Autor David Holdowanski

Liberation is a journey: Und Gott schuf ein neues Theater_genre

Foto: Dave Grossmann

Man hörte Stimmen, die meinten, das Stück gestern Abend würde auch als Film funktionieren. Oder es sei doch kein Theater. Und was wäre die Verbindung zwischen Bühne und Film, wenn es unterschiedliche Schauspieler seien.

Das mag in bestimmter Hinsicht auch stimmen. Aber nicht bei „Liberation is a Journey“.
Denn das Stück zeigt, dass es eben auch Filme gibt, die nicht in das Format des Kinos passen. Vielleicht auch nicht ins Theater. Aber wohin dann? Ist nicht eben das Theater eines der ältesten „Medien“, die uns als Gesellschaft beeinflussen? Und es dann umzukehren und einen Film auf der Bühne abzuspielen, der nur ganz selten von musikalischen Intermezzi unterbrochen wird, die dann wirklich auf der Bühne spielen – das ist dann die wahre Huldigung einer Kunstform. Eine Auseinandersetzung mit der Form des Theaters, die von einem Tsunami überrollt wird: dem Film.

Der Film, der sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte und das Theater, das seit der Antike als das wirkliche Theater bezeichnet wird. Diese beiden Formen werden gegenübergestellt. Die jüngere Form, das Kind sozusagen, der Film, übernimmt die Kontrolle. Man könnte das als Metapher interpretieren. Der Schüler besiegt den Lehrer. Wir werden uns an diese Genrevermischung gewöhnen müssen. Und diese Genrevermischung ist das Faszinierendste, was in der heutigen Kunst passiert. Weil es zu einem Wandel kommt. Nicht nur in der Kunst, auch in der Gesellschaft. Die Gesellschaft versucht, sich neu zu erfinden und die Kunst spiegelt das wider.
Ich hoffe sehr, dass es nicht nur dabei bleibt, sondern dass neue Kunstformen daraus entstehen. Wie Ende des 19. Jahrhunderts der Film entstand und wie in der Antike das Theater entstand. So muss jetzt im 21. Jahrhundert die Kontinuität gewahrt bleiben.

Ferienlager: Schelle oder was

Im Programmheft steht, dass die Jugendlichen vom Regis-seur Lukas Langhoff interviewt wurden. Und das als Grundlage für die Proben genutzt wurde. Das hat man gemerkt. Man hat gemerkt, dass aus den Jugendlichen das Beste herausgezogen wurde. Und im gemeinsamen Spiel ergänzen sie sich noch weiter. Man könnte das mit einer Schulklasse vergleichen in der der Einzelne eine Frage nicht beantworten kann, doch gemeinsam findet man die Lösung. Genau wie im Stück.

„Ferienlager – Die 3. Generation“ hat als Gesamtes funkti-oniert. Es gab von nichts zu viel und auch von nichts zu wenig. Es hat alles gestimmt und ich freue mich, das gesehen haben zu dürfen. Deshalb finde ich auch, dass die Diskussion jetzt nicht in ein „Erzählen sie ihre eigenen Geschichten oder spielen sie nur?“ ausarten sollte. Denn heute Abend wird ausgeartet und gestern wurde nur ein wenig vergewaltigt. Eine positive Schelle für das Publikum.

Clash: Come as you are? Come as you were? Come as a monkey?

Foto: Dave Grossmann

„So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.“

(Erich Kästner, „Entwicklung der Menschheit“)

Danke, Thilo Sarrazin. Du hast es in ein Ju-gendtheaterstück geschafft. Respekt.
Ist es heute wirklich so einfach? Einfach ein Buch schreiben, das eine Debatte auslöst und schon verkauft man Millionen von Büchern. Und das Rezept? Etwas Migration, etwas Hartz IV und eine Prise Islam. Wirklich einfach, Aufmerksamkeit und Geld zu bekommen. Wa-rum machen wir das nicht alle?
Weil dann die Theatergruppen nicht mehr nachkommen würden mit dem Produzieren von Stücken die wenigstens ein wenig aktuell sind. Wann war Sarrazin, letztes Jahr, vorletz-tes? Seitdem Fukushima, Bin Laden und die Grünen. Es ist einfach viel zu viel auf einmal, man kann kaum mehr einen Schwerpunkt le-gen. Weil es keine Schwerpunkte mehr gibt.
Deshalb dauert diese Migrationsdebatte auch schon seit Jahren, weil wir uns nie wirklich die Zeit genommen haben, uns als Gesellschaft einen Standpunkt zu bilden. Sondern: Ja, ei-gentlich ist das voll doof was der Thilo redet aber irgendwie hat er auch Recht und die Tür-ken die sind doch gar nicht so schlimm, es gibt auch schlimme Deutsche bla bla bla.
„Clash“ dagegen hat alles in sein Stück rein-gepackt. Wie die Zeit auch alles in unser Le-ben reinpackt.
Das Stück war eine Art Gehirnmigrationsorgie mit Drehbühne. Fast alle Register wurden ge-zogen. Und doch merkte man an einigen Stel-len: Ich kenne das schon. Das gab es schon. Schon wieder? Schon wieder die Kopftuchdis-kussion. Schon wieder ein Rap. Schon wieder U-Bahn-Haltestellen.
Aber genau mit diesem „Schon wieder“ arbeitet das Stück. Schon wieder, schon wieder, schon wieder, bis wir endlich (vor allem die jungen Leute) unsere Ärsche bewegen und sagen: Lasst uns in Ruhe mit euren nicht verarbeite-ten Migrationsproblemen! Wir haben diese Probleme nicht mehr. Wir fühlen uns wohl. Wir leben in einer Gemeinschaft und es ist voll-kommen egal, in welchem Land und auf wel-chem Kontinent. Weil wir keine Affen sind. Nein, ganz bestimmt nicht. Wir sind Menschen, die jemanden wie Thilo Sarrazin hervorge-bracht haben, aber die das auch gut verarbei-ten können. Aber gut bedeutet auch anständig. Und gut bedeutet, auch einmal wie ein Affe denken zu können.

Müssen nur wollen: Stofftiermassaker

In Düsseldorf mögen sie den großen Un-terbachersee, wo man Tretboot fahren kann und der in — Unterbach — liegt.

Auf dem Festival sei das Essen gut, die Stimmung sei sehr sympathisch und es gebe keine Langeweile. Die Workshops seien super und die Umgebung sei wun-derschön.

Außerdem seien sie sehr glücklich über die Möglichkeit sich mit anderen jugendlichen Spielerinnen und Spielern austauschen zu können und ihre Stücke zu sehen.

Als die Spielleiterin erfuhr, dass ihre Grup-pe zum ttj ausgewählt ist, glaubte sie zu allererst gar nicht daran, doch als sie die Situation begriff, sprang sie zum Telefon und rief alle ihre Spieler nacheinander an, um ihnen die frohe Botschaft zu verkündi-gen. „Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin“, riefen sie bei der Probe.

Die zwei Jungs, die mit den acht Mädels spielen behaupten, sie seien durch die Hölle gegangen während der Stückentwick-lung. Doch das stellt sich als Scherz her-aus.

Man merkt der Gruppe sofort an, dass sie wunderbar zusammen passen und es kei-ne Schwierigkeiten gibt bzw. gab.

Die Spielleiterin sagt, was in Düsseldorf passiert, bleibt in Düsseldorf. Doch kleine Details einer gescheiterten Probe haben sie mir verraten:

Es war die erste Probe nach der Wieder-aufnahme des Stückes. In dieser funktio-nierte das Licht und der Ton nicht, die Spieler waren schlecht gelaunt und die Spielleitung im Studienstress. Für das ein-stündige Stück hätten sie drei Stunden gebraucht an diesem Tag. Manche Spieler hatten „komplette Aussetzer“, deshalb sprechen sie auch vom Stofftiermas-saker. Bei einer anderen Probe gab es nur Blut, Tränen und Schweinegrippe, doch die Aufführung war krank geil.
Noch einige Beschreibungssätze für das Stück:

Eine vielleicht etwas schockierende Kritik an den Erziehungsmethoden von heute und gestern.

Extremität der Erziehung in 60 Minuten.

Kranke Scheiße von kranken Kindern.

Revolution Reloaded: Generation Revolution

Ich möchte zu diesem Stück keine Kritik verfassen. Nicht sagen, es war so und so und das war so und so oder so ne scheiße.

Ich möchte darüber nachdenken, wie jeder andere auch, der das Stück gesehen hat. Und meine Gedanken mit anderen Festivalteilnehmern teilen.

Etwas umdrehen. Revolution bedeutet: etwas umdrehen, verändern, gewaltsamer politischer Umsturz. Oder einfach nur revolution-one-solution wie es manche Linksradikale fordern.

Aber greifen wir nach diesem Wort nicht zu schnell? Revolution kann etwas Großes, aber auch etwas Kleines sein. Der erste Sex ist ein Beispiel für die erste kleine Revolution im Leben eines jungen Menschen. Die erste „Zigarette“ rauchen. Zum ersten Mal betrunken sein. Alles kleine Revolutionen.

Oder die großen, in der Schule gelernten aber nie erlebten. Die Französische Revolution, die Oktoberrevolution, die Kulturrevolution. Alles Revolutionen in riesigen Ausmaßen, ob guten oder schlechten, sei dahingestellt. Hatten wir nicht schon genug Revolution?

Heute spricht man schon bei einer kleinen 1.-Mai-Demo von Revolution. Ist der Begriff dafür nicht zu groß?

Waren die Räuber zur Zeit Schillers eine Revolution im Theater? Für damalige Verhältnisse eher eine Beleidigung des Adels. Man spricht im 21. Jahrhundert überall von Revolutionen, obwohl es keine gibt. Die digitale Revolution? Nein, einfach nur eine Weiterentwicklung aber keine Revolution.

Revolution muss von einer ganzen Generation gelebt werden.

Aber was war es gestern auf der Bühne, wenn es keine Revolution war?

Es war auf jeden Fall eine dieser kleinen Revolutionen für jeden Einzelnen aus der Gruppe. Als Preisträger nach Berlin zu fahren und in einem Stück mitspielen, vor einem Publikum, das genauso das Theater liebt wie man selbst.

Und jeder dieser jungen Menschen trägt eine Wut in sich. Jeder Mensch trägt eine Wut in sich. Diese Wut ist gestern von elf Schauspielern zusammengeballt auf einer kleinen Bühne in einer nicht zu großen Wabe zu spüren gewesen.

Es ist die Wut von Schiller, von Karl Moor und einer Gruppe Jugendlicher. Eine Wut, die zwei Generationen, drei Jahrhunderte von einander getrennt, auf der Theaterbühne wieder zusammen führt und am Ende abgefackelt wird.

Ich glaube, es war ein Stück, das dem Publikum zeigen wollte: „Hey Leute, wir sind da und wir haben was zu sagen – Tod oder Freiheit!“ Und dies war kein auswendig gelernter Text. Die Schauspieler des Stücks „Revolution Reloaded“ wollen auch frei sein. Genauso wie Karl Moor frei sein will. Genauso wie jeder einzelne auf den Straßen frei sein will.

Und ich denke, sie haben gestern beim Applaus ihre Freiheit bekommen.

Amoklauf, mein Kinderspiel – Seltsame Menschen, diese Kinder

Das große Klischee Amoklauf auf der Bühne. Ich habe Angst, vor dem Stück, sitze und denke: Was werden sie daraus machen?

Als Klischee kann ich es im Nachhinein nicht bezeichnen, als Amok sehr wohl.

Ein Amoklauf im Theater gegen das Publikum gegen die Erwartungen eines Einzelnen und hoffentlich gegen das Lachen der Leute die es nicht verstanden haben.

Diese Leute die Lachen an so einem wichtigem Punkt („Man darf sich nicht beklagen man lebt man lebt“) diese Leute sollten rausgehen und ihren Kopf abnehmen, etwas herumwerfen, wieder anmontieren und vielleicht würden sie dann merken wie genial diese Szene war und würde um Vergebung bitten, dass sie gelacht haben.
Doch danach kam auch für mich der Zeitpunkt an dem ich dachte jetzt driften sie wieder in dieses Klischee.
Pseudoschocken war angesagt, indem sie mit drei Fingern, als Waffe dienend, aufs Publikum zugelaufen wird und so getan als würde man auf sie schießen, wow ich bin echt geschockt.

Dann fingen sie an „Krieg“ zu spielen. Eine wunderschöne Szene, mit tolle Licht-, Nebel- und Soundeffekten.
Doch wozu? Bei so einem aktuellen und unfassbaren Thema wie Amok und sie rennen auf der Bühne herum und im Publikum und machen Krieg. Da habe ich mich gefragt ist das noch Theater oder „Der Soldat James Ryan“ auf einer Theaterbühne und ohne Spielberg.

Dennoch war ich sehr beeindruckt und konnte die Augen kaum abwenden. Das Stück hat mich berührt und wenn ein Stück jemanden berührt hat sich die Arbeit für die Gruppe gelohnt, dann überwogt auch das positive über dem negativen.

Allerdings hoffe ich innerlich, dass das Thema Amok in den nächsten Jahren nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt, da es nach Winnenden hoffentlich keinen mehr geben wird.