unzufriedenheit?

Obwohl die Schweriner versuchen, ein Kaleidoskop an Ansätzen zu bieten, um über Kunst (ja, Kunst!) nachzudenken, bleibt am Ende doch der Eindruck einer großen Sicherheit. Kunst ist echt cool, aber die anderen machen es einem immer so schwer. Na ja.

Bei aller wirklich beeindruckenden Präzision beim Sprechen, auch wenn Musik auf der Bühne immer rockt, auch wenn das Bühnenbild sehr gut gefallen hat, bei aller Vielfältigkeit und Kreativität – so richtig ehrlich ausgeartet ist das Schweriner Ensemble gestern nicht.