Autor Lena Stange

Testosteron: Teenage Dream So Hard to Beat

Foto: Dave Grossmann

Eine Exkursion nach drüben

another girl in the neighbourhood / wish she was mine
Darum gehts: Alex hat seinen ersten Samenerguss im Schullandheim, Alex liebt Marina, Marina hat vielleicht was mit Alex‘ bestem Freund Timo. So weit, so einfach. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu.
Es ist so sehr schwierig, diese Geschichte erzählen, ohne dass sie nicht banal oder ausgelutscht oder einfach nur lächerlich wirkt. Wie soll man überhaupt von Spermaflecken, Küssen im Kino, dem Cover von TV-Spielfilm und YouPorn erzählen? Ein bisschen blieb es im Klischee und der Banalität hängen. Und wie soll ich, weiblich, auch wissen, ob es nicht wirklich für alle Jungs immer so ist. Ich hab ein paar gefragt, und die haben meistens gegrinst und ja gesagt. So gesehen war es für mich auch ein interessanter Ausflug in männliche Befindlichkeiten. Sehr interessant.

Und wie gesagt, wem sowas – Pubertät, Liebe, Peinlichkeiten – just passiert, dem scheint es immer groß, wichtig, orchestral.

Aber kann oder muss man das überhaupt noch, sich mit der Pubertät auseinandersetzten, so als die ziemlich erwachsenen Menschen, die die Spieler von TheaterGrueneSosse nun eben sind? Oder kann man gerade dann gut über die Leiden während einer männlichen Pubertät erzählen, wenn man ein bisschen Abstand hat und die schlimmsten Blessuren verheilt sind?

Es hätte mich sicher in den Wahnsinn getrieben, das Stück wäre wahrscheinlich nur Abklatsch und Farce gewesen, hätten die Spieler nun tatsächlich so getan, als wären sie vierzehneinhalb.

looks so good
Alex und seine Alter Egos tanzen. Tanzen miteinander. Und das kein bisschen pubertär, sondern erwachsen und männlich. Aggressiv und zart. Gespannt und spannend.

Mein liebster Moment: wie sie sich gegenseitig anfassen, zu erfassen suchen. Immer wieder ein Nein, dann zum Schluss ein Jaah, das erlösend sein könnte.

Wenn Alex auf der Rollbox über die Bühne wirbelt und sich immerwieder an seiner Mutter abstößt [diese Mutter, die so überhaupt nichts versteht – irgendwie schien mir das seltsam. Schnupfen? Komm schon!]
Wunderbare, so sehr wunderbare Momente.

Fiebernd nervöse, sentimentale oder mitgrölmäßige Musik. Klangcollagen und Loops. Selbstgemacht, live. Was will man mehr?

I need excitement, oh I need it bad
Zwischendurch hab ich mich gefragt, wann es weitergeht. Wenn die Lieder immer weiter gingen und immer weiter getanzt wurde.

Vielleicht ist dieses Gefühl des Im-Loop-Hängens auch teenagertypisch und wird absichtlich im Zuschauer erzeugt.

Aber sonst:
I wanna hold her wanna hold her tight / get teenage kicks right through the night

Don’t cry for me, baby: Verona leuchtete

Foto: Dave Grossmann

Wir kennen die Geschichte und die meisten dieser bewegenden Bilder haben wir auch schon mal irgendwo gesehen, auf dem Theater, irgendwann. Man könnte überhaupt öfter sagen, „ja, aber“. Wenn man wollte. Ich will nicht. Ja, man hat manchmal wenig verstanden, wegen dem Hall und dem Schreien. Da habt ihr recht. Aber was ihr kindisch nennt, nenn ich den Sturm und Drang. Was ihr Kitsch nennt, nenn ich Liebe.
Am Anfang hatte ich ein wenig Angst um das Stück, ein wenig Angst davor, dass die Geschichte im Krawall untergehen könnte, als alle immerzu geschrien haben. Obwohl die Playback-Gitarren-Sache so sehr cool aussah. Eben alles zu cool aussah, und zu lustig war.

Wir haben gelacht, als die Montagues als peruanische Fußgängerzonen-Kombo auf die Capulet-Mottoparty schlürfen. Und dann Formationstanz machen. So sehr lustig. So sehr coole Idee. So sehr unerwartet. Nicht lustig (aber für schwangere, grölende, saufende Prekariatsangehörige wie die Figuren) wohl vielleicht irgendwie passend: dumme Homosexuellenwitze. Dass die dann Leute ernsthaft lustig fanden. Nicht lustig, wie gesagt.

Wir haben gestaunt: Als der eiserne Vorhang hochfuhr und alles trommelt. Sehr laut und sehr wunderbar. Wir haben gestaunt über das perfekte Licht.

Aber dann lernen sie sich kennen. Außenrum weiterhin dies alte Leben, wo Leute in Mülltonnen feiern. Aber innen ist alles anders und diese Leuchtschaukel fährt von der Decke, er erklimmt die Straßenlaterne und plötzlich ist es genau so, wie ich hoffte, dass es sein würde. Eine Geschichte von der Liebe und dem Sterben, die man nicht ganz ernst erzählen muss, aber trotzdem ernst nehmen will und muss. Weil es eben das Größte ist zu lieben.

Sie heiraten am nächsten Morgen bei einem postchristlichen Pfarrer, der Best-of Medleys der größten Jesus-Hits, aber nicht Wagners „Treulich geführt“ spielen kann und tauschen die schönsten Trauringe, die es je gab, aus. Heiligenscheine oder Lichterkränze.

Es kommt wie es kommt, Tybalt bringt Mercutio um, Romeo bringt Tybalt um und muss fliehen, vorher kehrt er nochmal zurück zu seiner Julia, dem kleinen Mädchen im weißen Kleidchen, mit Ringelstrümpfen und ohne Schuhe.

Dann der Kuss, länger als bei Kate und William, ganz sicher. Rauchwolken und Licht aus Luken im Boden. Paris singend mit seinen Pralinen und Gerbera. Der nächste Morgen als Schattenriss vor einer leuchtenden Wand. Sehr rührend, diese Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte. Die Liebesgeschichte aller Liebesgeschichten. Und so schön anzusehen.

Weiter im Text: Päris, der singende, pralinenessende Cousin des Prinzen (der unsägliche Platzpatronen schießt, naja), will Julia heiraten. Vielleicht, um zu beweisen, dass er nicht homosexuell ist. Vielleicht liebt er sie auch. (Vielleicht liebt er sie sogar mehr als Romeo, nämlich ohne die Belohnung des Zurückgeliebtwerdens? Müsste man mal drüber nachdenken.) Sie will das nicht, in Päris geht irgendetwas kaputt und er hört auf mit dem Pralinenessen, um die Schokolädchen nach Julia zu werfen. Wahrscheinlich liebt er sie. Sie tut so, als wär sie tot, man bringt sie in die Gruft. Vorher singt sie nochmal (schönst) und schreit und springt (nicht so schön), aber aus dieser Schreisache wird dann ein leuchtendes lautes Neonrauschen, aus dem Julias Beerdigung wird. Aus dem sich dann Julias Beerdigung kristallisiert, sollte ich schreiben. Die Musik geht aus, das Licht (dies Licht, immerwieder dies Licht) geht an. Und bitte:

Päris hat immer wieder Julias schlaffe Hand fallen lassen. „Ich hab meine Braut verloren, es ist alles umsonst“.
Und dann kommt Romeo und Paris schießt Romeo in den Bauch; er knallt ihn unerwartet (dass man das über das Ende in Romeo und Julia sagen kann, unerwartet, wie wunderbar) einfach so ab, und das nicht mal wirklich absichtlich, irgendwie haben sie sich ja umarmt und irgendwie haben sie gemeinsam um Julia getrauert.
Lydia hat geflüstert, „Ich hatte gedacht, die hätten diesmal vielleicht eine Chance“.

Dann wacht sie auf, erschießt sich und der Himmel, das Licht kommt heruntergefahren und alles leuchtet. So sehr schön und so unglaublich traurig.

For never was a story of more woe / Than this of Juliet and her Romeo. Exeunt omnes. Ende.

Liberation is a journey: ttj at the movies

Foto: Dave Grossmann

Die Schatten auf der Gaze waren so sehr wunderschön. Genauso wie der Blick auf die Gegenstände hinter der Gaze, wenn die Dinge farbig werden, plötzlich. Dieses im Moment der Explosion gefrorene Kinderzimmer. Gemacht vom „Ausstattungsdesigner für Theater, Film und Fernsehen, […] Fotograf, Web- und Sounddesigner“ Joachim Brodin, einem norwegischen Künstler. Sagt das Internet.

Das wundervolle Bühnenbild mit dem Vorhang davor wurde nicht bespielt, sondern besungen. Fast hätte ich geschrieben, „nur besungen“, aber warum sollte Singen und Spielen-im-Video eigentlich weniger sein als Spielen-auf-der-Bühne? Weil das die Bretter, die die Welt etc., oder einfach weil man es so gewöhnt ist? Ist eben was anderes.
Nur, dass man soviel mehr mit diesem Bühnenbild hätte tun können als es in verschiedenem Licht gut aussehen zu lassen. Diese Schattenwürfe auf den Seitenwänden – so sehr schön, dieses eingefrorene, fliegende, explodierende Kinderzimmer.
Schön und professionell einstudiert wurde auch gesungen, und zwar sphärische Klangteppiche avantgardistischen Zuschnitts.
Nachher hat jemand gesagt, dass man im Theater irgendwann den Vorhang aufmachen muss. Ich glaube, dass das richtig ist. Für Theater, finde ich, muss man den Vorhang wirklich irgendwann aufmachen und mit dem Spielen anfangen. Das haben sie gestern nicht. Aber es muss ja nicht immer Theater-Theater sein. Stattdessen: eine Installation mit Musik und Film.

Im Film scheinen die Dinge paradoxerweise immer realer als im Theater. In den Filmen gestern waberten die erzählten Geschichten irgendwo zwischen Fiktion und Dokumentation. Geschichten, die einen treffen und berühren, vom Krieg in fernen Ländern und von der Frage, wie man gleichzeitig für sein Heimatland sterben, aber nicht zum Militär wollen kann (so zart, so sehr zart). Diese Geschichten wurden erzählt in ruhigen Bildern mit klaren Farben, spielten in einem seltsam leeren, irgendwie frei in der Zeit und der Welt hängenden Kunstraum, einem verlassenen Bauernhof und Feldern in der Nähe eines Flughafens. Auf die Fragen Wie kommen die da hin oder Was machen die da oder Warum denken sie drüber nach, jemanden umzubringen gab es keine Antworten. Wieso auch? Fragen sind meistens spannender als Antworten. Wahrscheinlich hätten die mehr kaputt gemacht als gegeben.

Ich war sehr berührt, wir waren alle sehr berührt.
Berührt von den Geschichten vom Krieg, von der Gewalt, die einzelnen Geschichten zusammenklammern.
Geschichten der von Rebellen ermordeten Freundinnen aus Guinea. Geschichten, die Dir einen zweiten Film im Kopf machen, mit Bildern, die man in den Nachrichten gesehen hat (oder aus diesen Filmen mit Leonardo DiCaprio oder Ralph Fiennes).
Wie man Unvorstellbares erlebt haben und damit leben kann, bleibt uns, hier im Frieden Lebenden, ein Rätsel. Und eine der wenigen wirklich großen Fragen.

Aber wenn es dann vorbei ist, wenn man betroffen und mit all diesen Bildern im Kopf in der Kassenhalle steht, fragt man sich immer mehr, woher und von wem das Stück kommt. Wer sich die Sequenzen ausgedacht und angestoßen hat. Wer gesagt hat: Stell Dir mal vor, du würdest jemanden umbringen. Und woher und wohin die Menschen in den Filmen gehen.
Man fragt sich, wo die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation verläuft und wie viel die singenden und spielenden Jugendlichen von diesem ästhetischen Spektakel mit dem großen Formwillen selber gemacht haben. Jugendtheater oder Theater mit Jugendlichen? Und was ist Theater überhaupt?
Und vor allem ob irgendwas davon wirklich wichtig ist.

Als es vorbei war, haben manche Leute geschrien, dass sie eine Zugabe haben wollen. Andere haben nicht mal richtig geklatscht. Gewundert hab ich mich über beides.

Mutter Kuhranch: Das Gold am Ende des Trecks

Foto: Dave Grossmann

Ich bin traurig. Am liebsten würde ich immer nur von schönen Dingen schreiben, mit schönen Worten und tiefen Gedanken. Ich möchte jubeln, feiern, auf Tischen tanzen, solche Sachen.

Und ich hab gedacht, so, wenn irgendwas schon „Mutter Kuhranch oder wie Aristoteles Brecht post mortem 2:0 besiegte“ heißt, dann klingt das so absurd und lustig und intelligent, dass es zünden muss. Einfach muss. Etwas aus Fußball, Brecht, Tschechow, Aristoteles, Bonanza müsste schon ziemlich nah dran sein an Schwarzpulver.

Ich habe sowas noch nie gemacht, aber Schwarzpulver herzustellen beinhaltet, fragt Wikipedia, eine ziemliche Menge Reiben und Zerkleinern. Im Gegensatz zu z.B. Nitroglycerin, was einfach so explodieren würde, ohne Reiben, wenn man einen 2kg-Hammer aus 10-12 cm drauf wirft.

Und so bin ich relativ elegant dort, wo ich hinmuss (aber nicht hin will): Reiben und Zerkleinern als Voraussetzung für Sprengwirkung. Das hätte man mit der Courage und Tschechow und Aristoteles machen müssen und dann, BÄNG, vielleicht. Wahrscheinlich. Fast sicher.

Sich an Brecht oder Tschechow zu reiben und sich an ihnen abzuarbeiten, sich an ihnen aufzuarbeiten, sie aufzuarbeiten, das hätte ich sehen wollen. Dieses so schwer zu machende und aber leicht aussehende Tänzeln und Flirren zwischen den Texten und Ideen. Postmoderne, Metazeugs, Vau-Zeugs. Da reicht es aber halt nicht, die Weigl als Mutter Courage richtig gut nachmachen zu können. Oder wirklich gut sprechen zu können. Oder ein Farbkonzept zu haben, wie im Programmheft erläutert.

Da hätte man richtig tief reingemusst. In die Niederungen der Dramentheorie, in die Postmoderne, auf die Metaebene. Und alle wissen, dass es da nirgends besonders bequem ist, gekennzeichnete Wege gibt es da auch nicht. Ganze Trecks sind da schon verschwunden. Nur ist nicht weiter Richtung der weißen Flecken zwischen Brecht, Tschechow und Aristoteles (wo war der eigentlich? Ist Bonanza die Umsetzung der ποιητική*? Oder doch Brechts Courage, weil man mit der Kuhranch fühlt und fürchtet? Ah geh.) zu ziehen auch keine wirklich gute Option, wenn man nach Westen will, Gold zu suchen. Und dass es da Gold gebe, wissen alle.

Der Konjunktiv ist in Theaterkritiken keine schöne Sache. Weil es ja nicht darum geht, was es hätte geben können, sondern darum, was war. Bonanza. Ich habe Euer Bonanza geliebt, und für mehr Reiten, Shootouts und wackre Cowboys hätte ich gerne auf Brecht und Tschechow und Co. verzichtet.

Ich möchte solche roten Cowboystiefel mit silbrigen Beschlägen und ich will Euch nochmal auf eure Pferde steigen und in den Sonnenuntergang reiten sehen. Ich könnte immerzu zugucken, wie ihr in den Sonnenuntergang reitet.

* Autorin ist Altgriechin bzw. nicht, sondern war bei Wikipedia und hat “Poetik“ gecopypastet

Ausarten: Ars Gratia Artis

Foto: Dave Grossmann

Die Kunst, so heißt es, sei um der Kunst willen da. Ars gratia artis. Bei Adorno heißt es irgendwo sinngemäß, dass die Kunst dazu da sei, Unordnung zu stiften, für Claus Peymann ist gute Kunst „mit dem Auffinden der Wahrheit beschäftigt, und das auf durchaus vergnügliche Weise“. Und für Christoph Schlingensief hilft Kunst sogar gegen Terrorismus, weil wer Kunst hat, nicht mehr so leicht Terrorist wird. Überhaupt wurde zu dem Thema Kunst schon ziemlich viel gesagt. Die Frage, wozu Kunst eigentlich da ist, hat für mich trotzdem noch niemand richtig gut beantwortet. Vielleicht gibt es auch keine gute Antwort, aber die Frage zu stellen ist immer wieder spannend.

Spannend wird es dann normalerweise, wenn es um die Kunst Einzelner und die Entwicklung des einzelnen Künstlers oder um den Prozess des Schaffens von Kunst oder die Kunst als Spiegel einer Zeit und ihrer gesellschaftlichen Stimmung geht. Solche Sachen. Geschichten.

Und deswegen hab ich mich gestern auch so gefreut, dass sich die TAGGS aus Schwerin sich mit sich selber und der Kunst beschäftigen wollten. Eine Bestandsaufnahme, haben sie geschrieben, sei ihr Stück. Es ginge um die Frage, ob Kunst nach den (üblichen) Musik-, Gesangs- und Tanzstunden, den Schreibworkshops und Chorfahrten auch zur Lebensperspektive werden kann und soll. Welch eine unglaublich wichtige und interessante Frage. Was soll man mit seinem angebrochenen Leben anfangen?

Am Anfang, als der ganze, riesige Theaterraum bespielt wurde und sich aus dem Klischeeteppich immer wieder Pointen hoben, hab ich geglaubt zu wissen, dass es toll werden wird. Kommt ein Künstler zum Arzt, sagt, er habe seit zwei Wochen keinen Stuhlgang gehabt. Sagt der Arzt: Hier hamse fünf Euro, kaufen sie sich erst mal was zu essen. Talentiert nachgeäffte Erwachsene mit altvorderlichem Duktus.

Es war ein Kollektivkörper, aus dem Einzelne traten und Geschichten erzählten und zeigten, was sie in Musikschule und Co. gelernt haben. Es hat mich interessiert, wie das Vorsprechen bei den Schauspielschulen gelaufen ist, und beim „RRRRRR… Bäh Bäh!“ hab ich auch gerne zugehört. Dada gehört auf jede Bühne! Oder das anfängliche Spiel mit den Klischees und Idealbildern des Künstlers. Oder die Erörterung der Frage, was die Kunst den Leuten in Geld wert ist. Diese Momente waren präzise gespielt, gut gesprochen und spannend anzusehen.

Aber mit dem Fortschreiten des Stückes ist mir eine Sache immer mehr abgegangen und eine andere Sache hat mich immer mehr gestört.

Gestört hat mich das Überhängen von Tanz & Bewegung und Musik. Irgendwann fing ich an, mich zu fragen, wie und wann jetzt mit dem Tanzen und der Musik aufgehört wird und das Theater weiter geht. Versteht mich nicht falsch – die Musik war außerordentlich gut gemacht, vom Tanzen verstehe ich zu wenig, um über die Ausführung viel sagen zu können. Die Musik hat mich bewegt und gefangen genommen und das akrobatische Messerfuchteln auf der Papierrolle war ein prägnantes Bild und auch noch schön anzusehen. So wie viele der Bilder und Stimmungen sehr berührend gemacht waren.

Nur, dass Dinge, die sich schön anhören und wahrscheinlich auch schön anfühlen, nicht lange dauern dürfen, bloß weil sie schön sind.

Was ich statt (doch eigentlich irgendwie auch ziemlich kunst-handwerklicher) Musik und Tanz hätte haben wollen, ist die angekündigte Beschäftigung mit „ uns und [der] Kunst“, wie es im Untertitel heißt. Warum sollte man sich als Jugendlicher dazu entscheiden, nicht Lehrer sondern Schauspieler zu werden, that is the question. Es geht nicht nur darum, wie es ist, sich an der Ernst Busch zu bewerben, sondern auch (vor allem?) darum, warum man so etwas tun sollte.

Ich hatte mich darauf gefreut zu hören, ob es diesen brennenden Wunsch irgendwo ganz tief innen drinnen gibt: Kunst zu machen. Mich darauf gefreut, von diesem diffusen Gefühl zu hören, dass man erst in der Kunst man selber und ganz Mensch ist; von dem Wunsch, einmal wie [hier bitte einfügen] auf einem Sockel zu stehen. Und von der Angst, dass das doch nicht klappen könnte.

Aber die Antworten, die gegeben wurden, waren nicht die Antworten der einzelnen Menschen oder kluge neue Ideen, sondern nur die Worthülsen, die wir am Anfang schon mal gehört haben. Es hieß immer wieder „Künstlersein und Mensch bleiben“, am Anfang wie am Schluss. Von den Klischees und Idealen, den Wunsch- und Alpträumen, die am Anfang so prägnant und stimmig präsentiert wurden hätte ich mir den Schritt hin zur wirklichen Auseinandersetzung mit dem Traum und Alptraum Künstlersein und Künstlerleben gewünscht. Diesen einen kleinen, entscheidenden Schritt. Das Auffinden der Wahrheit, wie Peymann sagen würde.

Ferienlager: Mehrere komplex und korrekt untergeordnete Nebensätze

Foto: Dave Grossmann

Es ist einfacher, YEAH oder BUUH zu sagen als irgendwie kohärent eine Meinung irgendwo dazwi-schen zu formulieren. Genauso einfach ist es zu sagen, „jah, also, ich mag Biografisches“, oder „nee, also ich mag Biografisches nicht so“, man könnte dann noch sowas sagen wie „irgendwie kann ich damit eben nichts anfangen“ oder „das ist genau mein Ding, so“.

Ich werd es mir ein bisschen einfach machen, aber nicht so einfach. Ich werde hier nicht auf Das Große Ganze gehen, hier wird es nur um Aspekte der Inszenierung gehen, nicht um Intentionen oder Theaterformen. Nur um kleine Dinge, die ich ges-tern Abend gesehen hab. Und gehört.

Beim Hausbauen gehört der Aushub und das Auf-schütten von Erde zu den aufwendigsten und teu-ersten Sachen. Was ich sagen will, ist, dass ich gestern Abend fast eineinhalb Stunden auf den Nutzen der Erdaufschüttung gewartet hab. Und auch dann gab es in der Erde keine Falltür-Gräber oder Blumenbeete, nicht die große Erdverwertung, die ich mir gewünscht hätte. Die Mutter Erde sich gewünscht hätte.
A propos Natur, eine Frage: Warum musstet Ihr denn um Himmels Willen in Mikros sprechen, so dass alles Atmen entweder nach Darth Vader oder Sterben klingt? Warum? Verstanden hab ich trotz-dem öfter mal nichts. So akustisch und semantisch und genuschelt und so.

Zu der Schlumpfsache werd ich jetzt nichts sagen. Ich werde nichts sagen, nein. NEIN.

Es war ein bemerkenswerter Text. Generiert aus Interviews und Gesprächen mit den Darstellern. Über das echte Leben. Darüber denkt Lydia auf der Seite 3 nach.

Gelegentlich: brillant verdichtete, unglaublich komi-sche Häppchen, die irgendwie wahr und richtig klangen. Zum Beispiel das, was sich auf die Liebe zur Mathematik, vor allem dem binären System, bezog. „Ich hab das, was vorbereitet. Guck zu und lern!“. Oder die Stelle, an der Ängste thematisiert wurden.

Oder die kricketspielenden Enkel. Oder so lichte Stellen wie „Re-vo-lu-tion, Re-vo-lu-tion, Re-vo-lu-tion“.
Dann aber gab es Momente, die sprachlich einfach so seltsam klangen, pseudooriginal, geglättet und auswendig gelernt. Zum Beispiel, als jemand einen Satz formulierte, mit mehreren komplex und korrekt untergeordneten Nebensätzen, dessen Verb „be-sonnen“ war. Und dass diese Worte, die vielleicht irgendwann mal gesagt wurden, gestern aber so aufgeschrieben und vorgetragen klangen, hat mich abgelenkt von dem Inhalt des Gesprochenen.