07 Jul 2010 | Berichte

BlickRück – Bühne dunkel, Vorhang, Licht

von Khesrau Behroz | Noch keine Kommentare

Bühne dunkel. Vorhang. Lasst uns ein letztes Mal zweifeln, ein letztes Mal hadern. Tief Luft holen. Die Beine wippen, Finger verkrampfen sich. Augen zu. Hineinhorchen. Der Moment vor den vielen Momenten, da läuft noch einmal alles durch den Kopf. Die vielen Probenmonate, die ersten Ideen und die ersten konkreten Umsetzungen.

Vielleicht ist es ja egal, weil vorbei. Vielleicht aber dienen jene Erinnerungen als Stütze; dafür, um nicht zu vergessen, dass Theater viel mehr ist als das Bespielen einer Bühne. Es ist ein Prozess, der formt und fördert, eine Entwicklung, an deren Ende nicht nur ein Theaterstück steht, sondern auch eine Persönlichkeit. Bei einem Festival wie dem Theatertreffen der Jugend ist das besonders wichtig, weil sich eben diese Persönlichkeit stellen muss: dem Publikum, der Kritik, den Nachgesprächen. Die dunkle Bühne ist der letzte Augenblick, wo das Spiel noch einem selbst gehört, wo es ein ganz persönliches Ding ist, wo bis zu diesem Zeitpunkt hin Theater kein Unterhaltungs-, sondern Selbstfindungs-, Fluchtmedium ist.

Und – meine Güte! – was gibt es nicht alles zu suchen, zu finden, wovor kann nicht alles geflüchtet werden, wovor kann sich ein Körper nicht alles retten! Wegrennen heißt ja auch immer, irgendwohin laufen. Sehr lobenswert also, wenn es Menschen gibt, die sich als Zielort das Theater aussuchen, um dort zu arbeiten, etwas zu erschaffen und dann zu zeigen. Dafür darf man ruhig dankbar sein, auch wenn sie – wenn sie auf der Bühne stehen – niemals sie selbst sein können, so sind sie doch zumindest Karikaturen, Porträts, Parodien von etwas, das es in ent- oder vielleicht sogar verschärfter Form tatsächlich gibt.

Licht. Es wird geflutet. Die Blicke richten sich auf die Bühne, Scheinwerfer legen sich auf die Körper, es wird alles schwerer, jeder Schritt, jedes Wort, die Spannung spürbar. Es gibt klare Grenzen, Choreografien, man lebt plötzlich in Erinnerungen, Zeilen dürfen nicht vergessen, Einsätze nicht verpasst werden.

Es wird zuvor viel davon gesprochen, was Bühne eigentlich bedeutet, was Theater heißt, was es bewegt und was nicht. Es wird über das Ausleben geredet, von Träumen, von Wünschen, vielleicht sogar Ängsten, davon, dass ein Stück „Ich“ drinsteckt, ein Stück Selbstverständnis. Das ist insbesondere bei Jugendtheater der Fall, wo mit höchster Wahrscheinlichkeit alle auf der Suche nach irgendwas sind.

Doch: Theater funktioniert anders als das richtige Leben. Würde man normalerweise Unsicherheiten aus Selbstschutz wie im Reflex von sich weisen, versuchen, sie zu verdecken, zu verstecken, werden sie im Theater zelebriert, gefeiert, das Unperfekte wird nicht losgelassen, sondern in das Scheinwerferlicht gezerrt, bloßgestellt oder getröstet, weil es doch ach so menschlich ist. Weil sie vielleicht eben nicht zu schön sind für diese Welt, weil sie eben nicht einfach nur „girls!“ sind, sondern viel mehr und weil sich Ängste im Selbstauslöser am deutlichsten offenbaren, so wunderbar sind in ihrem Makel, um thematisiert zu werden.

Letzten Endes ist Licht die wohl perfekte Metapher für das, was auf dem Festival passiert: Erst wird gesehen, dann wird diskutiert, beleuchtet. Die Augen werden weit geöffnet, die Türen auch. Jugendliche sprechen miteinander, tauschen sich aus und genauso soll es sein und nicht anders.

Und wenn man gesättigt ist? Dann zurück rennen, lieben, hassen, alles zwischendurch leben, schwarzweiß und bunt, Erfahrungen sammeln, Ängste, Wünsche, Träume. Dann wieder weglaufen, ab ins Theater, für uns. Danke.

29 Mai 2010 | Berichte

Revolution der Parese – Gedanken zum Schluss

von Robert Stripling | Noch keine Kommentare

Mit den Worten, das Theatertreffen der Jugend sei eine Utopie, die gelingt, eröffnet Martin Frank das Theatertreffen der Jugend. Plötzlich wird die Revolution reloaded, während wir in der Redaktion noch über „Die Räuber“ diskutieren, klaut jemand mein gesamtes Hab und das auch noch gut. Die neu eingeführten Redezeit-Buttons werden beim ersten Nachgespräch von der Gruppe zunächst zu Körperschmuck degradiert. Im Spielleiterworkshop treten mittelalte Männer als sturköpfige Nerds oder verunsicherte Seppelhosen auf, während „Girls! Girls! Girls!“ ihnen die Penisse um die Wette aufbläst.

Es ein feministisches Festival, ein Aufbruch, der jedem Mauerfall zu Grunde liegt. Es geht ums Loslassen, ums Fallenlassen und Vertrauen, die unschuldige Diktatorin Anna Blume wird zu Grabe gepflanzt. Während aus lauter Angst die jungen Männer noch mit Hodenschmerzen und gebrochenen Beinen in umliegende Krankenhäuser gehamletet werden, beginnen Selbstauslöser uns ins Festival zu tanzen – wozu schöne Männer vom Himmel regnen und ihre Körper zeigen.

Ich persönlich bin das dritte Jahr hier. Jedes Jahr zieht sich eine nur still wahrzunehmende Dramaturgie durch die neun Tage, es passiert etwas, das mit Entwicklung zu tun hat, mit einem jeweiligen Problem, an dem gekämpft wird. Am Donnerstagabend entziehe ich mich, weil ich das Loslassen lerne und also praktizieren muss gleichzeitig. Ich höre mir in Berlin eine Lesung an, ich vergesse für einige Stunden das Festival, ich habe Angst, der Redaktionsleiter wird mir den Hals umdrehen. Auf dem Rückweg treffe ich in der Tram Leute vom Festival und sie wirken fremd auf einmal, sie wirken wie von einem anderen Stern, sie stecken in einem Kosmos, der so verrückt zu sein scheint, dass er die Wahrheit erkennen kann. Am nächsten Morgen begebe ich mich ebenso zurück, ich erkranke sofort, überall um mich herum brechen Schnupfen und Halsschmerzen aus, werden Tabletten geschluckt – das Festival ist ein Herd der Neurosen, ein Herd, der zu heilen versucht.

Ich beobachte, wie die Mädchen mit genau diesen und jenen Jungen flirten, es ist immer ein anderes Prickeln, ein anderes Schwingen und jedes Mal scheint es dennoch gleich zu funktionieren, jedes Mal ist es ein Schauspiel mit den gleichen Neurosen, die nach Freud sich durch Mütter und Väter regeln.

Ich habe dieses Jahr ein sehr feministisches Festival erlebt, ob in den Gesprächen, ob in den Stücken. Ein Mauerdurchbruch einer Generation, für die Gleichberechtigung kein Fremdwort mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, die praktiziert wird – die rote Farbe aus der Revolutionsfahne ist in die Tische Dänemarks gewandert.

Ich erinnere mich an das Jahr 2009, damals hat der Tod der Überväter eine Rolle gespielt. Diese haben wir heute überwunden, ihre Einstellungen zu Frauen, ihre Ansichten zu Beziehungen. Der Joghurt, den wir löffeln, wird kaum mehr diskutiert – 2009 war das ein großes Thema gewesen – stattdessen werden wir stilfrei und tanzen freistil. Der Tod hat 2009 eine Rolle gespielt, fast in allen Stücken ist er vorgekommen. Heute läuft die neue Chefin vons Janze schwanger über das Festivalgelände und wir sind bereit, unsere Ansichten neu zu gebären.

So gesehen hat Martin Frank recht behalten: Das Theatertreffen der Jugend ist eine gelingende Utopie, der Gedanke an eine Kommune, die zusammenkommt, um eine Entwicklung zu durchlaufen, die durch die Welt da draußen hindurchgeht, ihr in Geschwindigkeit voraus ist. Natürlich wehren sich unsere Körper. Natürlich brechen all unser Ekel und all unsere Besessenheit nach den althergebrachten Regeln unsere Eltern ein weiteres Mal auf.

Doch am Ende machen wir den Zuschauerraum zur Tanzfläche, wir stampfen die Fläche durch, die uns auf die Ohren gehauen hat, wir schauen wieder auf, wir trauen uns, loszulassen und verlieren uns nicht. Es ist kitschig zu glauben, dass es funktioniert, aber – so ist es.

29 Mai 2010 | Random Noise

Stimmen zum Festival

von ttj | Noch keine Kommentare

Alles genial +++ die Stimmung unter den Gruppen war toll +++ ich fand das Essen richtig geil +++ lautere Musik +++ mehr Tanzgruppen +++ vom Essen, bis zum Menschen, bis zu dem Stücken war

bisher alles einfach nur geil +++ geile Stimmung +++ TOLL! +++ ein Hotel näher am Festivalgelände wäre schön +++ viel mehr Sonne, weniger Regen +++ eine Tischtennisplatte +++

Gitarrenspieler und Sänger nicht als Hippies bezeichnen +++ ein Feuerplatz +++ tolle Redaktion +++ AHMMM…. +++ ladet immer so geile Leute ein, wie dieses Jahr +++ macht so geile Workshops

mit so tollen Workshopleitern wie dieses Jahr +++ schafft die Festivalzeitung nicht ab! +++ mehr Sorten an Getränken: Apfelschorle, Cola +++ hat meine Erwartungen weitaus übertroffen +++

super Publikum +++ nach den Vorstellungen mehr Party im Zelt +++ super Diskussionen +++ weg mit den scheiß Chips von diesem Nachgespräch! Die müssen weg! Die müssen verbrannt werden! +++

ich fand das Festival richtig schön +++ schade, dass es schon vorbei ist ++ man bekommt so viele Chancen hier: man wird betanzt, bespielt, bekocht – man kann sich mit jedem unterhalten

ich bin überwältigt von der Leistung hier +++ man könnte direkt nach den Vorstellungen kleine Gesprächsrunden machen und das dann zusammenführen +++ rundum zufrieden +++ jaja / wie

jedes Jahr – hat sich nicht gereimt, aber passt +++ mir hat’s richtig gut gefallen +++ wunderbare Stimmung +++ gute Gespräche +++ hervorragendes Theater +++ gasasgasgaspaaal +++ man

könnte vielleicht die doofe lange Pause zwischen Essen und Stück verkürzen; das Stück vielleicht früher, dann wäre mehr Zeit danach +++ Abends ist besser als Mittags (Essen) +++

Mehr Freibier – ich zahl ja schließlich Steuern +++ die Atmosphäre +++ schade, dass die Workshops nur die ersten paar Tage liefen, weil man dann grade erst angekommen war +++ schade,

dass so viele die Workshops geschwänzt haben +++ fand die Lückenanalyse überflüssig +++ sehr zeitintensiv +++ die Stücke waren das Beste +++ mehr Sachen, an denen alle beteiligt sind,

wären toll +++ die Dinge sollen so geil bleiben, wie sie sind +++ ein Kuschel- bzw. Entspannungsraum wäre klasse +++ einfach Hammer +++ vielen Dank, an alle, die das hier

organisiert haben und die sexy Reporter von der FZ +++ das Beste war, dass die Gruppen sich zur Mitte des Festivals so richtig gut vermischt haben +++ länger ausschlafen wäre auch nicht

schlecht, aber das gehört dazu +++ Ich werde meinen Koffer voller mitnehmen, als ich ihn mitgebracht habe, denn es sind viele Ideen dazugekommen – und die wiegen sehr schwer +++

29 Mai 2010 | Rezensionen

Parese: Opham helialet.

von Hannes Wolf | Noch keine Kommentare

Foto: Dave Großmann

Hamlet, der Lustlose. Hamlet, der Mann, der sich seiner eigenen Geschichte verweigert. Der sein Abenteuer nicht antritt, sondern hinter seinem Schreibtisch vegetiert und wartet, dass die Zeit vergeht. Ophelia initiiert seine Reise, sie stellt sich vor als die Nicht-Ertrunkene, als Nicht-Opfer. Heiner Müllers Hamletmaschine wird aktiviert und Ophelia ermächtigt sich ihrer Rolle, tritt auf die Bühne und erklärt, dass sie aufgehört hat, ihr Herz zu töten. Dann beginnt ein zähes ringen, um das Spiel ins Laufen zu bringen. In den folgenden Minuten geben die Kreschkinder (klingt besser als Kreschjugendliche) Shakespeares Hamlet eine neue Handschrift. Sie spielen sich mit ganzem Körpereinsatz, mit Tempo und Witz durch den dramatischen Stoff.

Beerdigung, Claudius Hochzeit mit Gertrud(e), Hamlets Mutter. Eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht, mit Stroboskopeinsatz verfremdet, erzeugt ästhetisches Wohlgefallen.

Ophelia zwingt Hamlet, seiner Identität und den damit verbundenen Aufgaben ins Auge zu sehen. Sie liebt, treibt, kämpft gegen den Phlegmatiker in Hamlet, motiviert ihn zu Taten, umwirbt ihn, legt ihren Kopf in seinen Schoß und tut dies alles, um ihm zu begegnen. Es ist der einzige Weg ihn dazu zu bringen, sie zu lieben.

Ob es Hoffnung gibt, liegt in diesen Momenten allein in der Hand der Spieler, denn wie Shakespeare die Geschichte erzählt, wissen wir.

Auf dem Weg ergreifen die Spieler verschiedene Theaterformen, ob der Wahnsinnstanz, das Possen(puppen)spiel auf der Dänischen Mauer, sie geben Hamlets Innerem eine deutliche Zeichensprache. Er verweigert sich, indem er einfach die Bühne verlässt.

Es gelingt den Spielern: Als Zuschauer bin ich im Fluss, im Flow, warte auf den Ausbruch, die Eskalation, die Entwicklung der Figuren. Dabei werden manche Möglichkeiten nur angedeutet. Es scheint, als ob in der Vielzahl ihrer Mittel auch die Schwäche verborgen ist, Dinge anzudeuten, aber nicht ganz auszuspielen.
So wird der blinde Hamlet, über Tische laufend, kurz danach wieder sehend und Ophelia in ihrem Rollensplitting wird nicht differenzierter, entwickelt sich kaum, bleibt einstimmig, in der Haltung vom Anfang und fügt sich dann einfach dem klassischen Shakespeare-Plot.

Die starke Bildsprache der Krefelder aber führt zu einem Theatererlebnis, das die Geschichte Dänemarks, ob als Familienspiel oder humorvolle, kreativ, ästhetische Erfahrung, neu belebt.
Am Ende ertränken Hamlets Wahnsinn und seine Schwüre sie. Ein starkes Bild, dessen sensibler Ton trifft und dem Zuschauer für kurze Zeit die Luft nimmt.

29 Mai 2010 | Rezensionen

Parese: Den Alten ordentlich einheizen, denn Spielen ist ein Tu-Wort!

von Lydia Dimitrow | Noch keine Kommentare

Foto: Dave Großmann

Tische und Stühle (rot und schwarz) als tragende Bühnenbildelemente wie in Aussteigen auf freier Strecke; Menschen, die Länder sind, wie in Paulina („Ich bin Ophelia. Oder Dänemark, das Land für die ganze Familie und impotente Prinzen“); eine scheiternde Liebesbeziehung, die im Tod endet wie bei Revolution Reloaded; Wasser, das zum Verhängnis wird, wie bei Müssen nur Wollen; Schönheitsprobleme wie bei Zu schön für diese Welt (denn Hamlet fühlt sich fett); und wie bei girls! girls! girls! und SELBSTauslöser: jede Menge Frauenpower. Es war eine gute Entscheidung, die Krefelder Hamlet-Inszenierung Parese an das Ende dieses ttj zu setzen: Da liefen diesjährige ttj-Themen zusammen, von der Praxis des chorischen Sprechens über die Debatte zur Bedeutung und den Möglichkeiten des Bühnenbilds, bis hin zum Gender-Diskurs.

Zwei Ophelias, vier Hamlets. Bei den Frauenfiguren, die die Krefelder hier entwerfen, braucht es schon die doppelte Menge an Männern, um ihnen überhaupt etwas entgegensetzen zu können. Ophelia ist die, „die der Fluss nicht behalten hat“. Sie wird in dieser Inszenierung zur Spielleiterin, zur Motivationstrainerin, zur Diktatorin, (auch wenn sie immer die Liebende bleibt), ihre beiden Verkörperungen sind mal Rivalinnen, mal Verbündete, während Hamlet ein Schlaffi in Identitätskrise ist: „Ich bin nicht Hamlet. Ich bin keine Rolle mehr. Meine Worte haben nichts mehr zu sagen, mein Drama findet nicht mehr statt.“

Dem Krefelder Ensemble ist es gelungen, sich klug mit Text und Stoff auseinanderzusetzen. Versatzstücke aus verschiedenen Quellen werden eingearbeitet, die unterschiedlichsten Bezüge hergestellt (zu „König der Löwen“ und „Bob der Baumeister“), das alles abgeklopft auf Heutigkeit und Spielbarkeit. Das Ensemble zeigt: Man kann einen solchen Klassiker nicht mehr einfach nur spielen, viel zu bekannt sind Text und Stoff, die Illusion der Bühne muss dekonstruiert werden, das Spielen ausgestellt. Ophelia steckt sich ihr weißes Kleid in die engen Leggins und ist Gertrude, die Hamlets suchen nach Ersatz für ihre Rollenbesetzung, casten im Publikum. Dass gespielt wird, wird auch gezeigt.

Dieser Ansatz, sich einem alten Stoff zu nähern, ist auf einem ttj 2010 wohl nicht mehr bahnbrechend, aber er scheint trotzdem der adäquateste für so jugendliche Spieler zu sein, denn schließlich tun sie auf diese Weise genau das, was sie vielleicht am besten können: den Alten (Dichtern) ordentlich einheizen.

Die Inszenierung der Krefelder überzeugt durch eine starke Regie und das Können der Spieler: Ihr chorisches Sprechen ist wohl dosiert und beeindruckend exakt (vor allem bei den Hamlets), ihr Umgang mit Bühnenbild und Requisiten geschickt und gut durchdacht. Durch immer neue Tisch- und Stuhlkonstruktionen entstehen immer neue starke Bilder, ebenso wie durch die gut eingesetzten Choreographien (Balgen im Stroboskop-Licht; Hamlets, die vom Tisch stürzen und übereinander rollen). Die Spieler konstruieren ihren Hamlet, ihre Ophelia mit viel Witz und Selbstironie („Testosteron ist Gift!“), schaffen aber auch immer wieder ausdrucksstarke, gleichzeitig sehr zarte Bilder, um ihre Liebesgeschichte zu erzählen. Ophelia fragt: „Was willst du für mich tun?“ „Mich zerreißen.“ Ophelia hört Hamlets Herzschlag ab, die Neonröhren flackern, sie bleibt zurück mit der Frage: „Und ich?“. Denn nur weil man „lieben“ durchkonjugieren kann („Lieben ist ein Verb, ein Tu-Wort!“), heißt das noch lange nicht, dass es eine einfache Sache ist.

Und da liegt vielleicht auch eine Schwäche der Inszenierung. Die Ophelia bleibt so pseudo-emanzipiert, letztendlich ist sie eine weitere Frauenfigur, die sich über einen Mann, über ihre Liebe zu einem Mann identifiziert. Ihr ganzes Sprechen und Handeln sind auf Hamlet ausgerichtet; wenn er etwas aus ihrer Sicht gut macht, ist sie zufrieden, wenn nicht, dann leidet sie darunter. Und dabei erfüllt sie auch gleich so manches Frauenpower-Klischee: Frauen, die ihre Männer herumkommandieren, und wenn ihnen etwas nicht passt, dann zetern sie und schreien sie so lange, bis endlich was passiert. Auch das Hamlet-Bild ist zwar pointiert und konsequent gezeichnet, aber Hamlet als Obermemme mit einer ganzen Menge Problemen – ist diese Sichtweise nicht durch Hamlet-Kritiker –und Zyniker nicht schon wohl bekannt? Und bei zugespitzter Sichtweise auch naheliegend? Und was gibt sie dem Zuschauer von heute? Sagt sie etwas über heutige Männer aus?

Wenn man sich dafür entscheidet, ein Stück auf seine wichtigste männliche und seine wichtigste weibliche Rolle zu reduzieren, dann ist man vor keiner Gender-Debatte mehr gefeit. Und es bleibt zweifelhaft, ob die Konstellation, die die Krefelder da umreißen, den Mann von heute / die Frau von heute besonders zuversichtlich stimmen kann. Aber in jedem Fall bietet sie Angriffspunkte, herrschende Frau-Mann-Rollenbilder zu überdenken und auf ihre Gültigkeit zu überprüfen.

Gleichzeitig kommt der Zuschauer bei dieser Inszenierung aber auch sehr gut ohne Gender-Überlegungen aus, denn ob Furien-Memmen-Modell oder nicht, insgesamt war Parese eine kluge, sehr unterhaltsame Hamlet-Inszenierung. Und überhaupt nicht lähmend.

29 Mai 2010 | Rezensionen

Parese: “Du bist albern!” “Nein, ich bin Ophelia!”

von Sarah Wenzinger | Noch keine Kommentare

Foto: Dave Großmann

Gestern Abend war ein guter Abend. Das liegt an einem genau richtigen Stück auf einem genau richtigen Festival an einem genau richtig ausgesuchten Tag. Was ich gestern gesehen habe, war deshalb genau richtig, weil es eine sehr schwierige Balance hinbekommen hat, um die es hier geht. Nämlich: zum einem Theater zu machen, das PROZESSorientiert ist, bei dem das, was beim gemeinsamen Proben gelernt und erfahren wird, im Vordergrund steht, bei dem es darum geht, einen jugendlichen und persönlichen Zugang für jedem Spieler zum Stück zu finden und möglichst echt und nah an den Ideen der Spieler und Mitmacher zu bleiben. Und zum andren dem ästhetischen und inhaltlichem Anspruch einer PRODUKTorientierten Arbeit gerecht zu werden, die je nach Mitmachern und Theater-Erlebnis-Erfahrung natürlich unterschiedlich ist. Jede Produktion hat für sich auf diesem Festival einen Weg gefunden, diese beiden Pole auszubalancieren (womit ich nicht sagen will, dass sie sich grundsätzlich im Weg stehen; ich denke nur, dass grade sie das Interessante am Laientheater ausmachen). Und gestern hatte ich einfach das Gefühl: Hier gibt es ziemlich viel Balance und es ist kein Drahtseilakt.

„Hamlet“ hab ich schon sehr oft gesehen, auch schon ein paar Mal mit Laien. Fast jede Hamletproduktion versucht sich an einem neuen Zugang. Ich muss sagen, den Zugang den sich die Gruppe gestern gesucht hat, ist einer der passendsten, den ich bis jetzt gesehen habe. Den Fokus auf die Antriebs- und Lustlosigkeit des Hamlet zu legen, die Ophelia zur Kämpferin zu machen – ein Bild vom Jugendlichsein in dieser Welt zu schaffen durch zwei Seiten: Verweigerung und dem Verlangen danach, alles möge sich ins Spiel eingliedern. Dieser Zugang blieb zum einen beim Stück und seiner Rezeptionsgeschichte und war zum andren eng mit den Spielern als Menschen verknüpft. Ich hatte das Gefühl (und das ist etwas, was mir sehr wichtig ist), dass sich die Spieler in ihrem eigenen Gedankenhorizont bewegt haben und dessen Grenzen auch selbst gesteckt haben.

Absolutes, wenn auch recht einfaches Bild war dabei für mich der Umgang mit der Bühnen-/Publikums-Situation. Eine Ophelia, die sich immer wieder ins Publikum setzt und Hamlet auffordert, seine Bühne doch zu nutzen, die immer wieder hinaufkommen muss, um ihn anzutreiben. Und ein Hamlet, der sich der Bühne immer wider entzieht, sich ihr verweigert. Sich ins Publikum begibt, um andere dazu aufzufordern, das Spiel in die Hand zu nehmen. Der auf der Bühne eine Mauer errichtet, damit keiner mehr zusehen kann, was er nicht tut. Den Raum, der sein Unglück bedingt, mit dem Puppenspiel und der roten Mauer ad absurdum führt. Ophelia, warum schmeißt du sie nicht um, diese Mauer?

Trotzdem sind mir ein paar Dinge aufgefallen die mich zum Nachdenken/Weiterdenken angeregt haben, ob man sie hätte anders machen können. Aber eben auch, weil ich eine Gruppe gesehen habe, die wirklich etwas kann und sich hoffentlich in ihren nächsten gemeinsamen Produktionen noch weiter entwickelt.

Zum einen hat mein Überlegen an manchen Stellen eher persönliche Gründe, grad bin ich doch recht sehr in Heiner Müllers „Hamletmaschine“-Text verliebt. Sagen wir mal, ich könnte vielleicht auch mitsprechen. Ich kann also die Wahl, Teile daraus zu verwenden, total verstehen, auf der Bühne macht er ordentlich was her. Allerdings ist er fast ein wenig zu toll für diese Bühne, er passt sehr gut in den Zusammenhang, aber der Text an sich bringt für mich einen andren Anspruch an das Sprechen und den Raum, den man ihm gibt, mit sich.

Ein andres Thema sind die formellen Ideen. Der Chor war perfekt in seiner Aufteilung, 4 zu 2 hat super funktioniert. Und grade der Anfang war sehr atmosphärisch und intensiv, das Bebildern der Erzählung hat gut funktioniert. An einem gewissen Punkt waren die Mittel allerdings ein wenig ausgereizt. Zu der Ironie des Puppenspiels hätte ich mir noch eines gewünscht, das an manchen Stellen die Intensität noch steigern kann. Zwei konkrete Momente sind es, an die ich dabei denke: Zum einen hätte ich gerne die Endscheidung der Ophelia gesehen. Sie fordert von Hamlet, die Leidenschaft und sein Sein (im Gegensatz zum Nichtsein) für die Rache und die Liebe aufzubringen. Nach seiner Verweigerung löst sie sich scheinbar und kann seinen Tod erzählen und ihn dabei ein letztes Mal zur Energie antreiben. Dazwischen liegt für mich ein unsichtbarer Moment der absoluten Wut oder Resignation. Und auch bei Hamlet hängt es an diesem Moment. Ein Heißlaufen der Hamletmaschine sozusagen. Oder das Aussprechen dieses Zweifels: „Was mache ich hier eigentlich“ als Gegenpol zum Passiven, zur Arroganz. So blieben beide Figuren stets in ihrem Rahmen. Gewünscht hätte ich mir einen Entwicklungsmoment, in dem beide Seiten in Schwäche und Verletzlichkeit aufeinandertreffen, das wäre noch runder gewesen.

Die Ophelias hatten eine doch recht unterschiedliche Bühnenpräsenz und Art, die Rolle aufzugreifen, waren darin zwar recht gut gesetzt, aber die „echtere“ Ophelia hat in den meisten Momenten viel mehr Ambivalenz gegenüber der „Blonden“ die mehr in der Ironisierung blieb. Die beiden allerdings, Hand in Hand vorn hatten eine große Zartheit und waren wirklich verlorene Mädchen.

An manchen Stellen hätte man vielleicht Gedanken noch konsequenter zu Ende denken können. Aber die Bilder waren auch so stark und es war deutlich, dass hier am Tisch gesessen und viel geredet wurde. Dass zwar eine Regie drauf und drüber geschaut hat, dass es eine Auswahl gab, aber trotzdem wirkt das Stück an keiner Stelle überinszeniert. Die einzige Frage, die ich noch habe, wäre, ob es auch möglich gewesen wäre, auch Ophelia am Ende ausbrechen zu lassen. Der Fokus lag auf ihr, und doch wurde sie zuletzt die Passive, von Hamlet, von der Geschichte an sich zu Tode getrunken. Ein wirklich wunderschönes Bild. Auch ein der Dramaturgie logisch Folgendes. Die Ophelia hat sich nicht noch ein letztes Mal aufgebäumt, sie ist schlussendlich doch in die Resignation gegangen und damit war auch bedingt, dass sie sterben musste. Es hätte für mich genauso funktioniert, ihr diesen Moment zu geben und sie auch am Ende den Tod nicht hinnehmen zu lassen – es ist eine Frage, in welchen Kontext man die Geschichte stellen möchte, in den der Hamletgeschichte oder in den der Möglichkeiten Ophelias. Aber das ist eben nur eine Frage. Oder vielleicht ein kleiner Wunsch. So wie bei mir im Kopf am Ende der Schlusstext der Hamletmaschine losgegangen ist: „Ich bin Elektra, an die Metropolen dieser Welt“ – aber das wäre ein andres Stück gewesen. Versteht mich auf keinen Fall falsch, der Grund warum ich all diese Details aufgeführt habe, ist, dass ich es so gut fand. Und ich eben gerne deshalb auch konstruktiv etwas zurückmelden will. Zum Beispiel aber auch, dass eure Hamletinszenierungszitate von Jan Bosse und Thomas Ostermeier aus Zürich und Berlin Schmankerl waren.

Es bleibt eine sehr in sich geschlossene Sache und ich denke, der Applaus am Ende und die vielen begeisterten Menschen, die aufgestanden sind, sind ein klares Zeichen dafür, dass ihr einen wirklichen Theaterabend geschafft habt. Danke. Das einzige Problem an der Liebe ist laut Freud eben bloß das Inzestverbot.

29 Mai 2010 | Stimmen zum Stück

Parese: Stimmen zum Stück

von ttj | Noch keine Kommentare

Mega geil, man +++ hab mich schon lange nicht mehr so amüsiert im Theater +++ die Football-Pantomime der Männer war sehr gelungen +++ Dankeschön +++ GEIÖÖL +++ ich könnte es mir 1000 Mal angucken +++ Als Abschluss fürs Theatertreffen der Jugend war’s richtig geil +++ die waren so cool, wie Affen in der Dose und noch viel, viel cooler +++ ich glaub, nur wenige haben die Verbindung von Hamlet zu König der Löwen gezogen +++ gut – sehr gut – geil – Hammer +++ sehr gut +++ ich fand, dass diese Jugendlichen mit ihrer eigenen Dynamik und leiden das Stück verfasst haben +++ authentisch die ganze Tragik und Dramatik +++ witzige Alltagssprach-Elemente +++ alles hat sich zusammengefügt +++ mitreißendes Stück voller Leidenschaft, voller Höhen und voller Tiefen +++ die Hamlets waren ein Traum – sexy und gleichzeitig tragisch +++ ich bin voll stolz, dass Parese unsere Patengruppe ist +++ es war unglaublich +++ die Tische haben mir besonders gut gefallen +++ die Choreos waren toll +++ wir überlegen grade, wo der Qualitätsunterschied zu dem hier und dem an einer Schauspielschule war +++ mir hat’s gefallen, hab aber nicht alles verstanden +++ ganz großes Damentennis +++ ich fand’s sehr, sehr schön ++ viel Energie +++ humorvoll +++ die sahen alle geil aus +++ ich bin sprachlos +++ lustig +++ beeindruckend +++ wunderschöne Metaphern +++ sehr aktuell +++ brillant +++ wowiii +++

Ich fühle mich wie ein kleines Kind im Zirkus, vor dem große, bunte Gummibälle hüpfen +++ Muss Theater sein? – So muss Theater sein! +++ sehr anstrengend +++ das geilste Publikum, was man sich nur wünschen kann +++ Jungen so nackt – wunderbar! +++ save the best for last +++ krönender Abschluss +++ wer Frauenbilder sehen will, wie sie wirklich sind, soll hier hingehen und nirgendwo anders +++ ich bin betrunken +++ (den tränen nahe) schade, dass es morgen zu Ende ist. Ich würde gern noch mehr solche Stücke sehen +++ ganz begeistert +++ so viel Wasser und Zerstörung +++ die Tisch-Hand-Choreo war lustig +++ blubb +++ die schauspielerische Leistung – das haben die alle von mir +++ was ist denn das fürn Frauenbild? +++ böse Mutti – hab Angst vor ihr +++ gute Textkenntnis +++ nicht ergreifend oder berührend +++ durch Heiner Müller schön den Hamlet rekonstruiert +++ bunte Mischform von Theater: jugendlich, gute Szenen +++ Sterbeszene war super +++ wundervoll, wie Ophelia ertrunken ist +++ die Mittel toll eingesetzt, ein bisschen zu viel Musik, schöne Bilder, engagiertes Spiel, witzige Kommentare +++ hat einen an so viele Sachen erinnert +++ hat mir ganz viel Futter gegeben +++ Schauspielerisch ganz toll +++ man hat ihnen an den Lippen gehangen +++ anstrengende, aber wichtige und richtige und sinnvolle Publikums-Anspielszenen +++ +++ schöne Körper +++ was für ein Zickenterror! Frauen sind das schrecklichste auf der Welt, was es gibt. Aber ich finde zum Schluss konnten sie sich gut behaupten +++ es kam, wie es kommen musste: es nahm ein tragisches Ende; der Weg dahin war mit Humor durchsetzt +++ die Szenen zu Freud: einfach nur cool +++ ein schönes Wechselspiel zwischen Performer, klassischer Inszenierung und Selbstironie +++

29 Mai 2010 | Rezensionen

Aussteigen auf freier Strecke: WTF???

von Khesrau Behroz | Noch keine Kommentare

Foto: Jan Stroetmann

Man kann – höret und staunet! – leidenschaftlich schlecht spielen und ein leidenschaftlich schlechtes Stück auf die Bühne bringen. „Aussteigen auf freier Strecke“ gestern Abend war nicht einmal das. Da sind sieben Menschen auf der Bühne, haben absolut null Körperspannung, sprechen ihre Sätze halt so da hin und bauen völlig abstruse, naive Bilder, um ihre Ost-West-Geschichten zu erzählen. Im Hintergrund werden immer wieder kleine Filmchen eingespielt, die ablenken und dabei nicht einmal besonders spannende Dinge zeigen. Ständig wird ein Telefon herumgereicht, die eine Schauspielerin spricht zu leise, die Musik legt sich oftmals ungewollt über die Sprechenden, die – eben weil sie zu leise sprechen – sich nicht dagegen wehren können. Währenddessen: reger Betrieb am Tisch. Da passiert so allerlei, da werden Brote geschmiert und irgendwelche Sachen gegessen, die Figuren werden zu Privatpersonen, was sicher gewollt gewesen sein könnte, aber selbst so etwas kann man geschickt lösen, ohne abzulenken. So war es viel zu groß, viel zu riesig, insgesamt null Sinn für Feinfühligkeit, grob wie ein Streuselkuchen.

Dabei fängt das alles nicht einmal so schlecht an. Das Stück ist in den ersten fünf Minuten, wenn die Figuren präsentiert werden, sogar recht witzig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen interessant aus, einige haben sogar einen Ausdruck im Gesicht, wirken eigen, zwei von ihnen schaffen es durch das Stück hinweg, wenigstens ein klein wenig die Katastrophe zu tragen, aber auch sie scheitern, weil es bei einem Ensemble-Stück gar nicht anders gehen kann. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen und „Let it be“ singen, geht alles im Eiltempo den Bach runter. Die Spielerinnen und Spieler geben einfach auf. Schluss. Aus.

Unterirdisch: Die emotionalen Szenen, die in ihrer Inszenierung so eintönig sind wie das Piepen im Krankenhaus, wenn jemand dahinscheidet. Da kommt eine verzweifelte Dame an die Grenze, will hinüber, darf aber nicht, sie dreht sich Richtung Publikum, schaut gen Himmel, Video im Hintergrund, jemand möchte von der Mauer springen, cut. What the fuck? Ein Pärchen will über die Grenze hinweg. Die beiden haben jedoch null Chemie, spielen, als wären sie gerade zwangsverheiratet worden. Sie machen eine kleine Odyssee durch und kriechen über und unter einen Tisch, um das darzustellen. Ein typischer Fall von „Wir hatten eine konzeptuell gute Idee und konnten einfach nicht davon lassen“ – wie ein Autor, der überflüssige Sätze nicht streichen kann, weil er so sehr in sie verliebt ist. Die Idee mit dem Tisch ist eine an sich ja recht witzige, aber die Situation wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man aus ganz anderen Gründen schockiert ist. Die Szene wird dem Inhalt absolut nicht gerecht, ist fast schon beleidigend in ihrer – schon wieder! – Naivität.

Es ist schlicht und ergreifend ärgerlich. Denn wenn nicht einmal Jugendliche es schaffen, das Ost-West-Thema neu anzupacken, für frischen Wind zu sorgen, das dokumentierte Material für ein spannendes Stück interessant zu verwerten – wer zum Teufel dann?

29 Mai 2010 | Rezensionen

Aussteigen auf freier Strecke: Ausgestiegen auf freier Strecke

von Robert Stripling | Noch keine Kommentare

Foto: Jan Stroetmann

Voller Begeisterung hätte ich gerne gestern Abend zugeschaut. Aber, um ehrlich zu sein, liebe DTler – und das mag ich versuchen zu sein –, gestern Abend hat Euch jegliche Körperspannung und Artikulationsluft gefehlt, um mich mitzureißen. Und auch, wenn ich davon absehe und nur das Thema und Eure Mittel betrachte, bleibe ich ratlos mit der Inszenierung.

Zunächst weiß ich nicht, was Ihr mir erzählen wolltet. Soll heißen: Warum ist es gerade die DDR, mit der sich diese sieben jungen Menschen auseinandersetzen? Nicht nur welche Meinung, sondern auch warum ihr sie mir artikuliert, hätte ich gerne erfahren. Wenn zwei Figuren als Flüchtlinge über den Tisch klettern und dann aufatmen: „Wir haben es geschafft!“ dann denke ich daran, dass an dieser Mauer Menschen erschossen wurden und Eure Tischszene im Grunde zwischen Frechheit und Naivität auseinanderfällt. Das Erschießen wurde auch thematisiert, ja, aber es wurde nicht verbunden mit der Szene, die begleitende Angst kam nicht rüber. Und selbst, wenn es keine realistische Darstellung sein sollte, so fehlte mir die klare Positionierung zum Nicht-Realistischen. Ich stelle mir vor, dazu muss es in größtmöglicher Übertreibung ironisiert oder gebrochen werden.

Konkret heißt das: Körperspannung und Bewusstsein für das Ziel der Szene, sowie ein Verständnis für das Ironische in ihr. Klar war mir gestern Abend nicht, was Euer Spielkonzept ist. Wann habt Ihr Sachen ernst gemeint? Gab es Szenen, die ernst gemeint waren? Wenn ja, welche? Und warum? Gab es Szenen, die nicht ernst gemeint waren?

Eure Mittel waren mir nicht klar. Zu sehen waren eine Projektion vom Tageslichtprojektor, eine Videoprojektion mit Mauerschiebenden, zahlreiche Zettel mit Notizen und Fragen im Raum verteilt – aber das Stück hat das alles nicht gebraucht. Das Stück und auch ein bisschen Ihr als Spieler standen neben den Requisiten und haben diese Museumslandschaft in einem scheinbar zufälligen Kontinuum bespielt.

Viel interessanter hätte ich gefunden, was IHR mir zu sagen habt, was Euer Anliegen ist, DDR- und BRD-Bewohner wieder aufleben zu lassen bzw. ihre heutigen Ansichten nachzuspielen. Vielleicht wisst Ihr es, aber gestern kam nicht rüber, was zum Lachen, was zum Weinen und was zum Wütendsein gedacht ist. Ich habe Eure Positionierung nicht sehen können und somit hat mir schnell die Motivation gefehlt, Euch zu folgen.

28 Mai 2010 | Gruppenvorstellungen

Parese: Das kleine, unvollständige “Rund Um Parese”-ABC [ohne ABC]

von Sarah Wenzinger | Noch keine Kommentare

Gruppe: Es gibt da eine Gruppe. Eine Theatergruppe. Wäre sie eine Fernsehfamilie, dann so wie Scrubs. Aber sie sind eben eine Theatergruppe. Aus Krefeld.

Drittes: Es ist ihr drittes Stück in der Besetzung mit zweimal Umbesetzung. Und ihr drittes Mal Shakespeare. Aber sie sind mehr als drei. Sieben.

Stückname: Das Stück heißt „Parese“, eigentlich [FZ deckt auf:] sollte es „Why Hamlet?“ heißen aber: da dann schon ein andres Stück Hamlet hieß ging das nicht und deshalb „Parese“. Was ein medizinischer Begriff für Erschlaffung ist.

Thema: Ist Hamlet, aber eben auch Ophelia. Die Tatsache, dass es schon so verdammt oft gespielt wurde. Heiner Müllers Hamletmaschine [Oh Freude!] und viel viel Eigenes darüber, was dieser Hamlet erzählen kann über uns heute. Das hat dann auch was mit der Erschlaffung, Antriebslosigkeit zu tun und dem Nichtwissenwohinmitsich.

These: Die Ophelia bekommt viel Raum, darf sich wehren. Dass das auch was mit heute zu tun hat, ist eine These, die daran anknüpft, dass man meinen könnte, Mädels können sich heute besser durchsetzen und Dinge erreichen, für die den Jungs die Energie fehlt.

Zuschauer: Sollten heute Abend natürlich Bock haben und interessiert sein. Zuhören müsste man auch. Es sei zwar so, dass man wolle, dass alle alles verstehen, aber das ist ja nicht immer einfach.

Arbeit: Es gab sie; die Tischproben. in denen bloß geredet und konzipiert wurde. Alle sind gefangengenommen vom Stück, alles hat auf einmal damit zu tun. Selbst im Freibad werden die Diskussionen weitergeführt.

Festival: Finden sie super! Tolle Menschen, Freunde, die man nicht wieder verlieren möchte. Egal wo man hinkommt, wird einem ein Lächeln geschenkt. Schade, dass es nun zu Ende gehen muss.

Aufruf: Hierbleiben heute Abend. Norman Schnell einen Zettel in die Hand geben mit der eigenen Telefonnummer und einem Foto. Untereinander DVDs und alles tauschen: „Müssen nur wollen“ von den Helden spielen. Party machen.

Stück: Wär’s das nicht, sondern n Film, dann eine Independentproduktion, in der man trotzdem viel versteht, die Hollywoodflair hat und unterhält wie eine Vorabendserie. Könnte aber auch in einem Jazzkeller aufgeführt werden. Wird es aber nicht. Ist ja n Theaterstück. Heute Abend, 20.00 Uhr Wabe. Bis denne!