Autor Jan Oberlaender

Heftige Zustände: Die FZ-Autorennacht

Alle, alle, allealle waren gekommen. Vor der Bühne im Oberen Foyer drängten sich die Leiber auf den lila Liegesäcken, die Stuhlreihen dahinter vollbesetzt, die Atmosphäre dingste vor Literaturbegeisterung. Weil:

Es mal wieder so weit war. „Ficken im Himmel“! FZ-Autoren machen Liebe mit DEINEM Kopf bzw. lesen Texte vor! Dazu Moderation und Musik, eine knackige Stunde lang, ein schöner Tagesabschluss und Nachtöffner, ein Partyhupferl, eine Bonbontüte voller Ideen und Sound.

Und los. Moderatorin (und tja-Autorin und FZ-Veteran- bzw. -inärin) Laura Naumann kommt auf einem weißen Pferd herangeritten, entbietet den Tagesgruß und erklärt die Regeln: Drei LeserInnenblöcke, Applaus nur für die Vorlesenden, es ist schließlich ihr Abend (okay, da war natürlich noch das FFT, aber die haben heute ihre eigenen FZ-Seiten).

Aber – was ist das! tjm-Alumni David Erekul springt mit Luftrolle ans Keyboard, zaubert kurze, ironische Intermezzi, Jazz und Lied, Klimpern und Schwelgen, schmunzelnd und dringlich, ein schöner Soundtrack, der den himmlischen Fickfilm nicht unterbricht, sondern sanft vorantreibt.

Dann Khesrau Behroz am Plexipult (an dem, lange Klammer jetzt, neulich beim Theatertreffen mal der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch stand und über die Lust am Spielen sprach – und dabei, ohne das Pult zu berühren, so energisch war und begeistert, dass das Wasserglas, das auf dem Pult stand, überschwappte, immer wieder schwappte, und das Wasser in Bächen das Plexiglas hinunterlief, ein Wasserkraftwerk, ein kreativer Überlauf, Ideenflut, solche Bilder, naja, sah jedenfalls cool aus). Jetzt also Khesrau, Poetry-Slam-erfahren, ein Rhetoriker, stimmgewaltig, laut, mal Clown, mal Prediger, er liest von unvermeidlichen Erektionen und – viel ernster – von einer Steinigung, der Frau unter dem Schleier, ein wuchtiger, dabei aber irriterend wortspielerischer Text, der sich so jedem Pathos entzieht.

Viel ruhiger dann Tabea Venrath, eine Geschichte über Cane, den Tischlauscher, den Asphaltlauscher, der der Erzählerinnenmutter „Versatzstücke Prosa ins Ohr träufelt“, diese lädt ihn im Gegenzug „mit Bedeutung voll“. Infiltration, liest Tabea, Implosion. Und peng.

Lena Stange! Mit einem ruhigen, aber beunruhigenden Text über irgendeinen Unfall, der irgendjemandem (einem Knaben vielleicht? Mit einem Traktor?) passiert ist, und dem Tag, den die Familie des Verletzten trotzdem auf dem Markt, im Supermarkt und im Baumarkt verbringt, mit Pflanzen und Jäten, am „vielleicht ersten wirklich warmen Tag“ des Jahres. Im Hintergrund des sonnigen Balkoniens steht immer diese Krankenhaussache, etwas „an dem man stirbt“, bei dem höchstens ein guter Operateur noch Wunder wirken kann, aber Wunder gibt es selten, schon gar nicht am Wochenende, wie wahr.

Intermezzo, dann Micha Huff, mit Schiebermütze gegen die Scheinwerferreflexion auf der Brille, und mit etwas Unvollendetem, nachdem „bisher keiner gefragt“ habe, aber hey. Von den Schwierigkeiten, sich einen anderen Menschen vorzustellen, bleibt man gedanklich doch immer im eigenen Kopf. Bob Dylan singt: „My brain is bleeding“. Später aber: Eine tolle Geschäftsidee: akkubetriebene Tischlampen für Kuschelstimmung in Restaurant und Privatwohnung! Ein Limerick, allerdings in Paarreim-Form. Und, urst leckerst, das Essen von gefrorenen Himbeeren mit dem schönen Satz: „I like you, stranger!“

Dann ein Höhepunkt des Abends: Sebastian Meineck mit seiner Tanzschul-Meditation „Um dich herum fangen sie an zu tanzen“. Der, wie heißt das, Du-Erzähler? steht am Rand und sieht die Paare wirbeln, „Surf Cool“ steht auf seinem T-Shirt, aber seine Gedanken drehen sich im Kreis, die Mädchen, das eigene Spiegelbild, Hand in Hand, Bauch an Bauch, eine wunderbare Pubertätsgeschichte zugleich mit großem Witz und tiefer Ernsthaftigkeit, genau so auch vorgelesen, grandios trocken, die perfekte Zuhörstimme, da traut sich kein Handy zu klingeln. „Eine Rumba!“ Toll.

Sehr schön danach: Eva Kissel. Tritt ans Pult, guckt durch seeehr große Brillengläser, sagt: „Gedichte“. Kleine Texte, von Oma und Opa, von Katzen und Milch, vom verlorenen Hof, vom Sterben und vom Gefühl, dass ein Pilz in der Hand macht. Still, zart, ein bisschen traurig, ein bisschen schwebend, poetische Erinnerungen an früher und davor: „Der Mantel, der […] nach Krieg riecht“.

Wieder David Erekul, danach David Holdowanski. Absurder Typ, absurder Text, über Kramer, der in die Zelle geworfen wird, der seine Träume tauscht gegen das Recht auf „Koitus“, eine Welt zwischen Kafka und Keineahnung, jedenfalls mit mehr Drogen.

Gutes Apropos, schließlich geht es in Lydia Dimitrows Minidrama „Wir machen eine ganz große Party“ um eben das: Feierei. Sekt, Sekt, Sekt: Es ist Sylvester und alles wird neu, jedenfalls bald, nach dem Feuerwerk. Einer geht nach Kanada, eine sucht die große Liebe, ein weiterer ist gar nicht begeistert davon, dass sie das tut – der Text wird szenisch gelesen, Lydia steht da mit Khesrau und Sebastian, Lena und David, und die Lesung gelingt, da stehen fünf Figuren, die auf der Schwelle stehen, kurz vor dem Absprung, die (schon wieder!) Bob Dylan hören und rumhängen. Noch.

Und dann? Dann wird nochmal gekeyboarded und abmoderiert, Ciao Kakao, Bis denne, Antenne, aber es geht ja weiter, wie es immer weiter geht, aber diesmal in toll, das Lagerfeuer funkt und raucht, die Festivalkids machen das gleiche, an der Bar ist Happy Hour und wir machen eine ganz große Party.

Wir sind in Beziehungen und es ist kompliziert

Die literarische “Nachtlektion” im Theater unterm Dach

Durch die beiden offenen Theateruntermdachfenster klingt Vogelgezwitscher nach drinnen, eine Baumkrone ist zu sehen, eine Plattenbaufassade, ein bisschen Abendhimmel. Auf der Bühne: ein Mikro, ein Stehpult. Und ein Klavier, an dem David Erekul sitzt, kurz innehält – und dann das Publikum mit genau gesetzten Tonsprüngen hoch zur Kunst holt. „Nachtlektion“ heißt die Veranstaltung, der traditionelle Literaturabend beim Theatertreffen der Jugend (ttj), bei dem aktuelle und ehemalige FZ-Redakteure, Preisträger des Treffens Junger Autoren (tja) und in diesem Jahr zum ersten Mal auch ttj-Workshopteilnehmer eigene Texte vorstellen.

Durch den Abend führt die Theaterautorin Laura Naumann, selbst tja- und FZ-Veteranin. Als erste stellt sie Annina Brell vor. Sie verknüpft in ihrem Prosatext „Milch und Fleisch“ zunächst sprachspielerisch die Namen berühmter Männer, lässt den Assoziationsstrom aber dann in eine Liebesgeschichte münden, die vom Geschmack gekühlter Milch und kratzenden Unrasiertheiten handelt.

David Holdowanski tritt mit offenem Hemd ans Pult, rote Prozentzeichen auf Brust und Bauch. Ein menschliches Sonderangebot. „Ich will, dass ihr mich kauft“, so beginnt David seine Künstlerklage, es ist eine witzige, wütende Tirade: „Ich bin ein brennendes Schaschlik auf dem Feuer der Verdammnis.“ Da leistet man sich doch gerne eine Portion!

Dann Kheshrau Behroz. Der knallt seine Textblätter auf den Klavierkasten und räumt sich erstmal die Bühne leer: Mikro – braucht er nicht. Pult – nö. Er nimmt sich seinen Raum: „Schweigt mit mir!“ Stille. Khesrau ist Poetry-Slammer, Rampensau, sein Text: eine rhythmische, reimgesättigte Rede, ein lauter, schneller Text über Gewalt, über einen Vater, der kommt und nimmt, über eine Mutter und ihr feiges Geigenspiel – und über ein machtloses Kind, dessen Herz schlägt: „Ta-tam, ta-tam, ta-tam.“ Die Vögel zwitschern nicht mehr.

Zeit für ein neues Impro-Intermezzo am Klavier, ein Atemholen, eine neue Ansage: Julia Berlitz, Leon Frisch, Jannik Hinsch und Moritz Rüge, Teilnehmer des lyrisch-dramatischen „WortSpiele“-Workshops treten nacheinander ans Mikro, lesen je ein Gedicht, je eine Variation eines größeren Themas, inspiriert von Zeilen aus den zum ttj eingeladenen Stücken. Es sind stimmungsvolle Texte, voll mit Tod und Schuld und Blut, poetische Zwischenrufe, ein bisschen wie die Klangschnipsel am Klavier.

Und weiter. Lisanne Wiegand liest ein literarisches „Komm-her-geh-weg-Spiel“ vor, wie Laura es nennt, eine Freundinnengeschichte über Neugierde und Schweigsamkeit, über Vertrauen und Distanz, über ein „Ich schlafe woanders“ und eine verschlossene Schublade und den Schlüssel dazu.

Was zwischendurch auffällt: Die Jugendlichen in den Erzähltexten an diesem Abend sind in Beziehungen und es ist kompliziert. Man kommt genauso wenig nah an sich selbst heran wie an andere. Zu viel los im Kopf. Oder im Leben.

Oder auch: im eigenen Körper. Die Figuren, die Lena Stange in ihrem Romanauszug vorstellt, leiden unter Langeweile und beängstigenden Ausschlägen, sie beschäftigen sich mit wenig mehr als sich selbst, das aber sehr genau: „Edelkastanienblütengeruch“ des Spermas? Check. Bei aller Lust am medizinischen Fachvokabular wollen die Kids aber eigentlich dann doch gar nicht so genau wissen, welche Krankheit sie eigentlich haben. Hauptsache, sie halten sich unter Beobachtung.

Die Fenster im Bühnenhintergrund werden geschlossen, es ist inzwischen dunkel draußen. Das Publikum spiegelt sich in den Scheiben, Robert Stripling tritt auf. Ein Performer, zurückhaltend, aber effektiv. Seine Prosa entzieht sich ständig, genau wie sein Vortrag, sein Gesichtsausdruck. Ausdrückliches, leeres Starren. Oder Grinsen. Diese trauriglustige Literatur will immer weiter weg – und bleibt gerade darum im Gefühl: „Au revoir, schönes Leben!“ Das ist pathetisch, ironisch, zerbrechlich, hinterhältig. Und absurd – wie der selbstgeschnitzte Kaktus aus Erlenholz, gespickt mit Zahnstocherstacheln, „für jeden Dorn benötigt es eine Bohrung“. Als Geschenk aus Liebe ist er gedacht. Und wird, vielleicht, zur grausamen Waffe.

Intermezzo! David spielt „Mein kleiner grüner Kaktus“, kongenial und wunderbar, bevor Olga Galicka einen Text über „Abschied und Dorfdisco“ vorliest, und da passt es dann wieder: ein Mädchen, der Typ an der Bar, sie trinkt was mit ihm, „eigentlich ist es ja auch egal“. Weil: Bald ist sie weg, irgendwo anders. Irgendwie leben. Was bleibt: Ein Aneinandervorbeifühlen, eine Unentschiedenheit, ein Immerweiter ohne klares Ziel: „Sie winkt zum Abschied.“ Man würde sich wundern, würde sie eine Postkarte schreiben. Höchstens eine Rundmail.

Auch die Protagonisten in Lydia Dimitrows szenischem Text wollen weg. Die beiden Mädchen wollen ans Meer. Oder an den See. Jetzt oder nachher. Der Junge will los und den Namen „Dorothea“ an Wände und Mülltonnen sprühen Es ist ein Sehnsuchtsslogan, ein Traum, der von der Realität eingeholt wird, wenn da auf einmal ein echter Mensch ist, der eben auch da ist: „Ich küss dich jetzt.“ – „Okay…“ Zusammen mit Hannes Wolf und Moderatorin Laura liest Lydia die Szene, und singt am Ende! „My heart is beating like a jungle drum“, geht es immer wieder, ein fröhlicher, optimistischer Abschluss des Abends, wiederum aufgenommen von David am Klavier, inklusive Getrommel auf dem Kasten. Applaus, Applaus. Laura kommt noch mal ans Mikro: „Fertig!“ Im Festivalzelt gibt es Freibier.

Die FZ_#01 ist da!


16 Seiten in sechs Stunden! Mit Räubern, Tigern und Fleischsalat. Lecker!

Der Text ist eine Party – Die FZ-Autorennacht

Die schwarze Bühnenrückwand des Theater unterm Dach hat ein Fenster. Das steht offen und lässt Luft rein und öffnet den Blick. Man sieht einen Baumwipfel, hört die Vögel. Zwitschern im Himmel, Autorennacht, sehr schön.

Ein Intro von Lydia Dimitrow schubst sanft in den Abend: „Wir sind die, die die Worte horten.“ Moderatorin Antje Rávic Strubel übernimmt, stellt sich als Texteinweiserin vor und sagt einen schönen Kunsttheoriesatz, der einfach mal zitiert gehört: „Es gibt kein echtes Leben. Nichts existiert ohne Form.“

So sieht das aus. Auch der Abend ist gestaltet: Drei Blöcke mit vier/drei/drei FZ-Autoren, zwischendurch Klavierintermezzi von dem in Jackett und karierter Bermudashort angetretenen Johannes “Molle“ Mollenkopf (der übrigens 2007 bei „Deutschland sucht den Superstar“ beim zweiten Recall war).

What a Party – FZ#6

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Der Junge im Vordergrund hat schon wieder Angst. Der Junge im Hintergrund steht dort zufällig herum, der Herr in der Bildmitte lacht gerade über seinen eigenen Witz. Die Dame im Vordergrund lacht auch, aber sehr tief in sich hinein. Nachher werden die Party-Tipps aus der FZ Nummer 6 ausprobiert, aber erst wird noch fertig getackert. Juhu!

Donnerwetter! FZ#5 ist da!

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Lena ist angekommen und die FZ Nummer fünnef ist da. Mit Mienen zum Spiel und Stimmen, zum Stück Familienkritiken und sehnsuchtsvollen Tagebucheinträgen. Außerdem: Warum das ttj krank macht, warum man auf der Bühne lieber eine Brille tragen sollte – und coole Knick-Knack-Tipps von Dr. Khesrau. Und Wolkenbruch und Lesenacht. Bald mehr!