Autor Lisanne Wiegand

Der Tenor der Zeit

Sprechen hat früher auf der Bühne immer so funktioniert: Jeder Mensch auf der Bühne hatte eine Rolle und wenn im Textbuch der Name der Rolle stand, hat man den Text dahinter gesagt.
So weit, so gut.

Seit einiger Zeit ist es aber in Mode, die Rollen aufzuweichen und aus den vom Autor gezeichneten Bildern eine lustige Suppe zu kochen, bei der Texte (das reicht von wenig bis alles) von einem Teil oder gesamten Gruppe gleichzeitig gesprochen werden. Dieses chorische Sprechen steht in antiker Tradition. Bei Sophokles gibt es Chöre, die das gemeine Volk darstellen. Wenn der Chor chorisch spricht, dann wirkt das gewaltig, weil es laut ist und kraftvoll (und so soll es ja auch sein, die antike Demokratie auf der Bühne quasi).

Auch hier beim ttj hatten wir bis jetzt jeden Abend mindestens einmal chorisches Sprechen. Oder Sprechsingen. Was macht diese – durchaus schwierige oder zumindest Übung erfordernde – Art zu sprechen so attraktiv für alle Theatergattungen?

Klar, es klingt bombastisch, wenn verschiedene Stimmen das gleiche zur gleichen Zeit sagen und auch Stimmen, die sich gut mischen (so beobachtet und bewundert am ersten Abend mit den beiden Mädchen, die Spiegelberg gesprochen haben), wenn die Grenzen zwischen den Körpern allein durch die akustische Einheit des Textes verschwimmen. Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass es sofort seine Attraktivität und den Zauber verliert, wenn das Sprechen nicht akkurat genug ist und anfängt auseinander zu klappern, zu laut und offensichtlich angeatmet wird oder sogar – ohne es als Stilmittel zu gebrauche – eingezählt wird. Die Sprechenden brauchen ein Höchstmaß an spielerischer Offenheit und Sensibilität für ihre Mitspieler.

Also: Wozu das alles?

Wenn eine Rolle doppelt oder dreifach besetzt ist, dann rutscht das Individuum in den Hintergrund.
Da steht kein Einzelner mehr und ist DIE Emilia Galotti oder DER Karl Moor, stattdessen gibt es eine Gruppe, die den einzelnen Spieler gleichzeitig schützt und als Mitglied einer größeren Gruppe durch den direkten Vergleich mit den anderen Karls und Emilias angreifbarer macht als er alleine wäre.

Für Schulgruppen und Jugendclubs hat das natürlich den technischen Vorteil, dass man auch mit vielen Leuten Stücke mit wenigen Figuren spielen kann und nicht die zusammengefassten Rollen aufteilen muss, außerdem stärkt es durch das Einswerden mit einander das Gruppengefühl und den -zusammenhalt.

Darüber hinaus hat das vermehrte Einsatz des chorischen Sprechens meiner Meinung auch einen gesellschaftlichen Hintergrund.

Als Gegenbewegung zur Leistungsgesellschaft, in der Dinge wie Teamarbeit und Social Networking zu Notwendigkeiten stilisiert werden, werden richtige Gemeinschaften und wirkliche Gespräche miteinander wieder zum Trend. Man will nicht mehr einzeln sein, auch nicht auf der Bühne.

Chorisches Sprechen ist dabei aber kein Zeichen purer Gleichmacherei nach dem Motto „So, ihr seid jetzt mal alle Emilia!“. Innerhalb der Gruppe ist der Einzelne auch für sich, im festgelegten Rahmen sind Bewegungen, Gestik und Mimik frei und zeigen eben die Individualität der Spieler. Jeder ist einzeln und in der Gruppe.So kann eine Figur zu einer vielschichtigen, beinahe multiplen Persönlichkeit werden, kann – natürlich nur bei entsprechender Vorlage – eine Tiefe und bisher unbekannte Facetten der Figur vermitteln.

Die Vorteile von chorischem Sprechen werden von vielen Theatermachern gesehen. Wo man auch hinguckt, trifft man Regisseure, die ihre Spieler in Gruppen sprechen lassen und traditionelle, dramatische Stücke als Dialoge mit Hang zu Textflächen behandeln – man kann sich inzwischen fast sicher sein: Irgendwann wird immer chorisch gesprochen.

Nur: Wenn man so was eine Woche lang jeden Abend sieht und hört oder wenn das sowieso immer hört, wenn man ins Theater geht, dann berührt das nicht mehr. Ich stumpfe ab gegen die Kraft und den bestimmten Ton, den viele Stimmen gleichzeitig erzeugen. Das ist schade.

Weil es eigentlich eine schöne Idee ist.

P.S.: Nach einer Woche jeden Abend chorisches Sprechen: Das nächste Mal vorm Theaterbesuch einfach abchecken, ob der Regisseur zum Chor neigt. Klappt leider auch nicht hundertprozentig. Nur Not hilft da dann nur noch nicht ins Theater gehen, sondern zu Hause bleiben. Da klappt‘s immer ohne Chor.

Zu schön für diese Welt: Das Linie1-Konzept

Foto: Dave Großmann

Das eine Theater sucht sich zu seinem hochtrabenden Inhalt eine abstrakte Form und Geschichten, die weit weg sind. Das ist dann Theater, an dem man lange knabbert. Quasi Vollkornbrot, es wird erst süß, wenn man lange drauf rumkaut.

Und das andere sind helle Brötchen (Schrippen, Semmeln). Die schmecken sofort und sind nicht so anstrengend.

„Zu schön für diese Welt“ schmeckt sofort. Auf den ersten Bissen. Es macht gute Laune, wenn die Spieler zu „New Soul“ durch Duschvorhänge auftreten und man als Zuschauer 50 Minuten lang Einblicke in 20 verschiedene – und vor allem verschieden pubertäre – Badezimmer bekommt. Sie erzählen von Bad-Hair-Days, und überhaupt Haaren, die zu viel oder einfach zu mainstream sind, von Pickeln und Kleidern und von Brüsten und Heiraten und Erdbeerkuchen. Vor allem aber wird rumgeschmiert mit Cremes und Rasierschaum und Schokopudding, es werden Masken eingerieben und Sportübungen gemacht („Disziplin!“). Zwischendurch werden Lieder gesungen über allgemeine und spezielle Identitäts- und Schönheitsprobleme, beobachtende Lieder mit kritischem Hintergrund a capella mit schönen, sauberen Harmonien und mit Gitarrenbegleitung. Das funktioniert alles hervorragend und macht es zu einer schönen Revue über die kleinen und größeren Probleme des Jugendlichseins. Innen und Außen des Körpers spielen eine wichtige Rolle, es scheint ein Abend mit 20 gleichberechtigten Spielern zu sein, jeder in einem eigenen kleinen Raum mit derselben Grundausstattung – trotzdem werden einige Geschichten nicht ganz auserzählt und dadurch nicht klar genug. Was zum Beispiel der junge Mann, der fortwährend im Stylistentonfall über aktuelle Rasiertrends, Bikiniober- und -unterteile doziert, eigentlich für ein Problem und welche Motivation zu reden hat, wird nicht besonders deutlich. Das ist schade, weil er wahrscheinlich eine genauso pointierte und zielgerichtete Geschichte erzählen wollte wie etwa sein Kollege drei Nasszellen weiter, der den ultimativen Stecher gibt mit mehren Mädels gleichzeitig und flapsig-naiven Bemerkungen.

Der Zauber dieser Produktion, die auf den ersten Blick eben oberflächlich wie äußere Schönheit ist, ist aber eben jene Alltäglichkeit – und der Wiedererkennungswert . Sie versprüht denselben Charme wie der Grips-Theater-Klassiker „Linie 1“, was auch nur deshalb ein solcher Erfolg ist, weil der Zuschauer sich selbst oder Situationen erkennt, die theatral überhöht dort vorgetragen werden und sich dabei selbst eher mit einem Augenzwinkern betrachten. Dabei ist für die, die länger über die Produktion nachdenken wollen, genug Luft nach oben; sie eröffnet über dem Humor eine neue Ebene. Im Falle von „Zu schön für diese Welt“ wird darin eben das Außerhalb des Badezimmers kritisiert – nämlich das, was die Jugendlichen so perfektionistisch, essgestört und problemzonenorientiert macht. Dabei muss dieses Außerhalb nicht einmal richtig auftreten, sondern transportiert sich nur durch Episoden im Badezimmer.

Das macht es zu mehr als nur einer schnöden Weißmehlschrippe. „Zu schön für diese Welt“ ist eher eines der helleren Roggenbrötchen vom Biobäcker.

SELBSTauslöser: Frau Bausch lässt herzlich grüßen

Zweimal so unterschiedliches Tanztheater.

Einmal lautes, sprühendes Theater, das anstößt und weniger tänzerisch im klassischen Sinne, dafür viel mehr alltägliche Aktionen in Tanzsprache übersetzt – und dann gestern leises, sehr viel klassischeres Tanztheater. Trotzdem gibt „SELBSTauslöser“ sehr natürliche und alltägliche, fast banale Rahmen in denen die Choreographien hängen, fünf Großrequisiten für fünf Tänzerinnen plus Paravent und Kamera.

Die fünf jungen Frauen bespielen sich einen anonymen Raum, füllen ihn erst mit ihren persönlichen Requisiten aus den Koffern, die sie mitbringen, dann mit sich selbst als Tänzerinnen und Persönlichkeiten. Jede hat ihr Thema, ihr Bild von sich selbst, ihren Wunsch auf die Bühne gebracht. Dabei ist der Abend sehr einfach und besticht durch die Fenster, die der Tanz öffnet, wenn er in alltägliche Situationen – etwa an einem Tisch – kommt.

Tanz im alltäglichen Raum, das erinnert an die Pina-Bausch-Tradition, in der in scheinbaren Wohnräumen plötzlich eine andere Art von Kommunikation und Selbstausdruck entsteht.

Tatsächlich berührt an diesem Abend vor allem der Tanz. Die Texte, die wahrscheinlich eher ein Weg zum Ziel waren bei der Arbeit an dem Stück, wirken eher wie Fremdkörper, als dass sie den Abend bereichern würden. Die Geschichten, die allein durch den Tanz erzählt werden, von der Sehnsucht nach dem Aus-der-Reihe-Tanzen, von einer Familie, bei der alle an einem Tisch sitzen und dabei trotzdem alleine sind, und immer wieder von Konkurrenz – sie sind sehr viel berührender als die Texte.

Die Choreographien an sich sind armlastig und zeigen damit, dass Arme eine sehr seelische , verzweifelte Ausdruckskraft haben. Sie werden gedreht und gebeugt, übereinander gelegt, sie verdecken Augen und ganze Gesichter und sind viel mehr mit der Stimmung des Moments verbunden als die Gesichter der Tänzerinnen. Besonders schön sind sie, wenn die Bewegungen tatsächlich eine Richtung bekommen und gegen Ende nicht verwackeln. Das ist oft so gewesen an diesem Abend.

Immer wieder tritt eine der Tänzerinnen mit einem ihrer Utensilien vor die Kamera und lichtet sich selbst ab, analog, wie in guten altern Zeiten. Die Bilder erscheinen erst gegen Ende, nachdem sie ihre Requisiten wieder eingepackt haben, ziehen sie die Rollos am hinteren Bühnenrand hoch und lenken den Blick auf eine Serie von Portrait- und eben dieser Requisitenbilder. Kurz blicken sie auf sich selbst und ihre Erfahrung in diesem Raum zurück, dann verlassen sie die Bühne.

Als Zuschauer bleibe ich dabei zurück mit dem Blick auf dem Raum und alles, was da war, und die ganze atmosphärische Enge bleibt irgendwo hängen, zwischen mir und den Fotos.

Müssen nur wollen: Mama ist doch nicht die Beste

Das Publikum kommt und alle Spieler sind schon da. Sie liegen auf der Bühne und demonstrieren, wie gut sie zum Stillliegen erzogen worden sind. Ob eher antiautoritär („Mach, was du willst, auch Stilllegen ist erlaubt!“) oder nach der bewährten Haudraufmethode „Still gelegen!“, ist da eher egal.

Neun Kinder im Einheitslook plus eine Gouvernanten-Erziehungsratgeberkonsumentin ganz in weiß ergeben eine Art Kinderheim-Pflegefamilie der unangenehmen Art, mit Appellen, festgelegten Spielzeiten und Erziehungsgesetzbuch. Es kommen die großen Wörter aktueller Erziehungsratgeber vor (Trotzphase, Hyperaktivität, Pubertät), die Spieler leben in einem Kosmos aus Autoreifen, Mülltüten und einem Einkaufswagen, es werden Tic-Tacs als Belohnung ausgegeben und alle sind ganz wild drauf (so wie Kinder, die nie Schokolade dürfen und dann bei Kindergeburtstagen alles aufessen).
Man sieht Kinder, die sich gegenseitig denunzieren und gegen die Respektsperson rebellieren à la „Das dürfen wir nicht!“ – „Ach, scheiß drauf!“ und die Erwachsenenwelt irgendwie, aber nicht richtig verstehen, sie nachahmen und in Stereotype einteilen. Das ist zwar ganz lustig und die Zeit vergeht recht schnell, aber so richtig befriedigt das nicht.

Immer wieder werden Kindergeschichten über den Suppenkaspar, Struwwelpeter und die ganzen an-deren pädagogischen Gesellen, die früher mal zur Abschreckung benutzt wurden, aufgesagt, wahlweise chorisch oder abwechselnd oder ganz einzeln (das dann aber mit Mehl im Gesicht). Warum das passt, ist die Frage, und auch, warum das jetzt sein muss. Es wirkt so, als wäre da einfach eine Collage entstanden, deren Bilder die Geschichten einfach nur untermalen, aber nicht zusammenhängen.
Was noch mehr aus dem Rahmen fällt, sind die bemühten Geschichten, die die Einzelnen dann erzählen. Sind sie wahr oder nicht? Und wie kommen die dahin und warum machen das nicht alle? Warum gerade die, die das machen, und deren Geschichten und unglaubwürdig übertrieben sind, dass man lachen und weinen möchte. Weil sie in diesen Geschichten Requisiten bespielen, die Tic-Tacs noch mal benutzen und ein Mädchen in ei-nem Turm aus Reifen einsperren können (was zugegebenermaßen ziemlich gut aussieht)?
Denn der Müll auf der Bühne wird immer wieder mal bespielt, die Autoreifen taugen außer zum Ein-sperren noch zum Krachmachen und als Kuschel-tierscheiterhaufen. Aber warum sie mit dieser Appell-Familie auf so einer Müllhalde – oder ist es gar ein postpädagogischer Endzeitspielplatz? – leben, erschließt sich nicht.

Am Ende wird dann die Gouvernante eingepflanzt und wie überall gibt es noch Nass und Dreck, vielleicht weil es zum Müllplatz passt, vielleicht, damit man noch das Gedicht „An Anna Blume“ aufsagen kann unter Regenschirmen, um dann die Regenschirme wegzulegen und noch kurze Kindheitserinnerungen (echt? unecht?) zu Tage kommen können. Vielleicht auch, weil man einfach noch ein bisschen Dreck brauchte oder sich die Kinder so erziehungstechnisch an ihrer Autoritätsperson rächen können – die Revolution frisst ihre Kinder, frei nach Freitagabend.

Wahrscheinlich sieht es einfach gut aus, wie so vieles, was diese Produktion an Bildern anbietet, sehr schön anzusehen ist. Aber ein Gefühl übertragen sie nicht.

girls! girls! girls!: Mama ist die Beste

Mädchen von heute sind im Zwiespalt zwischen den Möglichkeiten, die ihnen die vorherigen Generationen erkämpft haben, und dem traditionellen Bild ihrer Rolle, das die Gesellschaft immer noch vertritt. Sie stehen irgendwo zwischen Karrierefrau und Sexsymbol, zwischen intellektueller und hausmütterlicher Herausforderung.

Die neun Spielerinnen des jungen Schauspiel Hannover durchtanzen in ihren Vorstellungen einen Parcours aus Sport, Schönheit und Sex, aus (gleichgeschlechtlicher) Zärtlichkeit, Wettkampf und Gruppengefühl, der sich zwischen beinahe abstoßend (Machen Mädchen so was wirklich?) und anrührend einpendelt.

In bunten Kleidern und barfuß erkunden sie im ersten Teil vor allem die Gruppe und ihre Position darin; es ist der aufregende, der energetischere Teil der Produktion, bei dem viel gleichzeitig passiert und man schnell den Überblick verliert. Innerhalb der Gruppe bilden sich Zweier- und Dreiergruppen und der Zuschauer kann die Komplexität der Beziehungen, die da von kindlichen Erwachsenen geknüpft und ausgelebt werden, beobachten – etwa wenn eine der jungen Frauen im wahrsten Sinne des Wortes hin- und hergerissen wird von zwei anderen; ein sehr naturalistischer Vorgang in der Lebenswelt pubertierender Mädchen.
Sie nähern sich einander und dem Zuschauer an, sie entfernen sich von ihm, wenn sie Dinge auf der Bühne tun, die ihn zum Voyeur machen. Dabei machen sie aber nie sich selbst zum Objekt, sondern viel eher den Zuschauer, der sich der Bildwucht und unangenehmen Gefühlen nicht entziehen kann und das wahrscheinlich auch gar nicht richtig will.

Im zweiten Teil ist der mädchenhaft spaßige Konkurrenzkampf vorbei, in der Frauenwelt gehört plötzlich auch die ehemals Gemobbte irgendwie dazu. Die Mädchen probieren sich mit offenen Haaren, weißen Unterkleidern und hohen Schuhen in erprobten sexy Positionen aus, laufen sie immer wieder ab und werden darin immer ruheloser. Diese Szene dauert irgendwie zu lang, auch wenn die Durchgänge immer wieder variieren.

Wenn es nicht mehr um Körperbild und Konkurrenz gehen kann, müssen Rollenbilder her. Zuerst eben jene Vampschablone, dann geht es weiter über das Ideal der Unbeflecktheit, das trotz aller Emanzipation immer noch über dem Frauenbild schwebt (nicht umsonst gibt es das Schimpfwort „Schlampe“, aber kein männliches Äquivalent). Zuletzt werden Schilder mit Namen großer Frauen von Mama bis Pina Bausch, die nun doch vorkommen muss im Tanztheater, ins Spiel gebracht, zuerst brav zugeteilt, später ist es dann ein Kampf um die eigene Person und das (geistige) Selbstbild, indem jede Tänzerin Rollen beliebig wechseln und präsentieren kann, vollkommen frei und egoistisch.

Seltsamerweise wird das Thema Männlichkeit nur angeschnitten und da eher isoliert betrachtet, weil sich alle Mädchen – bis auf zwei, die gleichzeitig mit einander herumbalgen – gleichzeitig als Männer verkleiden und deshalb eine Interaktion mit dem anderen Geschlecht nicht möglich wird.
Wahrscheinlich hätte die Inszenierung das gar nicht gebraucht, weil die Mädchen sich selbst erfahren und dazu kein Außen brauchen (anders als bei der Eröffnung ausgesprochen: „Der Mann setzt sich als Subjekt selbst und die Frau bekommt ihre Rolle als Objekt zugewiesen“).

Die Mädchen beeindrucken mit Natürlichkeit im Umgang mit dem eigenen Körper, sie zeigen, dass Mädchen heute eigentlich noch dieselben Probleme haben wie früher, obwohl es heute weibliche Bundeskanzler, Kirchenvorsitzende (a.D.) und Wachtmeister gibt.
Jetzt muss man nur noch entscheiden, ob das beunruhigend ist oder nicht.

girls! girls! girls!: Das ist die längste Beziehung, die ich jemals hatte

Wenn man den neun Mädels von girls! girls! girls! gegenübersitzt, dann sieht man ihnen an, dass sie vor allem Spaß haben. Kennengelernt haben sie sich Ende 2008 bei einem Casting in Hannover, bevor die Arbeit dann richtig los ging. Mit Intensivproben in den Ferien, bei denen sie zwei Wochen lang jeden Tag ungefähr acht Stunden geprobt haben, und Blöcken von je vier Stunden in der Woche nach der Schule haben sie der Premiere im Mai 2009 entgegengearbeitet. Vor Probenbeginn gab es zwar ein grobes Konzept, dass es ein Mädchen-Tanz-Projekt werden sollte, aber eigentlich haben die Tänzerinnen das Stück in der Arbeit mit ihrem Regisseur und Choreographen zu dem gemacht, was es jetzt ist.

Die Bewerbung beim ttj war damals eher „einfach so“, sie haben nicht wirklich damit gerechnet, eingeladen zu werden, weil sie wissen, dass sie mit dem Tanztheater in der Jugendtheaterlandschaft eher aus dem Rahmen fallen. Natürlich freuen sie sich trotzdem, dass sie nach Berlin kommen durften. Vor allem freuen sie sich, dass endlich einmal viele Jugendliche ihr Stück sehen werden, weil die Altersspanne bei ihren Vorstellungen zu Hause eher groß ist, und dass sie einmal ganz viele andere Theaterstücke mit Jugendlichen ansehen können.
Außerdem wissen sie schon von Gastspielen, dass es cool ist, mit dem „Haufen Freundinnen“ wegzufahren, zu dem sie nach eigener Aussage in den letzten anderthalb Jahren geworden sind.

Die Workshops gefallen ihnen, sagen sie nach dem ersten Festivaltag, weil da niemand ist, dem es peinlich ist, irgendwas vorzumachen vor den anderen – und sie finden es ein seltsames Gefühl, dass das jetzt ihr Preis ist, weil das ist, als hätten sie dafür „irgendeine große Leistung vollbracht“ (das kann jetzt noch niemand wirklich hier beurteilen, aber das werden sie wohl haben…).

Wenn sie girls! girls! girls! demnächst abgespielt haben, können sich alle vorstellen, Theater und Tanz mindestens als Hobby weiterzumachen, wenn nicht sogar später einmal professionell als Beruf.

Übrigens: Der Arbeitstitel, unter dem das Casting damals noch lief, war „Weibsbilder“. Da ist doch girls! girls! girls! eindeutig charmanter, oder?