Autor Eva Kissel

Testosteron: Grüne Soße

Grüne Soße von meiner Oma mag ich gerne. Die auf der Bühne heute Abend weniger. Die Geschichte über Marina kam am Anfang durch choreografische Unterbrecher nicht in die Gänge, hörte aber umso schneller, nämlich mittendrin, auf. Ich habe oft lange gebraucht, um zu erkennen, was gerade dargestellt werden will: Die Stellungsfantasien erinnerten mich an das Würfelspiel „Schweinerei“. Die Spiegelszene war zu unpräzise, um gleich als solche erkannt zu werden. Die sexistischen Witze wurden nicht dadurch legitimiert, in einen Rahmen à la „Ich erzähle euch jetzt mal eine Geschichte“ gesetzt zu sein, da dieser Rahmen überflüssig war.

Ideenlosigkeit zeigte sich in der Länge der Szenen, sowie in ihrer Aufmachung: Unentschlossenheit dadurch darzustellen, dass man hin und her rennt, ist langweilig. Wirre Gedanken durch Gleichzeitig-ins-Mikrofon-Sprechen hörbar zu machen, auch. Eine grundlegende Unglaubwürdigkeit schlich sich ins Stück ein, die von kleinen Fehlern wie dem – so schien es mir – falschen Einsatz der Musikinstrumente, befördert wurde. Wieso spielen, dass man außer Atem ist, wenn man wirklich außer Atem ist? Wieso die Kamera? Wieso Menschenklumpen, viel zu lange Gesangseinlagen? Wieso nicht ins Individuelle gehen, anstatt überall- und immergesehene Bilder zu sammeln?

Don’t cry for me, baby: Drama, baby

Foto: Dave Grossmann

Meine Frage, als ich raus ging: Habt ihr den Film gesehen? „Romeo and Juliet“? Den mit Leonardo DiCaprio und Clare Danes, aus den 90ern?

Es war kein neues Stück, keine neue Idee. Auch im Film: Viel Action, viele Schüsse und neonleuchtende Kreuze. Ich wusste immer genau, wo ich mich im Film befinde. An sich ist das nichts Schlimmes. Man muss es nur sagen, damit es kein Copy and Paste wird, in dem man dann ein paar Sätze weglässt, oder ändert und so leichte, aber auffällige Abweichungen entstehen: Romeo trinkt beispielsweise nicht wie im Film, den Gifttrank, sondern wird im Handgemenge von Paris erschossen.

Ja, man darf schreien, man darf knutschen und rülpsen und Kunstblut benutzen, es kann dann Spaß machen zuzuschauen. Wenn aber nur geschrien wird, ist es schwierig. Oder nachdenklich. Das weiß ich nicht genau. Einerseits hatte ich das Gefühl: wie nervig! Andererseits hatte ich das Gefühl: krass, wie verzweifelt die Figuren sind. Julia singt erst ein melancholisches Lied, flippt dann aus, schreit, schreit, schreit.

Mir ist klar, dass es eine Karikatur war. Mir ist nicht klar: von wem. Das hätte ich gerne gewusst. Wen stellt die Gruppe überzogen dar? Oder machen sie es sich nur bequem, wenn sie so ein bisschen die Punk-Subkultur reinbringen, indem sie Netzstrumpfhosen tragen und Dosenbier trinken. Ich könnte nicht sagen, wer wer war. Natürlich, es gab den Romeo, der unerklärlicherweise ganz anders aussah als seine Freunde, der nur ein einziges Mal Einfluss auf die Technik hatte, indem er das Licht ausknipste. Es gab Julia und ihre Freundinnen, Schwestern? Waren es 3 oder 4?

Auch ich habe den Fuß zur Musik gewippt. Aber irgendwie, obwohl ich gar nicht wollte. Es ist nämlich ein bisschen gefährlich: irgendwann klatscht und lacht man über alles, auch über Schwulenwitze.

Liberation is a journey: Vorhang auf!

Foto: Dave Grossmann

Ich war gespannt: schon davor. Weil es doch fast unmöglich ist, die Schrecken des Krieges in die Zweidimensionalität der Medien zu packen. Weil so viele Bilder schon verbraucht, schon gesehen sind. Ich war gespannt: Als ich da saß vor halbtransparenter Leinwand, Schatten sah, hängende Dinge. Zum Rhythmus wippende Knie. Als ich die – nicht ganz treffsichere, aber das machte nichts – Stimmchoreografie hörte. Ich war gespannt, als der Film losging. Schöne Szenen, das Tuch zum Birnensammeln. Ich freute mich, so direkt dabei sein zu dürfen, als würde man hinter den Spielenden herlaufen, ohne etwas kommentieren oder eingreifen zu müssen.

Mein erstes Stirnrunzeln: bei der Szene mit dem auf dem Boden liegenden Mädchen, das sich an eine Reise in die Türkei erinnert. Eine glaubhafte, weil dokumentarisch erzählte Geschichte, auch hier: Ich hörte gerne zu, aber, ich wusste nicht, wer spricht. Wurden die Gedanken auf der Bühne ins Mikrofon gesagt von oder waren sie eine Tonbandaufnahme. Wieso darf ich das nicht wissen? Wieso zeigt ihr euch nicht? Dieses Problem setzte sich fort. Es kam die Szene mit den im Himmel ziehenden Wolken, dazu: Gesang, der zu Filmmusik wurde, weil man ihn nicht konkret zuordnen konnte. Irgendjemand sang da. Es entstand ein Ungleichgewicht, die Spieler ordneten sich dem Film unter.

Da springt einem die Frage nach der Definition von Theater praktisch an. Ich denke, es hätte keinen wesentlichen Unterschied gemacht, die Stimmen einzuspielen und den Bühnenraum wegzulassen. Ich konnte ihn überhaupt nicht erschließen, ich hatte keinen Zugang zu ihm und auch kein Bedürfnis auf Zugang. Dazu lag der Fokus zu sehr auf dem Film. Ich war immer wieder überrascht, wenn ich im wahrsten Sinne des Wortes durch den Film die Menschen auf der Bühne sehen konnte. Die aber nichts taten.

Der Film selbst war bewegend, wurde aber durch die viel zu lange Ausführung abgeschwächt. Man hätte viel kürzen können – die Szenen hätten an ihrer Stärke nichts verloren: Das Mädchen, das erzählt, wie es einen ganzen Tag lief, vielleicht mehr als einen ganzen Tag. Schnitt. Sie läuft auf Feldweg. Sie läuft und in ihrem Laufen wird immer die Erinnerung liegen, einmal länger gelaufen zu sein. Länger als einen ganzen Tag.

Mutter Kuhranch: Freies Feld

Ich bin da nicht mitgekommen. Ich wusste auch gar nicht, wohin ich mitkommen soll, ob überhaupt. Ich dachte so: „Verarschen die mich grad? Wissen die, dass ich denke „Verarschen die mich grad?“ – oder wollen sie gar nicht verarschen?“. Es ist unglaublich schwer zu beurteilen, was gewollt war und was nicht: Sollten die Slapsticks wirklich witzig sein, oder war das zweite Mal Hutstauben absichtlich unwitzig? Dass ich diese Intention nicht eindeutiger gespürt habe, finde ich problematisch.

Und wenn es gar nicht darum ging, irgendwas zu spüren? Wenn man wirklich vor dem Stück sitzen sollte und „hä“ fragen, richtig episches-Theater-mäßig? Dann fehlt trotzdem der Mehrwert. Ich habe ja nichts erkannt. Ich denke nicht: „Ach – so und so hätte es eigentlich ablaufen müssen“.

Die Idee, sich damit auseinanderzusetzen, wie episches Theater funktioniert, wie ich den Zuschauer immer wieder rausknallen kann, das ist toll. Also, wenn das das Ziel war, hats funktioniert.

Ausarten: Artig

Fangen wir noch einmal ganz von vorne an.

Vorne, das hätte in „Ausarten“ alles sein können, jede Szene die erste oder die letzte. Diese Beliebigkeit herrschte nicht nur zwi-schen den Szenen, sondern auch in ihnen: Mir wurde kein Raum geöffnet, in dem ich Figuren und Persönlichkeiten finden konnte, sondern einer, der – wie schon im Pro-grammheft angekündigt – Bestand aufnahm, sammelte.

Pro und Kontra, das Eltern-Lehrer-Fakten-Stimmengewirr in unseren Köpfen ist uns allen bekannt. Dass Tanz, Literatur, Musik usw. Antworten sind auf die Frage „Was ist Kunst?“, auch. Schön wurde es dann, wenn die verschiedenen Arten sich gegenseitig aufwerteten. Als alle spürten, dass die Atmo-sphäre der Fotos durch die Musik eine ganz andere ist.

Auch die Frage nach der Weltfremdheit des Dichters wurde interessant umgesetzt: Einer-seits die unbewegte Projektion, die rein ge-dankliche und deshalb schwarz-weiße Aus-einandersetzung mit etwas (der Nordsee). Andererseits die Möglichkeit, unsere Stim-men zu nutzen, sie darauf zu legen und dadurch „nur mit uns selbst“ eine Situation zu erzeugen, zu färben.

Überhaupt war da viel Wille zu Farbe, Bewe-gung, Wortspiel. Schade nur, dass die Vor-stellung der verschiedenen Stimmen und Kategorien Vorstellung blieb und mehr nicht wurde. Es wurde keine neue Antwort, kein Heraustreten, kein Ausarten.

The End: Bereit zum Abschied

Foto: Dave Grossman

Ein Essay zum Start

Alles hat ein Ende. Dann wird geweint und in Arme genommen und gemeinsam „warum nur“ gedacht und zum Schluss der Beziehung, der Abiturzeugnisver-leihung und der Beerdigung liest jemand Hes-ses Stufengedicht vor und allen wird klar, dass „das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein [muss] und [zum] Neubeginne“ und dass es da so einen Zauber gibt im An-fang, der uns irgendwie hilft zu leben. „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ heißt es am Ende und meist auch noch, dass Gott immer dabei ist. Man geht dann heim.

Aber hier hat alles, alles ein Ende, wir gehen nicht heim, wir hören nur auf und spüren den Anfang noch nicht. Sind in einem großen Ge-bäude mit schwarzem Teppichboden, in dem man sich leicht verläuft. Schilder zeigen, wo es zur Bühne geht, wo zum Foyer. Aber wie man Freunde findet und Spaß und Neues, das sagt uns kein Schild, wir finden es trotzdem. Wie wir weggefunden haben von Eltern, Zuhause und Schule. Hierher nach Berlin.

Hier liest keiner Hesse, keiner sagt „Wohlan denn, Herz“ oder ähnlich Aufmunterndes oder überhaupt irgendwas. Ganz stumm sind wir, sitzen so vor dem Abspann unseres bisherigen Lebens, haben noch die Maisspelzen zwischen den Zähnen vom Popcorn, aber die Tüte ist leer und das Licht wird nicht angehen. Da steht, wer mitgemacht, wer eine Rolle gespielt hat in unserem Leben, der Drehort, die Wid-mung.

Und wir versuchen, irgendwas zu fühlen und hören, eine große Orgel, die größte, an der ein Bach sitzt, es muss nicht mal Johann Sebasti-an sein, auch Philipp Emanuel geht oder ein anderer nicht an Kinderlähmung gestorbener Sohn, weil alle Bachs diesen erschütternden Orgelpunkt halten, den Ton, der das ganze Stück über klingt, tief und basal, zum Dran-festhalten. Weil die Bachs zum Schluss die Kadenz spielen und alles steht in Moll, das ganze Stück in Moll und traurig, aber – ha – der letzte Akkord, die Tonika in Dur. Die Erlö-sung. Und auf einmal ist das Moll überhaupt nicht mehr erinnerbar, auf einmal ist alles in Dur, immer gewesen.

So will man doch enden, wenn man will.

Wir wollen aber nicht, gar nicht. Wollen uns nicht immer anhören: „Schon zum 32. Mal: Das Theatertreffen der Jugend!“ Immer mehr Ge-burtstage hat man, aber immer weniger Ge-burts-Tage.

Wir wollen Regenwurm sein. Wenn uns das neugierige Kind mit den Fingern aus unserer Erde zieht, der dunklen, warmen, und uns auseinanderreißt, dann leben wir doppelt wei-ter, wir wachsen und regenerieren. Und das neugierige Kind fragt sich, wie das geht, und wo überhaupt das Gesicht ist. Der Teil, den es abgerissen hat, das ist früher, die Tage bis heute. Der neue Teil, das sind wir.