Autor Khesrau Behroz

Clash: Mach die Darlings Krankenhaus

Foto: Dave Grossmann

Das Problem ist: Man muss eine Drehbühne nicht benutzen, wenn es nichts zu drehen gibt. Man muss auch nicht große Technik benutzen, um große Geschichten zu erzählen, genauso wenig wie man nicht alle Scheinwerfer benutzen muss, wenn man etwas deutlicher machen möchte. Man muss im Theater eigentlich nicht sonderlich viel, sollen muss man auch nicht sonderlich viel – nur wollen, das darf man ruhig. Und gewollt wurde bei “Clash” in üppigem Ausmaß.

Man nennt das “Overkill” und das ist ja erstmal nicht schlecht, es kann sogar sehr gut als Stilmittel benutzt werden: die totale Übertreibung, die totale Grenzüberschreitung, die totale Lady Gaga. Wenn Sarrazin von der Decke fällt, dann ist das schon ein ziemlich cooler Einfall. Wenn gerappt wird, ist das keine sonderlich originelle Idee. Wenn der Rap gleich darauf jedoch gebrochen und verleugnet wird (“Na, hat’s Euch gefallen, der rappende Türke!”), dann ist das wiederum eine gute Idee. Wenn Sekunden später allerdings wieder gerappt wird, dann wird der Witz wieder zurückgenommen. Das Gefühl, dass dieser Part zu ernst genommen wurde – das war irgendwie immer dabei. Dazu kommen: viel Gebrüll, das Niederreißen der Vierten Wand, eine (wohl eher aus pubertären denn dramaturgischen Gründen eingefügte) Sex-Orgie mit der erotischen Ausstrahlung einer Autobatterie und der Sinnhaftigkeit eines stumpfen Messers, wunderbare Zeitlupen-Momente und ein grandioser Affen-Auftritt vor rotem Licht. “Clash” ist wie eine etwas holprige Autofahrt: Es gibt Höhen, es gibt Tiefen, manchmal bleibt der Wagen einfach stehen, es ist ein seltsamer Rhythmus. Dramaturgisch war vieles unschlüssig – aber das passiert, wenn man alles will.

Kill your darlings! Schmeiß Deine Lieblinge raus, die Szenen, die zwar irgendwie fancy aussehen, aber die Ausdruckskraft eines Keanu Reeves haben. Das ist dann der Unterschied zwischen Übertreibung als Stilmittel und Übertreibung aus Ahnungslosigkeit.

Helden, Primitive, Affen – “Clash” reitet alle Klischees einmal ordentlich durch. Tot zuweilen auch, wenn Primitive mit Aldi-Tüten die Bühne bespielen und dabei aussehen wie Bastian Pastewkas Ottmar Zittlau. Allerdings: Es ist ein sehr guter Einstieg in das Theatertreffen der Jugend gewesen, das Publikum war mitgerissen, spendete ordentlich Applaus. Nur der Kritiker, der pöbelt wieder rum.

Ich will halt auch kein Darling sein.

Der Anfang

Das Trommeln kommt entweder von ganz oben oder von hinten. Die Quelle ist nicht so leicht zu ermitteln. Ab und an wird gerappt (es hat sogar schon jemand “Ich ficke Deine Mutter!” gerufen), jemand verwurstet Nirvanas “Smells like Teenspirit” mit Massivs “Wenn der Mond in mein Ghetto kracht”. Zumindest klingt das so. Künstlerische Freiheit.

Im Garten füllen Menschen ihre Bäuche, die FZ-Redaktion schreibt fleißig an der ersten Ausgabe, die Bühne bekommt den letzten Feinschliff, Menschen laufen hektisch hin und her. Jemand sagt: “Leute, ich kann es kaum glauben, wir sind in Berlin!” Ein anderer sagt: “Hältst Du bitte kurz die Tür offen”. Tja, ttj bedeutet eben auch das Zusammentreffen verschiedener, nun, Bedürfnisse.

Das Haus der Berliner Festspiele ist ein, Zitat, “schon ziemlich edler Ort”. In der Tat, das ist er, und er wird immer edler: Noch sind nicht alle Gruppen da, das Festival nimmt langsam, aber zielgerichtet, Fahrt an. Um meinem Hals hängt das Namensschild von einer gewissen “Alexandra”. Ich muss sie finden. Dann beginnt das, was alle zusammenführt und was das 32. ttj genauso fantastisch werden lässt wie die anderen zwei Jahre, die ich miterleben durfte: Das Grüßen, das Kennenlernen, der Austausch. Hallo, ich heiße Khesrau.

Es geht wieder los!

Hereinspaziert, hereinspaziert! Dies ist unser neues Zuhause!

Wir haben die Tapeten gewechselt und für ein wenig Ordnung gesorgt – hoffentlich mögt Ihr das neue Layout und all die supidupi Vorteile, die es so mit sich bringt:

  • Es sieht total anders aus. Fett!
  • Es sieht auf allen Browsern gleich aus. Fett!
  • Ich kann die Beiträge, die ich mag, mit meinen Freunden auf facebook teilen. Gesichtsfett!
  • Fotos sehen nun noch toller aus, weil sie nun noch größer dargestellt werden können. Fett!
  • Oh, schau, ich kann mich über die BlickRück-Rubrik durch die letzten zwei Jahre ttj klicken. Zeitmaschinenfett!
  • Surf uns mal mit Deinem iPhone an – it’s magic!
  • Gefällt mir!

Am 27. Mai 2011, in nicht allzu ferner Zukunft also, fängt das 32. Theatertreffen der Jugend an. Was wird hier passieren?

  • Tägliche Berichterstattung, versteht sich doch von selbst!
  • Viele Fotos und Videos der Festivalnasen
  • Kritische Rezensionen zu allen Stücken des Festivals
  • Faszinierende Essays und spannende Interviews
  • Weitere Adjektive
  • Geschrieben von der legendären FZ-Redaktion, die auf dem Festival täglich eine 16-seitige Zeitung auf die Beine bringt – der theatrale Wahnsinn!

Es wird hier also ordentlich Krawall gemacht. Wir freuen uns auf Euch, auf Eure Kommentare, auf Eure Vorschläge. Es wird ein Fest(ival)!

BlickRück – Bühne dunkel, Vorhang, Licht

Bühne dunkel. Vorhang. Lasst uns ein letztes Mal zweifeln, ein letztes Mal hadern. Tief Luft holen. Die Beine wippen, Finger verkrampfen sich. Augen zu. Hineinhorchen. Der Moment vor den vielen Momenten, da läuft noch einmal alles durch den Kopf. Die vielen Probenmonate, die ersten Ideen und die ersten konkreten Umsetzungen.

Vielleicht ist es ja egal, weil vorbei. Vielleicht aber dienen jene Erinnerungen als Stütze; dafür, um nicht zu vergessen, dass Theater viel mehr ist als das Bespielen einer Bühne. Es ist ein Prozess, der formt und fördert, eine Entwicklung, an deren Ende nicht nur ein Theaterstück steht, sondern auch eine Persönlichkeit. Bei einem Festival wie dem Theatertreffen der Jugend ist das besonders wichtig, weil sich eben diese Persönlichkeit stellen muss: dem Publikum, der Kritik, den Nachgesprächen. Die dunkle Bühne ist der letzte Augenblick, wo das Spiel noch einem selbst gehört, wo es ein ganz persönliches Ding ist, wo bis zu diesem Zeitpunkt hin Theater kein Unterhaltungs-, sondern Selbstfindungs-, Fluchtmedium ist.

Und – meine Güte! – was gibt es nicht alles zu suchen, zu finden, wovor kann nicht alles geflüchtet werden, wovor kann sich ein Körper nicht alles retten! Wegrennen heißt ja auch immer, irgendwohin laufen. Sehr lobenswert also, wenn es Menschen gibt, die sich als Zielort das Theater aussuchen, um dort zu arbeiten, etwas zu erschaffen und dann zu zeigen. Dafür darf man ruhig dankbar sein, auch wenn sie – wenn sie auf der Bühne stehen – niemals sie selbst sein können, so sind sie doch zumindest Karikaturen, Porträts, Parodien von etwas, das es in ent- oder vielleicht sogar verschärfter Form tatsächlich gibt.

Licht. Es wird geflutet. Die Blicke richten sich auf die Bühne, Scheinwerfer legen sich auf die Körper, es wird alles schwerer, jeder Schritt, jedes Wort, die Spannung spürbar. Es gibt klare Grenzen, Choreografien, man lebt plötzlich in Erinnerungen, Zeilen dürfen nicht vergessen, Einsätze nicht verpasst werden.

Es wird zuvor viel davon gesprochen, was Bühne eigentlich bedeutet, was Theater heißt, was es bewegt und was nicht. Es wird über das Ausleben geredet, von Träumen, von Wünschen, vielleicht sogar Ängsten, davon, dass ein Stück „Ich“ drinsteckt, ein Stück Selbstverständnis. Das ist insbesondere bei Jugendtheater der Fall, wo mit höchster Wahrscheinlichkeit alle auf der Suche nach irgendwas sind.

Doch: Theater funktioniert anders als das richtige Leben. Würde man normalerweise Unsicherheiten aus Selbstschutz wie im Reflex von sich weisen, versuchen, sie zu verdecken, zu verstecken, werden sie im Theater zelebriert, gefeiert, das Unperfekte wird nicht losgelassen, sondern in das Scheinwerferlicht gezerrt, bloßgestellt oder getröstet, weil es doch ach so menschlich ist. Weil sie vielleicht eben nicht zu schön sind für diese Welt, weil sie eben nicht einfach nur „girls!“ sind, sondern viel mehr und weil sich Ängste im Selbstauslöser am deutlichsten offenbaren, so wunderbar sind in ihrem Makel, um thematisiert zu werden.

Letzten Endes ist Licht die wohl perfekte Metapher für das, was auf dem Festival passiert: Erst wird gesehen, dann wird diskutiert, beleuchtet. Die Augen werden weit geöffnet, die Türen auch. Jugendliche sprechen miteinander, tauschen sich aus und genauso soll es sein und nicht anders.

Und wenn man gesättigt ist? Dann zurück rennen, lieben, hassen, alles zwischendurch leben, schwarzweiß und bunt, Erfahrungen sammeln, Ängste, Wünsche, Träume. Dann wieder weglaufen, ab ins Theater, für uns. Danke.

Aussteigen auf freier Strecke: WTF???

Foto: Jan Stroetmann

Man kann – höret und staunet! – leidenschaftlich schlecht spielen und ein leidenschaftlich schlechtes Stück auf die Bühne bringen. „Aussteigen auf freier Strecke“ gestern Abend war nicht einmal das. Da sind sieben Menschen auf der Bühne, haben absolut null Körperspannung, sprechen ihre Sätze halt so da hin und bauen völlig abstruse, naive Bilder, um ihre Ost-West-Geschichten zu erzählen. Im Hintergrund werden immer wieder kleine Filmchen eingespielt, die ablenken und dabei nicht einmal besonders spannende Dinge zeigen. Ständig wird ein Telefon herumgereicht, die eine Schauspielerin spricht zu leise, die Musik legt sich oftmals ungewollt über die Sprechenden, die – eben weil sie zu leise sprechen – sich nicht dagegen wehren können. Währenddessen: reger Betrieb am Tisch. Da passiert so allerlei, da werden Brote geschmiert und irgendwelche Sachen gegessen, die Figuren werden zu Privatpersonen, was sicher gewollt gewesen sein könnte, aber selbst so etwas kann man geschickt lösen, ohne abzulenken. So war es viel zu groß, viel zu riesig, insgesamt null Sinn für Feinfühligkeit, grob wie ein Streuselkuchen.

Dabei fängt das alles nicht einmal so schlecht an. Das Stück ist in den ersten fünf Minuten, wenn die Figuren präsentiert werden, sogar recht witzig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen interessant aus, einige haben sogar einen Ausdruck im Gesicht, wirken eigen, zwei von ihnen schaffen es durch das Stück hinweg, wenigstens ein klein wenig die Katastrophe zu tragen, aber auch sie scheitern, weil es bei einem Ensemble-Stück gar nicht anders gehen kann. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen und „Let it be“ singen, geht alles im Eiltempo den Bach runter. Die Spielerinnen und Spieler geben einfach auf. Schluss. Aus.

Unterirdisch: Die emotionalen Szenen, die in ihrer Inszenierung so eintönig sind wie das Piepen im Krankenhaus, wenn jemand dahinscheidet. Da kommt eine verzweifelte Dame an die Grenze, will hinüber, darf aber nicht, sie dreht sich Richtung Publikum, schaut gen Himmel, Video im Hintergrund, jemand möchte von der Mauer springen, cut. What the fuck? Ein Pärchen will über die Grenze hinweg. Die beiden haben jedoch null Chemie, spielen, als wären sie gerade zwangsverheiratet worden. Sie machen eine kleine Odyssee durch und kriechen über und unter einen Tisch, um das darzustellen. Ein typischer Fall von „Wir hatten eine konzeptuell gute Idee und konnten einfach nicht davon lassen“ – wie ein Autor, der überflüssige Sätze nicht streichen kann, weil er so sehr in sie verliebt ist. Die Idee mit dem Tisch ist eine an sich ja recht witzige, aber die Situation wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man aus ganz anderen Gründen schockiert ist. Die Szene wird dem Inhalt absolut nicht gerecht, ist fast schon beleidigend in ihrer – schon wieder! – Naivität.

Es ist schlicht und ergreifend ärgerlich. Denn wenn nicht einmal Jugendliche es schaffen, das Ost-West-Thema neu anzupacken, für frischen Wind zu sorgen, das dokumentierte Material für ein spannendes Stück interessant zu verwerten – wer zum Teufel dann?

Die FZ_#07 ist da!

Meine Herren, jetzt aber schnell! Die FZ macht in der neuesten Ausgabe eine kleine Zeitreise und erzählt von Außerirdischen und spacet generell total ab. Dazu: Kritiken zu Paulina sulla spaghetti, voll cool geschrieben und so. Angereichert wird das alles durch ein Essay zum chorischen Sprechen (und jetzt alle…), einer Foto-Story über gestrandete Aliens auf dem Festival-Gelände und dem neuen “Festival Zeitung Magazin”, wo Dr. Khesrau heiße Tipps für eine lustige Lagerfeuerrunde gibt. Die FZ #07 – Nur Liebe ist geiler.