Autor Hannes Wolf

Parese: Opham helialet.

Foto: Dave Großmann

Hamlet, der Lustlose. Hamlet, der Mann, der sich seiner eigenen Geschichte verweigert. Der sein Abenteuer nicht antritt, sondern hinter seinem Schreibtisch vegetiert und wartet, dass die Zeit vergeht. Ophelia initiiert seine Reise, sie stellt sich vor als die Nicht-Ertrunkene, als Nicht-Opfer. Heiner Müllers Hamletmaschine wird aktiviert und Ophelia ermächtigt sich ihrer Rolle, tritt auf die Bühne und erklärt, dass sie aufgehört hat, ihr Herz zu töten. Dann beginnt ein zähes ringen, um das Spiel ins Laufen zu bringen. In den folgenden Minuten geben die Kreschkinder (klingt besser als Kreschjugendliche) Shakespeares Hamlet eine neue Handschrift. Sie spielen sich mit ganzem Körpereinsatz, mit Tempo und Witz durch den dramatischen Stoff.

Beerdigung, Claudius Hochzeit mit Gertrud(e), Hamlets Mutter. Eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht, mit Stroboskopeinsatz verfremdet, erzeugt ästhetisches Wohlgefallen.

Ophelia zwingt Hamlet, seiner Identität und den damit verbundenen Aufgaben ins Auge zu sehen. Sie liebt, treibt, kämpft gegen den Phlegmatiker in Hamlet, motiviert ihn zu Taten, umwirbt ihn, legt ihren Kopf in seinen Schoß und tut dies alles, um ihm zu begegnen. Es ist der einzige Weg ihn dazu zu bringen, sie zu lieben.

Ob es Hoffnung gibt, liegt in diesen Momenten allein in der Hand der Spieler, denn wie Shakespeare die Geschichte erzählt, wissen wir.

Auf dem Weg ergreifen die Spieler verschiedene Theaterformen, ob der Wahnsinnstanz, das Possen(puppen)spiel auf der Dänischen Mauer, sie geben Hamlets Innerem eine deutliche Zeichensprache. Er verweigert sich, indem er einfach die Bühne verlässt.

Es gelingt den Spielern: Als Zuschauer bin ich im Fluss, im Flow, warte auf den Ausbruch, die Eskalation, die Entwicklung der Figuren. Dabei werden manche Möglichkeiten nur angedeutet. Es scheint, als ob in der Vielzahl ihrer Mittel auch die Schwäche verborgen ist, Dinge anzudeuten, aber nicht ganz auszuspielen.
So wird der blinde Hamlet, über Tische laufend, kurz danach wieder sehend und Ophelia in ihrem Rollensplitting wird nicht differenzierter, entwickelt sich kaum, bleibt einstimmig, in der Haltung vom Anfang und fügt sich dann einfach dem klassischen Shakespeare-Plot.

Die starke Bildsprache der Krefelder aber führt zu einem Theatererlebnis, das die Geschichte Dänemarks, ob als Familienspiel oder humorvolle, kreativ, ästhetische Erfahrung, neu belebt.
Am Ende ertränken Hamlets Wahnsinn und seine Schwüre sie. Ein starkes Bild, dessen sensibler Ton trifft und dem Zuschauer für kurze Zeit die Luft nimmt.

Paulina sulla spiaggia: Experiment mit mir

Foto: Jan Stroetmann

Gestern Abend: eine andere Form von Theater. Laut, schrill, trashig. Einzelne Elemente zerlegt, gepuzzelt, abstrahiert, damit experimentiert und gespielt. Experimentierfelder Sprache, Figuren, Ebenen.

Sprache schnell, rhythmisch, gereimt, präzise platziert, komplexe Konzepte humorvoll verpackt und diskursiert. Wirkte wie strukturierte Stereotype, die aktuelle Anliegen gekonnt gezeigt haben.

Politische, kritische, schnippische Auseinandersetzung, mit gezeigten gesellschaftlichen Gemeinheiten, Allgemeinheiten und den Mehrheiten von nationalen Minderheiten.

Die Figuren, persische Pudel, die Paulina poppten und italienische Intellektuelle interpretierten, welche bei Ernest Bush schauspielerisch studierten und probierten, am Strand struwweligen Postboten Bonbons zu verkaufen, sind irgendwie Nationen und machen rum.

Telefonterror tangierte Marion tendenziell, wobei Kommunikation konzeptionell konfliktartig funktionierte. 5000 Euro, mit dem man nicht einmal die italienische Familie finanzieren kann, oder kulturellen terroristischen Tourismus.

Bühne bot bleichen Bademänteln brachiale Banalität, wobei Bar Bar blieb. Requisiten eben nur 1 zu 1 statt multipel manifestiert, so der Raum, war bezugslos, irreal, nicht gezielt bespielt.

Eintägige einschlägige anstößige Anschläge, kulturell konserviert auf Pizza, Nutella und anderen Affären abendländischerer Abendländler.

Die Ebenen evaluierten erheblich, zwischen Raum, Raumimagination, wohingegen der politisch provozierte Aspekt auf abgestimmte Abenteuer wie Freiheit und Feinheiten innenpolitischer Anliegen anderer Anrainerstaaten konvergierte.

Danke dafür.

P.S.: Geschrieben auf nüchternen Brausemagen!

Zu schön für diese Welt: Spiegel, Spiegel

Die Energie bricht im Raum aus, bevor das Licht ausgeht und die letzten Sekunden des Stücks verklungen sind. Jubel! Applaus! Begeisterung!

Die Gruppe aus Baden-Baden erzeugt durch Humor und Tempo ein kurzweiliges Stück, das einlädt, eine Vielzahl von Schönheitskonzepten zu betrachten. Der Blick auf das Raum füllende, zweistöckige Bühnenbild zeigt 20 Räume mit 20 Klos, 20 Vorhängen, 20 isolierten Ideen und Ansätzen zu einem Thema: Schönheit. Der Zuschauer bekommt die Perspektive des Badezimmerspiegels.

Dieses Formexperiment lässt nicht zu, dass der Zuschauer alles erfasst. Es scheint nicht zu beabsichtigen, dass man einem Protagonisten durch das Stück folgt, stattdessen erlebt man einen bunten Querschnitt aus Chaos und Fokussierung durch Licht und Tempo. Das Auge weiß nie, wohin es sieht und so sieht man, wie im richtigen Leben, nur Fragmente von Persönlichkeiten.

Alle Themen, die ich auf der Bühne entdecke, sind fragmentarisch. Sei es die Beziehungsproblematik mit dem „perfekten“ Partner, die Suche nach Individualismus, nach Perfektion, die Frage nach geschlechtlicher Identität, Jugendträumen, oder gesellschaftlichem Druck, der sich in Disziplinwahn und Bulimie zeigt. Es ist eine Collage, die Schönheitsaspekte anspricht und pointiert.

Selbstironisch nehmen die Jugendlichen vom Jugendclub U22 Bezug zu ihrer eigenen Erfahrungswelt und einer medial überlieferten Scheinwelt. In zugespitzt witzigen Reimen, wohlklingenden Rhythmen, schnellen Monologen werden Absurdität und Skurrilität des Schönheitswahns deutlich. Es ist nicht mehr leicht, „ich“ zu sein, singen die Figuren und überlegen, dass sie lieber Brad Pitt wären. Verzerrte Selbstbilder werden gezeigt und bloßgestellt: die Haare millimetergenau gestriegelt, der Körper mit Vaseline eingeschmiert, der coolste Surfer der Welt und der verabredete Dreier am Telefon.

Ob hier das Publikum der Badezimmerspiegel ist, bleibt jedoch die Frage, denn ich entdecke in einigen Figuren auf der Bühne Menschen meiner Umwelt und in manchem überspitzten Gedanken auch mich selbst. Ob die Frage nach dem Outfit, der Figur oder nach alternativen Schönheitsidealen, hier zeigt sich eine Gedankenwelt, die vertraut und universell ist. So kann ich über mich selbst etwas lächeln. Hier spiegelt die Bühne das Publikum.

Sprache, Timing und Lichtkonzept funktionieren, erzeugen ein buntes Bild, wogegen Ende die 20 Spieler auf der Stelle laufend proklamieren:

alle machen mit…
folter dich gesund…
wir werden Bald 150 Jahre alt,
halt Schritt …
sieh es als Investition,
als Ersatz für Religion,
wenn es sein muss, mit Gewalt…

Und das Publikum jubelt, obwohl mir die bitter-böse Aussage kalt den Rücken hinab gleitet. Ich bin nicht euphorisiert, sondern überlege noch lange, wohin sie geht, die Schönheit.

Es gibt verschiedene Lesarten von Theater. Man kann den Abend als leicht und unterhaltsam genießen, denn es war unterhaltsames, buntes Theater. Oder man kann es als Auftakt nehmen, an dem Brocken zu knabbern, der uns vorgesetzt wurde, wenn auch in leisen Tönen.

An meinen Spiegel schreibe ich jetzt: „Das ist der Körper eines Menschen.“

Revolution Reloaded: KarateMilchTiger

Junge dynamische Menschen, die noch was vom Leben wollen. Auf berlinerisch: KarateMülschTiger. Warum dieser Name? „Der Name passt zu uns. Wenn man uns zusammen sieht, ergeben wir keinen Sinn“.

Sagen sie, aber diese bunte Gruppe ergibt natürlich Sinn. Sie sind individuelle Persönlichkeiten mit starken Zusammenhalt und besonderer Gruppendynamik. Unterschiedlich bunt, folgten sie der Ausschreibung zum Stück, weil sie „jung“ und „dynamisch“ sind und „noch was von Leben wollen“. Heute wollen sie: Theater spielen.

Durch Improvisationen haben sie sich genähert, die Rollen ergaben sich dann. Sie haben erlebt, wie bei lockeren, offenen Proben aus persönlichen Erfahrungen, Alltagssituationen und „altem“ Stoff (Schillers Räuber), etwas Besonderes entsteht. „Von Jugendlichen für Jugendliche“, bringen sie „alten Stoff neu“ auf die Bühne. Die Revolution, die heute noch möglich ist. Revolution Reloaded (neu geladen) heißt: heute noch gegen Grenzen, Regeln und Normen aufbegehren.

„Jeder kennt den Moment, wo man am liebsten aufstehen und rumschreien würde.“ Solche Momente und Emotionen auf die Bühne tragen, sich auseinandersetzen mit Erfahrungen, vom Persönlichen zum Allgemeinen, vom Alltag zur Gesellschaft, von Chemitz nach Berlin, von 1781 nach 2010, von Schauspielhaus Chemnitz zur Wabe.

Bühne frei, toi toi toi.