Autor Khesrau Behroz

Testosteron: Chrissy

Also, bei mir war das so: Den ersten Sex, den hatte ich mit, nun, nee, das ist zu persönlich. Aber ich hatte auf jeden Fall mal meinen ersten Sex, auf einem Stuhl, war lustig – aber auch genauso schnell vorbei wie der scharfe Nachgeschmack von Wasabi. An Spermaflecken auf dem Laken kann ich mich nicht erinnern, ich habe aber auch immer gesabbert, kann sein, dass mir das entgangen ist. Meine erste Freundin hieß Marie und war süß. Ich mochte ihre Wangen, weil sie mich an Kaulquappen erinnerten. Das habe ich ihr dann auch erzählt – und sie hat mich verlassen. Seitdem habe ich nie wieder Tiervergleiche gesucht, die sind nämlich total destruktiv. Meine zweite Freundin hieß Julia, das war eine richtig reife Beziehung. Wir haben uns zum Kino verabredet und haben hinterher Nutella-Brote gegessen. Ich mochte es getoastet, sie aß immer trockenes Schwarzbrot. Naja, ist ja auch egal, wir haben uns immer total gerne angefasst. Andere Paare haben sich zum Spazierengehen oder ähnlich unproduktivem Quatsch verabredet. Wir trafen uns immer zum Anfassen. „Morgen wieder anfassen?”, hieß es dann. Ein Nicken, ein Grinsen, morgen wieder, dankeschön, bittesehr. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass mein bester Freund – Alex, wie ein Mädchen, das sind immer die geilsten – sie auch angefasst hat. Dann war es auch aus, nachdem wir ein echt total mega intimes Gespräch geführt haben. „Nochmal Anfassen zum Schluss?” „Nein!“ Mit Alex war es dann auch aus. Das Schwein. Ein letzter Versuch, seine Mutter rumzukriegen, scheiterte kläglich. Die hat sich aber auch angestellt. Das mit dem Ficken, also das begann dann mit Chrissy. Chrissy, die Süße. Chrissy, die rülpsen konnte wie Alex (das Schwein!). Chrissy, die rumblödeln konnte wie Timo. Chrissy, meine beste Freundin. Der erste Sex – auf meinem Drehstuhl. Wie schon gesagt: Nach einer halben Umdrehung war es schon wieder vorbei, aber – meine Herren – das waren die Sekunden, die die Welt bedeuteten.

Ich erzähle Dir das gerade, weil Du mir eben zufällig zuhörst.

Don’t cry for me, baby: Vom Fördern und Zerstören

Foto: Dave Grossmann

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Aber fangen wir von vorne an:

Was für eine Energie, was für eine Kraft. Ein Ensemble, wie füreinander geschaffen. Man spürt den inneren Zusammenhalt, spürt das an der Spielfreude und an der Ausstrahlung. Ein Fest der guten Laune, so scheint es, wird präsentiert. Das Publikum tost, es entsteht ein Zyklus: Die Darsteller_innen drehen – motiviert von den Reaktionen und vom wiederholten Szenenapplaus – nochmal ordentlich auf. Es wird lauter und immer lauter, die Bilder spitzen sich zu, es knallen Schüsse, es knallen Türen, die Momente werden immer größer und dramatischer: Liebende, die von einer Nebelwand verschlungen werden, der Tod vor roter Leinwand, Neon-Röhren und Lichterketten, alles endet – alles vergeht! – in einem Lichterbrei zum Schluss. Achduscheiße. Sagen wir es doch wie es gewesen ist: Chemnitz hat ordentlich auf die Kacke gehauen. Gerockt.

So. Und jetzt reden wir Klartext.

Brüllen, kotzen, schreien, kreischen, Chart-Hits rauf- und runterspielen, mit Bier spucken und in die Gegend rotzen – das, liebe Freunde, ist nicht “rhetorische Sprachkunst Shakespeares ins Heute” übersetzen, das ist nicht “Figuren der momentanen Jugendkultur” anpassen, schon gar nicht ist das modern, aktuell oder sonst was. Das – zugegeben, pardon, an dem Abend doch recht dämlich reagierende – Publikum mit homophobem Unsinn zu füttern, ist infantil gewesen und unnötig, zumal es auch noch belohnt wurde. “Der ist doch schwul!” Haha, zack, Szenenapplaus.

Was passiert, wenn das Publikum glaubt, auf einem Lady-Gaga-Konzert gelandet zu sein, wo man einfach die verstrahltesten Ideen genommen und auf eine Bühne gepackt hat? Dann geht eine der besten Szenen aus dem gesamten Stück unter in dümmliches Gelächter: Paris (im übrigen ganz großartig gespielt von Niklas Wetzel), wie er da steht und Julia anstarrt, er sagt kein Wort, wirft einfach nur mit seinen Pralinen auf sie, zuerst Stück für Stück, dann die gesamte Packung, läuft wutentbrannt davon. Das alles wird nicht von irgendwelchem Gebrüll untermalt oder Disco-Songs, es ist ein – eigentlich! – wunderschöner Augenblick in seiner tiefen Traurigkeit und Fatalität. Er verpufft leider, vergeht.

Es wäre nicht fair, das alles nur dem Publikum zuzuschreiben. Die Chemnitzer haben einen krachenden Ton angeschlagen, von Anfang an, haben sich mit ihrer Energie, mit ihren teilweise wirklich guten Ideen selbst ausmanövriert. Da bringt auch die größte Nebelmaschine nichts, da bringt auch Radiohead nichts, da bringt auch ein blutroter Vorhang nichts. Da singt Julia ein Lied, ganz still und leise und trotzdem so unglaublich zornig – aber wir müssen ja Deutsch mit Untertitel haben: Julia eskaliert, hüpft auf und ab, wieder dieses Breiige, jaja, wir haben’s verstanden, entspannt dich mal. Ziemlich verhauen wurde leider Julias Sterbeszene. Eine Pistole, ein Kopfschuss – are you fucking kidding me?

Es wurde nicht wirklich deutlich: Soll das alles Ironie sein? Bin ich zu empfindlich, wenn ich Homophobie wittere, diese aber nötig ist in der kaputten Familienwelt der Montagues? Aber warum dann dieser offensichtliche Versuch, am Ende noch eine Ernsthaftigkeit zu vermitteln? Warum dann nicht konsequent durchrocken? Romeo und Julia lernen sich in einer absurden Situation kennen, eine, die man nicht wirklich ernst nehmen sollte, weil sie nunmal eine Verballhornung gewesen ist. Aber sie sterben auf eine ultradramatische Art und Weise, mit Blut und Platzpatrone. Das passt nicht zusammen, der Übergang, bzw. der Prozess der Zuspitzung, der hat nicht funktioniert, das Publikum hat es offenbar nicht verstanden – und dann passiert es, dass gelacht wird, wenn Paris Pralinen auf Julia wirft.

Ich bin wütend gewesen, als ich den Saal verlassen habe. Wütend erstmal darauf, dass es viele wunderbare Ideen und Szenen gegeben hat (bravo, das sei angebracht: die Dame, die Lorenzo gespielt hat, Undine Unger), die jedoch ihre Wirkung nicht voll entfalten konnten, weil irgendwie alles Rock, Punk und Pop sein musste. Wütend auf das Publikum, das oftmals völlig unangebracht applaudierte. Wütend aber auch auf die Chemnitzer, die das Publikum immerhin bedienten. Zuletzt bin ich wütend darauf, weil ich wütend bin: Die KarateMilchTiger sind eine schon ziemlich coole Truppe, ein Ensemble, das zusammengehört und unbedingt weitermachen sollte. Weg mit dem Ballast und dem Druck des Großen und Lauten, mehr Mut für die leisen Momente, mehr Bewusstsein darüber, was eine Szene überhaupt auslöst beim Publikum. Was sie fördert, was sie aber auch zerstört.

Interview mit ttj-Chefin Christina Schulz

ttj-Chefin Christina Schulz erzählt der FZ ganz viele tolle Sachen. Zum Beispiel dies und dann das. Geht richtig ab. Lese…ähm…Anguckbefehl!

Liberation is a journey: Porentiefe HD-Videos

Foto: Dave Grossmann

Zuerst ist das Geräusch. Seltsam sphärische Töne, klingen ein bisschen wie Moby, Texte werden nicht gesungen. Es wird gestampft, die Stimmen fügen sich zu einem Klangteppich, als würde man ihn ausrollen, um darauf Geschichten zu erzählen. Bedrückende Geschichten, solche, die das Schweigen fordern, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es sind porentiefe HD-Videos, mit denen Jugendliche unterschiedlichster Herkunft ruhig und aufmerksam porträtiert werden.

Interessant daran ist vor allem der Aufbau: Auf der Bühne gibt es keine Schauspieler, nur Musiker. Sie bewegen sich hinter einer durchsichtigen Leinwand, auf der vorproduzierte Videos gezeigt werden, Kurzfilme gewissermaßen, manchmal auch der eine oder andere Stop-Motion-Animationsfilm. Film und so genannte “Vocal-Band” wechseln sich ab, gehen manchmal auch ineinander über. Ab und an gibt es schön anzusehende Schatteneffekte, wenn hinter der Leinwand plötzlich die Taschenlampen gezückt und die Gegenstände angestrahlt werden, die von der Decke hängen.

Doch der Fokus liegt eindeutig auf dem Film. Der Aufbau ist dabei bei jedem Einspieler der Gleiche: Erst ist es sehr ruhig, dann wird es auch nicht viel lauter. Die Kamera nimmt sich Zeit, es gibt viele Pausen, die bei den ersten zwei Filmen noch okay sind, dann aber ermüdend werden und wie “Denkpausen” wirken. Warum sollte ich Menschen dabei zuschauen wollen, wie sie Löcher in die Luft starren? Dann doch lieber ihren Geschichten lauschen, von Flucht und Vertreibung, von Männlichkeit und Stolz, von einem Dorf, in das Rebellen einfallen und Menschen töten, ganz persönliche Geschichten irgendwie, die nüchtern, aber dadurch nicht weniger erschreckend und berührend gesprochen werden. Und das trotz der Tatsache, dass ich mich persönlich durch das mediale Mitleids-Overkill, das uns schon im Alltag umgibt, oftmals seltsam unberührt fühlte.

Etwas irritierend: Ab und an erscheint eine Pistole, wie aus dem Nichts – ein ziemlich seltsames Leitmotiv, das sich durch den ganzen Film zieht. Unnötig.

Und da wären wir schon beim Hauptproblem: Mir hat sich der Sinn der Bühne nicht ganz erschlossen. Dabei meine ich nicht die Frage danach, was Theater darf und ob das überhaupt Theater gewesen ist. Schon eher: Hätte der Film allein nicht ausgereicht? Was haben mir diese manchmal schönen, manchmal irgendwie meditativen Vocal-Einlagen gesagt? Und: Hätte man das alles nicht um eine gute halbe Stunde kürzen können?

Es war kein runder Abend, beileibe nicht. Ein nachdenklicher Abend mit vielen Denkanstößen – das war es allerdings. Und die neue Moby-Platte, ganz nebenbei, ist ziemlich großartig.

Theater ist eine Pflaume

Foto: Dave Grossmann

Ein paar warme Festivalgedanken direkt vom Lagerfeuer

Es scheint so etwas wie eine urmenschliche Reflexhandlung zu sein, am Lagerfeuer die Gitarre zu zücken und sich in Romantik und deutsch- und englischsprachiger Gesangs- und Schreibkunst zu verlieren, die oftmals als Antworten auf den Vietnamkrieg entstanden sind oder irgendeiner anderen ähnlich schlimmen Sache, zum Beispiel Trennung. Dagegen sei an dieser Stelle nichts einzuwenden, man kann die positiven Auswirkungen davon schließlich jeden Abend beim Theatertreffen der Jugend sehen, im Garten der Berliner Festspiele, wenn alle müde sind vom Tag, von den Workshops, von Bühne, Bühne, Bühne.

Dann singen junge Menschen den Alten nach, dann kommen die Singer-Songwriter aus ihren Schubladen heraus, werden entstaubt und beweisen ihre Zeitlosigkeit jenseits kruder Ü40-Partys – dann steht das Zusammensein (und das Zusammen-Trinken) an oberster Stelle, unabhängig davon, was die Songs denn eigentlich bedeuten, unabhängig davon, wer die Gesprächspartner denn eigentlich sind, woher sie kommen. Da liegt der eine der anderen im Arm, später liegt er wieder einer anderen im Arm, weil die andere keinen Bock hatte, viel später berühren seine Lippen die Lippen einer ganz anderen – oder auch überhaupt keine Lippen; die Romantik, sie ist nicht immer ein Magnet.

Es hat sich viel verändert beim ttj. Letztes Jahr noch in der WABE, dieses Jahr endlich zu Hause, im Haus der Berliner Festspiele. Die Veränderungen sind spürbar, auch in der Atmosphäre. Der große Garten mit dem Lagerfeuer in der Mitte, die gemütlichen Hollywood-Schaukeln, dazu: viel Biergartengarnitur, ein kleines Zelt, Sitzsäcke en masse, Sonnenstrahlen. Es ist gemütlich geworden, fast möchte man sich nicht mehr wegbewegen, das gute Wetter ist dem Tatendrang auch nicht wirklich förderlich.

Aber es passiert, was passieren muss: Um ein Festival zu sein, muss schon eine Art Ferienlageratmosphäre herrschen, man muss sich verstehen, keine Scheu voreinander haben, gemeinsam musizieren, gemeinsam tanzen, quatschen über dies, quatschen über das, zwischendurch vielleicht auch genervt die Blicke abwenden, sorry, mit dir möchte ich gerade nicht sprechen – das gehört alles dazu.

Dabei spielt das Theater irgendwann keine allzu große Rolle mehr. Nur die hartnäckigsten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen abends noch über die Stücke, darüber, was sie gesehen und wie sie das Gesehene verarbeitet und eingeordnet haben. Je später die Nacht, desto alltäglicherwird der Austausch. Man gewöhnt sich aneinander, an die gegenseitige Präsenz: Theater ist das Bindeglied, Theater ist, ja, Kai Pflaume.

Und damit wird ein Versprechen eingehalten, das gegeben wird, wenn die Gruppen nach Berlin geladen werden: Sie dürfen ihr Stück nicht nur aufführen, sondern in erster Linie auch Begegnungen erleben mit anderen jungen Theatermacherinnen und Theatermachern. Menschen, die mit einer ähnlichen Begeisterung die Bühnen bespielen. Am Lagerfeuer weiß am letzten Tag jede Person, wie es gewesen ist auf der großen Bühne, wie die Erleichterung hinterher gewesen ist und wie seltsam schnell der Alkohol doch in den Körper ging – und wie er bei einigen Darstellerinnen und Darstellern das Gefühl vermittelt hat, wie es ist, von der Senkrechten in die Horizontale zu fallen, direkt auf einen der unzähligen Sitzsäcke, weil man dann doch zu viel getrunken hat: “Er hat nur zwei Glas Wein gehabt.” Oder zum ersten Mal getrunken.

Wenn der Vorhang fällt, hört Theater nicht auf. Wenn der Vorhang fällt, fängt es so richtig an.

Ausarten: Whatever

Foto: Dave Grossmann

Und dann ist es soweit: Das Marimbaphon klimpert seit gefühlten Stunden vor sich hin, im Hintergrund laufen irgendwelche Trümmer-Bilder vorbei, die Klarinette tönt Bedrückendes. Als die Szene endlich vorbei ist, kommen die großen Fragen: Ob das nun Kunst sei. Und dann der Todesstoß aller Fragen: “WAS ist Kunst?” Ich schalte ab, steige aus – seltsame Unberührtheit ist es, die mich überfällt, aus dem Innersten meines prachtvollen Körpers, durch alle Organe einmal durch, ellenbogendrängend nach oben, aus dem Mund, da kommt es aus mir heraus, dieses eine Wort: Whatever.

Es ist kein: Schrecklich, schrecklich, warum wird so etwas aufgeführt? Ich verlasse den Theatersaal und habe keine Denkanstöße und Ideen mitgenommen, über die ich mich mit anderen Festival-Teilnehmern unterhalten könnte. Die Redekreise im Garten bilden sich, das Bier in der Hand, und es passiert etwas Seltsames: Ich spreche darüber, dass ich nicht über „Ausarten“ sprechen kann.

Und das ist nicht einmal der Produktion an sich geschuldet. Das Stück nutzte die große Bühne sehr gut aus, es war viel Körperlichkeit im Spiel, auch wenn nicht immer so präzise, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte, es gab sogar eine direkte Interaktion mit dem Publikum, ganz am Anfang, die nicht zu aufgesetzt wirkte, der eine oder andere Gag saß: Meine Sitznachbarin ist vor Lachen vom Stuhl gefallen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielten oftmals mit der notwendigen Ausdruckskraft, auch an den Instrumenten, auch wenn hier und da ein wenig mehr Körperspannung sicherlich nicht geschadet hätte.

“Ausarten. Um uns und um die Kunst!” ist, so will ich das jetzt einfach mal nennen, Zielgruppentheater gewesen. Es wurden Fragestellungen aufgeworfen, die zwar mich zutiefst peripher tangierten, von vielen anderen Zuschauerinnen und Zuschauern allerdings sehr positiv aufgenommen worden sind – siehe dazu auch unsere “Stimmen zum Stück”. Es fällt schwer, diese sympathische Gruppe dafür zu verurteilen, dass ich keinen Einstieg gefunden habe – ich scheine nämlich gar nicht angesprochen worden zu sein. Es ist so, als würde dir von links jemand auf die rechte Schulter klopfen – man dreht sich in die völlig falsche Richtung, sucht fragend nach der Ursache, wendet sich dann aber wieder seinem eigenen Kram zu.